Autorin: Mirella Sidro
DAS SILVER FRAME FILM FESTIVAL UND DIE SACHE MIT DER NATUR

Silver Frame Film Festival 01
© Mladen Kojić

Wo einst Silber aus den Bergen geholt wurde, werden heute Geschichten in silberne Rahmen gefasst: Das Silver Frame Film Festival bringt zum dritten Mal Filmschaffende aus aller Welt nach Srebrenica und Bratunac – und das Goethe-Institut vergibt einen Preis für den besten grünen Kurzfilm.

Der Name ist Programm und Erinnerung zugleich: Srebrenica leitet sich vom bosnischen Wort srebro ab, was übersetzt Silber bedeutet. Vom 16. bis 19. Juli 2026 verwandelte sich die silberne Stadt im Osten Bosnien und Herzegowinas in eine Filmstadt: Zum dritten Mal fand im Internationalen Forum für Solidarität EMMAUS das Silver Frame Film Festival statt. Und während Srebrenica zur Römerzeit für seine Silberminen bekannt war, ist es heute der „silberne Rahmen", der dieses Erbe mit einer neuen Gegenwart aus Bildern, Geschichten und Kreativität verbindet.

Gegründet hat das Festival der Filmemacher Ado Hasanović gemeinsam mit EMMAUS und Admon Film, einem in Sarajevo ansässigen Kulturverein zur Vermittlung und Förderung von Filmkultur. Der heute in Italien lebende Regisseur ist in Bratunac, nahe Srebrenica, geboren und aufgewachsen und seit 2019 selbst als Volontär in der Region tätig. Ado war sechs Jahre alt, als der Bosnienkrieg 1992 begann. Sein Vater dokumentierte als Amateurfilmer und Kameramann die Ereignisse in der Sicherheitszone Srebrenica. „Die Liebe zum Film habe ich von ihm", sagt Hasanović, der mit seinem Dokumentarfilm „My Father's Diaries" international Aufmerksamkeit erregte. „Durch das Filmen heile ich mich von all den Traumata, die ich im Krieg erlebt habe. Es ist eine gute Möglichkeit, mich von den schrecklichen Ereignissen zu distanzieren und gleichzeitig darüber zu sprechen.”

Ein Festival gegen das Vergessen und für die Zukunft


Sein Festival will das Leben in eine Stadt zurückbringen, die den meisten Menschen nur als Ort des Genozids von 1995 bekannt ist. „Natürlich ist es wichtig, die Vergangenheit nicht zu vergessen, um die Erinnerung wachzuhalten", sagt er. „Aber Srebrenica hat andere Probleme, wie Umweltverschmutzung und Abwanderung. Für mich ist Srebrenica kein Grab, sondern eine Stadt, die trotz der vergangenen schrecklichen Ereignisse wieder ins Leben zurückkehren will." Das Programm erzählt von Liebe, Freundschaft und der Sorge um die Umwelt, ohne den Kontext des Ortes auszublenden.

Genau hier setzt das Engagement des Goethe-Instituts an. „Das Goethe-Institut und das Silver Frame Film Festival haben das gemeinsame Ziel, mit Kunst und Kultur mehr Bewusstsein für die Umweltprobleme und den Klimawandel in Bosnien und Herzegowina zu schaffen und zugleich den jungen Menschen im Land eine Zukunftsperspektive zu eröffnen", sagt Simone Voigt, Direktorin des Goethe-Instituts Bosnien und Herzegowina. Film sei „ein sehr kraftvolles Medium, um bewegende Geschichten zu erzählen, Menschen zum Nachdenken anzuregen und zum Handeln aufzufordern."

Herzstück der Kooperation ist der International Green Short Film Competition, präsentiert in Partnerschaft mit dem Goethe-Institut Bosnien und Herzegowina und Porsche BH. Denn Srebrenica ist nicht nur ein Ort der Erinnerung – es ist auch ein Ort von faszinierender Natur, mit Bergen und der Drina, die von abrutschenden Mülldeponien und Abwässern massiv verschmutzt wird. Kaum jemand schaut hin. Das soll sich ändern.

Kuratiert wurde das 78-minütige Wettbewerbsprogramm von der Berliner Medien- und Filmexpertin Borjana Gaković, die seit 2020 im Auswahlkomitee von DOK Leipzig mitwirkt. Sechs aktuelle Kurzfilme hat sie sorgfältig ausgewählt. „Alle Filme handeln von Verlust", erklärt sie. Der Bogen spannt sich vom schmelzenden Eis Grönlands über das Artensterben und die Brände von Rhodos bis zu den unter Montreal verborgenen Flüssen und verlorenen Freiräumen in Deutschland. Doch das Programm blickt nicht in die Vergangenheit, sondern auf unsere Gegenwart und Zukunft, die bedroht sind.

Über den Gewinner entschied eine hochkarätige Jury: Nebojša Jovanović, Kurator des Programms „Dealing with the Past“ des Sarajevo Film Festival, die Fotografin,Kulturproduzentin und Leiterin des Sarajevo Photography Festivals Aida Redžepagić sowie Valentina Gagić Lazić, Menschenrechtsaktivistin und Präsidentin der Vereinigung Sara Srebrenica. Ihr einstimmiges Votum: Der International Green Short Film Award geht an „Sikoqqinngisaannassooq" von Adam Sébire, einen Film über die dramatischen Folgen der Eisschmelze auf Grönland.

Kreise schließen

Dass Silver Frame mehr ist als vier Tage Kino, zeigen Gäste wie Barbara Sotelsek und Carsten Clemens. Das Berliner Schauspieler- und Filmemacherpaar lernte Hasanović im Februar bei der Berlinale kennen – und reiste nun zur Weltpremiere seines Kurzfilm-Westerns über Vergebung und Rache an. Barbara saß zudem in der Jury des internationalen Kurzfilmwettbewerbs, Carsten gab einen Schauspiel-Workshop für Jugendliche des lokalen Theaterclubs. „Die Kinder waren der Wahnsinn", schwärmt er, „so offen und talentiert." Oder wie es Ado Hasanović im Gespräch erklärte: „Das Filmfestival bringt Talente zutage, die denen auf dem internationalen Podium in nichts nachstehen."

Für Barbara, deren Familie bosnische Wurzeln hat, war es die erste Rückkehr seit den Neunzigern. Der Besuch bei den Müttern von Srebrenica hat beide bewegt: „Es ist wichtig, seinen Respekt zu zollen, den Schmerz anzunehmen – aber auch gemeinsam zu lachen und einen Kaffee zu trinken", sagt Carsten. Und Barbara ergänzt: „Natürlich gibt es eine große Wunde. Aber es gibt ein großes Aufwärts, ganz viel Hoffnung, ganz viel ‚Lass uns machen'."

Alles fließt bis nach Sarajevo

Panta Rhei, alles ist im Fluss – wie die Drina, an deren Ufern das Städtchen Bratunac liegt, wo das Festival ebenfalls stattfand. Und auch das Festival selbst bleibt im Fluss: Die Filme, die während des Silver Frame in Srebrenica und Umgebung gedreht wurden, werden im August beim Sarajevo Film Festival zu sehen sein.

So schließt sich der Kreis – vom Erinnern zum Gestalten, von der Wunde zur Hoffnung. Oder, wie es Simone Voigt formuliert: „Die Filme haben dem Publikum die Augen geöffnet – nicht nur für die Umweltprobleme anderswo, sondern auch im eigenen Land."

Ein Dank geht an Porsche BiH: Das Unternehmen sponserte das Preisgeld und stellte für die Reise einen vollelektrischen Škoda Elroq zur Verfügung. So war auch die Anreise nachhaltig – ganz im Zeichen des diesjährigen Festivals, des Goethe-Instituts und des Unternehmens Porsche BH.