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Kunst und Nachhaltigkeit
Mit gutem Beispiel vorangehen

Eine Frau sammelt Zweige im Herbstwald
Hanna Piksarv "November-May. Work Process" 2015 (Ausschnitt) | .

Siim Preiman ist Kurator der Kunsthalle Tallinn. Im Interview mit uns spricht er über Nachhaltigkeit und was sie für die Kunst und seine Arbeit bedeutet.

Der Begriff Nachhaltigkeit ist eine Art Trendwort geworden und doch ist er nicht so richtig greifbar. Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie persönlich?

Ja, die Gefahr bei der Verwendung dieses Begriffs liegt in der Tatsache, dass echte Nachhaltigkeit nicht zu erreichen ist. Während es theoretisch möglich ist, die Auswirkungen der Menschheit auf die Erde zu verringern, können wir unseren Ressourcenverbrauch niemals auf Null senken. Ein besserer Begriff ist daher Degrowth (also „Wachstumsrücknahme“ oder „Entwachstum“). Dieser Begriff umfasst verschiedene Praktiken und Denkweisen, die darauf abzielen, den globalen Verbrauch und die Produktion auf ein Minimum zu reduzieren. Persönlich versuche ich auch, meinen Verbrauch zu beschränken auf Waren, die absolut notwendig sind.

Welche Rollen können Kulturschaffende, Künstler*innen, Kurator*innen spielen, um die Gesellschaft ökologischer, gerechter, zukunftsfähiger zu gestalten?

Ich denke, der Schlüssel liegt darin, mit gutem Beispiel voranzugehen. Anstatt sich auf Didaktik zu verlassen und bestimmte „richtige“ Lösungen zu diktieren, ist Kunst oft am mächtigsten, wenn sie ambivalent ist. Kunstveranstaltungen sind meist nur von kurzer Dauer. Daher ist es wichtig, den Lebenszyklus der verwendeten Materialien und Ressourcen zu berücksichtigen. Es scheint, dass Menschen oft das Gefühl haben, ihr Wohlergehen opfern zu müssen, um nachhaltiger zu sein. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sich eine völlig normal aussehende Ausstellung mit nahezu null Abfall produzieren lässt. Künstler*innen können anderen Branchen ein Beispiel geben, indem sie ihre Logistik und die von ihnen verwendeten Materialien ändern.

Siim Preiman Siim Preiman │ Foto: Keiu Maasik | Foto: Keiu Maasik „Wenn die Kunst keine Politik macht, wer sonst?“ fragte vor einigen Jahren Dieter Roelstraete, damals Kurator im Team der documenta14. Wie sehen Sie im Allgemeinen das Verhältnis von Kunst zu Politik?

Ich denke, es ist schwierig, eine direkte Beziehung zwischen Politik und Kunst zu beurteilen. Kunst beruht oft auf Affekten und Missverständnissen. Das Erleben von Kunst ist meist etwas Persönliches und weniger etwas Kollektives. Daher ist der Effekt, den Kunst in sozialen Prozessen auslösen kann, nur langsam sichtbar, kann aber sehr stark sein. Kunst im besten Sinne ermöglicht es uns, groß zu träumen und alternative Wege für eine bessere Zukunft zu finden.

Und wie nachhaltig ist Kunst?

Im Moment noch nicht so sehr. Aber ich denke, es gibt das Potenzial dazu. Es hängt wirklich davon ab, welche Art von Praktiken in den kommenden Jahren in diesem Bereich insgesamt unterstützt wird. Es scheint, dass in der Kunst eine langsamere und nachhaltigere Denkweise in ganz Europa an Dynamik gewinnt.

Welches Kunstwerk zum Thema Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein hat Sie in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Ich denke immer wieder zurück an „Ice Watch“ von Ólafur Elíasson, was meiner Meinung nach eine sehr widersprüchliche Arbeit zu den Klimaproblemen ist. Die Installation wurde mehrfach in London, Paris und Kopenhagen ausgestellt und besteht aus 12 Eisblöcken, die von der grönländischen Eisdecke abgebrochen wurden. Das Eis schmilzt im öffentlichen Raum direkt unter den Augen der Passanten. Ich könnte diese Arbeit selbst niemals als Kurator ausstellen, da sie meinem Verständnis nach definitiv nicht nachhaltig ist. Ich denke nicht, dass es sich lohnt, für ein Kunstwerk einen so hohen Preis im Sinne von CO2 zu zahlen. Aber es bringt die Tragödie des schmelzenden Polareises tatsächlich vor unsere Haustür und geht uns unter die Haut, wenn auch auf verstörende Weise. Ich befürworte eine umweltfreundlichere Art der Kunstproduktion, aber ich erkenne an, dass es keine Angelegenheit von schwarz und weiß ist.

Und welche aktuelle Ausstellung sollte man unbedingt gesehen haben?

Ich freue mich darauf, Flo Kasearus Ausstellung „Gefährdete Spezies“ („Ohustatud liigid“) im Kunstmuseum Tartu zu besuchen. Kasearu ist bekannt für ihre Fähigkeit, schwierige und sensible Themen mit einem kalkulierten Hauch von Humor anzusprechen. Diesmal setzt sie sich kritisch mit dem Unternehmertum in Estland auseinander, wobei der Schwerpunkt auf kleinen Einzelunternehmen liegt, die von Frauen geführt werden.

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