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18:30–21:30 Uhr

Was können wir von Adenauer für unser heutiges Europa lernen?

Podiumsdiskussion | 150 Jahre Konrad Adenauer

150 Jahre Konrad Adenauer © KAS-Ara Güler / KAS-Peter Bouserath

150 Jahre Konrad Adenauer © KAS-Peter Bouserath

Welche Orientierung bietet Konrad Adenauers politisches Vermächtnis für das Europa von heute?

Auf gemeinsame Einladung des Goethe-Instituts Brüssel und seines Programms Europanetzwerk Deutsch, des Europabüros der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Europäischen Union kamen am 13. Oktober 2026 zahlreiche Gäste in der Landesvertretung NRW in Brüssel zusammen, um eine ebenso historische wie aktuelle Frage zu diskutieren: Was können wir von Konrad Adenauer für unser heutiges Europa lernen?

Nach Grußworten von Nathanael Liminski, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, und Dr. Beatrice Gorawantschy, Leiterin des Europabüros der Konrad-Adenauer-Stiftung, eröffnete Dr. Tim Geiger vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin den Abend mit einem Impulsvortrag zu Adenauers europapolitischem Wirken.  
Grußworte: Nathanael Liminski, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, und Dr. Beatrice Gorawantschy, Leiterin des Europabüros der Konrad-Adenauer-Stiftung

Grußworte: Nathanael Liminski, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, und Dr. Beatrice Gorawantschy, Leiterin des Europabüros der Konrad-Adenauer-Stiftung | © Cédric Puisney

Im Fokus standen jene Leitlinien, die Adenauers Politik in den 1950er-Jahren prägten: die Westbindung Deutschlands, die Sicherung demokratischer Stabilität, Frieden und Wohlstand sowie die feste Verankerung Europas in einer transatlantischen Partnerschaft. Dabei wurde deutlich, dass Adenauer Europa nie als Selbstzweck verstand. Die europäische Einigung war für ihn vielmehr die politische Antwort auf die zentralen Herausforderungen der Nachkriegszeit: die Überwindung des Nationalismus, die Aussöhnung mit Frankreich und die Einbindung Deutschlands in die westliche Wertegemeinschaft, die allerdings nie um ihrer selbst willen verfolgt wurden, sondern immer der Sicherung von Wohlstand, Frieden und Freiheit und auf lange Zeit auch der Einheit Deutschlands dienen sollten.

Wie aktuell Adenauers Politik war, zeigt sich auch daran, dass viele zentralen Fragen von Adenauers Europapolitik heute erneut auf der Tagesordnung stehen: Wie eng soll Europa zusammenarbeiten? Wie viel Eigenständigkeit braucht Europa gegenüber den USA? Können einzelne Mitgliedstaaten vorangehen, wenn nicht alle mitziehen? Und wie behauptet sich Europa in einer Welt, in der Großmächte wieder zunehmend machtpolitisch handeln?
 
Impulsvortrag: Dr. Tim Geiger Institut für Zeitgeschichte München – Berlin, Leiter Edition „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“, Auswärtiges Amt

Impulsvortrag: Dr. Tim Geiger Institut für Zeitgeschichte München – Berlin, Leiter Edition „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“, Auswärtiges Amt | © Cédric Puisney

In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Jean-Claude Juncker, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission, Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix, Dr. Tim Geiger und Nathanael Liminski unter der Moderation der langjährigen ARD-Korrespondentin Helga Schmidt über historische Erfahrungen, politische Verantwortung und die Zukunft Europas.
Dabei ist Adenauer auch für Jean-Claude Juncker  ein Politiker, dessen Wirken weit über seine Zeit hinausreicht: „Adenauer ist eigentlich ein Staatsmann des 21. Jahrhunderts.“ Seine Überzeugungen zur europäischen Einigung, zur deutsch-französischen Aussöhnung und zu den transatlantischen Beziehungen seien heute aktueller denn je.
 
Podiumsdiskussion: vlnr. Dr. Tim Geiger, Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix, Jean-Claude Juncker, Nathanael Liminski MdL, Helga Schmidt

Podiumsdiskussion: vlnr. Dr. Tim Geiger, Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix, Jean-Claude Juncker, Nathanael Liminski MdL, Helga Schmidt | © Cédric Puisney

Auch die deutsch-französische Partnerschaft spielte im Austausch eine zentrale Rolle. Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix hob hervor, wie wichtig Vertrauen, Optimismus und politischer Mut für die Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich waren. Gleichzeitig verwies sie auf die gegenwärtige Rückkehr nationalistischer Tendenzen in vielen europäischen Staaten und erinnerte daran, dass europäische Integration stets die Bereitschaft voraussetzt, nationale Interessen zugunsten gemeinsamer Lösungen miteinander zu verbinden.
 
vlnr. Dr. Tim Geiger, Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix, Helga Schmidt

vlnr. Dr. Tim Geiger, Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix, Helga Schmidt | © Cédric Puisney

Ein immer wiederkehrendes Thema des Abends war Adenauers pragmatischer Politikstil. Er verfolgte große Ziele, ohne sich von der Suche nach der perfekten Lösung leiten zu lassen. Politisches Handeln bedeutete für ihn, Verantwortung zu übernehmen, Kompromisse zu schließen und Schritt für Schritt Fortschritte zu erreichen. Die europäische Einigung entstand gerade nicht aus Perfektion, sondern aus dem Willen, trotz unterschiedlicher Interessen gemeinsame Antworten auf gemeinsame Herausforderungen zu finden.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt auch Adenauers sicherheitspolitisches Denken. Nathanael Liminski erinnerte an eine bemerkenswerte Aussage aus Adenauers letztem Fernsehinterview mit Günter Gaus im Jahr 1965. Auf die Frage nach seiner größten politischen Enttäuschung antwortete Adenauer ohne Zögern: das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) im Jahr 1954.

Gerade dieser historische Rückblick gewann vor dem Hintergrund aktueller europäischer Sicherheitsdebatten besondere Relevanz. Adenauers Antwort auf die sicherheitspolitischen Herausforderungen seiner Zeit sei, so Liminski, nicht die nationale Armee gewesen, sondern die europäische. Deutsche Soldaten sollten Teil einer gemeinsamen europäischen Streitmacht sein, eingebettet in eine supranationale Struktur. Dass die EVG letztlich am Widerstand der französischen Nationalversammlung scheiterte, verdeutlicht zugleich, dass europäische Integration nie ein geradliniger Prozess war. Rückschläge gehörten schon immer zur Geschichte Europas.

Vor diesem Hintergrund erhielt auch Adenauers Blick auf die transatlantischen Beziehungen neue Aktualität. Dankbarkeit gegenüber den Vereinigten Staaten sei für ihn wichtig gewesen, habe jedoch niemals strategisches Denken ersetzt. Bereits 1953 warnte er: „Wer sich versichern lassen will, der muss eine Prämie zahlen. Wer glaubt, Europa sei bei Amerika prämienfrei versichert, befindet sich in einem verhängnisvollen Irrtum.“ Seine Überzeugung lautete: Europa muss selbst handlungsfähig sein, wenn es ein verlässlicher Partner der Vereinigten Staaten bleiben will. Daran knüpfte Nathanael Liminski an, als er betonte, dass Adenauer stets von zwei tragfähigen Pfeilern des Westens ausging. Je geeinter Europa sei, desto verlässlicher seien auch die transatlantischen Beziehungen. Gelinge es Europa heute, Verteidigung als gemeinsame Aufgabe zu begreifen, Fähigkeiten gemeinsam aufzubauen sowie Beschaffung und Planung stärker zu koordinieren, werde Europa zu einem Partner, auf den Verlass sei.
vlnr. Jean-Claude Juncker, Nathanael Liminski MdL, Helga Schmidt

vlnr. Jean-Claude Juncker, Nathanael Liminski MdL, Helga Schmidt | © Cédric Puisney

Ein weiterer Gedanke Adenauers prägte den Abend besonders: „Keine Einheit ohne Freiheit.“ Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wurden von allen Podiumsgästen als unverzichtbare Voraussetzungen europäischer Einigkeit hervorgehoben.

Wie Dr. Beatrice Gorawantschy hervorhob, besteht die Herausforderung heute darin, immer wieder neu zu vermitteln, warum Europa wichtig ist, welche Werte die Europäerinnen und Europäer verbinden und warum es sich lohnt, für den europäischen Zusammenhalt einzutreten. Oder, in ihren Worten: „Das europäische Erbe Adenauers zu bewahren, bedeutet für uns vor allem, Verantwortung für die Zukunft Europas zu übernehmen.“
Schlusswort: Dr. Julia Sattler, Leitung und Europa-Beauftragte des Goethe-Institut Brüssel

Schlusswort: Dr. Julia Sattler, Leitung und Europa-Beauftragte des Goethe-Institut Brüssel | © Cédric Puisney

In ihrem Schlusswort griff Dr. Julia Sattler, Leiterin des Goethe-Instituts Brüssel, diesen Gedanken auf: „Die europäische Einigung entstand nicht aus Bequemlichkeit. Sie entstand aus Mut.“ Mut, Geduld, Pragmatismus und Vertrauen, das brauche Europa nach Meinung der Podiumsgäste auch heute noch. Und auch wenn man nach Hans-Peter Schwarz Adenauer nicht “glorifizieren” (zitiert durch Moderatorin Helga Schmidt) sollte, sahen doch alle Podiumsgäste Adenauer als eine Figur an, die all diese Eigenschaften in sich vereinte.
 
Podiumsdiskussion: vlnr. Dr. Tim Geiger, Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix, Jean-Claude Juncker, Nathanael Liminski MdL, Helga Schmidt

Podiumsdiskussion: vlnr. Dr. Tim Geiger, Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix, Jean-Claude Juncker, Nathanael Liminski MdL, Helga Schmidt | © Cédric Puisney

An der Aktualität des Themas und der Relevanz der Diskussion ließen auch die mehr als 200 anwesenden Gäste keinen Zweifel, die sich im Anschluss noch angeregt über die zahlreichen Impulse des Abends austauschten.
 
Ein herzlicher Dank gilt allen Podiumsgästen, Kooperationspartnern und Gästen für die vielfältigen Perspektiven und den inspirierenden Austausch.
Gäste

Gäste | © Cédric Puisney

Panelisten

  • Jean-Claude Juncker ist ein luxemburgischer Politiker und ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission. Nach einem Jurastudium in Straßburg begann er seine politische Karriere in der CSV und stieg früh in die luxemburgische Regierung auf. Von 1995 bis 2013 war er Premierminister Luxemburgs und prägte als Vorsitzender der Eurogruppe die europäische Finanzpolitik. Als überzeugter Europäer wirkte er maßgeblich an der europäischen Integration und der Entwicklung der Wirtschafts- und Währungsunion mit.

  • Tim Geiger leitet seit Juni 2025 die Editionsabteilung des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin im Auswärtigen Amt und verantwortet die renommierte Dokumentenedition Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD). Seit 2005 gehört er dem Herausgeberteam an und hat zahlreiche Editionsbände sowie grundlegende Arbeiten zur deutschen Außenpolitik und Zeitgeschichte veröffentlicht. Sein Forschungsschwerpunkt liegt insbesondere auf der Außen-, Europa- und Sicherheitspolitik der CDU/CSU in der Ära Adenauer und ihren Nachwirkungen; seine Dissertation über die außenpolitischen Konflikte innerhalb der Union wurde mit dem Deutsch-Französischen Parlamentspreis ausgezeichnet. Damit zählt er zu den profiliertesten Kennern der außen- und europapolitischen Grundlagen, die Konrad Adenauers Wirken bis heute prägen.

  • Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix ist seit 2008 Professorin für Deutschlandstudien und Neuere Geschichte an der Sorbonne Université in Paris. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, den internationalen Beziehungen sowie den deutsch-französischen Beziehungen im europäischen Kontext. Sie hat zahlreiche vielbeachtete Publikationen zur europäischen Integration und zur deutsch-französischen Zusammenarbeit veröffentlicht, zuletzt (bisher nur auf Französisch erschienen) Les Émotions de 1989. France et Allemagne face aux bouleversements du monde. Darüber hinaus ist sie Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Beiräte, Mitherausgeberin der Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD) und eine gefragte Kommentatorin aktueller Entwicklungen in Deutschland und Frankreich.

  • Nathanael Liminski ist seit Juni 2022 Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen sowie seit Juni 2017 Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen. Seit November 2025 ist er Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen. Zuvor war er Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen, Referent für Reden und Grundsatzfragen im Bundesministerium des Innern und im Bundesministerium der Verteidigung und arbeitete in der Hessischen Staatskanzlei als Referent für die Reden des Hessischen Ministerpräsidenten. Nathanael Liminski studierte Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Politische Wissenschaft und Öffentliches Recht (Staatsrecht) an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 
     

  • Erste journalistische Gehversuche bei der East Anglian Daily Times, in der Redaktion der Children's Page. Dann freie Mitarbeiterin bei der Rheinischen Post. Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Philosophie in Köln und Bordeaux. Volontariat beim WDR, anschließend Reporterin und Moderatorin im Zeitfunk, unter anderem beim WDR 5 Morgenecho. Später Leitung Politik und Zeitgeschehen, stellvertretende Programmchefin WDR 5, Leitung Story & Recherche, stellvertretende Chefredakteurin.
    Heute arbeitet Helga Schmidt als Moderatorin: bei Podiumsdiskussionen, Panels und Gesprächsformaten rund um europäische Politik.