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Vereinigtes Königreich

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19:00 Uhr

Goethe-Kino: Nö von Dietrich Brüggemann

Film|Goethe-Kino (Kinovorführung)

  • Goethe-Institut London, London

  • Preis Preis: £6, £3 ermäßigt und für Goethe-Institut Sprachkursteilnehmer*innen & Bibliotheksmitglieder.

Eine junge Frau, die in einer Hand ein Gewehr hält und auf dem anderen Arm ein Baby trägt, steht neben einem jungen Mann. Im Hintergrund sehen wir einige Menschen in Krankenhauskleidung. Dietrich Brüggemann: Nö © Flare Film, Photo: Alex Sass

In einem Zimmer betrachten eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm, eine ältere Frau und zwei Männer einen älteren Mann, der in einem Krankenhausbett liegt. Dietrich Brüggemann: Nö © Flare Film, Photo: Alex Sass

Eine schwarze, zugleich mitfühlende Komödie über ein Paar, das den Alltag meistert, ohne die Liebe – und sich selbst – aus den Augen zu verlieren zu wollen. In 15 prägnanten Vignetten, mal tragikomisch, mal surreal oder absurd, legt der Film die Ängste, Zweifel und Frustrationen offen, die ein normales gemeinsames Leben so schwierig machen.

Es beginnt ganz schlicht: Ein Paar liegt im Bett und redet. Was denken sie? Was mögen sie aneinander? Plötzlich sagt er, Michael, dass er manchmal denkt, sie sollten sich trennen. Geht es ihr nicht bisweilen genauso? „Nö“ antwortet Dina beiläufig und lakonisch. Aber dieses „Nö“ gewinnt. Sie bleiben zusammen. Von da an verfolgen wir ihr Leben über die nächsten sieben Jahre: die erste Schwangerschaft, die Geburt des Kindes, der Kampf (vor allem Dinas) Elternschaft und Karriere zu vereinbaren, schwierige Eltern, Beerdigung und Kindergeburtstag. Ein Leben, das – wie Michael befürchtet – vielleicht nur den Erwartungen anderer dient, und das sie, so meint Dina, gewappnet sind, gemeinsam zu bewältigen, denn sie sind sich einig darüber, was ihnen egal ist.

Es ist tatsächlich ein ziemlich gewöhnliches Leben, das Michael und Dina führen – eines, das schon oft in Filmen über Mitdreißiger erzählt wurde. Ungewöhnlich ist jedoch die Form, in der es hier dargestellt wird. Regisseur Dietrich Brüggemann, Gewinner des Regiepreises beim Karlovy Vary Filmfestival, und seine Schwester Anna, Co-Autorin und weibliche Hauptdarstellerin, destillieren diese Beziehung in 15 sorgfältig komponierte Szenen. Die meisten entfalten sich in einer einzigen langen Einstellung, aufgenommen – mit wenigen Ausnahmen – von einer statischen Kamera, oft wie ein Tableau inszeniert, eine Technik, die Brüggemann bereits in seinem Film Kreuzweg (2014) angewandt hat. Schwarze Zwischentitel markieren den Verlauf der Zeit: eine Woche, mehrere Monate, Jahre. Diese strenge Struktur verleiht dem emotionalen Stoff Nüchternheit und Distanz, verstärkt durch lakonische, inhaltlich teils überspitzte Dialoge.

Innerhalb dieser Rahmen wechselt die Darstellung des Alltäglichen zwischen Satire und Tragikomödie, ist mal absurd, mal surreal: Das Ultraschallbild eines Fötuskopfes auf einem Monitor verwandelt sich in einen monströsen Schädel; der Weg aus dem Krankenhaus mit dem Neugeborenen wird zur Flucht durch eine Kriegszone; ein Patient unter Narkose beginnt ein Gespräch über Liebe und Lebensentscheidungen; das Heranwachsen der Kinder wird durch die Veränderung ihrer Stimmen im Zeitraffer über ein Babyfon hörbar. Untertreibung trifft auf Übertreibung, und Unbehagen mischt sich mit Amüsement – je nachdem, wie sehr der eigene Humor, mit dem der Filmemacher übereinstimmt. Fans von Wim Wenders werden sich auf jeden Fall über das Erscheinen von Rüdiger Vogler und Hanns Zischler freuen. Sie teilen keine gemeinsame Szene, doch ihre Präsenz ist ein schöner Hinweis auf Wenders‘ Film Im Lauf der Zeit, in dem beide zusammen spielen. Im Lauf der Zeit hatte auch ein guter Titel für diesen Film sein können, wäre aber vielleicht schon ein wenig zu hochtrabend gewesen.

Deutschland 2021, Farbe, 119 Min. Mit englischen Untertiteln.
Regie: Dietrich Brüggemann. Drehbuch: Dietrich Brüggemann und Anna Brüggemann.
Mit: Alexander Khuon, Anna Brüggemann, Isolde Barth, Petra Schmidt-Schaller, Dulcie Smart, Nina Petri, Andreas Döhler, Mark Waschke, Felix Goeser, Hanns Zischler, Rüdiger Vogler.

Biografien

  • Anna Brüggemann

    Anna Brüggemann, geboren 1981 in München, wuchs in Südafrika, Stuttgart und Regensburg auf. Seit ihrem 15. Lebensjahr ist sie als Filmschauspielerin tätig, seit 2006 schreibt sie Drehbücher. Das gemeinsam mit ihrem Bruder Dietrich für Kreuzweg verfasste Drehbuch wurde 2014 mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet, ihr Debüt Trennungsroman erschien 2021 und wurde noch im selben Jahr mit dem Debütpreis der lit.cologne ausgezeichnet. Ende Oktober 2024 wurde ihr Roman Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen bei Ullstein. Anna Brüggemann lebt in Berlin.

  • Dietrich Brüggeman

    Dietrich Brüggemann wurde 1976 in München geboren und wuchs in Deutschland und Südafrika auf. Von 2000 bis 2006 studierte er Regie an der HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Nach mehreren Kurzfilmen wurde sein Spielfilm Neun Szenen (2006), für den er gemeinsam mit seiner Schwester Anna das Drehbuch schrieb, zum Publikumsliebling der Berlinale und lief auf verschiedenen Festivals im In- und Ausland. Sein erster Kinofilm Renn Wenn Du Kannst (2010) eröffnete die Sektion Perspektive Deutsches Kino der Berlinale und wurde auf rund 30 Festivals weltweit gezeigt und gewann verschiedene Jury- und Publikumspreise. Erneut in Zusammenarbeit mit seiner Schwester schrieb er die Drehbücher für Drei Zimmer, Küche, Bad (2012) und Kreuzweg (2014), ihre vierte Zusammenarbeit, für die sie den Silbernen Bären der Berlinale für das beste Drehbuch erhielten. Seine beiden letzten Kinofilme, Nö (2021) und Home Entertainment (2025), feierten ihre Premiere auf dem Filmfest München. Darüber hinaus hat Dietrich Brüggemann mehrere Musikvideos und Episoden der beliebten Fernsehkrimiserie Tatort gedreht, von denen die letzte am 28. Dezember 2025 ausgestrahlt wurde. Außerdem führte er Regie bei der Verleihung der Europäischen Filmpreise 2019 und schrieb eine Arie für Werner Herzog. Er lebt in Berlin.