Leipziger Buchmesse 2026
Literatur, Macht, Heimat: Der Donauraum auf der Bühne

Donau-Bühne in Halle 4 auf der Leipziger Buchmesse:Olesia Ostrovska-Liuta (l.), Alexander Friedrichkarl Sitzmann (Mitte) und Ostap Slyvinskyj (r.) / Panel „Wenn der Alltag zur Geschichte wird“
Donau-Bühne in Halle 4 auf der Leipziger Buchmesse:Olesia Ostrovska-Liuta (l.), Alexander Friedrichkarl Sitzmann (Mitte) und Ostap Slyvinskyj (r.) / Panel „Wenn der Alltag zur Geschichte wird“ | Foto (Detail) © Goethe-Institut

In Zeiten, in denen Worte missbraucht werden, um zu spalten, zeigte die Donau-Bühne, wie sie verbinden können. Die Beiträge zeichneten ein gemeinsames Bild davon, wie Literatur im Donauraum Identität, Erinnerung und politische Wirklichkeiten reflektiert.

Von Biljana Pajić

Donau: Unter Strom und zwischen Welten lautete das Fokusthema der Leipziger Buchmesse 2026. Auf der neu geschaffenen Donau-Bühne in Halle 4 präsentierten die Goethe-Institute aus Bulgarien, Kroatien, Rumänien, Serbien, der Slowakei, der Ukraine und Ungarn ein gemeinsames Programm mit Autor*innen und Kulturschaffenden aus diesen sieben Ländern. Im Zentrum standen dabei die gemeinsamen Erfahrungen und Spannungsfelder dieses vielfältigen Kulturraums. Themen, die den gesamten Donauraum verbinden, standen im Zentrum – denn es verbindet uns weit mehr, als uns voneinander trennt.

Wo die Donau verbindet

Den Auftakt der Bühne bildete ein Gespräch Entlang der Donau. Ausgehend von der Aussage, dass die Donau heute eher Brücke als Grenze ist, führte der kroatische Autor Jasen Boko am ersten Messetag das Gespräch Entlang der Donau mit den drei Übersetzerinnen Marie Alpermann, Iulia Dondorici und Lídia Nádori. Im Mittelpunkt standen Fragen danach, wie sich „Heimat“ übersetzen lässt, wie sie mit Dialekten umgehen und ob sie sich durch KI-Technologien bedroht fühlen.

Daran schloss sich thematisch das Panel Heimat neu denken an, das drei Autor*innen aus drei Donau-Ländern zusammenbrachte: Militsa Tekelieva, in Bulgarien geboren und heute in Berlin lebend, Liliana Corobca aus der Republik Moldau, die in Bukarest ansässig ist, und den ungarischen Autor Márió Z. Nemes. Moderiert wurde das Gespräch von der Übersetzerin und Sprachwissenschaftlerin Iulia Dondorici. Sie fragte nach persönlichen und literarischen Vorstellungen von Heimat und danach, wie Zugehörigkeit und Entfremdung gleichzeitig bestehen können: Heimisch und unheimlich – beides kann man in seiner Heimat empfinden.

Zwischen Zugehörigkeit und Erinnerung

Im Fokus eines weiteren Programmpunkts stand die Frage, wie Literatur Erinnerungen bewahrt und gesellschaftliche Umbrüche reflektiert. Diesen Aspekten widmeten sich die ukrainischen Autor*innen Ostap Slywynskij und Olesia Ostrovska-Liuta. Sie sprachen darüber, wie sich individuelle und kollektive Erfahrungen erzählerisch fassen lassen, besonders dort, wo Alltag und Geschichte unauflösbar ineinandergreifen. Deutlich wurde, wie literarische Perspektiven neue Zugänge zu Erinnerung, Sprache und Gegenwart eröffnen.

Am letzten Tag entfachten auf der Donau-Bühne lebendige Debatten. Márió Z. Nemes führte eine Diskussion über den Platz von Autorinnen im literarischen Kanon. Kinga Tóth, Tanja Šljivar und Liliana Corobca beleuchteten die Frage, wer den Kanon bestimmt – aus ungarischer, serbischer und rumänischer Perspektive, aber auch vor dem Hintergrund ihrer internationalen Erfahrungen. „Wir sind diejenigen, die den Kanon ändern können“, betonte Tanja Šljivar. Auch die Rolle der Übersetzungen als machtvolle Instanz der Sichtbarkeit wurde diskutiert. Nur wenige Werke aus dem Donauraum werden ins Deutsche übersetzt, und oft entscheidet das persönliche Netzwerk darüber, ob ein Text überhaupt den Weg in eine andere Sprache findet. Die allgemeine Position der Frauen in der Literaturwelt formulierte Kinga Tóth mit einer Manspreading-Metapher: „Wenn wir im Bett zusammen liegen können, dann können wir auch in der U-Bahn sitzen, und vielleicht sogar auf der Bühne.“

Wenn Literatur politisch wird

Zum Abschluss des Programms rückte die politische Dimension von Literatur stärker in den Fokus. Moderator Gábor Polyák sprach mit Michal Hvorecký, Kinga Tóth und Danilo Lučić darüber, inwiefern Literatur die politische Situation in der Slowakei, Ungarn und Serbien beeinflussen kann. Die Diskutierenden verglichen die literarische Sprache mit der Sprache der Propaganda. In allen drei Ländern ist die Sprache von propagandistischen Ausdrücken geprägt. Während Literatur nach Katharsis strebt, zielt Propaganda auf die Stabilisierung des Status quo ab, betonte Lučić. Hat die Literatur aber an Repräsentativität verloren? Scheint es nicht, als spiele es kaum noch eine Rolle, was Autor*innen zu sagen haben? Und kann gerade deshalb heute einzigartige Literatur entstehen? Hvorecký erinnerte daran, dass das geschriebene Wort und das Erzählen von Geschichten weiterhin große Bedeutung haben, sonst würden sie von illiberalen Regierungen nicht so stark instrumentalisiert. Ein zentrales Problem, in Literatur wie Politik, sei es, der ständigen Reaktion auf Propaganda zu entkommen, um eigene Narrative entwickeln zu können.

In einem der Panels merkte Liliana Corobca an, dass das englische Wort „success“ vom lateinischen Verb „succedere“ stammt – „fortschreiten“, „vorankommen“. Erfolgreich wird man also nur, wenn man weitermacht: wenn man weiterschreibt. Ein Gedanke, der sich wie ein leiser Grundton durch die Gespräche der Donau-Bühne zog.

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