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Vereinigtes Königreich London

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18:30 Uhr

Rosa von Praunheim: Die Bettwurst & Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt + Einführung

Kinovorführung | Rosa von Praunheim: Eröffnungsabend - Filme und Einführung

Zwei Personen sitzen eng zusammen auf einem Sofa und gucken Fernsehen. © missingFILMs GmbH

Zwei Männer sitzen eng zusammen auf einem Sofa und gucken Fernsehen. © missingFILMs GmbH

Wir eröffnen die Reihe mit zwei frühen Kultklassikern von Rosa von Praunheim: seinem Low-Budget-Debüt Die Bettwurst (1971), einer liebevoll-satirischen Romanze über ein ungewöhnliches Paar und seine kleinbürgerlichen Sehnsüchte, sowie dem provokanten Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (1971), dem Film, der die Nation empörte, die Schwulenbewegung in Deutschland galvanisierte und seinen Regisseur über Nacht berühmt-berüchtigt machte. Eingeführt wird das Programm von Paul Clinton, Autor und Dozent für Curating bei Goldsmiths, University of London.

Nach der Einführung werden werden wir zuerst Die Bettwurst (81Min.) und nach einer Pause Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (67 Min.) zeigen. In der Pause sollte genügend Zeit sein, um sich beim Café Berlin im Haus ein Getränk zu kaufen, das Sie auch mit ins Kino nehmen können.

Paul Clinton lebt und arbeitet als Autor in London. Er ist Dozent für Curating am Goldsmiths, University of London, und war zuvor Senior Editor des Kunstmagazins frieze sowie Royal Academy Fellow in Critical Practice. Seine Texte erschienen unter anderem in Art Monthly, ArtReview, frieze, Mousse, Numéro und London Review of Books. Vorträge und Gespräche hielt er unter anderem an der Hayward Gallery, dem MoMA New York, dem Palais de Tokyo, der Städelschule Frankfurt, der Tate Modern und der Whitechapel Gallery.

Über die Filme

Die Bettwurst

 

Person in gemustertem Hemd neben einer auf einem Sofa liegenden Person in einem Wohnzimmer mit Retro-Tapete. R. v. Praunheim: Die Bettwurst © missingFILMs GmbH

Luzi und Dietmar lernen sich in der Hafenstadt Kiel kennen und lieben. Sie eine ältere, kleinbürgerliche Sekretärin, er ein junger Hilfsarbeiter aus Berlin. Beide spielen alle gutbürgerlichen Rituale durch, die sie durch Erziehung und Medien erlernt haben. Sie gehen zusammen in ein Ausflugslokal zum Tanz, sie zeigt ihm ihren Kleingarten und ihr Fotoalbum. Nach einer Liebesnacht hilft er ihr beim Staubsaugen. Sie feiern gemeinsam Weihnachten. Plötzlich treffen alte kriminelle Freunde von Dietmar ein und entführen Luzi, um Dietmar zu zwingen, wieder mit ihnen gemeinsame Sache zu machen...

In nur 10 Tagen, und mit einem Budget von 50,000 DM im Auftrag des ZDF drehte von Praunheim seinen ersten Langfilm, der zum Kultfilm avancierte, bei dessen Vorführungen einzelne Dialoge mitgesprochen wurden. Er besetzte den Film mit Dietmar Kracht, einem guten Freund, und seiner Großtante väterlicherseits, Lucy Kryn, in deren Wohnung im norddeutschen Kiel auch gedreht wurde. Beide spielten sich mehr oder weniger selbst, allerdings mit bewusster Übertreibung und Lust am und Bekenntnis zum kleinbürgerlichen Spießermilieu, das von Praunheim entlarvt wird, ohne seine Darsteller*innen ans Messer zu liefern.

BRD 1971, Farbe, DCP, (Originalformat 16mm), 81 Min., mit englischen Untertiteln.
Buch, Regie, Produktion: Rosa von Praunheim. Mit Luzy Kryn, Dietmar Kracht, Steven Adamszewski.
 

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

Daniel kommt aus der Provinz nach Berlin, verliebt sich in Clemens und spielt mit ihm das Glück der bürgerlichen Zweierbeziehung nach. Nach vier Monaten ist die Romanze vorbei. Ein reicher älterer Mann wird sein neuer Liebhaber, doch auch diese Beziehung entpuppt sich als Illusion: Daniel ist nicht Partner, sondern nur Dekoration. Auf der Suche nach Zugehörigkeit stürzt er sich in die schwule Subkultur der Großstadt. Zwischen Strandbad, Bars, Parks und Toiletten folgt er deren Versprechen von Freiheit, Begehren und Selbstverwirklichung. Doch hinter Mode, Sex und flüchtigen Begegnungen entdeckt er Leere, Gewalt und Einsamkeit. Erst die Begegnung mit einer politisierten schwulen Wohngemeinschaft eröffnet ihm eine andere Perspektive: Emanzipation bedeutet mehr als sexuelle Befreiung. Sie verlangt Solidarität, Selbstbewusstsein und gesellschaftliches Engagement.

Mit seinem zweiten Langfilm wurde Rosa von Praunheim schlagartig bekannt, weit über die Schwulenszene hinaus. Gerade dort stieß der Film jedoch auf Kritik: Seine zugespitzte Darstellung der Leder- und Transvestitenszene sowie des Cruisings wurde als Bedienung homosexuellenfeindlicher Stereotype verstanden. Auch seine explizite Kritik an schwulen Männern, die es sich als angepasste Spießer in einem von Konsum geprägten Nischendasein bequem gemacht hätten, wurde vielfach negativ aufgenommen.
Während die Reaktionen auf die Premiere bei der Berlinale 1971 überwiegend positiv ausfielen, lösten die geplanten Fernsehausstrahlungen heftige Debatten aus. Bei der zunächst vorgesehenen ARD-Ausstrahlung 1972 zeigte nur der WDR den Film; erst ein Jahr später wurde er im gesamten ARD-Verbund gesendet, allerdings ohne Beteiligung des Bayerischen Rundfunks. Aber die Ausstrahlungen konnte in Teilen der DDR empfangen werden.
Nachdem durch die Reformierung der § 175 einvernehmliche homosexuelle Handlung zwischen Männern über 21 erst 1969 legalisiert wurden, gelang es von Praunheim, sowohl die breite Öffentlichkeit mit dem „Tabuthema“ Homosexualität zu konfrontieren als auch die Schwulenszene zu mobilisieren. Dem Aufruf am Ende des Films, „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! Freiheit für die Schwulen!“, folgten zahlreiche neue Aktionsgruppen, darunter auch lesbische Initiativen. Zwischen 1971 und 1973 entstanden mehr als 70 Gruppen. Auch in der DDR entstanden ähnliche Initiativen. Damit wurde der Film zu einem wichtigen Katalysator der schwulen und lesbischen Emanzipationsbewegung in Deutschland. In Großbritannien war er 1972 zum ersten Mal im National Film Theatre in London zu sehen.

BRD 1971, Farbe, DCP (Originalformat: 16mm), 67 Min., mit englischen Untertiteln
Buch und Regie: Rosa von Praunheim, Theoretische Mitarbeit: Martin Dannecker und Sigurd Wurl. Mit Bernd Feuerhelm, Berryt Bohlen, Ernst Kuchling, Dietmar Kracht, Steven Adamczewski u.v.a.