Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Urban Gardening
Zurück zur Natur

Gemeinschaftsgarten in Köln
Gemeinschaftsgarten in Köln | Foto: © Ana Barzakova

Ausstoß von Kohlendioxid und Klimawandel, Tonnen von Plastikmüll, verschmutzte Gewässer und aussterbende Tierarten, extremer Einsatz von Chemikalien, Massenproduktion und Verschwendung von Nahrungsmitteln – das ist nur ein Bruchteil der Probleme, die uns auf unserem Planeten seit Jahrzehnten begleiten. Das Vertrauen in die politischen Akteure sinkt und die Gesellschaft sucht sich ihre eigenen Lösungen. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung ist der urbane Gartenbau – eine wichtige gesellschaftliche Bewegung, die seit Jahrhunderten auf mehreren Ebenen sehr nützlich ist.
 

Von Ana Barzakova

Trotz des weit verbreiteten englischen Begriffs “Urban Gardening”, ist der urbane Gartenbau kein aktueller Trend, sondern hat eine sehr lange, aber zu Beginn eher notgedrungene Tradition. In der Praxis bedeutet urbane Landwirtschaft die Produktion von Obst, Gemüse und Kräutern sowie die Bienen- und in manchen Ländern sogar Nutztierhaltung auf Flächen innerhalb der Stadtgrenzen.

Bereits im 19. Jahrhundert wurden die Bürger in den Städten aufgerufen, alle möglichen Grünflächen in ihren Siedlungen für die Anpflanzung essbarer Produkte zu verwenden, um aufgrund langer Transportwege und mangelnder Haltbarkeit der Produkte Hunger und Notsituationen entgegenzuwirken. Die Idee, dass sich die Bürger selbst mit Nahrungsmitteln versorgen, setzte sich auch während des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowohl in Europa, als auch in den USA und Kanada fort. In den späten 1960er Jahren nahm Urban Gardening als bürgerliche Initiative auch eine politische Wendung an – die Einwohner großer Städte, wie z.B. New York, übernahmen ungenutzte, städtische Grünflächen als liberales Zeichen gegen den herrschenden Kapitalismus, die steigenden Mietpreise und die Verarmung der Mittelschicht.

Seitdem erfreuen sich die urbanen Gärten immer größerer Popularität. Der weltweite Städteboom zeigt seine Folgen und die Bürger suchen nach Alternativen zum immer schneller werdenden Lebensstil und der Flächenversiegelung in der Stadt.

“Urbane Landwirtschaft ist ein wichtiges Handlungsfeld, um Beiträge für eine ökologisch und sozial verträgliche Ökonomie und Gesellschaft zu leisten”, so beschreibt das Münchener Institut zur Förderung und Forschung städtischer Garteninitiativen “anstiftung” den urbanen Gartenbau auf ihrer Website.

Zurück zur Natur als das Motto von heute

Der urbane Gartenbau heute wird als bürgerliche Initiative in gemeinnützigen Vereinen organisiert. Diese Initiativen verfolgen weiterhin die Ursprungsidee, nämlich die Produktion von Nahrungsmitteln mit geringeren Transportwegen und -kosten – von den Bürger_Innen für die Bürger_Innen.
 
In den letzten Jahrzehnten haben aber noch weitere Aspekte an Bedeutung gewonnen: Bei der Reduzierung der Transportwege denkt man heute auch an den verringerten Ausstoß von Kohlendioxid und daher an den Klimaschutz. In der urbanen Landwirtschaft wird die Nutzung von genmodifiziertem Saatgut und Chemikalien bei der Bepflanzung komplett abgelehnt. Es wird auf saisonale Erzeugung und somit auf die Reduzierung verschwenderischer Überproduktion geachtet. Im Gegensatz zu den Supermarktketten wird hier in kleineren Mengen bewirtschaftet – für einen selbst und die Gemeinschaft. Darüber hinaus werden die Reste kompostiert und für die neue Ernte benutzt.

Mehr als nur Gärtnern

Dadurch entwickelte sich Urban Gardening als Bürgerinitiative zu einem politischen Statement und Sprachrohr für die Einwohner der entsprechenden Stadtteile. Die Organisator_Innen möchten zusammen mit allen Mitgärtnernden selbst die Zukunft ihrer Stadt in die Hand nehmen und über die Nutzung einzelner Flächen mitentscheiden können. In regelmäßigen Diskussionstreffen wird z.B. über neue Stadtentwicklungs- und Baupläne informiert und wenn nötig werden auch Demonstrationen organisiert, bei denen die Bürger ihre Stimme erheben können.
 
Denn der urbane Gartenbau soll allen dienen. Er ist ein Gefühl von Gemeinsamkeit, von geteilter Nachbarschaft, von Freundschaft und Freude, eine Möglichkeit die Nachbarn (besser) kennenzulernen und miteinander etwas zu gestalten, zu bewegen. In den Gärten wird nicht nur gearbeitet und geerntet. Feiern gehören ebenso zum Programm, wie Grillfeste mit selbstgekochten Speisen. Hier finden auch kleinere Bands und Interpret_Innen eine Bühne.
 
In den urbanen Gärten sind Alt und Jung willkommen, unabhängig von sozialer Herkunft oder gesellschaftlicher Position. Den Kleinen werden die Natur und die Wachstumszyklen verschiedener Obst- und Gemüsesorten näher gebracht, Erwachsene können sich in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften wie z.B. Kompostherstellung oder Bienenzucht ausprobieren oder ihre Erfahrung mit anderen teilen. Es geht um das Zusammenkommen, darum, sich gegenseitig zu helfen und Zeit im Grünen zu verbringen. Und das direkt inder Stadt.

Gemeinschaftsgärten als Treffpunkt für ein kreatives Miteinander

In nahezu allen größeren deutschen Städten hat sich der urbane Gartenbau in der Zwischenzeit fest etabliert. Eine der meist verbreiteten Form dieser Bürgerinitiativen ist der Gemeinschaftsgarten. Ob das GartenNetzwerk Dresden, die Urbane Oasen Aachen, oder das NeuLand in Köln – laut “anstiftung” gibt es in Deutschland heute über 700 solche urbane Gärten. Die Teilnahme an dieser Art von städtischen Garteninitiativen ist kostenfrei. Man braucht nur Neugier und Freude an der Gartenarbeit mitzubringen.

Das NeuLand im Kölner Süden, zwischen den Vierteln Südstadt und Bayenthal, steht sinnbildlich für die Neunutzung einer Stadtfläche. Über drei Jahre lang stand das riesige Brachland leer, bis sich einige der Einwohner aus der Nachbarschaft 2011 entschieden haben, das Grundstück vom Besitzer zu pachten und darauf einen Gemeinschaftsgarten für alle zu gestalten. Da der Boden belastet ist und man nicht weiß, ob der Zwischennutzungsvertrag verlängert wird, wurde NeuLand als ein mobiler Garten organisiert – alles, was gepflanzt wird, befindet sich in beweglichen Holzkästen, Kübeln und Säcken, damit die Pflanzen transportierbar bleiben. Auf dem Gelände gibt es auch eine Kompoststelle, Gewächshäuser, Bienenstöcke, eine Fahrradwerkstatt, ein Gartencafé, einen Spielplatz und vieles mehr – alles mobil, falls der Garten eines Tages umziehen muss. Mit 10.000 Quadratmetern ist NeuLand der größte Gemeinschaftsgarten dieser Art in der Bundesrepublik.
 
In Bulgarien ist Urban Gardening auch längst kein Fremdwort mehr. Die Initiative “Garten saDrushba” (Bulgarisch für “Für die Freundschaft”) im Sofioter Viertel Drushba z.B., ist bis jetzt der größte Gemeinschaftsgarten in der Hauptstadt. Einzelne Parzellen können bewirtschaftet werden, oder aber man engagiert sich innerhalb der Gemeinschaft – mit allgemeinen Arbeiten, bei der Bienenzucht oder im Kräutergarten. Seit 2014 steht “saDrushba” für alle Interessierte bereit – mittlerweile werden über 30 Parzellen bepflanzt. Zusätzlich werden auch Führungen für Kinder sowie Team-Building-Events organisiert – immer mit dem Ziel, den Menschen neue Entfaltungsmöglichkeiten zu zeigen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken, dass sie die Gegenwart und Zukunft ihrer Stadt mitgestalten können.

Weitere Formen von urbanem Gartenbau

Wem das gemeinsame Werkeln und Gärtnern doch zu viel ist, dem sind auch einige weitere Möglichkeiten gegeben, sich um eine grüne Oase zu kümmern: an erster Stelle kommt der eigene Balkon oder Terrasse, denn darauf kann man sowohl Blumen, als auch einige (kleinere) Obst- und Gemüsesorten wie Erdbeeren, Tomaten, Rucola oder Kräuter anpflanzen.
 
Oder wie wäre es mit einer Patenschaft für ein Baumbeet oder eine andere öffentliche Grünfläche vor der eigenen Haustür? Nachdem man sich beim Amt für Landschaftspflege und Grünflächen der Stadt gemeldet hat, übernimmt man die Verantwortung für das entsprechende Grundstück und alles wird sogar mit einem Beetschild mit Hinweis auf die bestehende Patenschaft vermerkt.
 
Eine weitere Alternative bieten Mietgärten und solidarische Landwirtschafts-Initiativen. Hier übertragen private Initiatoren und Bauern die Rechte zur Ernte und Bewirtschaftung einer Parzelle auf den Mieter bzw. die Mieterin. Dabei bewirtschaftet man die entsprechende landwirtschaftliche Fläche entweder alleine, oder man unterstützt die Landwirte bei der Arbeit und erhält im Gegenzug Anteile an der Ernte.

Oder doch lieber ein eigenes Gärtchen?

In Deutschland steht an erster Stelle nach wie vor der Kleingarten. Das ist ein Stück Land mit einer Laube darauf, das in einer städtischen Anlage von mehreren solchen Grundstücken liegt. Diese werden von gemeinnützigen Kleingärtenvereinen verwaltet. Die neuen Gärtner_innen werden Mitglieder des Vereins und prachten das Grundstück für kleines Geld. Laut des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde e.V. beträgt die Anzahl der Kleingärten in Deutschland um die 911.000, bei einer durchschnittlichen Gartengröße von 370qm. Stolze Zahlen!
 
Der Kleingarten ist aber extrem begehrt, vor allem in den Großstädten wie Berlin, München, Hamburg, Leipzig oder Köln. Obwohl es die meisten Gärten in der Hauptstadt gibt (etwa 67.000 Parzellen), bewerben sich derzeit mehr als 12.000 Personen um ein Grundstück. Daher beträgt die durchschnittliche Wartezeit 3 bis 5 Jahre.
 
Um einen Kleingarten zu bewirtschaften, braucht man aber nicht nur Geduld. Bei den Kleingärtenvereinen herrschen ganz strikte Regeln, das sogenannte Bundeskleingartengesetz. Dadurch ist man verpflichtet, sich regelmäßig um Grundstück und Laube zu kümmern sowie ein Drittel der Gartenfläche für Obst- und Gemüseanbau zu verwenden. In der Gartenordnung ist detailliert beschrieben, was den Gärtnern erlaubt ist und was nicht. Darüber hinaus muss jeder an Vereinsversammlungen teilnehmen und eine Stundenzahl für Gemeinschaftsarbeiten im Jahr leisten. Dazu kommen auch die ersten Kosten für den Abkauf von bestehenden Laube und Pflanzen und die fortlaufenden Kosten für Wasser, Strom, Versicherung, Vereinsbeitrag, Reparaturen, neue Samen.
 
Dafür hat man aber ein Stückchen Grünfläche für sich und die Familie in der Stadt. Eine kleine Oase, in der man sich der Natur widmen kann. Und auch die Kleingärtenvereine leben vom Gemeinschaftsgefühl und von der Interaktion zwischen den einzelnen Gärtner_Innen.
 
Auch wenn der urbane Gartenbau, egal in welcher Form, eine großflächige Landwirtschaft nicht ersetzen kann, so ist es ein kleiner Schritt hin zum Umdenken für die Zukunft. Er dient zur Kreativität, Interaktion und Vernetzung und schafft Raum für Volksbildung, Umweltschutz und Naturbewusstsein.

Top