Kultur

Tschechien sucht(e) den Präsidenten

Foto: © Falcon a.s.Foto: © Falcon a.s.
Der Lobbyist Tonda Blaník (Marek Daniel) will tschechischer Präsident werden.

Originelle politische Satire ist rar in Tschechien. Die Kunstfigur Tonda Blaník ist eines der wenigen Beispiele. Der Film über Tondas Kandidatur für das Präsidentenamt versetzt die Zuschauer in eine ungewöhnliche Situation– sie kennen das Ende schon und haben es als Wähler selbst beeinflusst.

Die tschechischen Kinos erobert derzeit ein außergewöhnlicher Film. Prezident Blaník (Präsident Blaník) ist einzigartig durch seinen inkorrekte, stellenweise gar brutale Satire. Gleichzeitig handelt es sich um eine unmittelbare Reflexion des tschechischen Präsidentschaftswahlkampfs und der beiden Wahlrunden vom Januar 2018. Die Filmemacher hatten zwei verschiedene Versionen für das Ende vorbereitet, die letzten Einstellungen drehten sie am Tag nach der Stichwahl, und bereits vier Tage später, am 1. Februar, hatte Prezident Blaník Premiere. Bemerkenswert ist also auch, dass nicht nur die Drehbuchautoren, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger Tschechiens selbst das Filmende entscheidend beeinflusst haben.

Pathologische Vorliebe für extravagantes Schuhwerk

Der gut 90 Minuten lange Film Prezident Blaník entstand als eine Fortsetzung der erfolgreichen Internetserie Kancelář Blaník (Büro Blaník), die seit 2014 von dem Internetkanal Stream.cz produziert wurde. Es handelte sich dabei um kurze, etwa siebenminütige Episoden, die vor dem Hintergrund des politischen Geschehens in Tschechien auf der Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit balancieren. Mittels komischer, ausgedachter Situationen stellen die Macher als Strippenzieher tatsächlicher politischer Ereignisse und Skandale den fiktiven Lobbyisten Tonda Blaník vor, der seine wichtigsten Gespräche auf dem Klo führt.

Einer der größten Trümpfe des Projektes ist, dass diese „Enthüllungen“ oft derart vorstellbar erscheinen, dass man ihnen fast glauben möchte. Kancelář Blaník erhielt dafür 2015 den Tschechischen Löwen für seinen „außergewöhnlichen Beitrag auf dem Feld der audiovisuellen Künste“. (Schon kurz nach der Verleihung war der Preis allerdings schon kaputt. Marek Daniel, der Darsteller des Antihelden Tonda Blaník, hatte ihn sich ungeschickt unter den Arm geklemmt, er rutschte ihm auf den Boden und zerbrach.) Das Erfolgsrezept der mittlerweile schon über 70-teiligen Serie übernimmt auch der Film Prezident Blaník.

Regisseur Marek Najbrt setzt mit dem Team aus Drehbuchautoren ganz auf seinen bereits erwähnten Stammschauspieler Marek Daniel. Er hat schon in Najbrts Filmen Protektor und Polski film mitgespielt. Der von Daniel verkörperte Blaník ist egozentrisch, vulgär, selbstbewusst und hat eine geradezu pathologische Vorliebe für extravagante Schuhe. Jeder, der in der Politik tätig ist, kennt ihn, und wer das Gegenteil behauptet, lügt, so Tonda Blaník selbst. Gerade er fühlt sich berufen, der neue tschechische Präsident zu werden.


Die gelungeneren Witze überwiegen

Wir begleiten Tondas Kampagne von Beginn an, wenn er mit geringem Erfolg über die Dörfer fährt, um genügend Unterschriften für seine Kandidatur zu sammeln. Ähnlich erfolglos bleibt das Bemühen in einer Schule um Stimmen zu werben –Blaník und sein zweiköpfiges Wahlkampfteam hatten nicht darauf geachtet, dass sie Minderjährige vor sich haben, die noch gar nicht wählen dürfen. In einem absoluten Fiasko endet der Besuch in einer Polittalkshow des Tschechischen Fernsehens. Erst als Tonda Blaník einen bekannten Liedermacher für seine Sache gewinnt und mit ihm einen Wahlwerbespot dreht, wendet sich alles zum Besseren.

Ähnlich wie im legendären Borat wechseln sich auch in Prezident Blaník zuvor abgesprochene, geschauspielte Szenen ab mit authentischen beinahe dokumentarischen, etwa wenn Tonda Blaník sich unter die echten Präsidentschaftskandidaten und andere tschechische Spitzenpolitiker mischt. Es überrascht wie sehr Realität und Fiktion verschmelzen, die Kandidaten behandeln Blaník wie einen alten Bekannten, beinahe mit einem gewissen Respekt.

Der Film wartet mit einfallsreichen Parodien auf, die allerdings etwas Kenntnis der tschechischen Politaffären und -skandale und deren Protagonisten voraussetzen. Prezident Blaník hat aber auch schwächere Momente, was nur verständlich ist bei der tückischen Disziplin der Improvisation. Paradoxerweise finden sich diese jedoch gerade in den geschauspielten Szenen. So setzen die Macher in der oben erwähnten Fernsehtalkshow auf einen Humor, den man schon hundert Mal gesehen hat und über den man beim hundertersten Mal kaum noch lachen kann. Im Großen und Ganzen überwiegen aber die gelungeneren Witze. Dem Liedermacher, der Tonda Blaníks Wahlkampfsong singt, kann man von den Augen ablesen, wie sehr er es bereut, sich auf die Zusammenarbeit eingelassen zu haben. Witzig ist auch die Unterstützung und gleichzeitige Erpressung der anderen Kandidaten nachdem Blaník seine eigene Kandidatur zurückziehen musste. Sein Mitarbeiter Žížala (Regenwurm) hat es nämlich nicht geschafft, die notwendigen Unterstützerunterschriften rechtzeitig einzureichen, weil er von merkwürdigen Gestalten in Gummimasken des verstorbenen Ex-Präsidenten Václav Havel überfallen und entführt wurde.

Geld oder Ideale?

Das Grundgerüst der Handlung ist gegeben. Und im Gegensatz zu anderen Spielfilmen, wissen wir im Fall von Prezident Blaník wie es ausgeht, nämlich mit der Wiederwahl Miloš Zemans. Aber mehr noch als der Ausgang ist es – genau wie in den Episoden der Internetserie – wichtiger, wie es dazu kommt, und wie Tonda Blaník, sein Laufbursche Žížala und die Sekretärin Lenka dabei ihre Finger im Spiel hatten. Letztere führt übrigens im Film einen Sorgerechtsstreit um ihren Sohn, die plötzliche Enthüllung der Identität ihres Ex-Partners ist eine der größten Überraschungen des Films: Es ist Ivan Bartoš, der Chef der Piratenpartei, die bei den Parlamentswahlen im Herbst mit über zehn Prozent der Stimmen drittstärkste Kraft wurde.

Im Unterschied zur Internetserie holt der Kinofilm weiter aus, wir erfahren mehr über die einzelnen Figuren, etwa über die das Innenleben Tondas. Neben seinem Streben nach Geld hadert er mit sich selbst, ob er den Idealen der Demokratie und Menschlichkeit, für die er 1989 auf die Straße gegangen war, nicht treuer sein sollte.

Die kurzen Episoden der Serie waren sicher in sich geschlossener, pointierter und minimalistischer. Während anderthalb Stunden verlieren sich einige Motive, das ist aber nicht nur schlecht. Denn ein gewisses Verlorengehen alter und das unerwartete Entdecken neuer Motive charakterisiert recht genau die Geschehnisse im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl. Niemand konnte sich sicher sein, wer plötzlich noch auftaucht, welche Waffen er benutzt, welche Geschütze wiederum gegen ihn aufgefahren werden, und in welcher Verfassung er letztlich aus der ganzen Sache herauskommt. Der durchtriebene Tonda Blaník ändert immer wieder seine Meinung, zwischenzeitlich ist er sogar ratlos oder er agiert naiv und dümmlich, was seine Fans nicht gewohnt sind. Die Wahl hat die tschechische Gesellschaft dermaßen bewegt, dass sie sogar einen gerissenen Lobbyisten wie Tonda Blaník ganz durcheinander gebracht hat. Und wie die Zuschauer bringt erst die Realität durcheinander, in die sie aus dem Kinosaal zurückkehren?

Die Macht des Crowdfunding

Der Abspann ist erstaunlich kurz. Die Macher haben die Internetserie zu Beginn fast umsonst gedreht, für den Film haben sie per Crowdfunding fast zwei Millionen Kronen (ca. 80.000 Euro) gesammelt. Es wurde mit einem kleinen Stab gedreht, außer den erwähnten drei Hauptfiguren spielen vor allem bekannte Personen mit, die sich von ihrer Teilnahme Prestige versprechen, mit dem Projekt sympathisieren oder gegen ihren Willen „besetzt“ wurden. So blieb genug Geld übrig für das Marketing, etwa für eine Plakatkampagne in Prag und beachtliche Aktivitäten in den Sozialen Medien.

Die Kinos erfreuen sich vieler Besucher, obwohl es sich nicht um einen Actionfilm, Science fiction oder eine Komödie über Frauen handelt, die sich weigern zu altern. Das Potential, das die Aktualität der Wahl bietet, schöpft Prezident Blaník voll aus. Die Filmemacher hatten keine Angst einen „anderen“ Film zu machen, trotz der Einwände, dass er für den ausländischen Markt uninteressant sein würde und viele Motive schon bald nur noch historische Erinnerungen sein würden. Als sehr witziger Film, der seine Entstehungszeit genau einfängt, funktioniert Prezident Blaník jedenfalls hervorragend.

Michael Sodomka
Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Februar 2018

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