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Carola Lentz © Goethe-Institut/Loredana La Rocca

Impulsvortrag von Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts am 25.10.2022 im Goethe-Institut Villa Kamogawa


Carola Lenz, die nach Ausbruch der Corona-Pandemie zur Präsidentin des Goethe-Instituts ernannt wurde, besuchte im Herbst 2022 auf ihrer ersten Auslandsreise seit ihrem Amtsantritt das Goethe-Institut in Kyoto. Sie hielt in Zusammenarbeit mit der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Kyoto einen Vortrag über die Geschichte und die Herausforderungen des Goethe-Instituts.


Zu Geschichte und aktuellen Herausforderungen des Goethe-Instituts

Wir leben in einer durch Ungleichheit und Machtgefälle geprägten Welt. Der Aggressionskrieg Russlands in der Ukraine führt uns auf dramatische Weise vor Augen, dass wir die Friedensordnung in Europa zu selbstverständlich vorausgesetzt haben. Aber auch jenseits des manifesten Kriegs beobachten wir nicht nur in Europa, sondern weltweit eine Zunahme von Autoritarismus, Totalitarismus und Illiberalismus. Das fordert die Außenpolitik demokratisch-freiheitlich verfasster Staaten und den internationalen kulturellen Austausch auf neue Weise heraus. Meinungsfreiheit, aktive Kulturszenen und starke Zivilgesellschaften sind zentrale Voraussetzungen für einen gleichberechtigten globalen Austausch.

Auch die Asymmetrie zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden ist noch längst nicht überwunden. Die kulturellen und politischen Eliten der ehemaligen Kolonien thematisieren zunehmend das koloniale Erbe und die Kolonialgeschichte, fordern die Rückgabe von in kolonialen Kontexten erworbenen und geraubten Kulturgütern und verlangen eine umfassende Dekolonisierung—Forderungen, die sich auch verschiedene Diaspora-Gruppen und Minderheiten im globalen Norden zu eigen machen. Die in den USA entstandene Black Lives Matter-Bewegung, die in Deutschland seit einigen Jahren eine intensivere Auseinandersetzung mit Rassismus angestoßen hat, schlägt auch thematische Brücken zur Kolonialgeschichte. Die Forderung, diese Geschichte aufzuarbeiten, hat zuletzt sogar in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung Eingang gefunden. Die erbitterten Debatten in Deutschland um antisemitische Kunstwerke auf der documenta 15 und um die Frage des Gewichts von Holocaust und Kolonialverbrechen in der deutschen Erinnerungspolitik zeigen allerdings auch, dass hier noch einen langen Weg vor uns haben.

Welche Rolle können internationale Kulturpolitik und die Arbeit von Organisationen wie das Goethe-Institut in einem solchen postkolonialen Kontext und in einer durch Krieg und Autoritarismus und Repression geprägten Weltlage spielen? Während manche Politiker deutsche Kultur- und Spracharbeit im Ausland als Instrumente von „soft power“ im nationalstaatlichen und europäischen Interesse betrachten, sehen postkoloniale Intellektuelle darin eher neue Formen des Kulturimperialismus. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands und muss sich selbst immer wieder kritisch hinterfragen. Dabei sollte sie insbesondere zu mehr Austausch zwischen deutschen und europäischen Wissenschaftlern und kulturellen Akteuren und Kulturmachern und Intellektuellen aus außereuropäischen Weltregionen beitragen.

In meinem Vortrag möchte ich zum gemeinsamen Nachdenken über diese aktuellen Herausforderungen von Kulturpolitik beitragen. Fertige Antworten hat, so glaube ich, keiner, auch das Goethe-Institut nicht. Umso interessanter scheint mir ein kurzer Blick auf die Geschichte dieser Institution und seinen Erfahrungsschatz.


In der Geschichte des Goethe-Instituts, das 1951 gegründet wurde, spiegelt sich die Entwicklung der bundesrepublikanischen auswärtigen Kulturpolitik. Sie reagierte stets auf globale politische Herausforderungen, entwickelte sich aber auch im Kontext von Veränderungen der deutschen Gesellschaft—und in gewisser Weise, das ist jedenfalls meine Interpretation beispielsweise der massiven Budgetkürzungen, mit denen das Goethe-Institut aktuell konfrontiert ist, gibt es Primat der Innenpolitik. Zugleich reagieren die deutschen Kulturmittler, denen die auswärtige Kulturpolitik übertragen wurde, nicht auf externe Kontexte, sondern setzen selbst aktiv Impulse und stoßen selbst kulturelle und kulturpolitische Veränderungen an.

Entstanden ist das Goethe-Institut aus der 1925 gegründeten Deutschen Akademie, der bis 1945 größten deutschen Kulturorganisation im Ausland, die zur Förderung der deutschen Sprache 1932 eine „Goethe-Institut“ getaufte Abteilung einrichtete. Die Akademie wurde 1945 aufgelöst, aber ehemalige Mitglieder der Akademie gründeten 1951 das Goethe-Institut in Westdeutschland wieder. Erklärte Aufgabe blieb der Sprachunterricht und Fortbildungen für ausländische Deutschlehrer und Deutschlehrerinnen.

Die Bundesrepublik setzte in der auswärtigen Kulturpolitik zunächst auf Zurückhaltung. Doch im Kontext des Kalten Kriegs und weil die DDR durch Kulturaktivitäten im Ausland internationale Anerkennung zu erlangen versuchte, verstärkte Bonn massiv sein kulturpolitisches Engagement. Ab 1958 übertrug das Auswärtige Amt seine bis dahin im Ausland unterhaltenen Kulturinstitute dem Goethe-Institut, womit das Institut an Bedeutung gewann und sich ein neues Aufgabenfeld erschloss: die internationale Kulturarbeit. Im Inland markierte die Bundesregierung den Bruch mit der nationalsozialistischen propagandistischen Kulturpolitik durch Dezentralisierung; Kultur und Bildung wurden Länderaufgabe. Mit der Kulturarbeit im Ausland wurden unabhängige Mittlerorganisationen wie der Deutsche Akademische Austauschdienst und eben das Goethe-Institut beauftragt. Erklärtes Ziel: Vertrauen in Deutschland wieder herstellen, Freunde in der Welt gewinnen, für das „bessere“ Deutschland werben, der Welt das „Gute, Schöne, Edle“ der deutschen Kultur zeigen.

Unter der ersten sozialdemokratischen Koalition Ende der 1960er Jahre lautete die Devise dann: kultureller Austausch. Internationale Kulturarbeit wurde als Außenpolitik der Gesellschaften begriffen und aufgewertet. Neben Diplomatie und Wirtschaftspolitik galt Kulturpolitik nun als „dritten Säule“ der Außenpolitik—eine Formulierung, die 1970 der damalige Bundeskanzler Willy Brandt prägte. Zwar hatten kulturelle Begegnungen stets auch auf deutsche Künstler zurückgewirkt, doch nun wurde die partnerschaftliche Zusammenarbeit programmatisch. Außerdem sollte Deutschland in all seinen Facetten dargestellt werden, was für Kontroversen sorgte. Kooperationen des Goethe-Instituts mit Künstlern wie Günter Grass und Klaus Staeck, die konservativer Politiker für nicht repräsentativ hielt, provozierten jahrzehntelang Konflikte zwischen dem Goethe-Institut und politischen Amtsträgern.

Mit dem Umbruch von 1989/90 taten sich neue Möglichkeiten auf. Zum einen galt es, der Wiedervereinigung Rechnung zu tragen. Zum anderen gründete das Goethe-Institut im ehemaligen Ostblock zahlreiche Institute. Die Bundesregierung fuhr zwar einen strengen Sparkurs, der auch das Goethe-Institut hart traf. Dennoch erlebte es die „Osterweiterung“ euphorisch als zweite Gründungswelle.

Die Terroranschläge in New York vom 11. September 2001 und generell die weltweite Zunahme von Kriegen und Konflikten beförderten um die Jahrtausendwende neue Schwerpunkte in der auswärtigen Kulturpolitik: Konfliktprävention und Friedenssicherung. Ein regionaler Fokus lag nun auf Nahost und den sich rasant entwickelnden Schwellenländern. Das Goethe-Institut sollte, so wollte es auch das Außenministerium, Dialog „auf Augenhöhe“ fördern, insbesondere zwischen „islamisch geprägten“ und „westlichen“ Ländern. Zugleich trieb das Goethe-Institut Projekte zur europäischen Integration voran. Und es verordnete sich umfassende interne Reformen: strategische Steuerung, Budgetierung und Regionalisierung der Arbeit. Das sollte nicht zuletzt erlauben, Themensetzungen und Impulse aus der weltweiten Arbeit mit lokalen kulturellen Partnern stärker aufzugreifen. Das Goethe-Institut arbeitet seither zunehmend multilateral, als globaler Vernetzer.

Kriege, Flucht- und Migrationsbewegungen und die Zunahme illiberaler Kontexte in vielen Weltregionen fordern die auswärtige Kulturpolitik auch weiterhin heraus. Das Goethe-Institut setzt darum auf europäische und generell multilaterale Zusammenarbeit und stärkt die Zivilgesellschaften. Mit Kultur-, Sprach- und Informationsarbeit gilt es auch, geschützte Frei- und Denkräume anzubieten. Neue Themen in der auswärtigen Kulturpolitik und am Goethe-Institut sind—neben dem schon seit langem bearbeiteten Thema des Antisemitismus—Rassismus und deutsche Kolonialgeschichte. Hier wird auch die enge Verflechtung von „Innen“ und „Außen“ in der Kulturpolitik deutlich. Um globale Diskurse und Impulse aus seiner weltweiten Arbeit in Deutschland sichtbar zu machen, hat das Goethe-Institut Formate wie das Kultursymposium Weimar etabliert und seit 2021 an mehrere Inlandsinstituten Zentren internationaler Kultureller Bildung eingerichtet. Mit besonderen Angeboten unterstützt es auch Migrantinnen und Flüchtende in Deutschland. Mit dem Krieg in der Ukraine, aber der andauernden Verfolgung von Künstlern und Intellektuellen in Afghanistan, Russland, Belarus und vielen anderen Ländern gewinnen auch neue Format wie ein „Proxy-Institut“ oder das „Goethe-Institut im Exil“. Letzteres ist in Berlin angesiedelt, ein analoges Kulturzentrum, durch digitale Angebote ergänzt, das Kulturschaffende in der Diaspora zusammenbringt und eine Bühne für kulturelle Performances bietet, das Kontakthalten mit Kolleginnen in der Heimat unterstützt und Begegnungen mit deutschen Künstlern und Intellektuellen ermöglicht. Auch die aktuelle Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Coronapandemie und den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit zeigt: die neuen globalen Herausforderungen müssen auch als Chance genutzt werden, um die eigenen Arbeitsweisen immer wieder neu zu justieren.


Bei allen Veränderungen gab und gibt es Spannungsfelder, in denen sich die internationale Kulturpolitik Deutschlands und damit die Arbeit des Goethe-Instituts bewegt. Drei davon möchte ich kurz skizzieren.

Erstens: Die auswärtige Kulturpolitik in Deutschland wird von unabhängigen Mittlerorganisationen gestaltet, doch sind diese weitgehend abhängig von der Finanzierung durch die Bundesregierung. Die damit verbundenen Erwartungen sind teilweise in vertraglicher Form festgelegt und in jüngerer Zeit auch in Zielvereinbarungen konkretisiert. Inzwischen hat sich eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Goethe-Institut und der Bundesregierung etabliert, doch es gab und gibt durchaus gelegentlich Dissens über Ziele, Wertorientierungen und Vorgehensweisen. Und unsere weltweiten Partner nehmen uns manchmal sehr wohl als verlängerten Arm der Bundespolitik wahr. Zugleich bietet die Organisationsform Verein besondere Chancen: Das Goethe-Institut kann in vielen Bereichen freier agieren als es einer staatlichen Einrichtung möglich wäre. Damit verbunden ist die Frage nach der Autonomie des Künstlerischen: Gilt es, bestimmte Werte zu vermitteln, Künstlerinnen entsprechend auszuwählen und die dargestellte Kunst zu kuratieren? Oder sehen wir künstlerischen Kreationen als unzensierte Seismografen der aktuellen Welt, inklusive Weltflucht und ganz anderer Schwerpunktsetzungen als der unsrigen?

Zweitens: Staatlich geförderter Kulturaustausch gründet auf dem Konzept der Nationalstaatlichkeit, und Mittlerorganisationen wie das Goethe-Institut sind den deutschen Steuerzahlern gegenüber rechenschaftspflichtig. Doch ist unsere Gesellschaft längst global verflochten, und Kulturarbeit braucht transnationale Konzepte und Begegnungen. Das Goethe-Institut hat sich verpflichtet, ein „umfassendes Deutschlandbild“ zu vermitteln. Doch was gehört alles dazu, und wer definiert das darzustellende kulturelle „Wir“? Auch die wichtige Kooperation europäischer Kulturinstitute (z.B. im Verbund EUNIC) steht vor solchen Fragen: Welche Vorstellungen von europäischer Kultur liegen ihr zugrunde, und wie sollte europäische Kulturpolitik in der Welt auftreten?

Drittens: Kulturarbeit findet in einer durch Ungleichheit und Machtgefälle geprägten Welt statt. Wie kann demokratisch-freiheitliche Kulturarbeit in autoritären Kontexten aussehen; wo ist die rote Linie bei Kooperationen mit illiberalen Regimen; wie können wir gefährdete Partner schützen? Bei der kulturellen Zusammenarbeit mit Akteuren im und aus dem globalen Süden müssen wir uns fragen (lassen): Wer kuratiert, wer bestimmt die Themen? Wie gehen wir mit Ungleichheit etwa bei Mobilitätschancen und Ressourcenausstattung um? Wie navigieren wir zwischen dem Vorwurf des Kulturimperialismus und der Verantwortung für Inhalte des Kulturaustauschs, wenn wir Kuratierungen aus der Hand geben und künstlerische Freiheit nicht beschneiden wollen?

Wir können diese Spannungsfelder nicht auflösen, sondern uns nur kontinuierlich damit auseinandersetzen. Für die Bearbeitung dieser Herausforderungen ist der große Erfahrungsschatz, den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch die Partner des Goethe-Instituts in den letzten Jahrzehnten gewonnen haben, eine zentrale Ressource. Die Stärkung von Zivilgesellschaften und das Schaffen von Frei- und Denkräumen werden auch künftig wichtige Bausteine unserer Arbeit bleiben. Ebenso wichtig ist, vielfältige Perspektiven aus dem globalen Süden und generell den verschiedensten Weltregionen in Deutschland bekannter zu machen. In jedem Fall ist schon viel gewonnen, so meine ich, widersprüchliche Gemengelagen und Herausforderungen offen zu thematisieren und zum Anlass zu nehmen, die Aufgabe des Goethe-Instituts (und anderer Mittlerorganisationen) kritisch zu befragen. Es gilt, wo es nottut, den Kurs immer wieder neu auszurichten. Der aktuelle Krieg, aber auch die massiven Budgetkürzungen, unter denen das Institut derzeit leidet, fordern eine neue intensive Umstrukturierung und Neujustierung heraus. Ich bin aber zuversichtlich, dass das Institut auch diese Herausforderungen meistern wird.


158 Goethe-Institute waren 2021 in 98 Ländern tätig, davon zwölf in Deutschland.
Weltweit beschäftigt das Goethe-Institut mehr als 4.000 Mitarbeiter*innen.
Bilanz 2021: Mehr als 215.000 Sprachprüfungs-B1-Zertifikate wurden erworben.
Über 18.000 Kulturveranstaltungen weltweit erreichten mehr als 13 Millionen Teilnehmer*innen.


Dieser Text wurde bereits in einer früheren Fassung veröffentlicht im Magazin Palais Biron (Ausgabe Nr. 35, Sommer 2022) der BBUG PB35_final_ES_fuer-Website-ohne-149.pdf (bbug.de)


 

Japanische Übersetzung: Sanatsu Itaya

 

Prof. Dr. Carola Lentz, Biografie