Leben

Leipzig – Lwiw und zurück

Matthias Mischo

Die Euro 2012 in der Ukraine abseits des Balles

Deutsche Fans ruhen in einem Park in Lwiw, © Matthias Mischo

Die Fußball-EM? Geschichte. Die Inhaftierung der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Yulia Tymoschenko? Von westlichen Medien weitestgehend vergessen. Eine Erinnerung an Land und Leute hinter der Fußball-Europameisterschaft.

Einmal Leipzig – Lwiw und zurück: Drei Tage, mehr als 21 Stunden Fahrzeit, insgesamt 1896 Kilometer. Vom zweiten Euro-Gastgeberland Polen sieht man nicht viel, abgesehen von Autobahnen, Raststätten und Schildern, die vor Wildwechsel warnen – vielen Schildern, die vor Wildwechseln warnen. Wenn Schweden das Land der Elche ist, ist Polen ab sofort das Land der Hirsche und Rehe.

Der erste Teil der Fahrt über Görlitz, Wroclaw und Katowice in Richtung Kraków ist weitestgehend entspannt. Gemütlich rollt man auf gut ausgebauten, fast neuen Autobahnen dahin – für die allerdings auch in regelmäßigen Abständen Mautgebühren entrichten werden müssen. Auf dem letzten Drittel der Strecke würde man sich dann aber ohne Navi wie Kolumbus ohne Kompass fühlen. Doch unterstützt von der Technik führt eine sanfte Frauenstimme durch entlegenste polnische Dörfer, die Autos mit deutschen Kennzeichen sonst wohl nur sehr selten passieren. Eine kurvenreiche Berg- und Talfahrt, an deren Ende schließlich etwas überraschend die Grenze zur Ukraine auftaucht.

Habsburger, Russen, Deutsche, Polen – und die UEFA

Schnell als EM-Besucher identifiziert, ob man will oder nicht, ausgestattet mit einem grünen Schild „Nothing to declare“, dauert der Übergang in die fremde Welt keine zehn Minuten. Wie sehr Sprache und Schrift ein Zeichen von Heimat und Sicherheit sind, wird einem klar, wenn man nur ansatzweise versucht Ukrainisch zu verstehen und kyrillisch zu lesen – vergebliche Mühe. Die letzten 80 Kilometer geht es stur geradeaus wie auf der Zielgeraden in einem Leichtathletik-Stadion. Endlich erscheint am Horizont Lwiw, die siebtgrößte Stadt der Ukraine.




Habsburger, Russen, Deutsche, Polen – sie alle haben in den vergangenen Jahrhunderten die westukrainische Stadt geprägt und die Mentalität seiner Bewohner gleich mit. In den Frühsommertagen 2012 ist es der europäische Fußballverband UEFA, der Lwiw für die Europameisterschaft nach seinem Gusto kleidet. Die Frontseite der berühmten Oper wird von der gewaltigen Bühne der Fanmeile verdeckt. Die prächtigen Blumen im Stadtzentrum dürfen sich nicht natürlich in alle Richtungen ausbreiten, sondern ergeben eng aneinander gepresst das farbenfrohe Logo der Euro.

Westen im Osten

„Es heißt: rechts, hinter der Bar rechts.“ Die Vorrunde des Turniers in Lwiw ist bereits in vollem Gange, doch Andrey, Inhaber eines kleinen klassischen Kaffeehauses, schult seine Angestellten noch immer, damit die deutschen EM-Touristen sich wohlfühlen – und den Weg zur Toilette finden. Damit ist er in der lokalen Gastronomie gewiss nicht der Einzige. Vielerorts wird einem, wenn man zur Begrüßung und Tischsuche auf Englisch ansetzt, ein freundliches „Wir können auch gerne Deutsch sprechen“ erwidert. Nicht nur in diesem Punkt wird Lwiw seinem Ruf als westlich-zugewandte Stadt gerecht.

Der Großteil der Bevölkerung lässt sich von den Fanscharen in schwarz-rot-gold hier und rot-weiß dort indes nicht beunruhigen oder aus dem Tagesrhythmus bringen. An diesem Tag spielt Deutschland gegen Dänemark. Nicht alle interessiert das. Nach dem sonntäglichen Besuch des Gottesdienstes führt eine Prozession direkt durch das schmucke Altstadtzentrum. Die Märkte, auf denen gebrauchte Bücher, handgemachter Schmuck und Kleidung feilgeboten werden, wirken wie eine Insel der Ruhe und Normalität, umgeben vom Wirbel (freude)trunkener Dänen und Deutscher mit feierlichen La-Ola-Wellen.

Auf die Frage, woher er so gut Deutsch könne, lächelt Töpfer Pavel nur kurz, während er seine Ware auf dem Holztisch sortiert, und schiebt hinterher: „Dieses Jahr Deutsch, nächstes Jahr lerne ich vielleicht Englisch – mal sehen, es macht mir einfach Spaß.“ Redselig könnte er sein, am Vokabular liegt es jedenfalls nicht, dass Pavel die der Ukraine und Lwiw zugekommene Gastgeber-Rolle der Euro nicht weiter kommentieren mag. Die Stimmung in der Stadt sei gut, viele feiernde Menschen, viele Farben. Das ist dann auch schon sein Fazit. An seinem Stand schlendern nur die wenigsten Fans vorbei. Krüge aus Ton interessieren sie nicht, wenn doch, dann nur mit Gerstensaft gefüllte.

Scham und Zweifel

Nur wenige hundert Meter entfernt ein anderes Bild: offene Worte, ein klares politisches Statement in der ansonsten wie weichgespült wirkenden Stadt am Fluss Poltawa. Schon von weitem ist ein großes „Free Yulia“-Plakat in weißen Lettern auf rotem Grund erkennbar. An einem weitläufigen Platz hat sich die Protestgruppe, die an das Schicksal Tymoschenkos erinnern möchte, niedergelassen. Unermüdlich verteilen Jugendliche Broschüren mit der Biografie der „ukrainischen Jeanne d‘Arc“ – nichts anderes ist sie für ihre Anhänger. Die wenigsten der vorbeihastenden Fans werfen einen längeren Blick auf den Flyer, für sie zählt die Euro, der Sport, die Feier. Yelena, fotoscheu, aber frohen Mutes, ist dennoch zufrieden mit der Aktion: „Wir freuen uns über jeden, der neues Wissen über Tymoschenkos Situation mitnimmt.“

Matthias Mischo

Lwiw: Flohmarkt. © Matthias Mischo

Abgesehen davon: Was bleibt nach so einem kurzen Trip in eine fremde, spannende Welt? Zunächst Selbstscham, dass auch der persönliche Anlass für die Reise in die Ukraine der sportliche Event und nicht die Neugier an Land und Leuten war. Fremdscham, dass der europäische Fußballverband UEFA zum wiederholten Mal seine Rolle als Ausrichter eines Fußballturniers mit der eines naiven Weltverbesserers verwechselte. Ukrainer, die in einem maroden Wohnblock in der Vorstadt von Lwiw leben, wissen mit einer drei Wochen währenden Party vor der eigenen Haustür, an der sie selbst nicht teilnehmen können und einem schmucken Stadion als Überbleibsel nur sehr wenig anzufangen. Somit bleiben schließlich auch große Zweifel ob die Euro auf das Leben der Einheimischen wie Andrey, Pavel und Yelena einen nachhaltigen Einfluss hat.

 
Copyright: Goethe-Institut Prag
Juli 2012

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