CTM Festival:
Experimentelle Klangwelten als Antwort auf die Dissonanzen der Gegenwart
Berlin ist kalt im Januar. Doch in einer Januarnacht des Jahres 2007 erreicht die Stimmung in einem alten Club in einem ehemaligen Ost-Berliner Postbahnhof gerade ihren Höhepunkt, als ein Gitarrenverstärker während des Auftritts des Burial Chamber Trio mit Frontmann Greg Anderson, Gitarrist bei Sunn O))), auf der Bühne Feuer fängt. Alle Sicherungen im Club fliegen raus, die alten Stromleitungen sind schlicht überlastet. Jan Rohlf, Mitveranstalter des CTM Festivals, erinnert sich noch lebhaft an diesen Moment, als der gesamte Club von einer Sekunde auf die andere in Dunkelheit versank. „Ich dachte, alle würden gehen, doch niemand verließ den Raum. Sie harrten einfach im Dunkeln aus. Als der Techniker etwa 40 Minuten später mit schwarz verschmiertem Gesicht und einer neuen Sicherung zurückkehrte, brach lauter Jubel aus.“ Die Energie dieser Nacht beschreibt perfekt den einzigartigen Charakter des CTM Festivals, das seit über 27 Jahren dazu beiträgt, Berlin als Zentrum der experimentellen Musik zu etablieren. Eine ausgefeilte Performance ist hier zweitrangig. Vielmehr geht es um die Spannung und Solidarität zwischen Publikum und Künstler*innen, die sich für unvorhersehbare Momente und ungewöhnliche Erlebnisse zusammenfinden.
Erste Experimente im Club
Das CTM Festival startet ganz bescheiden. 1999 machen sich Rohlf, Lillevan Pobjoy, Marc Weiser und fünf andere Mitstreiter Gedanken über eine neue Veranstaltungsform, eine Verbindung aus Klangexperimenten, Underground-Clubkultur und Medien. Damals gibt es in Berlin unzählige ungenutzte Flächen und leerstehende Gebäude, die Künstler*innen viel Freiraum für Experimente bieten. Erster Veranstaltungsort ist der Club Maria am Ostbahnhof in einem umgebauten ehemaligen Ost-Berliner Postbahnhof. In der kleinen Location, die so einige unerwartete Hindernisse bietet, trifft eine große Schar junger Künstler*innen auf ein interessiertes Publikum, das neue Klänge der elektronischen Musik erkunden will.Musik ohne Genregrenzen in erweiterten Erfahrungsräumen
Seit den 2010er-Jahren hat das CTM Festival die Grenzen der „Musik“ weiter ausgelotet. Ein herausragendes Beispiel ist die Eishalle, für die 2019 eine Eisbahn auf den Betonflächen des Berghain errichtet wurde. Hier konnte das Publikum zur Musik verschiedener DJ-Sets über die glatte Eisfläche tanzen. In diesem Moment war das Musikerlebnis nicht nur auf das Hören beschränkt, sondern setzte auch ein Gefühl für das eigene Gleichgewicht und die Körperlichkeit des Raums voraus. Im selben Jahr enthüllte der deutsche Künstler Nik Nowak seine zwei Tonnen schwere Lautsprecherinstallation „The Mantis“. Dieses mobile Soundsystem, das einem riesigen Insekt gleicht, greift den „Lautsprecherkrieg“ der 1960er-Jahre auf, als sich Ost- und West-Berlin gegenseitig mit Propaganda-Meldungen beschallten. Die Installation spielt auf satirische Weise mit dem Gedanken, dass Klang nicht nur zum Hören bestimmt ist, sondern auch zu einem Mittel der Aggression, des Widerstands und zu einer politischen Waffe werden kann.Harmonie in der Dissonanz
„dissonate <> resonate“. So lautet das Motto des 27. CTM Festivals, das im Januar dieses Jahres in legendären Berliner Venues wie dem Berghain, der Volksbühne, dem Radialsystem und dem Haus der Visionäre stattfindet. Für Rohlf hat die „immer gewaltvollere und unversöhnlichere“ aktuelle Lage etwas „Dissonantes“: „Musik kann zwar keine Konflikte lösen, doch sie kann einen Raum für ein Miteinander schaffen.“ Er sieht Musik als Mittel, um Spannungen, Widersprüche, Brüche und komplexe Gefühle zum Ausdruck zu bringen, wenn die Worte versagen. Musikalische Erlebnisse können seiner Meinung nach ein Gemeinschaftsgefühl schaffen, das Spaltungen überwindet. Mit dem Festival möchte er einen Raum bieten, an dem Menschen trotz aller Krisen und Konflikte zusammenkommen können.Dieser Leitgedanke spiegelt sich auch in seinen Kooperationen mit Südkorea wider. In Zusammenarbeit mit dem WeSA-Festival in Seoul hat das CTM Festival koreanische Künstler*innen wie GAZAEBAL und Yetsuby eingeladen. Als weiterer Höhepunkt steht eine gemeinsame Performance des koreanischen Künstlers Tohal Kyna und der Berliner Künstlerin Sara Persico auf dem Programm des CTM Festivals. Das Projekt, das Kynas rohen Noise mit Persicos experimentellen Vocals und elektronischen Sounds verbindet, wurde im November bereits in Seoul aufgeführt. Bisher gab es kaum Berührungspunkte zwischen den Musikszenen in Berlin und Seoul, deren Reichweite durch die geografische und kulturelle Distanz beschränkt war. Bei dieser Zusammenarbeit geht es nicht darum, diese Kluft durch ein gegenseitiges „Verständnis“ zu überwinden, sondern darum, zwei Szenen miteinander zu konfrontieren, die sich in unterschiedlichen Umfeldern entwickelt haben, und dem Publikum das Entdecken möglicher Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu überlassen.
Tohal Kyna & Sara Persico, WeSA X CTM ‘Urban Moments,’ THILA Ground, 18 November 2025 | © WeSA, Sangmoon Lee
Konzept: Sohee Shin
Text: Eunji Park
Übersetzung ins Englische: STAR Korea AG
Übersetzung ins Deutsche: Kathrin Hadeler
Fotos und Archivmaterial: Jan Rohlf