Hannah Arendt verstehen:
Die zeitlose
Relevanz ihrer
politischen Philosophie
Frau Suh, in welchem Zusammenhang sind Sie zum ersten Mal mit Hannah Arendt in Berührung gekommen? Was hat Sie veranlasst oder gereizt, sich näher mit ihren Ideenwelten und Werken auseinanderzusetzen?
Ich war zutiefst fasziniert von Arendts politischem Denken, von dem ich zum ersten Mal 1996 während meines Promotionsstudiums in einem Vortrag über Vita activa oder Vom tätigen Leben im Rahmen der Seminare zur Zeitgenössischen Politischen Philosophie hörte. So fasziniert, dass ich Hannah Arendt zum Thema meiner Doktorarbeit machte. Als leidenschaftliche Arendtianerin bin ich seitdem immer tiefer in ihre Theorien abgetaucht. Mein Buch, The Political Aesthetics of Hannah Arendt bildet auf gewisse Weise den Höhepunkt meiner Forschungen der vergangenen drei Jahrzehnte.
Um Arendt allen Leser*innen, die nicht mit ihren Schriften vertraut sind vorstelle, sollte ich vielleicht eine Anekdote über ihre beiden Mentoren erzählen. Arendts erster Professor, Martin Heidegger, veröffentlichte 1927 sein Meisterwerk Sein und Zeit. Nach der Lektüre soll ein weiterer von Arendts Professoren, Karl Jaspers, zu ihr gesagt haben: „Dem Buch fehle es an Gott, Welt und Kommunikation.“ Hier ist zunächst einmal wichtig anzumerken, dass sich Arendts politische Philosophie, vermutlich aufgrund dieser Lehre, auf die Welt (den öffentlichen Raum) und die Kommunikation (Sprechen und Handeln) konzentrierte. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Arendt mit ihrer Definition von Politik als Kommunikation mit der Welt und dem Individuum in den Kern der modernen deliberativen Demokratie vordringt. Außerdem hat Arendt mit der Formulierung einer neuen politischen Philosophie ihren Lehrer Heidegger meines Erachtens übertroffen.
Sie unterrichten einen Kurs mit dem Titel Arendts politische Ästhetik und behandeln in Ihren Seminaren zentralen Themen von Arendt, wie politisches Handeln und ziviler Ungehorsam. Ich würde gern wissen, wie Ihre Student*innen in diesen Lehrveranstaltungen auf Arendts Schlüsselthesen reagieren. Können Sie sich an besonders kontroverse oder inspirierende inhaltliche Auseinandersetzungen in Ihrem Unterricht erinnern? Und welchen Eindruck haben Sie insgesamt von koreanischen Leser*innen? Welche von Arendts Konzepten finden bei ihnen den größten Anklang, und zu welchen Konzepten oder Thesen haben sie eher weniger Zugang?
Nachdem vor kurzem bekannt wurde, dass mir ein Wissenschaftspreis verliehen wird, schrieben mir zwei meiner Student*innen, die meinen Kurs Arendts politische Ästhetik im Rahmen ihres Bachelors belegt hatten, folgende Textnachrichten: „Frau Professorin, ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zum Wissenschaftspreis 2025 der Korean Political Science Association. Aus meiner Zeit am Fachbereich für Geisteswissenschaften wird mir ihr Kurs zu Arendts politischer Ästhetik ganz besonders in Erinnerung bleiben.“ Oder: „Frau Professorin, ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zum Wissenschaftspreis 2025. Ihr Kurs zu Hannah Arendts politischer Ästhetik war mit Abstand der beste Bachelor-Kurs, den ich belegt habe.“ Nach solchen Nachrichten habe ich das Gefühl, mit meinem Unterricht zu Arendts politischer Philosophie etwas erreicht zu haben. Im Masterprogramm behandle ich in meinen Seminaren zur politischen Sozialphilosophie die Grundsätze der modernen Demokratie und die Rechte und Pflichten der Bürger*innen, mit einem Fokus auf Arendts Werken Über die Revolution und Crises of the Republic. Viele meiner Master-Student*innen sind ganz begeistert, über Arendts Thesen einen neuen Einblick in die Disziplin der „politischen Sozialphilosophie“ zu erhalten.
Eine von Arendts Thesen, die bei koreanischen Leser*innen ohne Zweifel den größten Anklang findet, ist die der „Banalität des Bösen“. Vermutlich hat die Popularität dieses Begriffs zu den guten Verkaufszahlen der koreanischen Ausgabe von Eichmann in Jerusalem beigetragen. Allerdings gibt das leider noch keinen Aufschluss darüber, wie viele Leser*innen das Buch tatsächlich zu Ende gelesen haben.
Die Vorstellung oder These, mit der koreanische Leser*innen vermutlich am wenigsten vertraut sind, ist Arendts „Politik als kommunikatives Handeln“ oder „politisches Handeln als kommunikatives Handeln“. Laut Arendt ist mit Politik in der modernen Gesellschaft fälschlicherweise oft das Führen des modernen Verwaltungsstaats, also der Verwaltungsapparat, gemeint und nicht die griechische Polis. Das ist bei uns vermutlich zum Teil auch darauf zurückzuführen, dass Professor*innen der Politikwissenschaften an koreanischen Universitäten ausgehend vom amerikanischen Behaviorismus des 20. Jahrhunderts die von Instrumentalismus und Konsequentialismus bestimmte „quantitative“ Politik für sich als einzige Politikform definiert haben.
Unser 21. Jahrhundert wird mit Begriffen wie Postmoderne, Spätmoderne, postindustrielle Gesellschaft, Ent-Instrumentalisierung, ästhetische Wende und reflektierende Haltung beschrieben. Doch auch wenn Arendts „qualitatives“ politisches Paradigma eng mit diesen Begriffen verknüpft ist, hat die Öffentlichkeit in Korea bisher leider noch keinen Zugang dazu gefunden.
Vor dem Hintergrund der derzeitigen Ausbreitung von autoritären Tendenzen in aller Welt werden Arendts Thesen in Deutschland ausführlich in Ausstellungen, Veröffentlichungen und Gesprächsrunden behandelt. Auch Korea hat politisch ein turbulentes Jahr hinter sich. Welche Relevanz haben Arendts Theorien für die aktuelle koreanische Gesellschaft? Welche Einsichten ergeben sich aus Arendts Denken für die Probleme, mit denen Korea konfrontiert ist? Und warum stößt Arendt mit ihren Thesen weiterhin weltweit auf so viel Aufmerksamkeit?
Es ist nachvollziehbar, dass Arendts Ideen in Deutschland in jüngster Zeit intensiv diskutiert wurden. Tatsächlich schaue ich häufig Nachrichten internationaler Sender wie BBC, CNN und France 24. Darüber hinaus bin ich auch recht vertraut mit der Situation in Deutschland und habe gehört, dass sowohl Parteien der extremen Rechten als auch der extremen Linken bei den letzten Wahlen bemerkenswerte Ergebnisse erzielen konnten. Allerdings besteht aus meiner Sicht kein Anlass zu übermäßiger Sorge. Arendt hätte dazu gesagt, dass eine besonders erstrebenswerte politische Situation die wäre, in der jede*r überall die eigene Besonderheit und Einzigartigkeit mit eigenen Meinungen zum Ausdruck bringen kann. Meines Erachtens hilft uns eine große Meinungsvielfalt im öffentlichen Diskurs dabei, über richtig und falsch nachzudenken und davon ausgehend auch darüber zu befinden, was „schöner und weniger“ hässlich ist.
Blicken wir kurz zurück auf die Verhängung des Kriegsrechts von Ex-Präsident Yoon Suk-yeol am 3. Dezember 2024. Die Tatsache, dass die jungen Soldat*innen und Polizist*innen in dieser Nacht der Anordnung zum Einsatz in der Nationalversammlung nur äußerst passiv gefolgt sind, kann als Ausdruck der „politischen Bedeutung des Denkens“ gewertet werden, das Arendt mit ihrer neuen politischen Philosophie propagieren wollte. Unsere jungen Soldat*innen und Polizist*innen hatten den Befehl erhalten, die Mitglieder der Nationalversammlung zu verhaften, ohne dass man ihnen die Gründe dafür genannt hätte. Doch viele von ihnen, darunter auch einige Beamte der mittleren Ränge, folgten den Anordnungen ihrer Vorgesetzten nicht aktiv, um Zeit zu gewinnen. Warum haben sie so gehandelt? Vermutlich fühlten sie sich an die historischen Ereignisse in Gwangju 1980 und die damit verbundene bittere Lektion erinnert. Die „Ereignisse von Gwangju 1980“ können hier als „Arendts archimedischer Punkt“ betrachtet werden, ein Konzept, das ich für Die politische Ästhetik von Hannah Arendt neu entwickelt habe. Ein Konzept, dem wir uns auch mit Hilfe von Dana R. Villas Begriff des „grundlosen Grundes“ nähern können.
In der Nacht des 3. Dezember 2024 waren die vielen Militär- und Polizeieinheiten, die nach dem Kriegsrecht in die Nationalversammlung entsandt wurden, im Unterschied zu Adolf Eichmann in der Lage, sich der „Banalität des Bösen“ zu widersetzen und die nahende Katastrophe abzuwenden. Bei Arendt findet sich dafür folgende Erklärung: „Das Denken befasst sich mit Unsichtbarem, mit Repräsentationen von Dingen, die abwesend sind; das Urteilen bezieht sich immer auf Besonderheiten und Dinge, die zum Greifen nahe liegen. Doch beide [Denken und Urteilen] hängen zusammen, und zwar ähnlich wie Bewusstsein und Gewissen. […] [Mit dieser Fähigkeit zu urteilen] mögen in der Tat Katastrophen verhindert werden, zumindest für mich selbst – in jenen seltenen Augenblicken, in denen alles auf dem Spiel steht.“
Wie ich bereits erwähnte, sind den „Deutungsmöglichkeiten“ und der „Aussagekraft“ von Arendts politischer Philosophie keine Grenzen gesetzt. Es ist daher davon auszugehen, dass das Interesse an ihrem Denken weltweit und in allen wissenschaftlichen Disziplinen weiter zunehmen wird. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Arendt versuchte sich an einem Paradigmenwechsel, der unsere Lebensgrundsätze völlig neu definierte. Die Auswirkungen dieses Wandels machten sich, nach einer Inkubationszeit im späten 20. Jahrhundert, im 21. Jahrhundert rasch bemerkbar.
Arendt machte geltend, dass Urteilskraft ganz wesentlich von Meinungsvielfalt und Kommunikationsfähigkeit bestimmt wird. Sie forderte zudem politische Rechte, Freiheit und Gleichheit für alle Menschen – Werte, die heute immer mehr an Bedeutung gewinnen in einer Zeit, in der an vielen Orten die Pressefreiheit in Gefahr ist, der Ton untereinander immer schärfer wird und die Polarisierung über die sozialen Medien stetig zunimmt. Wie lassen sich Arendts Konzepte der Pluralität und der Kommunikation auf die koreanische Gesellschaft anwenden, in der die digitale öffentliche Meinung immer mehr an Einfluss gewinnt?
Die Ideale in Arendts Theorien, der ideale politische Raum (Arendts Polis), beziehen sich auf einen öffentlichen Raum des Austauschs, in dem politisch gleichberechtigte Bürger*innen ihre unterschiedlichen Meinungen kundtun und hinterfragen können. Dieser Raum geht von einer politischen Gleichheit aus und garantiert Bürger*innen die Möglichkeit des Sprechens als politisches Recht. Dort machen sie ihre Freiheit über ihr Sprechen geltend, und dort erhalten auch andere Teilnehmer*innen Gelegenheit zu sprechen. Allerdings gibt es heute offenbar keine Gesellschaft, in der dieses „Ideal“ eines Raums der Öffentlichkeit existiert.
Wenn dem so ist, müssen wir uns zuallererst damit auseinandersetzen, was die von Arendt postulierte Pluralität der Menschen als Voraussetzung einer menschlichen Existenz impliziert. Nach Auffassung des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy lebt jeder Mensch, jederzeit und überall, „singulär plural“ zugleich. Somit lässt sich das Sein nur als Miteinander von unvergleichbaren Singularitäten denken (Nancy 2000, 32). In Vita activa oder Vom tätigen Leben setzt Arendt dafür voraus, dass sich jede*r von uns „in einer Vielheit einzigartiger Wesen als unter seinesgleichen zu bewegen“ vermag. Es klingt wie eine Mahnung Arendts an uns Bürger*innen des heutigen Korea, diese Tatsache nie zu vergessen.
Interview: Leslie Klatte
Lektorat (KOR): Young-rong Choo
Englische Übersetzung: STAR Korea AG
Deutsche Übersetzung: Kathrin Hadeler