Gespräch Yanick Kaftan im Gespräch

Wakatobi Insel © Yannick Kaftan
Wakatobi Insel | © Yannick Kaftan

Yannick Kaftan studiert zurzeit Film bei Pepe Danquart an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.  Gemeinsam mit 4 MitstudentInnen kam er letztes Jahr nach Indonesien, um an dem Film-Projekt 5Inseln/Dörfer teilzunehmen und einen Film auf Wakatobi zu drehen, einer kleinen Inselgruppe östlich der Insel Sulawesi. Jetzt, im zweiten Teil des Projektes, wird er einen indonesischen Filmemacher auf seiner Reise in ein deutsches Dorf begleiten.


Was hat Sie angetrieben an diesem Film-Projekt teilzunehmen? Kannten Sie Indonesien schon vorher?

Ehrlich gesagt kannte ich Indonesien kaum, ich hatte nur eine vage Vorstellung von dem Land und das Projekt kam ganz unerwartet zu mir. Mein Professor hatte mich gefragt, ob ich mir vorstellen könne daran teilzunehmen und das habe ich dann getan.

Welche Vorbereitungen trafen Sie für Ihren Film?

Als ich wusste auf welcher Insel ich drehen werden würde, habe ich erstmal gegoogelt und gecheckt, was man so zu Wakatobi im Netz finden kann. Da waren Bilder von makellosen Stränden und Unterwasseraufnahmen von bunten Korallenriffs und exotischen Fischen, sowie Internetseiten edler Tauchresorts.

Bald fand ich heraus, dass auf zwei der Inseln der Wakatobi-Inselgruppe Bajau leben. Die Hausboote und das einstige Leben auf dem Wasser interessierten mich und so verfolgte ich diese Fährte. Es gab zu den Bajau auch einige Videos auf Youtube und darüber habe ich mich dann weiter informiert, so gut es eben ging von Deutschland aus.

Hinsichtlich des abgelegenen Drehortes in Indonesien, den Lebensumständen und -situationen, sowie den dortigen alltäglichen Gewohnheiten der Einwohner - die sehr unterschiedlich zu denen in Europa sind: Welche Herausforderungen hatten Sie bei den Dreharbeiten zu meistern?

Die Herausforderungen brachte vor allem das Klima: die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit, was das Arbeiten teilweise schwer machte. Der Dreh selbst und die Organisation liefen erstaunlich reibungslos. Mein Tandempartner Irianto Ibrahim war mir eine große Unterstützung. Mit seiner Hilfe standen mir praktisch alle Türen offen, da er auf Wakatobi sehr gut vernetzt ist und fast die gesamte Inselbevölkerung persönlich kennt.

Er wusste, dass ich gerne mit den Bajau filmen wollte und wir sind gleich am ersten Abend mit seinem Freund Adianto La Kebo - der das Projekt mitbegleitete und uns sehr unterstützte - nach Mola, einem Bajaudorf, gefahren und dort habe ich dann eine Familie kennengelernt. Ich habe dann kurz beschrieben, dass ich gerne mit ihnen Zeit verbringen würde und gefragt, ob das okay sei und ich sie filmen dürfe. Das war kein Problem. Am ersten Abend war sozusagen alles geklärt und den Tag darauf fuhren wir mit dem Boot raus und drehten die erste Einstellung des Films.

Wie sah Ihre Dreharbeit auf so einer kleinen und abgelegenen Insel aus? Können Sie uns etwas davon erzählen? Wie ungefähr war der Tagesablauf?

Zum Frühstück gab es Fisch. Dann bin ich los, entweder mit Irianto und Adianto oder alleine mit einem Roller zum Filmen. Viel Zeit habe ich in dem Bajaudorf Mola und bei der Familie verbracht oder ich bin einfach so mit dem Roller auf der Insel umhergefahren.

Abends haben wir uns dann in einem kleinen Fischrestaurant direkt am Wasser getroffen und das Material des Tages ausgewertet und übersetzt. Das war eigentlich die schwierigste Arbeit während des Drehs. Von der Sprache der Bajau nach Bahasa Indonesia und dann ins Englische. Zu unseren abendlichen Übersetzungsrunden stießen oft neue Gesichter hinzu, das war sehr schön. Jeder hat bei der Übersetzung geholfen. Und so habe ich viele Leute kennengelernt. Für ein paar Tage kam Bernd Schoch zu Besuch. Er begleitet das Projekt künstlerisch und hat mir für den weiteren Dreh Input gegeben.

Wakatobi Insel © Yannick Kaftan Wakatobi Insel | © Yannick Kaftan
Zeit und Abgeschiedenheit ist das Thema des Projektes 5Inseln/Dörfer. Die Fischer und die Frauen als Fischlieferanten stehen in Ihrem Film als Protagonisten.  Was verbindet das Thema mit den Protagonisten in Ihrem Film aus Ihrer Perspektive? Wie sehen Sie das?

Die Fischer gehen einer sehr eintönigen, körperlichen Arbeit nach. Ihr Tagesablauf variiert kaum und das Fischen, wie sie es betreiben, ist sehr umständlich und erfordert viel Geduld, da man nur einen Fisch pro Wurf fangen kann. Und auf so einem kleinen Boot ist man doch recht abgeschieden auf dem weiten Ozean.

In der Postproduktion habe ich alle Land-Elemente aus dem Bild retuschiert, um das Gefühl der Abgeschiedenheit auf großer See zu verstärken. Auch die Frauen verfolgen eine recht monotone Arbeit, der Weg zum Fischmarkt ist wohl immer der gleiche. Und auch das Reden und das Rudern geben einen klaren Rhythmus vor. Arbeit und Leben waren in meiner Wahrnehmung stark miteinander verwoben. Es wirkt wie ein großer Kreislauf, in dem jeder in der Familie seinen Part einnimmt; die Kinder sind vielleicht eine Ausnahme, aber auch sie helfen mit, wo sie können. Diese starke Verschmelzung von Arbeit und Leben und die Dringlichkeit der Arbeit haben sich mir sehr eingeprägt.

Gibt es Messages, die Sie mit Ihrem Film Boats an die Filmzuschauer in Europa/Deutschland rüberbringen möchten?

Ich habe versucht das Alltägliche zu etwas Fiktivem, zu einer Geschichte zusammenzustellen. Darin besteht für mich auch die Kraft im Dokumentarfilm. Mit etwas Glück fängt man eine Situation ein, an der sich vieles ablesen lässt. Die Fischer sind dieser Maschine ausgeliefert. Wenn der Motor nicht mehr anspringt, sich nicht reparieren lässt, kommen sie von dort nicht mehr weg. Diese Situation birgt etwas Dramatisches. Und mit mir im Boot war es dazu auch noch grotesk. Ich meine, die Situation ist schon komisch, da sitzt dieser Dude aus Deutschland und filmt die Fischer und erhofft sich weiß-Gott-was. Und letztendlich passiert etwas ganz Anderes. Ich mag diese Rolle des Fremden, Unerfahrenen, das bringt eine interessante Dynamik in diesen alltäglichen Ablauf. Und schließlich ist es schön, wie selbstverständlich ich zu einem Teil der Szene wurde. Es war eigentlich sehr humorvoll. Und der Humor verbindet, vielleicht wäre das dann die Message.

Der Film entstand aus Ihrer Perspektive und Ihren eigenen Beobachtungen. Dennoch wird der Film auch Zuschauer in Indonesien gewinnen können. Welche Art und Methode verwendeten Sie bei dem Film, um ihn besser bzw. universal verständlich zu machen?

Ich gehe stark vom Bild aus. Ich mag es, wenn ein Bild einen Raum für einen Ort oder für das Schicksal eines Menschen öffnet. Und dann kann ich als Zuschauer diesen Raum betreten und fühle mich dem Ort oder dem Menschen nahe. Ich denke, das kann einen dann fesseln. Also dieses Gefühl vor Ort zu sein, in eine andere Welt eintauchen zu können, etwas von der Atmosphäre des Ortes zu spüren.

Idealerweise ist das Gesprochene nur Beiwerk und etwas das einfach passiert, so wie die Geräusche der Wellen oder der Motor des Bootes. Das macht es dann auch universell, wenn man so will. Da sind einfach Menschen auf einem Boot und es kommen anderen Menschen auf Booten und es wird sich unterhalten, dann wird der Motor repariert und die Fahrt geht weiter. Bei den Frauen mag ich vor allem den Rhythmus des Ruderns und die Art und Weise wie sie miteinander sprechen, dieses Repetitive, und den Tonfall ihrer Stimmen.

Gibt es weitere Pläne für Ihren Film in der Zukunft? Wie etwa die Teilnahme an einem Filmfestival in Europa/Deutschland etc.?

Die fünf Filme werden im April auf der Dokumentarfilmwoche in Hamburg laufen, worüber ich mich sehr freue. Und ich hoffe, es wird noch weitere Vorführungen geben. Vor allem finde ich es wichtig, die Filme auf den Inseln zu zeigen, auf denen sie entstanden sind, sie in gewisser Weise dorthin zurückzubringen. Und ich freue mich auf den zweiten Teil des Projektes, in dem die indonesischen FilmemacherInnen nach Deutschland kommen und in unserer Begleitung in verschiedenen Dörfern ihre Filme drehen werden.

Indonesien – woran denken oder dachten Sie? Was fällt oder fiel Ihnen ein, wenn Sie das Wort Indonesien hören bzw. hörten – vor der Reise, vor den Dreharbeiten und nach der Reise, nach der Herstellung des Filmes?

Vor der Reise hatte ich wirklich nur ein sehr vages Bild: Bali und Tourismus, die Kolonialzeit und die Angst vor Malariamücken, um es sehr grob zusammenzufassen. Wenn ich jetzt an Indonesien denke… das ist schwer in Worte zu fassen. Das ist eine Mischung aus Erinnerungen, Gesichtern, Gerüchen, Nelken-Zigaretten, den Geruch von Benzin, GoJeck, lauten Straßen, Fisch und Reis, Hitze, Ibuprofen, Karaoke und Gastfreundschaft - ich habe mich immer sehr willkommen gefühlt.

Ich denke, es gibt einen Punkt beim Reisen, an dem einen die Eindrücke überwältigen, so dass man aufhört sie einordnen oder verstehen zu wollen und dann nimmt man es einfach so wie es ist und gibt sich dem hin. Das finde ich schön. Ich glaube mir bleiben vor allem die vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, das war sehr bereichernd. Aber ehrlich gesagt ist mir das Land doch unbegreiflich.