Armin Nassehi
Welches Problem löst die Digitalisierung?

Spricht man über Digitalisierung, geht es häufig um die Technologien und ihre Auswirkungen, nicht aber darum, welches gesellschaftliche Problem sie eigentlich löst. Genau danach fragt Armin Nassehi in seinem neuen Buch.

Von Holger Moos

Buchcover: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft © C.H. Beck
In Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft stellt der Münchner Soziologe zunächst Zusammenhänge zwischen dem Phänomen der Digitalisierung und dem Wesen der modernen, informations- und datengeleiteten Gesellschaft her. Begonnen habe die Fetischisierung von Daten und daraus abgeleiteten Informationen mit der öffentlichen Sozialstatistik im 19. Jahrhundert. Die Staaten wurden so groß und komplex, dass sie Daten über ihre Bürger zu sammeln begannen. Diese frühe Form der Datenverarbeitung diente der Entdeckung von Regelmäßigkeiten sowie der Bewahrung von Kontrolle – und Überwachung.
 
Je weiter seitdem diese Datenverarbeitung – und nichts anderes ist ja die Digitalisierung, voranschreite – desto klarer werde, dass die damit erkannten Muster und Cluster als Beweise der sozialen Ordnung dienen. Es werde deutlich, dass unser Leben viel stärker an vorgegebenen, vorgefertigten Mustern ausgerichtet ist, als uns Individualismusillusionisten lieb ist.
 
Die digitale Entdeckung der Gesellschaft habe daher auch zu politischen Enttäuschungen geführt. Während die Liberalisierung und Pluralisierung der Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Hoffnung auf die Gestaltbarkeit, ja die Wandelbarkeit der Welt zum „Besseren“ verbunden waren, zeigte die Digitalisierung der Gesellschaft, „dass die Regelmäßigkeiten stabiler sind als die politisch formulierten Erwartungen“.

Digitalisierung passt perfekt zur Gesellschaft

Wenn die Digitalisierung nicht perfekt „zu dieser Gesellschaft passen würde, wäre sie nie entstanden oder längst wieder verschwunden“, lautet eine von Nassehis Grundannahmen. Doch Gesellschaften und Staaten gehe es nie lediglich um die Erkennung von Mustern, sondern auch um deren Erzeugung und Stabilisierung. Und genauso funktioniere auch Digitalisierung. Nassehi dreht den Ursache-Wirkung-Zusammenhang um: „Nicht der Computer hat die Datenverarbeitung hervorgebracht, sondern die Zentralisierung von Herrschaft in Nationalstaaten, die Stadtplanung und der Betrieb von Städten, der Bedarf für die schnelle Bereitstellung von Waren.“
 
Weiter arbeitet Nassehi heraus, dass aufgrund der Vernetzung von Daten die digitale Sphäre ein selbstreferentielles System wurde: „Für die vernetzten Daten gibt es kein Außen, sie sind nur Rückkopplungen im Medium ihrer selbst.“ Das sei nichts Neues. Den Vorwurf des Selbstreferenziellen habe etwa der Philosoph Edmund Husserl schon gegenüber der Sphäre der Wissenschaft erhoben, auch die Wissenschaft habe das Außen aus dem Blick verloren.

Daten verdoppeln die Welt, enthalten sie aber nicht

Nach Nassehi ist die Moderne voll von geschlossenen Systemen. Es gebe kein Entrinnen aus der „Dynamik der Geschlossenheit“. Als Systemtheoretiker verweist Nassehi natürlich auch auf Niklas Luhmann: „Systeme stabilisieren sich dadurch, dass sie ihren Möglichkeitsraum mit der Zeit einschränken, dass sie Kontingenz vernichten, dass sie eine Struktur bilden, innerhalb derer sie strukturelle Anschlüsse sichern.“
 
Schon der Buchdruck habe dazu geführt, dass Bücher nur noch auf andere und immer mehr Bücher verweisen. Habe man seitdem die Welt in Form von Buchstaben und Wörtern zu erfassen vermocht, so erkenne die Digitalisierung die Welt nur noch in ihrer Datenförmigkeit. Für heute gelte dementsprechend: Daten „sind zugleich grenzenlos in ihren Möglichkeiten, aber radikal begrenzt auf sich selbst. […] Daten verdoppeln die Welt, enthalten sie aber nicht.“

Einfältige Muster, aber unendliche Vielfalt

Wir leben also in einer Matrix aus Daten. Wie im gleichnamigen Science-Fiction-Filmklassiker ist es zunehmend schwierig, sich die prächtig funktionierende Welt hinter den Datenströmen zu erschließen oder diese zu hinterfragen. Denn: „Das Funktionieren ist der Feind der Reflexion.“
 
Insgesamt will uns Nassehi die Augen öffnen für die Einsicht, dass Digitalisierung nichts wirklich Neues oder gar Fremdes ist. Nein, Digitalisierung sei „Fleisch vom Fleische der Gesellschaft“, d.h. sie ist der modernen Gesellschaft inhärent. Das resignierte Fazit könnte dann allerdings lauten: Es gibt keine Alternative zu dem äußerst erfolgreichen binären Code unserer digitalen Gesellschaft. Es gibt nur 0 oder 1, wahr oder falsch, Macht oder Ohnmacht. Doch mit diesem auf den ersten Blick einfältigen Muster ist eine schier unendliche Vielfalt an Rekombinationen möglich.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft
München: C. H. Beck, 2019.  354 S.
ISBN: 978-3-406-74024-4

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