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Lesetipps für den Sommer

3 Buchcover Cover: © S.Fischer | Manesse | S.Fischer

Drei Lesetipps für den Sommer von Ela Meyer

Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk ist ein warmherziger Sommer- und Freundschaftsroman, in dem auch an hellen Tagen ein Hauch Melancholie mitschwingt.
Der Roman Schloß Gripsholm von Kurt Tucholsky wurde 1931 zunächst im Berliner Tageblatt abgedruckt. Er ist eine Hommage an die Liebe und erinnert daran, wie nahe Gewalt und Liebe an ein und demselben Ort nebeneinander existieren können.
Mit Humor, einem Hauch Wehmut und Sinn für skurrile Szenen erzählt Katerina Poladjan in ihrem Roman Zukunftsmusik von der beklemmenden Atmosphäre zum Ende der Sowjetunion und dem Wunsch nach Freiheit.

Alle drei Bücher sind in der Bibliothek des Goethe-Instituts Barcelona und in der Onleihe (Digitale Bibliothek) zu finden.

Ela Meyer ist Autorin und Deutschlehrerin. Sie leitet den Buchclub der Bibliothek des Goethe-Instituts Barcelona.

  • Zsuzsa Bánk

    Die Hellen Tage

    Am liebsten möchte man sich hineinfallen lassen, in diese warmherzige Geschichte über Freundschaft, Mütter und Verluste, und über Menschen, die füreinander einstehen.

    Mitte der 60er Jahre wohnt Évi mit ihrer Tochter Aja in einem schiefen Holzhäuschen außerhalb der kleinen Stadt Kirchblüt in der Nähe von Heidelberg. In ihrem Garten verbringen die Personen des Romans unzählige helle und weniger helle Tage. Erzählt wird die Geschichte aus Seris Perspektive, Ajas bester Freundin. Seri übernimmt die Rolle einer Beobachterin und es gelingt ihr dabei, sich nie selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

    Das Zentrum der Geschichte bilden Évi, ihr Haus und ihr Garten, rund um Évi kreisen die Figuren. Allen ist gemeinsam, dass sie eine Leere, einen Verlust erlebt haben, den sie zu überwinden suchen.
    Ajas Vater Zigi und Évi sind Artisti*innen, die sich im Zirkus kennengelernt haben. Sie sind gemeinsam vor den „rollenden Panzern“ aus Ungarn in den Westen geflohen. Inzwischen lebt Zigi in New York und besucht Aja und Èvi jedes Jahr zum Ende des Sommers für einige Wochen. Das ist für Aja, Évi ud Seri die beste Zeit des Jahres. Er versteckt Geld in den Kaffeetassen, das er das Jahr über verdient hat, bessert das Haus aus und bringt den Kindern Kunststücke bei.

    Ein Junge im Ort verschwindet, und Karl, der Bruder des verschwundenen Kindes, tritt in ihr Leben und freundet sich mit Aja und Seri an. Er bildet die Spitze ihres Dreiecks.
    Bis in ihr Erwachsenenleben hinein sind die drei eng miteinander verbunden, wohnen und reisen zusammen und begleiten sich durch helle und dunkle Tage. Sie überwerfen sich, suchen sich, finden sich wieder und stehen sich bei, als einige der Geschichten, die ihnen ein Leben lang erzählt wurden, sich als Lügen entpuppen.

     
    „Wir fanden uns, wie sich Kinder finden, ohne zu zögern, ohne Umstände, und sobald wir unser erstes Spiel begonnen, unsere ersten Fragen gestellt hatten, verbrachten wir unsere Tage miteinander, fädelten sie auf wie an einer endlosen Kette, und hielten jede Unterbrechung, mit der andere uns trennten, für eine Zumutung.“ (Zitat)

    Genau wie ihre Kinder, bilden die Mütter von Aja, Seri und Karl ein Dreieck. Und genauso stehen sie füreinander ein, ziehen sich gegenseitig aus Löchern und unterstützen sich emotional und finanziell auf eine Art, wie man es sich nur wünschen kann.
    Am Ende nimmt die Geschichte erstaunliche Wendungen, die eine ganz andere Wahrheit zeigen, als bisher angenommen.

    Die ausgefeilte Sprache unterstützt die lebendige Darstellung der Figuren. Die Autorin verzichtet bewusst auf wörtliche Rede und wählt stattdessen eine indirekte Darstellungsweise. Die gezielte Benutzung von Wiederholungen gibt dem Text eine sanfte, rhythmische Gelassenheit. Stellenweise liest sich der Roman wie ein Märchen, die Welt wirkt surreal und sphärisch, vor allem Évis Haus und Garten, die Haupthandlungsorte der ersten Romanhälfte, haben etwas Traumhaftes.

    Cover © S.Fischer © S.Fischer

  • Kurt Tucholsky

    Schloß Gripsholm

    Der Roman Schloß Gripsholm beginnt mit einem fingierten Briefwechsel zwischen dem Erzähler und seinem Verleger Ernst Rowohlt, in welchem ihm der Verleger den Auftrag erteilt, eine Sommer- und Liebesgeschichte zu schreiben. Daraufhin fährt Peter, der Erzähler der Geschichte, mit seiner Freundin Lydia nach Schweden, um dort gemeinsam ihren Urlaub zu verbringen.

    Kurt Tucholsky spielt hier mit den Mitteln der Autofiktion. Der Roman weist mehrfach Parallelen zu seinem Leben auf. So verbrachte er ebenfalls mit seiner Geliebten einen Urlaub in der Region am Mälarsee, genau dort, wo auch diese Geschichte spielt.
    Peter im Roman ist sehr verliebt. Er nennt Lydia Prinzessin, sie nennt ihn Daddy oder Dicker. Nach unterhaltsamer Suche finden sie eine Unterkunft im Schloss Gripsholm. Sie wandern im Wald, schwimmen im See und erschrecken Touristen, als sich der Erzähler im ehemaligen Schlosskerker versteckt und dort wie ein Schlossgespenst heult.

    Der Text lebt von den Dialogen, die gespickt sind mit Wortspielen, in dem sich die Figuren gegenseitig aufziehen, neue Ausdrücke kreieren, wie Bulldackel oder Amselbulle, und sich in witzreichem absurdem Geplänkel verlieren. Dabei spricht die Prinzessin gern auf Plattdeutsch oder Fantasie-Schwedisch.
    Für einige Tage bekommen sie Besuch von Kurts Freund Karlchen und später von Lydias Freundin Billie. Sie tanzen und trinken zusammen und necken sich gegenseitig. Alle verstehen sich hervorragend, sogar so gut, dass Billie, die Prinzessin und Peter eine Menage-à-Trois wagen. Der Text vermittelt so viel Leichtigkeit und Wärme, dass man Lust bekommt, sich zu ihnen auf die Wiese zu legen.

    "Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. Der Himmel war weiß gefleckt; wenn man von der Sonne recht schön angebraten war, kam eine Wolke, ein leichter Wind lief daher, und es wurde ein wenig kühl. Ein Hund trottete über das Gras, dahinten. Was ist das für einer? fragte ich. Das ist ein Bulldackel, sagte die Prinzessin. Und dann ließen wir wieder den Wind über uns hingehen und sagten gar nichts. Das ist schön, mit jemand schweigen zu können." (Zitat)

    Während die Figuren also einen erholsamen Sommer erleben, lauert im Hintergrund das Grauen.
    Peter und Lydia begegnen auf einer Wanderung einer Gruppe Kinder, die im Haus der schrecklichen Frau Adriani den Sommer verbringen. Die Leiterin terrorisiert und misshandelt die Kinder, allen voran die kleine Ada, die sehr unter ihr leidet. Peter und der Prinzessin fällt gleich auf, wie verzweifelt und verweint sie aussieht, und sie entwickeln einen Plan, um das Kind aus den Fängen der bösen Frau Adriani zu befreien.

    Der Roman erinnert daran, wie sehr sich die Geschichte ändern kann, wenn wir füreinander einstehen und den Mut zeigen, uns der Grausamkeit zu widersetzen. Man sollte nicht vergessen, dass Tucholsky diesen Roman zu einer Zeit veröffentlichte, als in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht drängten und sich ihnen viel zu wenige entgegenstellten.
    Die Sprache des Romans ist originell und humorvoll, trägt viel Leichtigkeit in sich, bringt einen immer wieder zum Lachen und weckt die Lust, eine Handvoll Freund*innen einzupacken und ab nach Schweden in den Urlaub zu fahren.

    Buchcover ©Manesse ©Manesse

  • Katerina Poladjan

    Zukunftsmusik

    „Es gab keine Freiheit, dass das immer noch niemand begriffen hatte.“ (Zitat)

    Die Handlung des Romans „Zukunftsmusik“ von Katerina Poladjan konzentriert sich auf den 11. März 1985. Es ist der Tag, an dem Generalsekretär Tschernenko stirbt und der noch weitgehend unbekannte Gorbatschow ins Amt gehoben wird.

    „Im hinteren Teil der Wohnung wurde ein Radio eingeschaltet, es erklangen die letzten Takte von Chopins Trauermarsch, dann intonierte ein Chor: Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin. Das Radio wurde wieder ausgeschaltet. Es ist ja nicht zu überhören, dass in Moskau schon wieder einer gestorben ist, bemerkte Maria Nikolajewna.“ (Zitat)

    Die Figuren leben in einer sibirischen Kleinstadt in derselben russischen "Kommunalka", einer staatlich verordneten Gemeinschaftswohnung. Hier treffen die verschiedensten Menschen aufeinander, Hebamme auf Zugschaffner, Fabrikarbeiterin auf Professor, Kleinkind auf Greis. Sie alle leiden an der mangelnden Privatsphäre. Im Mittelpunkt des Romans stehen vier Generationen einer Familie. Maria ist 45, ihre Mutter Warwara Mitte 60, Marias Tochter Janka fast 21 und Enkelin Kroschka drei Jahre alt. Gemeinsam bewohnen sie ein kleines Zimmer.
    Maria arbeitet als Wächterin im Naturmuseum und hegt eine Leidenschaft für schöne Kleider. Einer ihrer Mitbewohner schwärmt für sie. Er leidet bis heute darunter, als Student denunziert worden zu sein, weil er Gedichte verfasste, „die mit der großen Idee nicht in Einklang stünden“, woraufhin er mehrere Jahre ins Arbeitslager gesperrt wurde.
    Marias Mutter ist Hebamme und führt eine heimliche Affäre mit einem der Bewohner, einem Zugschaffner, dessen Frau - ebenfalls Schaffnerin - im Wechsel mit ihrem Mann arbeitet, sodass immer nur eine*r von beiden das Zimmer bewohnt.
    Marias Tochter Janka arbeitet in einer Glühbirnenfabrik und ist Liedermacherin. Für den Abend plant sie ein Küchenkonzert. Da ihre Gitarre kaputt ist, verbringen sie und ein Freund den Tag damit, eine neue aufzutreiben, ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen, da Entbehrungen an der Tagesordnung sind, ebenso wie endloses Schlangestehen.

    „Jankas Lieder waren düster und tief, und wenn sie sich auf der Gitarre selbst begleitete, erkannte Maria ihre Tochter kaum. Janka konnte mit ihren Liedern ausdrücken, wofür Maria in nächtlichen Schleifen nur stumpfe Gedanken hatte, leere Phrasen aus schlechten Filmen, nichts Eigenes.“ (Zitat)

    Wie überall in der Stadt, so auch in der Wohnung, beobachten sich die Menschen gegenseitig und befürchten, jederzeit denunziert zu werden. Sie streiten sich über drei Zentimeter Tischlänge, stibitzen sich gegenseitig Essen aus den Töpfen und diskutieren, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte. An diesem besonderen Tag bewegen sie sich zwischen unsicherer Aufbruchsstimmung, Angst, Misstrauen und einem Hauch von Frühling, der sie wie ein Hoffnungsschimmer umweht.

    Katerina Poladjan erzählt gekonnt und mit knapper Sprache. Auch wenn die Dialoge etwas altmodisch wirken, passen sie in Zeit und Situation. Die schnell wechselnden Szenen im Roman, ebenso wie die kurzen, rasch aufeinanderfolgenden Auftritte der Bewohner*innen, erinnern an ein Kammerstück.
    Gerade zum Ende hin wird der Roman immer fantastischer und surrealer. So öffnet sich der Flur auf magische Weise und eine neue Tür führt nach draußen, während sich der Professor mithilfe einer selbst gebauten Schleudersitzkonstruktion durch ein Loch in seiner Zimmerdecke ins Freie katapultiert: Neue Wege entstehen, hinaus aus der Enge der Wohnung und des Systems.

    Buchcover ©S.Fischer ©S.Fischer