Gespräch mit Julia Franck

Julia Franck
© Imrana Kapetanović

Im Rahmen der Sarajevoer Poetikdozentur, die seit 2019 vom Lehrstuhl für deutschsprachige Literatur der Philosophischen Fakultät der Universität Sarajevo mit Unterstützung der S. Fischer Stiftung und des Goethe-Instituts Bosnien und Herzegowina veranstaltet wird, war eine der bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen, Julia Franck, in Sarajevo zu Gast. Im Gespräch mit der Tageszeitung Oslobođenje spricht die Autorin über Literatur, Erinnerung und Vergessen, Geschichte, Familiengeschichten sowie das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion – aber auch über ihre ersten Eindrücke von Sarajevo.

Wenn Sie auf Ihre Bücher der letzten zwanzig Jahre zurückblicken – von Lagerfeuer (2003) und Die Mittagsfrau (2007) über Rücken an Rücken (2011) bis zu Welten auseinander (2021): Wie hat sich Ihr Selbstverständnis als Autorin im Verlauf des Schreibens verändert?

Mit der Mittagsfrau und dem großen Erfolg dieses Romans gab es einerseits eine ungeheure, zeitraubende und zehrende Öffentlichkeit. Monatelang war ich in Deutschland und in den Jahren danach auch in anderen Ländern immer wieder auf Lesereisen. Und zugleich mit dem Erfolg bei Lesern und in anderen Ländern entstand in den deutschen Feuilletons eine riesige Welle der Ablehnung. Selbst in Jahren, in denen kein Buch von mir erschien, ließen Kritiker und Zeitungen kaum eine Saison aus, ohne mich als Beispiel für einen unangemessenen Erfolg zu nehmen. Sie titelten sogar, wenn es gar kein neues Buch von mir gab. Der Tenor war: die Bücher von dieser Julia Franck muss man gar nicht erst lesen, um zu wissen, dass sie nichts taugen. Stattdessen solle Peter Handtke, Botho Strauß, Martin Walser gelesen werden. Da ging es seltener um literarische Kritik, sondern explizit darum, ob ich als Schriftstellerin und Person überhaupt ernst zu nehmen sei. Kein Wunder, ich bin eine Frau, war erst 37 Jahre alt, alleinstehend, zuhause hatte ich zwei kleine Kinder. Die öffentlichen Anfeindungen machten mich sehr ängstlich. Sie können sich vorstellen, dass ich mich kaum noch irgendwo privat fühlen konnte. Mein sechsjähriger Sohn erhielt in der Schule über einen Mitschüler von dessen Mutter einen Zeitungsartikel, in dem sich wieder jemand echauffierte. An solchen Tagen schämte ich mich vor meinen Kindern und in der Nachbarschaft. Ich wollte diesen zweifelhaften Ruhm ja nicht. Als ich dann bei Rücken an Rücken auf den Lesereisen auch überall auf den Bühnen und vom Publikum angesprochen wurde: Wie gehen Sie mit der Kritik um? erschien mir die Öffentlichkeit so invasiv feindselig und erschöpfend, dass ich beschloss, mich eine Zeit zurückzuziehen. Viel lieber als mit Fremden in der Öffentlichkeit, auf Bühnen, Fernsehen und in Hotels, war ich doch mit meinen Kindern zuhause, kochte für sie und las ihnen abends vor. Dass es zehn Jahre dauern würde, ehe ich mich aus diesem Rückzug trauen und wieder veröffentlichen würde, hatte ich anfangs nicht gedacht. Diese Zeit habe ich gebraucht und auch genossen. Eine Zeit mit meinen Kindern, bis sie erwachsen wurden. Ich habe in dieser Zeit zwei Jahre Medizin studiert, und selten auch interdisziplinär mit anderen Künstlern zusammengearbeitet, literarische Workshops für Studenten gegeben. Ich hatte gelesen und geschrieben, nur nicht veröffentlicht.

In Ihren Texten kreisen Sie immer wieder um das Ungesagte und das nur indirekt Zugängliche. Wie gehen Sie literarisch mit diesen offenen Stellen und Aussparungen um?

Romane sind keine Dialogbücher. Und auch Drehbücher und Theaterstücke sind erst dann gut, wenn das gesprochene Wort durch Handlung ergänzt wird. In der Literatur vertraue ich die Beschreibung dessen, was geschieht.
Beim Schreiben möchte ich nichts erklären und bewerten. Ich vertraue auf die Klugheit des Lesers, der das Handeln der Charaktere selbst deutet, der erkennt, wenn zum Beispiel Helene in der „Mittagsfrau“ auf die Frage ihres Kindes „was sind Juden?“ schweigt – ihm verschweigt, dass sie Jüdin ist. Der kluge Leser begreift, dass Helenes Schweigen ein Schutzmantel ist – und hierbei begreift er umso eindringlicher die große Gefahr, die Angst, in der Helene mit ihrem Kind lebt. Sie möchte ihn und sich nicht gefährden.
Literatur entfaltet eine immersive Stärke, sobald sich der Leser selbst in den Text liest. Unweigerlich bringt der individuelle Leser eigene Erfahrungen ein, Dank seiner emotionalen Intelligenz und Empathie kann der Leser ein Verständnis für die Figuren und ihre Situation entwickeln. Literatur kennt, anders als ein Kreuzworträtsel oder die Mathematik, keine schlichte, eindeutige Lösung und Funktion.

Die DDR ist in Ihrem Werk mal deutlich sichtbar, mal nur im Hintergrund präsent. Inwiefern prägt diese Erfahrung Ihr Schreiben heute noch?

Hier möchte ich neben der DDR und dem „Westen“, also die Bundesrepublik, auch den Nationalsozialismus und die Weimarer Republik nennen. Es sind dies unterschiedliche politische Epochen und Staatsformen, die meine Familie wie auch die deutsche Gesellschaft bis in die Gegenwart über die Generationen stark geprägt haben. Die DDR war insbesondere für deutsche Juden, Sozialisten und Kommunisten, also insbesondere solche Bevölkerungsgruppen, die sich im Nationalsozialismus diskriminiert und ausgeschlossen sahen, ein Staatsgebilde, das eine sozialistische Demokratie werden wollte. Dass sich hier trotz bester Absichten und Ideen in diesem östlichen Teil Deutschlands nach dem Nationalsozialismus erneut eine menschenverachtende Diktatur entwickeln würde, ist eine bittere Enttäuschung. Natürlich prägt mich die politische Geschichte des heutigen Deutschlands. Aus vielen Gründen gehöre ich zu den Menschen, die es nach der Ideologie der Nationalsozialisten nie geben sollte.

In Ihrem Roman Rücken am Rücken beschäftigen Sie sich mit familiärer Erinnerung, mit Brüchen und Schweigen. Welche Rolle spielt die Herkunft in Ihrem Schreiben?

Indem ich aus einer gemischten Familie komme, die für Deutschland sehr untypisch ist, bin ich für gewisse Themen sensibilisiert. Als Kind musste ich die Erfahrung machen, in einem Flüchtlingslager zu leben. In der Schule habe ich nicht nur die Ressentiments gegen Menschen aus dem „Osten“, sondern auch den bis heute vorhandenen Antisemitismus in Form von Witzen, Kommentaren und Denkweisen meiner Mitschüler kennengelernt. Diese Erfahrungen haben mich als Außenseiterin fühlen lassen. Dazu kam, dass meine Mutter unverheiratet bleiben wollte und wir fünf Töchter ohne Väter aufgewachsen sind. Natürlich schreibe ich über Außenseiter. Ob als Jude, als Kind einer alleinstehenden Frau, im Osten oder Westen, niemand kann sich aussuchen, wem er geboren wird. Diese existenzielle Erfahrung lässt mich ebenso empathisch Verständnis mit einem muslimischen Syrer entwickeln. Dieser Junge ist letztlich ähnlich unwillkürlich in die Welt gefallen wie ich oder Sie.

Ist Erinnerung etwas, das erzählt wird, oder entsteht sie erst im Akt des Erzählens? Welche Rolle spielt dabei das Vergessen: stellt es eher einen Verlust dar oder eine produktive Leerstelle?

Erinnerung entsteht im Erzählen, Geschichte entsteht ebenso in der Art der Überlieferung, in der Perspektive des Erzählens. Vergessen ist zunächst etwas unwillkürliches, wie Erinnern übrigens auch. Wenn wir schreiben und erzählen entscheidet sich eine Kultur für die Art und Weise wie die eigene Geschichte erzählt werden kann.

Und was passiert Ihrer Meinung nach dann mit der Wirklichkeit, wenn sie zur Literatur wird? Bleibt sie erkennbar oder entsteht etwas völlig Neues, das unseren Blick auf die Welt verändert?

Beides natürlich. In der Literatur bleibt die Wirklichkeit nicht nur erkennbar, sondern einzelne Motive und Verhältnisse werden deutlich, indem bestimmte Ereignisse ins Zentrum des Romans rücken. Hier entsteht etwas grundlegend Neues, das literarische Werk. Und während der Lektüre begreifen wir die Wirklichkeit, die condition humaine in ihrer jeweiligen Zeit und Kultur.

Ihr neues Buch rekonstruiert die Liebesbeziehung zwischen Rainer Maria Rilke und der polnisch-deutschen Malerin Baladine Klossowska aus Briefen und Aufzeichnungen. Was hat Sie an dieser Konstellation zunächst angezogen, die Figuren selbst oder das Material der Überlieferung?

Mich hat diese romantische Liebe in Briefen motivisch fasziniert. Einiges an ihr erscheint mir äußert vertraut und in gewisser Hinsicht zeitlos, universell. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst seit Kindheit und Jugend an einen Großteil meiner Beziehungen über eine schriftliche Bande (Bande wie beim Billard) lebte: ich las und schrieb Jahrelang wie eine Besessene, Tagebuch, Gedichte, Geschichten und nicht zuletzt Briefe mit meiner Zwillingsschwester und einer guten Freundin. Wir schrieben jede Woche mehrere Briefe, während das Telefonieren zu teuer war, und wir hunderte oder nur 2 Kilometer, aber hinter einer Grenze auf der anderen Seite der Mauer lebten. Das Schreiben war mir von Kindheit an vertraut. Ich kenne diese Form der Entwicklung einer Beziehung gut. Zwischen Rilke und Klossowska spielte die Literatur selbst eine große Rolle. Sie hat sich in einen Mann der Sprache verliebt – und dies wirkt bis heute auf viele Frauen äußerst attraktiv: Ein Mann ohne Muskeln und physische Stärke, der körperlich eher klein, sensibel und wohl auch ängstlich wirkt – aber der eine sinnliche, bildliche Sprache hat, sich darin romantisch und schöngeistig zeigt. Sie beide lieben Sprache, nicht nur die Deutsche, auch die Französische – und so schreiben sie einander. Hier kommen die Figuren und das überlieferte Material zusammen.

Ihre neue Arbeit lebt stark von Montage und Auswahl. Was reizt Sie an dieser Form und was vermag sie, was eine klassische, durcherzählte Geschichte nicht leisten könnte?

Indem ich Klossowska und Rilke durch ihre Briefe und immer wieder auch in frei übersetzten Zitaten sprechen lasse, charakterisiere ich sie über ihren zugleich historischen wie gegenwärtigen Ton. Die Montage ähnelt einerseits dem filmischen oder Erzählformen in Radio und Podcast, das uns heute vertraut ist. Wir sind es gewohnt, Sprünge im Erzählen hinzunehmen. Und diese Erfahrung, auf große geographische Distanz Liebesbeziehungen zu entwickeln, ist in der Gegenwart nicht selten. Wenn man diese hunderte Briefe liest, die Rilke und Klossowska sich im Verlauf der sechs letzten Lebensjahre des Dichters schrieben, versteht man die großen Schwierigkeiten einer so romantischen und im schnöden Alltag völlig untauglichen Beziehung. Wie auch heute in vielen Ehen und Affären liebt eine Seite (oft die Frau) bedingungslos, voller Hingabe und der andere lässt sich lieben, auf Händen tragen, umsorgen. Diese schmerzliche, unglückliche und in physischer Hinsicht weitgehend unerfüllte Beziehung ist universell.

Was bleibt für Sie offen? Worüber würden Sie vielleicht niemals schreiben?

Es gibt nichts, worüber ich nicht schreiben würde. Über Sexualität und Krankheiten kann man in der fiktiven Belletristik leichter schreiben. Sobald sich lebende Personen in einem Memoir oder Essay mit ihren spezifischen und intimen Merkmalen wiedererkennen würden, könnten sie in Deutschland den Verlag mit Hinweis auf das Persönlichkeitsrecht verklagen und das Buch verbieten lassen. Aber ich hatte noch nie ein Interesse daran, meine Angehörigen, Freunde oder Bekannte mit ihren privaten Merkmalen in einem Buch darzustellen und bloß zu stellen. Daher musste und wollte ich in meinem Buch Welten auseinander auf viele Details verzichten. Wer meine Familie näher kennt, meine Mutter, meine Schwestern und Freunde der Familie wissen, dass ich dort zum Schutz der noch lebenden Personen auf einige brisante Details verzichtet habe. Das Buch endet in meinem 23. Lebensjahr – entsprechend dem Verlust meiner großen Liebe. Ein Tod, den ich damals glaubte, nicht überleben zu können. Auch über ihn und seine Familie halte ich in Welten auseinander aus Rücksicht wichtige Details zurück.
Über mein privates Leben seither und insbesondere das Leben mit meinen beiden Kindern, die inzwischen längst erwachsen sind, hätte ich keinerlei Interesse zu schreiben. Das erschiene mir von Grund auf falsch. Ich hüte und schätze mein Privatleben sehr, darin erscheint mir alles erfüllt und nichts interessant genug, um in einem Memoir darüber zu schreiben. Wie gesagt, für einzelne Motive aus den eigenen Erfahrungen bietet die fiktive Belletristik eine sehr viel bessere Möglichkeit.

Sie sind derzeit in Sarajevo. Hat die unmittelbare Erfahrung der Stadt Ihren Blick auf sie verändert im Vergleich zu den Vorstellungen, die Sie zuvor von ihr hatten?

Oh ja. Schon zuvor hatte ich von Freunden gehört, wie vielseitig die Stadt, wie herzlich die Menschen sind. Natürlich bedaure ich, dass ich kein bosnisch spreche und verstehe. Auch wenn ich mit ersten Sätzen und Vokabeln übe. Aber Dank der Begegnung mit den Studenten hier während der Workshops an der Universität konnte ich von den ersten Tagen an Bosnier kennenlernen. In Gesprächen über Literatur erfährt man viel über das Leben, und was Menschen beschäftigt. So ist die Stadt für mich in diesen ersten Wochen echt geworden. Überall duftet es nach Rosen, die an jeder Hausecke blühen. Wenn ich morgens und abends an der Miljacka entlangspaziere, duftet die Lindenblüte – und ich habe öfter beobachtet, wie Männer Blütenzweige aus den Bäumen pflücken. Vermutlich lieben sie den Tee so wie ich. Die Bosnier begegnen mir ungewohnt freundlich. In der Straßenbahn bieten mir ältere Männer ihren Platz an, junge, mittelalte und ältere Menschen sprechen offen über Politik und private Verhältnisse. Eine sehr interessantes Fotografie-Festival konnte ich besuchen. Die Natur um Sarajevo und in Richtung Mostar ist atemberaubend, wie schroff und zerklüftet das Gebirge, wie schön die Mischwälder.

Der Text erschien in gekürzter Fassung am 19. Juni 2026 in der Tageszeitung Oslobođenje.

Das Gespräch wurde von Irma Duraković geführt und übersetzt.

Fotos: Imrana Kapetanović