Kristjan Randalu Mit Sprachkenntnissen gehört man dazu und ist nicht fremd

Kristjan Randalu Kristjan Randalu - Musiker

Ich bin mit der Familie Ende der 1980er von Estland nach Deutschland gefahren – laut unserer Papiere zwar zum Erholungsurlaub, doch meine Eltern hatten den Plan, auf diese Weise aus der Sowjetunion zu flüchten und in Deutschland zu bleiben. Ich war damals nicht einmal zehn Jahre alt und natürlich konnte ich kein Wort Deutsch. Ich bin im Sommer nach der dritten Klasse nach Deutschland gekommen. Im Herbst sollte ich nach dem deutschen System meinen Schulweg in der letzten Klasse der Grundschule, also in der vierten Klasse einer Spezialschule fortsetzen, in der auch Kinder anderer Einwanderer im Sprachunterricht bei Null begannen. 

Es ist ja so, dass sich Kinder etwas leichter in ein Sprachumfeld einleben, obwohl es ganz neu ist und die alten Freunde alle in Estland zurückblieben. Eine andere Möglichkeit zur Kommunikation mit den Kindern dort gab es schlicht und einfach nicht. Wir haben dann langsam begonnen uns auf Deutsch durchzuschlagen, bis wir es konnten. Die Sprache bei uns Zuhause aber war und ist immer Estnisch. 

Die deutsche und estnische Geschichte ist miteinander verflochten, jedoch sind die Esten in der menschlichen Kommunikation eher verschlossen, manchmal erscheinen sie in ihrer Umgangsart sogar zu direkt oder gar unfreundlich. Im deutschen Sprach- und Kulturraum setzt man mehr auf oberflächliche Freundlichkeit und Höflichkeit. 

Nun ist Deutsch nicht mehr meine Alltagssprache, obwohl ich oft in Deutschland unterwegs bin und mit dortigen Künstlern mehrere Kooperationsprojekte habe. Ab und zu kommt dann aber die Lust nach einem guten deutschsprachigen Buch – für mich ist die deutsche Sprache zwar klar und genau, aber gleichzeitig besonders leicht und poetisch, ganz bestimmt nicht schwermütig und aggressiv, wie es zum Beispiel leider oft in Filmen dargestellt wird. Der größte Vorteil bei Sprachkenntnissen besteht darin, dass man in dem entsprechenden Kulturraum als eigen, nicht fremd angesehen wird – das ist ein wunderbares Gefühl!