CTM Festival:
Experimentelle Klangwelten als Antwort auf die Dissonanzen der Gegenwart

Das CTM Festival startete 1999 mit einem kleinen Club in einem ehemaligen Ost-Berliner Postbahnhof. Seitdem lotet es alljährlich im Winter die Grenzen der „Musik“ neu aus. Auf diesem Festival sind unvorhersehbare Dissonanzen wichtiger als perfekte Harmonie, ungewohnte und neuartige Erfahrungen zählen mehr als eine ausgefeilte Performance. In der heutigen Welt mit ihren zunehmenden Spaltungen und Konflikten fragt das CTM Festival auch in diesem Jahr: Wie kann uns Sound miteinander verbinden?
 

Yousuke Yukimatsu CTM Exponential Function 2025 © CTM, Eunice Maurice

Berlin ist kalt im Januar. Doch in einer Januarnacht des Jahres 2007 erreicht die Stimmung in einem alten Club in einem ehemaligen Ost-Berliner Postbahnhof gerade ihren Höhepunkt, als ein Gitarrenverstärker während des Auftritts des Burial Chamber Trio mit Frontmann Greg Anderson, Gitarrist bei Sunn O))), auf der Bühne Feuer fängt. Alle Sicherungen im Club fliegen raus, die alten Stromleitungen sind schlicht überlastet. Jan Rohlf, Mitveranstalter des CTM Festivals, erinnert sich noch lebhaft an diesen Moment, als der gesamte Club von einer Sekunde auf die andere in Dunkelheit versank. „Ich dachte, alle würden gehen, doch niemand verließ den Raum. Sie harrten einfach im Dunkeln aus. Als der Techniker etwa 40 Minuten später mit schwarz verschmiertem Gesicht und einer neuen Sicherung zurückkehrte, brach lauter Jubel aus.“ Die Energie dieser Nacht beschreibt perfekt den einzigartigen Charakter des CTM Festivals, das seit über 27 Jahren dazu beiträgt, Berlin als Zentrum der experimentellen Musik zu etablieren. Eine ausgefeilte Performance ist hier zweitrangig. Vielmehr geht es um die Spannung und Solidarität zwischen Publikum und Künstler*innen, die sich für unvorhersehbare Momente und ungewöhnliche Erlebnisse zusammenfinden.

Erste Experimente im Club

Das CTM Festival startet ganz bescheiden. 1999 machen sich Rohlf, Lillevan Pobjoy, Marc Weiser und fünf andere Mitstreiter Gedanken über eine neue Veranstaltungsform, eine Verbindung aus Klangexperimenten, Underground-Clubkultur und Medien. Damals gibt es in Berlin unzählige ungenutzte Flächen und leerstehende Gebäude, die Künstler*innen viel Freiraum für Experimente bieten. Erster Veranstaltungsort ist der Club Maria am Ostbahnhof in einem umgebauten ehemaligen Ost-Berliner Postbahnhof. In der kleinen Location, die so einige unerwartete Hindernisse bietet, trifft eine große Schar junger Künstler*innen auf ein interessiertes Publikum, das neue Klänge der elektronischen Musik erkunden will. Seitdem definiert sich das CTM Festival als „Festival für abenteuerliche Musik und Kunst“, das weniger auf musikalische Inhalte als auf eine stetige Weiterentwicklung des Sounds ausgerichtet ist. In den kommenden Jahren wandern die Veranstaltungen des CTM weiter durch die Stadt, unter anderem in das „Haus des Lehrers“ am Alexanderplatz, in das ehemalige DDR-Staatstheater Volksbühne und mit dem Berghain in das Mekka der Berliner Techno-Szene. Dieser Club in einem ehemaligen Heizkraftwerk ist wegen der hohen Decken und Betonwände für seine einzigartige Akustik bekannt. Die Volksbühne war schon vor der Wiedervereinigung ein kulturelles Zentrum der DDR und bietet auch heute noch experimentellem Theater und Performances eine Bühne. Darüber hinaus sind die Festival-Locations nicht nur Veranstaltungsflächen, sondern ein weiteres kreatives Element im musikalischen Gesamterlebnis – vom langen Nachhall in einer Kirche über die stickige Atmosphäre in einem Club bis hin zur weißen Stille in einer Ausstellungshalle. Die Venues verbinden zudem Klanginstallationen, Performances und Videoarbeiten miteinander, um das reine „Musik“-Erlebnis zu durchbrechen – was vom Publikum nicht nur als angenehm empfunden wird, aber auch Raum für neue Hörerfahrungen bietet.

Musik ohne Genregrenzen in erweiterten Erfahrungsräumen

Seit den 2010er-Jahren hat das CTM Festival die Grenzen der „Musik“ weiter ausgelotet. Ein herausragendes Beispiel ist die Eishalle, für die 2019 eine Eisbahn auf den Betonflächen des Berghain errichtet wurde. Hier konnte das Publikum zur Musik verschiedener DJ-Sets über die glatte Eisfläche tanzen. In diesem Moment war das Musikerlebnis nicht nur auf das Hören beschränkt, sondern setzte auch ein Gefühl für das eigene Gleichgewicht und die Körperlichkeit des Raums voraus. Im selben Jahr enthüllte der deutsche Künstler Nik Nowak seine zwei Tonnen schwere Lautsprecherinstallation „The Mantis“. Dieses mobile Soundsystem, das einem riesigen Insekt gleicht, greift den „Lautsprecherkrieg“ der 1960er-Jahre auf, als sich Ost- und West-Berlin gegenseitig mit Propaganda-Meldungen beschallten. Die Installation spielt auf satirische Weise mit dem Gedanken, dass Klang nicht nur zum Hören bestimmt ist, sondern auch zu einem Mittel der Aggression, des Widerstands und zu einer politischen Waffe werden kann.
  Allerdings ist unklar, wie lange es dieses musikalische Experiment noch geben wird. Berlin ist nicht mehr die Stadt von 1999. Die Mieten sind gestiegen und die Vorschriften strenger geworden. „Es wird immer schwieriger, nicht-kommerzielle, experimentelle Räume zu erhalten“, erklärt Rohlf. „Was als spontanes Projekt begann, erfordert heute eine minutiöse Planung.“ Die COVID-19-Pandemie und der Anstieg der Lebenshaltungskosten infolge des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine haben diesen Wandel weiter verstärkt. Noch beunruhigender sind die Veränderungen im Kultursektor. Laut Rohlf gibt es „immer weniger Aktionen ohne Solidarität oder finanzielle Untermauerung“. Außerdem drohe die Verspieltheit verloren zu gehen. Auch das Publikum ist weniger finanzkräftig, setzt sich lieber mit Vertrautem auseinander und zeigt immer weniger Bereitschaft für Neues. Zusammen mit dem Ticket wollen die Menschen ein „garantiertes Erlebnis“ kaufen. Die Präsentation neuer und experimenteller Künstler*innen steht auch weiterhin im Mittelpunkt des CTM Festivals. Damit sind allerdings auch Kosten und Überzeugungsarbeit verbunden. Experimente sind heute zu einer Investition geworden, die das Risiko als Variable einpreisen muss. Das CTM Festival ist nach wie vor darum bemüht, eine Balance zwischen dem freigeistigen Chaos von 1999 und dem kalkulierten Experiment von 2025 zu schaffen.

Harmonie in der Dissonanz

„dissonate <> resonate“. So lautet das Motto des 27. CTM Festivals, das im Januar dieses Jahres in legendären Berliner Venues wie dem Berghain, der Volksbühne, dem Radialsystem und dem Haus der Visionäre stattfindet. Für Rohlf hat die „immer gewaltvollere und unversöhnlichere“ aktuelle Lage etwas „Dissonantes“: „Musik kann zwar keine Konflikte lösen, doch sie kann einen Raum für ein Miteinander schaffen.“ Er sieht Musik als Mittel, um Spannungen, Widersprüche, Brüche und komplexe Gefühle zum Ausdruck zu bringen, wenn die Worte versagen. Musikalische Erlebnisse können seiner Meinung nach ein Gemeinschaftsgefühl schaffen, das Spaltungen überwindet. Mit dem Festival möchte er einen Raum bieten, an dem Menschen trotz aller Krisen und Konflikte zusammenkommen können.

Dieser Leitgedanke spiegelt sich auch in seinen Kooperationen mit Südkorea wider. In Zusammenarbeit mit dem WeSA-Festival in Seoul hat das CTM Festival koreanische Künstler*innen wie GAZAEBAL und Yetsuby eingeladen. Als weiterer Höhepunkt steht eine gemeinsame Performance des koreanischen Künstlers Tohal Kyna und der Berliner Künstlerin Sara Persico auf dem Programm des CTM Festivals. Das Projekt, das Kynas rohen Noise mit Persicos experimentellen Vocals und elektronischen Sounds verbindet, wurde im November bereits in Seoul aufgeführt. Bisher gab es kaum Berührungspunkte zwischen den Musikszenen in Berlin und Seoul, deren Reichweite durch die geografische und kulturelle Distanz beschränkt war. Bei dieser Zusammenarbeit geht es nicht darum, diese Kluft durch ein gegenseitiges „Verständnis“ zu überwinden, sondern darum, zwei Szenen miteinander zu konfrontieren, die sich in unterschiedlichen Umfeldern entwickelt haben, und dem Publikum das Entdecken möglicher Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu überlassen.

 
Tohal Kyna & Sara Persico, WeSA X CTM ‘Urban Moments,’ THILA Ground, 18 November 2025

Tohal Kyna & Sara Persico, WeSA X CTM ‘Urban Moments,’ THILA Ground, 18 November 2025 | © WeSA, Sangmoon Lee

Manchmal liefern ungewohnte Klänge das eindrucksvollste Hörerlebnis. Besucher*innen des CTM Festivals benötigen keinerlei Erfahrungen mit experimenteller Musik. Viel wichtiger als das Wissen über ein Genre oder eine bestimmte Musiktheorie ist die Offenheit gegenüber neuen Klängen und unverhofften Sinneseindrücken – um sich mitten im kalten Berliner Winter völlig neuartigen musikalischen Schwingungen hinzugeben. Dissonanzen, die zunächst unbehaglich erscheinen, gehen schon bald in eine rhythmische Bewegung über, die auch die Person neben uns zu erfassen scheint. Ungeachtet unserer Unterschiede gehört vielleicht dieses gemeinsame Schwingen zu einem der wichtigsten Erlebnisse eines CTM Festivals.


Konzept: Sohee Shin
Text: Eunji Park
Übersetzung ins Englische: STAR Korea AG
Übersetzung ins Deutsche: Kathrin Hadeler
Fotos und Archivmaterial: Jan Rohlf

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