Ausstellung gute aussichten: new german photography 2013/2014

gute aussichten: new german photography 2013/2014 © NADJA BOURNONVILLE http://www.guteaussichten.org/index.php?id=6&kuenstler=87&mode=bilder&bildno=19

Mo, 07.04.2014 -
Mi, 30.04.2014

Goethe-Institut Zypern

Eröffnung mit einer Einführung über "Fotografie in Deutschland heute" durch Rebecca Sampson, Fotografin in Berlin.
am Montag, 7.April 2014 19 Uhr im Goethe-Institut Nikosia

Neun Preisträger/innen und ihre Arbeiten: Nichts ist so, wie es scheint und doch die Wirklichkeit

"Deutschlands renommiertester Wettbewerb für junge Fotografen" - Der Spiegel

Eine Espressomaschine, die in ihrem eigenen Kaffee ertrinkt, Menschen, gegerbt, gebrandmarkt, gezeichnet von ihrem Dasein, als Randgruppe tituliert oder in solch absurden Haltungen ins Motiv inszeniert, dass der Betrachter verwundert und ratlos zurückbleibt. Im zehnten Jahr seines Bestehens präsentiert gute aussichten 2013/2014 ein Spektrum überraschender, vielfältiger Ideen, Überlegungen und fotografischer Strategien, formaler wie medialer Umsetzungen, die nicht nur den aktuellen Status Quo abbilden, sondern auch als Inspirationsquelle dienen dürfen.

Und doch ist es so, dass es in all dieser Vielfalt ein geradezu verblüffend verbindendes Element gibt: Das Nicht-Erfüllen von Erwartungen, das Nicht-Einlösen von Versprechen, das Nicht-Einhalten von Konventionen, das Nicht-Geschehen des Vorhersehbaren. Diese Ablehnung zieht sich durch die neun Arbeiten wie ein roter Faden. Hoffnungen werden enttäuscht, physikalische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt, mediale Grenzen überschritten und Sehgewohnheiten auf den Kopf gestellt.

Nichts ist so, wie es scheint. Und doch so, wie es ist. Diese Generation junger Fotograf/inn/en legt den Finger in diese Wunden, macht sie sichtbar, lässt sie spürbar werden. Sie zwingt uns hinzusehen, zu fragen, zu denken und sie riskiert, dass Begriffe wie Freiheit, Würde, Wahrheit ins Spiel kommen. Werte, die - wie wir finden - essentiell sind für uns und die Gegenwart.



Dieses Jahr zeigt die Ausstellung Werke von Nadja Bournonville, Anna Domnick, Birte Kaufmann, Lioba Keuck, Alwin Lay, Marian Luft, Stephanie Steinkopf, Daniel Stubenvoll, Christina Werner.

Hier ist eine kurze Übersicht über die Fotografen und ihre Werke:

Nadja Bournonville: A Conversion Act (2012)
Ausgangspunkt von Nadja Bournonville ist das Krankheitsbild der Hysterie, eine Erkrankung, die durch einen wandernden (sexuell unbefriedigten) Uterus ausgelöst wird. Freud sah sie als eine dissoziative Störung, ein Übergang von psychischer Krankheit zu einem physischen Level.  In ihrer fotografischen Arbeit "A Conversion Act" greift Bournonville den Gedanken der Umwandlung von seelischen Vorgängen in das Körperliche auf und entwirft zwei einander ergänzende Serien.

Anna Domnick: Calm II (2013)
In ihrer zehnteiligen Serie "Calm II" setzt sich Anna Domnick mit der Visualisierung einer geistigen wie materiellen Auflösung auseinander. Die intensive Betrachtung von Landschaft, die sie selbst als autobiographisches Moment in ihre künstlerische Arbeit hineinträgt, transformiert sich in "Calm II" zu einer weitestgehenden Abstraktion des konkreten Motivs. In den abwechselnden Bildfolgen von Landschaft und Körper visualisiert Anna Domnick den für sie wechselseitigen Prozess, in dem geistige und physische Auflösung einander bedingen.

Birte Kaufmann: The Travellers (2012)
"Kesselflicker" ist eine im deutschen Sprachraum negativ konnotierte Bezeichnung für Landfahrer. Die Traveller sind eine geschlossene Gesellschaft mit eigenen Regeln und Traditionen. Birte Kaufmann hat sich mit großer Ausdauer Zugang zu einigen, ihrerseits äußerst misstrauischen, Familien erarbeitet und ihre Fotografien, die zwischen Dokumentation, Narration und Inszenierung schwingen, gewähren einen authentischen Einblick in eine uns verborgene Welt.

Lioba Keuck: Couve e Coragem (2012)
"Kohl und Mut" - was beinahe wie eine sozialistische Arbeitsparole klingt, beschreibt die Lebensrealität von Menschen, die am Rande der Portugiesischen Gesellschaft oftmals um ihr schieres Überleben kämpfen. Für ihre Arbeit "Couve e Coragem" hat Lioba Keuck in den Armutsgürteln der Hauptstadt recherchiert, die Menschen nach ihren Geschichten befragt und präsentiert diese in einer Mischung aus Texten, Portraits, künstlerischen und dokumentarisch anmutenden Fotografien.

Alwin Lay: Mod. CLASSIC (2010/2013)
Von nichts kommt nichts, könnte das Motto von Alwin Lay sein, oder auch: Es passiert nicht immer, was geschehen müsste, aber doch jede Menge. "mod. CLASSIC" ist der Name einer kleinen Siebträger Espressomaschine aus den 1970iger Jahren, die zum Sinnbild Alwins Schaffens geworden ist. Die Präsentation der Maschine wird, alleine durch die Produktion des Kaffees, ihrer Funktion enthoben und löscht so auch das Bild, das wir von ihr haben. Lay überrascht den Betrachter auf eine sinnige, humorvolle Art und Weise, eben ganz "mod. CLASSIC" -mäßig.

Marian Luft: Back2Politics (2013)
"Wenn keine Revolution herrscht, muss man sie eben herstellen", ist der Titel eines Artikels über Hans Magnus Enzenbergers legendärer Rede anlässlich der Pariser Aufstände im Juli 1968. Dies könnte - mit einem zwinkernden Auge - auch für Marian Luft und seine mehrteilige Serie "Back2Politics" gelten: In einer Zeit, in der (zumindest in Deutschland) gerade keine Revolution in Sicht ist, muss bzw. kann man, zumindest als Künstler, jederzeit eine anzetteln. Seine Rauminszenierung, die in allen Teilen inhaltlich wie apparativ dem Computer entspringt - sampelt Inhalte analog zu zeitgenössischer Kunst- und Kulturproduktion und generiert daraus ein gänzlich eigenständiges ästhetisches Produkt.

Stephanie Steinkopf: Manhattan - Street of Youth (2012)
"Manhattan" nennen die Dorfbewohner mitten in Brandenburg die so unvermittelt in die idyllische Landschaft hineinragenden mehrstöckigen Häuser. "Straße der Jugend" steht auf dem Schild jener Straße, die direkt an den Wohnblöcken vorbeiführt. 23 Jahre nach der Wende steht ein Gebäude komplett leer, im zweiten Bau sind zwölf von vierzig Wohnungen noch bewohnt. Stephanie Steinkopfs Bilder sprechen von nicht eingelösten Hoffnungen, von Agonie, Trostlosigkeit und Sozialhilfe. Sie zeigen die glanzlose Kehrseite der Wirtschaftsmacht Deutschland.

Daniel Stubenvoll: Neat Work - Part I & II (Saubere Arbeit) (2013)
Daniel Stubenvoll scheut sich nicht nach dem Wesentlichen zu fragen: Woher kommt das Neue und wie entsteht es? Eine vermeintliche Antwort: Alles beginnt mit einem Grundstein - der ist das Fundament einer jeden Arbeit und wird von ihm fotografisch ins Bild gesetzt. Die Arbeit muss, da ist Daniel Stubenvoll sich sicher, "sauber" sein, einem Bauwerk gleichen. In "Clean Works" kuratiert Stubenvoll nicht nur die Werke seiner Kommilitonen über diesen Grundstein, sondern auch seine eigene Grundstein-Fotografie, die von den Arbeiten seiner Kommilitonen inspiriert ist.

Christina Werner: PIPAL (2012/2013)
Eine Herbariumskassette mit Blättern der Pappelfeige (Pipal), sechs so genannte Betonbilder ("concrete images"), 12 snapshots und eine MDF-Platte sind die Komponenten von Christina Werners Installation. Sie bilden ein Raumensemble zu beiden Seiten des Flusses in Ahmedabab, einer aufstrebenden Metropole im Bundesstaat Gujarat im Westen Indiens, und werden zu einer Promenade durch die Stadt. Mit der klaren Verankerung im Konzeptuellen gelingt es Werner exemplarisch, alle Klippen der erwarteten Bilder zu umschiffen und eine völlig neue Sehweise anzubieten.

"gute aussichten" präsentiert eine einzigartige und weitreichende Übersicht über den Stil und den Inhalt der Werke junger deutscher Fotografen in den letzten 12 Monaten. Die individuellen Bildserien unterscheiden sich durch vielfältige Ästhetiken und formale und konzeptuelle Ansätze. Sie präsentieren eine Einsicht in die vielfältigen Themengebiete, mit denen sich junge zeitgenössische Künstler beschäftigen.

Zurück