Deutsche Saison | Interview Retrofuturisten

Retrofuturisten - Artikel
© Retrofuturisten Berlin: Photo courtesy of Matthias Heyde

Retrofuturisten entdecken kreative Energie in Yogyakarta


Sie haben Papermoon bereits zweimal getroffen, bevor Ende Juni in Yogyakarta die erste Arbeitsphase stattfand. Was waren Ihre Erwartungen?
 
Wir haben mehr darüber erfahren, wie die Kunstszene in Indonesien und besonders in Yogyakarta aussieht und funktioniert. Da wir bereits angefangen hatten, mit Studenten aus Berlin, die auch Teil der Koproduktion sind, zu arbeiten, waren wir sehr neugierig zu sehen, wie die Ideen in unsere Geschichte passen, an der wir gemeinsam mit Papermoon arbeiten. Wir haben eine bessere Vorstellung von der Atmosphäre in Yogyakarta bekommen, als wir historisch und kulturell wertvolle Plätze besucht haben – wir wollten aber auch den Alltag von Papermoon erleben. Seite an Seite mit ihnen zu arbeiten hat es uns ermöglicht, eine tiefere Verbindung herzustellen, und Erfahrungen und Ideen miteinander zu teilen.
 
Können Sie uns mehr zu dem Konzept der Koproduktion und der Bedeutung ihres Themas “Grenzen” erzählen?
 
Zu Beginn haben wir uns auf ein Thema geeinigt, das beide Gruppen inspiriert. Das Thema “Grenzen” trägt jeder Mensch in sich. Wir haben diskutiert und uns kontinuierlich Gedanken darüber gemacht, wie viele verschiedene Bedeutungen und Perspektiven dieses Thema hervorbringt, sei es auf kultureller, philosophischer, religiöser oder sozialer Ebene. Dies war ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeitsphase. Basierend auf einer Geschichte, gemeinsam entwickelt von Papermoon und Retrofuturisten, haben wir dann damit begonnen, verschiedene Puppen herzustellen.
 
Ein weiterer interessanter Teil des Arbeitsprozesses ist es, eine Bühne zu bauen und Material zu verwenden, das einfach in einem Flugzeug transportiert werden kann. In einem dreiwöchigen Workshop mit Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin haben wir viel im Bereich Live-Animation gearbeitet, indem wir kleine Beamer und Isadora-Technologie verwendet haben, um Projektionen und Pop-ups zu entwickeln. Diese beiden Dinge sind direkt mit der Handlung und dem Thema unserer Koproduktion verbunden, weil die Charaktere in unserer Geschichte versuchen, Grenzen zu überwinden, egal ob es sich dabei um eine innere oder konkrete äußere handelt.
 
Was haben Sie bislang voneinander gelernt?
 
Zu sehen, wie Papermoon es gescha.t hat, eine ganze Gemeinschaft rund um ihr Puppentheater aufzubauen, war sehr interessant und inspirierend für uns. Die Anforderungen des täglichen Lebens und unangekündigte Gäste waren beispielsweise niemals ein Störfaktor für sie, sondern vielmehr Inspiration. Es war auch schön zu sehen, wie o.en die Gruppe mit anderen Künstlern umgeht, weil wir in Berlin das gleiche versuchen: Erfahrungen teilen, neue Netzwerke schauen. Es war also vielmehr eine Bestätigung dessen, worüber wir uns bereits im Vorfeld Gedanken gemacht haben, und zu sehen, dass wir die gleichen Visionen haben. Papermoon stellt auch Verbindungen zu anderen Gruppen her, ohne jegliche Konkurrenzgedanken und ohne Angst zu haben, ihre Einzigartigkeit zu verlieren.
 
Wir haben zwei Proben für die Produktion Mwathirika besucht, bei denen der Gemeinschaftsgeist der Gruppe sehr deutlich zu sehen war: sie haben an einer Festivalversion gearbeitet, und jedes einzelne Mitglied der Gruppe hat sich für die Au.ührung verantwortlich gefühlt. Dieser Ansatz ist auch für unsere Arbeitsweise sehr wichtig, wenn es darum geht, Kunst zu kreieren. Wir haben also eine ähnliche Einstellung und Denkweise – eine gute Basis, um einen gemeinsamen kreativen Prozess in Gang zu bringen.
 
Was waren Ihre ersten Eindrücke von Yogyakarta? Auch im Vergleich zu Berlin, wenn wir von kreativer Energie sprechen?
 
Yogyakarta scheint eine Stadt zu sein, in der Kunst und Kultur zum Leben erwachen, ähnlich wie in Berlin, aber auf eine ganz andere Art und Weise. Die Kunst ist lokal konzentriert; die Künstler kennen sich untereinander und bauen gute Beziehungen zueinander auf. Es gibt viele Tre.punkte für Künstler, während es in Berlin oft schwierig ist, den Überblick über neue Entwicklungen zu behalten, da das Feld sehr weit ist.
 
In Yogyakarta ist auch das Netzwerk, das zwischen Künstlern und Ö.entlichkeit besteht, einzigartig und intensiv – dies war eine neue Erfahrung für uns. Das Leben in Yogyakarta ist stark auf Gemeinschaft ausgerichtet, während Berlin eine Stadt von Einzelkämpfern ist. Dennoch gibt es innerhalb der Kunstszene vermehrt den Wunsch, sich starker untereinander zu vernetzen und einen Austausch zwischen den einzelnen Disziplinen zu fördern. In dieser Hinsicht können wir noch eine ganze Menge von den Künstlern in Yogyakarta lernen.


Dieses Interview erschien zuerst auf der Webseite der Deutschen Saison/Retrofuturisten