Am liebsten möchte man sich hineinfallen lassen, in diese warmherzige Geschichte über Freundschaft, Mütter und Verluste, und über Menschen, die füreinander einstehen.
Mitte der 60er Jahre wohnt Évi mit ihrer Tochter Aja in einem schiefen Holzhäuschen außerhalb der kleinen Stadt Kirchblüt in der Nähe von Heidelberg. In ihrem Garten verbringen die Personen des Romans unzählige helle und weniger helle Tage. Erzählt wird die Geschichte aus Seris Perspektive, Ajas bester Freundin. Seri übernimmt die Rolle einer Beobachterin und es gelingt ihr dabei, sich nie selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
Das Zentrum der Geschichte bilden Évi, ihr Haus und ihr Garten, rund um Évi kreisen die Figuren. Allen ist gemeinsam, dass sie eine Leere, einen Verlust erlebt haben, den sie zu überwinden suchen.
Ajas Vater Zigi und Évi sind Artisti*innen, die sich im Zirkus kennengelernt haben. Sie sind gemeinsam vor den „rollenden Panzern“ aus Ungarn in den Westen geflohen. Inzwischen lebt Zigi in New York und besucht Aja und Èvi jedes Jahr zum Ende des Sommers für einige Wochen. Das ist für Aja, Évi ud Seri die beste Zeit des Jahres. Er versteckt Geld in den Kaffeetassen, das er das Jahr über verdient hat, bessert das Haus aus und bringt den Kindern Kunststücke bei.
Ein Junge im Ort verschwindet, und Karl, der Bruder des verschwundenen Kindes, tritt in ihr Leben und freundet sich mit Aja und Seri an. Er bildet die Spitze ihres Dreiecks.
Bis in ihr Erwachsenenleben hinein sind die drei eng miteinander verbunden, wohnen und reisen zusammen und begleiten sich durch helle und dunkle Tage. Sie überwerfen sich, suchen sich, finden sich wieder und stehen sich bei, als einige der Geschichten, die ihnen ein Leben lang erzählt wurden, sich als Lügen entpuppen.
„Wir fanden uns, wie sich Kinder finden, ohne zu zögern, ohne Umstände, und sobald wir unser erstes Spiel begonnen, unsere ersten Fragen gestellt hatten, verbrachten wir unsere Tage miteinander, fädelten sie auf wie an einer endlosen Kette, und hielten jede Unterbrechung, mit der andere uns trennten, für eine Zumutung.“ (Zitat)
Genau wie ihre Kinder, bilden die Mütter von Aja, Seri und Karl ein Dreieck. Und genauso stehen sie füreinander ein, ziehen sich gegenseitig aus Löchern und unterstützen sich emotional und finanziell auf eine Art, wie man es sich nur wünschen kann.
Am Ende nimmt die Geschichte erstaunliche Wendungen, die eine ganz andere Wahrheit zeigen, als bisher angenommen.
Die ausgefeilte Sprache unterstützt die lebendige Darstellung der Figuren. Die Autorin verzichtet bewusst auf wörtliche Rede und wählt stattdessen eine indirekte Darstellungsweise. Die gezielte Benutzung von Wiederholungen gibt dem Text eine sanfte, rhythmische Gelassenheit. Stellenweise liest sich der Roman wie ein Märchen, die Welt wirkt surreal und sphärisch, vor allem Évis Haus und Garten, die Haupthandlungsorte der ersten Romanhälfte, haben etwas Traumhaftes.