Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Feministische Strömungen
Von Womanism bis Witch Feminism

2021 International women's day graffiti
Photo (Detail): ©ZUMAPRESS.com/ Jordi Boixareu

Das übergreifende Ziel aller feministischen Strömungen ist es, sexistische Unterdrückung zu beenden. Verschiedene Feminist*innen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie wir dieses Ziel erreichen können. Ein Überblick.

Von Celia Parbey

Schwarze, indigene und Frauen of Colour kritisierten in den vergangenen Jahrzehnten Formen, die die Perspektiven weißer Frauen priorisierten und das Bild des Feminismus prägten. Aus der Kritik entwickelten sie neue, inklusivere feministische Auslegungen. Gleichzeitig entsteht ein Bewusstsein für Feminismen, die schon vorher außerhalb westlicher Gesellschaften praktiziert wurden.

Ökofeminismus

Laut Ökofeminist*innen ist die Klimakrise genauso wie die Unterdrückung von Frauen und rassifizierten Personen eine Folge patriarchaler und kapitalistischer Machtsysteme. Geprägt wurde der Begriff 1974 von der französischen Feministin Françoise d’Eaubonne. In ökofeministischen Bewegungen werden heute die Stimmen in den Mittelpunkt gestellt, die in der internationalen Klimapolitik oft nicht berücksichtigt werden: Marginalisierte Perspektiven aus dem globalen Süden, aus Afrika und Südamerika zum Beispiel. Die Menschen, die jetzt schon am stärksten von den Folgen der Klimakrise betroffen sind. Das Green Belt Movement der kenianischen Umweltaktivistin Wangari Maathai ist ein Beispiel für Ökofeminismus. Schon 1977 machte sie auf die spezifischen Probleme kenianischer Frauen im Kampf gegen den Klimawandel aufmerksam.

Intersektionalität und Feminismus

Die Schwarze US-Professorin Kimberlé Crenshaw prägte 1989 den Begriff der Intersektionalität. Er beschreibt die Wechselwirkung verschiedener Diskriminierungsmechanismen. Crenshaw kritisierte einen weißen Feminismus, der sich lediglich auf das Geschlecht konzentriert, weil er die Erfahrungen vieler Frauen of Colour ausklammerte. Die Intersektionalitätstheorie schuf sie anhand der Erfahrungen Schwarzer Frauen in den USA, die sich gleichzeitig mit Rassismus, Sexismus und Klassismus konfrontiert sehen. Gemeinsam prägen diese und weitere Kategorien ihre individuellen Erlebnisse. Das Konzept der Intersektionalität ist in den vergangenen Jahren erweitert worden, durch weitere Kategorien wie sexuelle Orientierung, Ableismus und Nationalität.

Womanismus

Ähnlich wie Crenshaw prägte die US-Amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Alice Walker den Begriff „Womanism“ 1983 als Antwort auf einen Feminismus weißer Frauen der Mittel- und Oberschicht zu dieser Zeit. Auch sie kritisierte, dass diese Form des Feminismus die Erfahrungen und Probleme rassifizierter Frauen ausklammerte. Im Womanismus spielt die Familie eine zentrale Rolle. Während der intersektionale Feminismus offener konzipiert ist, konzentriert sich der Womanismus speziell auf die Erfahrungen von Frauen of Colour.

Africana Womanismus

Der Africana Womanismus ist in afrikanischen Kulturen verwurzelt und konzentriert sich auf die Erfahrungen, Kämpfe, Bedürfnisse und Wünsche afrikanischer und afrodiasporischer Frauen. Die Strömung wurde Ende der 1980er‑Jahre von Clenora Hudson-Weems geprägt. Laut Hudson-Weems ist einer der wichtigsten Unterschiede zu anderen Strömungen, dass für Africana‑Frauen afrikanische Männer nicht das Hauptfeindbild ausmachen, wie es bei weißen Feministinnen gegenüber weißen Männern berechtigterweise der Fall sei. Da Männer of Colour nicht dieselbe institutionalisierte Macht genossen wie weiße Männer, wären sie nicht in der Lage, ihre Frauen auf dieselbe Art zu unterdrücken.

Queerfeminsmus

Im Queerfeminismus werden Menschen der queeren Community im Kampf explizit mit einbezogen. Queerfeminist*innen kritisieren feministische Strömungen, die sich lediglich auf Männer und Frauen beziehen und damit den Großteil von FLINTA (Frauen, Lesben, intersexuelle-, nicht-binäre, Trans und agender Personen) ausschließen und patriarchale Denkmuster weiterführen. Queerfeminismus ist intersektional und erkennt an, dass alle Geschlechter unter dem Patriarchat leiden. Im Queerfeminimus wird Geschlecht als soziales Konstrukt verstanden, nicht als absolute biologische Realität. Der Queerfeminismus hinterfragt gesellschaftliche Normen und Selbstverständlichkeiten. Dazu gehören: die binäre Vorstellung und Hierarchien von Geschlecht, Heteronormativität, soziale Klassen, Race, Monogamie und viele mehr.

Popfeminismus

Der Feminismus hat den Mainstream und damit auch die populäre Kultur erreicht. Ab den 2010er‑Jahren positionierten sich Sängerinnen wie Beyoncé oder Taylor Swift öffentlich als Feministinnen und nutzten das neue Label, um sich zu vermarkten. Befürworter*innen des Popfeminismus sehen in dieser Entwicklung eine Möglichkeit, feministische Inhalte einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Kritiker*innen bemängeln hingegen, der Popfeminismus predige in „Girl Power“-Manier, dass individuelle Leistungen systemische Probleme abbauen könnten. Beim Popfeminismus würden keine patriarchalen Strukturen abgebaut, sondern einzelne Frauen in Machtpositionen erhoben, um den Anschein zu erwecken, alle Geschlechter seien gleichberechtigt oder auf dem Weg dorthin. Der Popfeminismus als Bewegung steht für die Kommerzialisierung des Feminismus.

Die Zapatista-Bewegung

Die Zapatist*innen (auch zapatistische Armee der nationalen Befreiung oder EZLN) sind eine Bewegung indigener Völker in Mexiko. Dort kämpfen sie gegen die Auswirkungen des neoliberalen Kapitalismus, insbesondere gegen die Privatisierung von Land und anderen natürlichen Ressourcen. Frauen und ihre Rechte spielten von Beginn an eine zentrale Rolle in der Bewegung. Neujahr 1994 riefen die Zapatist*innen in Chiapas zur Revolution auf und organisierten mehrere bewaffnete Aufstände. Eine der Anführer*innen der Aufstände und der Bewegung im Allgemeinen war Comandante Ramona. Sie schrieb außerdem die Ley Revolucionaria de mujeres, das revolutionäre Frauengesetz. In diesem wurde festgesetzt, dass Frauen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, auf gleiche politische Teilhabe, auf gleichen Lohn, auf Bildung und auf ein Leben ohne häusliche Gewalt haben.

W.I.T.C.H Feminismus

Die Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell, kurz WITCH, wurde 1968 als Ableger der radikalfeministischen Gruppe New York Radical Women gegründet. Die Gruppe organisierte öffentliche Demonstrationen, sogenannte „zaps“, bei denen sie Protest und Hexerei vereinten. So stürmten sie Halloween 1968 in schwarzen spitzen Hüten und Mänteln die Wall Street, um sie symbolisch zu verhexen. Außerdem ließen sie während einer Hochzeitsmesse Hunderte von lebenden weißen Mäusen im Madison Square Garden frei und protestieren somit gegen „Sklaverei“ der Ehe. WITCH Feminismus konzentrierte sich mehr auf antikapitalistische Klassenkämpfe und weniger auf die Beziehungen zwischen Männern und Frauen.

Differenzfeminismus

Differenenzfeminist*innen vertreten die Meinung, Männer und Frauen seien von Natur aus unterschiedlich. Ziel ist es, Eigenschaften aufzuwerten, die traditionell als weiblich abgewertet wurden: Empathie, Gefühle oder Fürsorge zum Beispiel. Differenzfeminist*innen argumentieren, dass Frauen ihre „natürlichen“ Charaktereigenschaften zelebrieren und versuchen sollten, die Gesellschaft anhand dieser Eigenschaften zu formen. Vermeintlich männliche Eigenschaften wie Aggression lehnen sie ab. Der Differenzfeminismus wird von anderen feministischen Gruppen scharf kritisiert: Die Bewegung würde traditionelle Bilder von binärer Weiblichkeit und Männlichkeit romantisieren und bereits existierende Geschlechterstereotype verstärken. Außerdem würde im Differenzfeminismus nicht berücksichtigt, dass Menschen aus verschiedenen sozialen Klassen und Kulturen kommen und unterschiedliche Perspektiven und Werte vertreten.

Gleichheitsfeminismus

Ziel des Gleichheitsfeminismus ist die wirtschaftliche und politische Gleichstellung der Geschlechter innerhalb eines bereits bestehenden politischen Rahmens. Im Gegensatz zum Differenzfeminismus weisen Gleichheitsfeminist*innen fixe Geschlechterrollen ab. Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich durch gesellschaftliche Sozialisierung erklären, nicht durch Biologie. Eine wichtige Vertreterin des Gleichheitsfeminismus war Simone de Beauvoir.
 

Top