Alexander Grau
Kulturpessimismus forever
Kulturpessimismus war einst ein wirkmächtiger philosophieähnlicher Überbau für übelgelaunte Miesepeter. Heute ist deren Grundeinstellung nicht kompatibel mit der vorherrschenden Ideologie der (Selbst-)Optimierung. Zeit für eine Rehabilitation des Kulturpessimismus.
Von Holger Moos
In seinem Buch hat er diese These nun ausgebaut. Kulturpessimismus – oder Kulturkritik in der Nachfolge Adornos – war früher eine aufklärerische Mission der politischen Linken: „Doch die Linke hat ihren Frieden mit der Massenkultur gemacht, mit den Zumutungen der elektronischen Medien und der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche.“
handfester Verlust an Menschlichkeit
Nach Grau ist Kulturpessimismus eine Konsensstörung. Die sei aber heute unerwünscht. Angesichts der „bedingungslosen Affirmation des Vorhandenen“ sowie der „Verklärung und Feier der Diesseitigkeit“ gebe es keine metaphysische Revolte á la Camus mehr. Postkulturalität werde als Multikulturalität verkauft, aber eigentlich sei ein echter Kulturverlust eingetreten, „ein handfester Verlust an Menschlichkeit“.„Kultur ist konservativ“ schreibt Grau zu Beginn des ersten Kapitels mit dem viel sagenden Titel „Nach der Kultur“. Sie leiste „Kontingenzbewältigung“ und versuche, die Welt übersichtlich und handhabbar zu machen. Aber Kultur sei labil und stets bedroht durch das Chaotische und das Fremde. Darum würden viele Normen gesetzt: „Kultur besteht ganz wesentlich aus Normierung, Kanonisierung und Standardisierung“ – und damit natürlich auch aus der Exklusion dessen, was außerhalb der Normen liegt.
Postkultur generiert keine Inhalte
Hochkulturen seien jedoch dynamisch, und das sei nicht vereinbar mit dem Bewahren von Kultur. Heute sind wir nach Grau längst im Zeitalter der Postkulturalität angekommen. In der Kunst herrsche etwa ein unbedingter Wille zum Avantgardismus, das führe jedoch zur Selbstaufhebung. Avantgarde werde eins mit dem Trash der Massenkultur. Generell gelte: „Die postkulturelle Gesellschaft ist nicht mehr in der Lage, Inhalte zu generieren.“ Das Verschwinden von Kultur sei die Bedingung des Entstehens einer Weltkultur gewesen, die Menschen jedoch nur mehr eine „Gegenwartsblase“ biete.Grau arbeitet sich an vielen Theoretikern ab, die bekanntesten sind Gustave Le Bon, José Ortega y Gasset und eben Adorno. Doch am Ende münde das Denken all dieser Kulturpessimisten bzw. -kritiker (Grau verwendet dieses Begriffe synonym) in „methodischem Eskapismus und eine Geschichtsmetaphysik des Niedergangs“.
In Zeiten der Postkultur sei alles fragmentiert und es gebe keinen normativen, homogenisierenden Halt mehr. Es existierten nur noch Subkulturen, die Kultur imitierten, am Ende jedoch nur dem Augenblick und jeweiligen Milieu verpflichtet seien. Aber: „Eine Kultur, die sich im Gegenwärtigen erschöpft, ist keine mehr.“ Ob das im Zeitalter der so genannten Hochkultur wirklich anders war, ist allerdings fraglich.
Maßloser Selbstbetrug
Das postkulturelle Subjekt sei narzisstisch und kulturunfähig, es strebe nach einem hedonistischen Leben und nach Einzigartigkeit. „Das ist der einfache Grund dafür, dass Eigenschaften wie Phantasie und Kreativität in Selbstverwirklichungsgesellschaften einen geradezu sakralen Status genießen.“ Der narzisstische Wunsch nach Einzigartigkeit sei aber ein maßloser Selbstbetrug. Daher gelte für den postkulturellen Menschen eine Einschätzung des Misanthropen Emil M. Cioran: „Leben heißt blind sein gegenüber seinen eigenen Dimension.“Heute wird man als Kulturpessimist schnell in die rechte Ecke gestellt. Das liegt auch nahe, weil sich rechtsnationale Kreise als Bewahrer und Retter einer wie auch immer gearteten (National-)Kultur und als Irritation des Mainstreams verstehen. In der Welt sieht Marc Reichwein genau darin eine Schwäche von Graus Buch: Der Autor gehe zu wenig auf das Comeback dieser Art von Kulturpessimismus ein.
Streckenweise, insbesondere in den Kapiteln „Fortschritt“, „Niedergang“, „Postkultur“, ist der Stil zwar sehr akademisch und die Verweise auf mal mehr, mal weniger bekannte Theoretiker dementsprechend zahlreich. Insgesamt ist Graus Plädoyer aber aufgrund seines Gedankenreichtums sehr anregend und zum größten Teil gut lesbar. Das Schlusskapitel bietet gleichwohl wenig Trost. Denn auch der empfohlene aufgeklärte Kulturpessimismus vermöge den Verlust von Kultur nicht rückgängig zu machen, aber vielleicht kann er wenigstens das Projekt Aufklärung als Emanzipation von allen, auch den eigenen Glaubensgewissheiten am Leben erhalten.
Springe: zu Klampen Verlag, 2018. 157 S.
ISBN: 978-3-86674-582-7