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Ausgewanderte Wörter. Ismaning : Hueber, 2006. - 160 S.
ISBN-10: 3191078916
ISBN-13: 978-3191078911
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Wer von uns denkt bei der Verwendung von Wörtern wie Fairness, Portemonnaie oder Sport noch daran, dass es sich um Wortanleihen aus anderen Sprachen handelt? Ihr Gebrauch ist uns im Alltag so selbstverständlich geworden, dass uns ihre Herkunft aus einer fremden Sprache gar nicht mehr bewusst ist. Mitunter bringt ein Wort wie Fairness das Gemeinte auch viel besser auf den Punkt als jedes deutsche Wort.
Solche Wortanleihen kennen auch andere Sprachen. Aber vor allem die deutsche Sprache hat sich mit ihren einfallsfreudig zusammengesetzten Wörtern für andere Sprachen immer wieder als eine reichhaltige Fundgrube erwiesen.
Diese Wörter zu suchen und ihre Spuren zu verfolgen, hat sich der Deutsche Sprachrat mit seiner internationalen Ausschreibung "Ausgewanderte Wörter" zur Aufgabe gemacht: Wer deutsche oder deutschstämmige Wörter in einer anderen Sprache kennt, sollte diese jedoch nicht nur benennen, sondern auch erzählen, was sie in ihrer neuen sprachlichen Heimat bedeuten. Denn häufig haben die Wörter sich verändert, sich weiterentwickelt und eine andere Sprachgestalt angenommen.
Zusammen mit über 6000 eingereichten "Ausgewanderten Wörtern" haben wir eine Fülle an Einsendungen, Erzählungen und Belegen aus aller Welt erhalten.
Dabei hat sich, wie schon bei unserem Wettbewerb "Das schönste deutsche Wort", gezeigt, dass wir mit unserer deutschen Sprache wahre Meister der Innerlichkeit sind: Wörter wie Heimat, Geborgenheit, Gemütlichkeit oder Sehnsucht finden sich in vielen anderen Sprachen wieder und eröffnen den Sprechern dieser Sprachen die Möglichkeit, ihre Gefühle zu benennen.
Ein Engländer schrieb uns z. B., dass man nur das empfinden könne, was man in Worten ausdrücken könne. Da wir nicht zugeben wollten, dass wir solche unwürdigen Gefühle wie Schadenfreude empfinden, mussten wir den Deutschen die Schuld in die Schuhe schieben. "Ganz schön geschickt von uns, nicht?" setzte er hinzu.
Dank unserer Grammatik sind wir zudem Meister der zusammengesetzten Wörter: Fingerspitzengefühl, Gratwanderung, Zeitgeist, Leitmotiv sind solche typisch deutschen Wortschöpfungen, die wegen ihrer vorzüglichen Aussagekraft von vielen Sprachen entliehen worden sind.
Wörterwanderung — auch wieder so ein wunderbar beschreibendes, zusammengesetztes Wort — ist eine weltweite Erscheinung. Und je lebendiger und wandlungsfähiger eine Sprache ist, desto besser gemeindet sie solche zugewanderten Wörter ein und bereichert so ihren Wortschatz.
So gilt auch für Sprache, was Goethe in seinen "Urworten" so treffend formulierte: "Keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt."
Ich denke, wir können ruhig auch ein wenig stolz darauf sein, dass andere Sprachen unsere Wörter übernehmen und Freude an ihnen haben.
Allerdings sollten wir dabei nicht vergessen, dass so manches Wort fremden Ursprungs auch unsere Sprache bereichert. Dies gebietet allemal die "Fairness".
Vorsitzende des Deutschen Sprachrats
Präsidentin des Goethe-Instituts




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