‘Viva the Errors!’:
Lektionen von Nam June Paik für das digitale Zeitalter
Bitte stellen Sie sich kurz vor.
Mein Name ist Jung Ah Woo, und ich lehre Kunstgeschichte an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Pohang University of Science and Technology.
Der Name Nam June Paik ist weithin bekannt. Doch was für ein Künstler war er eigentlich? Wie würden Sie ihn in wenigen Worten beschreiben?
Die meisten Menschen kennen Nam June Paik als Pionier der Videokunst. Wäre er heute noch am Leben, könnte ich mir vorstellen, dass er zu den ersten Künstler*innen gehören würde, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten. Denn ihn beschäftigte Zeit seines Lebens die Frage, wie Menschen und Technologie miteinander in Beziehung treten.
Da Nam June Paik bereits 2006 verstorben ist, bleibt das natürlich eine Spekulation. Doch genau deshalb würde ich ihn vor allem als einen Künstler beschreiben, der uns bis heute dazu anregt, über das Verhältnis von Mensch und Technologie nachzudenken.
Nam June Paik testet den Arm des Roboters K-456 per Fernbedienung, 1982. Sammlung Paul Garrin. Archiv des Nam June Paik Art Center. | © Nam June Paik Art Center Archive
Paik schloss sein Studium zunächst in Japan ab. An der Universität Tokio studierte er Ästhetik und Kunstgeschichte, seine eigentliche Leidenschaft galt jedoch der klassischen Musik. Dort schrieb er auch seine Abschlussarbeit über Schönberg [1]. Im Anschluss entwickelte er ein wachsendes Interesse an zeitgenössischer Musik und entschied sich schließlich, nach Deutschland zu gehen, das damals als eines der wichtigsten Zentren auf diesem Gebiet galt.
1956 nahm er sein Studium an der Universität München auf. Die deutsche Kunstszene befand sich zu dieser Zeit noch im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Gleichzeitig entstand unter vielen jungen Künstler*innen der Wunsch nach einem radikalen Neuanfang und einem bewussten Bruch mit überlieferten Traditionen und Konventionen. In diesem Umfeld begegnete Paik Karlheinz Stockhausen [2], einem der wichtigsten Wegbereiter elektronischer und zeitgenössischer Musik. Über die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik lernte er außerdem John Cage [3] kennen, der später zu einer Schlüsselfigur für sein künstlerisches Denken werden sollte.
Gleichzeitig war in Deutschland die Gruppe ZERO [4] aktiv, die mit Licht, Bewegung und Maschinen experimentierte und nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen suchte. Ihr Ziel war es, Kunst nach den Erfahrungen des Krieges gewissermaßen bei null neu beginnen zu lassen. Man kann sagen, dass Paik genau in dem Moment nach Deutschland kam, als sich avantgardistische Strömungen und neue künstlerische Denkweisen mit großer Dynamik ausbreiteten.
Festum Fluxorum Fluxus, Joseph Beuys und George Maciunas | © Wikimedia Commons, CC BY 3.0
Der Begriff Fluxus begegnet einem immer wieder, wenn von der deutschen Kunst der 1960er-Jahre die Rede ist. Trotzdem ist die Bewegung bis heute nicht leicht zu fassen. Wie würden Sie Fluxus jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Fluxus bedeutet wörtlich „Fluss“ und stammt aus dem Lateinischen. Ihren Ausgang nahm die Bewegung, als der litauische Designer George Maciunas [5] eine Gruppe junger avantgardistischer Künstlerinnen und Künstler, die damals in Deutschland und New York aktiv waren, zusammenbringen und einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen wollte.
Zu Fluxus gehörten Menschen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Bereichen: Malerinnen und Maler ebenso wie Musiker, Dichterinnen, Designer, Performancekünstler und Tänzer. Ganz im Sinne seines Namens wollte Fluxus feste Grenzen zwischen den Kunstformen überwinden und neue Verbindungen schaffen. Unterschiedliche Disziplinen sollten ineinanderfließen und gemeinsam neue Ausdrucksformen hervorbringen. Gleichzeitig wissen wir, dass Künstlerinnen und Künstler nur ungern in feste Kategorien eingeordnet werden. Gerade diese Offenheit und Unabhängigkeit macht es bis heute schwierig, Fluxus als klar umrissene Gruppe zu definieren.
Ursprünglich hatte George Maciunas die Idee, die beteiligten Künstlerinnen und Künstler als eine gemeinsame Bewegung zu präsentieren. Doch die Beteiligten waren oft zu eigenständig und freiheitsliebend, um sich dauerhaft unter einem gemeinsamen Label zusammenfassen zu lassen. Deshalb wird Fluxus heute eher als ein loses Netzwerk oder eine künstlerische Haltung verstanden als eine fest organisierte Gruppe. Vielleicht ist genau dass der Grund, warum die Bewegung bis heute so faszinierend, aber auch schwer greifbar bleibt.
Welchen Einfluss hatten die experimentelle Kunstszene in Deutschland und die Erfahrungen mit Fluxus auf Nam June Paiks künstlerische Entwicklung?
Ich würde sagen, einen ganz entscheidenden. Wie bereits erwähnt, schufen sowohl die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung als auch die Entwicklungen in der deutschen Kunstszene einen fruchtbaren Boden für einen mutigen Bruch mit den Traditionen der klassischen Kunst. Gleichzeitig war Deutschland ein Ort, an dem Künstler*innen unterschiedlichster Disziplinen aufeinandertrafen und frei miteinander experimentieren konnten.
Ich bin überzeugt, dass Paiks erste Ausstellung, in der er das Fernsehen als künstlerisches Medium einsetzte, ohne dieses avantgardistische Umfeld kaum denkbar gewesen wäre. Die Ausstellung fand 1963 in Wuppertal statt. In der Galerie Parnass präsentierte Paik seine erste Einzelausstellung und untersuchte anhand von rund zehn Fernsehgeräten zum ersten Mal, wie sich ein alltägliches Medium wie das Fernsehen für die Kunst nutzen lässt.
Besonders interessant ist dabei, dass die Ausstellung noch den Titel Exhibition of Music trug. Paik selbst hatte vermutlich das Gefühl, neue Formen der Musik zu erforschen. Rückblickend erwies sich die Ausstellung jedoch als Ausgangspunkt für etwas viel Größeres: Sie öffnete die Kunst für ein völlig neues Ausdrucksfeld und markierte einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Videokunst.
Humor, Experimentierfreude und spielerische Grenzüberschreitungen prägen viele von Nam June Paiks frühen Arbeiten. Sind das zugleich zentrale Merkmale von Fluxus? Und was verband ihn mit Joseph Beuys, worin unterschieden sich ihre künstlerischen Ansätze?
Ja, das ist eine sehr interessante Frage. Wenn wir darüber nachdenken, wie Humor entsteht, dann merken wir schnell: Wir lachen meist dann, wenn etwas anders ausgeht als erwartet. Zum Beispiel, wenn sich jemand sehr würdevoll und ernst gibt und plötzlich etwas völlig Absurdes tut. Oder wenn eine Situation eine unerwartete Wendung nimmt. Humor entsteht oft dort, wo Erwartungen enttäuscht oder bewusst durchkreuzt werden.
Genau darin lag auch ein wichtiger Reiz von Fluxus. Die Künstler*innen brachen bewusst mit den Regeln und Konventionen einer Kunst, die bis dahin als vorhersehbar und festgelegt galt. Das Publikum erlebte darin etwas Überraschendes, manchmal Verwirrendes, oft aber auch etwas Befreiendes und Unterhaltsames.
Damals war die Vorstellung weit verbreitet, Kunst müsse ernst, würdevoll und respektgebietend sein. In einem Konzertsaal etwa wurde erwartet, dass man still sitzt und einer Aufführung aufmerksam folgt. Die Künstlerinnen und Künstler von Fluxus stellten genau diese Selbstverständlichkeiten infrage. Entsprechend wurden ihre Aktionen damals häufig als provokant, radikal oder sogar destruktiv wahrgenommen.
Viele Menschen mit dieser Haltung fanden innerhalb von Fluxus zusammen. Sie hinterfragten bestehende Autoritäten und wollten die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstformen aufbrechen. Nam June Paik und Joseph Beuys [6]gehörten zu den wichtigsten Vertretern dieser Bewegung. Zwischen ihnen bestand eine bemerkenswerte geistige Nähe. Man könnte fast sagen, dass sie im jeweils anderen jemanden erkannten, der die Welt auf ähnliche Weise betrachtete.
Die beiden lernten sich 1961 in Deutschland kennen und standen bis zum Tod von Joseph Beuys im Jahr 1986 in engem künstlerischem Austausch. Eine bekannte Anekdote erzählt von Paiks Einzelausstellung in der Galerie Parnass in Wuppertal im Jahr 1963: Dort soll Joseph Beuys einen bereitstehenden Flügel mit einer Axt zertrümmert haben. Paik war davon so überrascht, dass er sich gefragt haben soll: „Warum ist er so radikal?“
Joseph Beuys, 1972. Mit freundlicher Genehmigung des Museum Schloss Moyland. | © Erich Puls (Klaus Lamberty)
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist Beuys’ bekanntes Projekt 7000 Eichen. Für dieses 1982 zur Documenta in Kassel gestartete Vorhaben wurden in der Stadt Eichen gepflanzt und Basaltstelen aufgestellt. Durch die Verbindung von lebenden Bäumen und künstlichen Elementen wollte Beuys zeigen, wie Kunst langfristig in das Leben einer Stadt eingreifen und ihre Entwicklung mitgestalten kann.
Paik wiederum fragte sich, was den Alltag moderner Menschen besonders prägt, und fand die Antwort in Technologien wie dem Fernsehen. Indem er Fernsehgeräte in seine Kunst integrierte, versuchte er, Kunst näher an die Lebenswirklichkeit der Menschen heranzuführen. In diesem Sinne verband beide eine große künstlerische Nähe und die gemeinsame Überzeugung, dass Kunst das Leben verändern kann.
Gleichzeitig besaßen sowohl Nam June Paik als auch Joseph Beuys eine stark ausgeprägte mythische und beinahe schamanistische Seite. Beide entwickelten sehr eigene Weltbilder, die sich nicht immer leicht erklären lassen. Vielleicht war es gerade diese Mischung aus radikalem Denken, künstlerischer Freiheit und einer besonderen Vorstellungskraft, die sie so eng miteinander verband und ihre Zusammenarbeit über viele Jahre trug.
Wie wurde Nam June Paik in den 1960er-Jahren von der deutschen Kunstszene wahrgenommen? Sah man in ihm vor allem einen radikalen Provokateur oder bereits einen Vorboten einer neuen künstlerischen Zeit?
Tatsächlich war Nam June Paik damals eine ausgesprochen provokante Erscheinung. John Cage soll einmal gesagt haben: „Ich verstehe wirklich nicht, warum er sich so extrem verhält. Er wirkt beinahe beängstigend radikal.“ Auch Paik selbst spielte mit seiner Rolle als Fremder und Außenseiter. Über sich sagte er etwa: „Ich bin die Gelbe Gefahr. Ich bin die gelbe Katastrophe.“
Heute ist Korea weltweit präsent, und kaum jemand würde das Land nicht kennen. Blickt man jedoch auf die späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre zurück, als Paik sich in Deutschland als Künstler aus Korea vorstellte, wird deutlich, mit wie viel Unwissenheit, Fremdheit und auch Vorurteilen er vermutlich konfrontiert war.
In diesem Umfeld wurde Nam June Paik einerseits als Fremdkörper wahrgenommen, andererseits aber auch als faszinierende und geheimnisvolle Figur. Seine radikalen, mitunter destruktiven Performances erzeugten deshalb besondere Aufmerksamkeit und wirkten auf viele Menschen vermutlich noch eindringlicher, als sie es ohnehin getan hätten.
Ab Mitte der 1960er-Jahre begann sich dieses Bild jedoch allmählich zu wandeln. Durch seine Zusammenarbeit mit Charlotte Moorman, seine Experimente mit Robotern und vor allem durch den konsequenten Einsatz des Fernsehens als künstlerisches Medium wurde er zunehmend nicht mehr nur als Künstler der Provokation wahrgenommen. Stattdessen etablierte er sich immer stärker als jemand, der neue Entwicklungen vorwegnahm und den kulturellen Wandel seiner Zeit mitgestaltete.
Welche Impulse können Nam June Paik und die Fluxus-Bewegung jungen Menschen heute noch mitgeben – in einer Zeit, die von künstlicher Intelligenz und digitalen Technologien geprägt ist?
Viele Menschen verbinden Nam June Paik zunächst mit der Entstehung der Videokunst. Gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzusehen: Vieles von dem, was er sich für die Zukunft vorgestellt hat, wird heute Schritt für Schritt Wirklichkeit.
Bereits in den 1970er-Jahren sprach er von einem elektronischen Hochgeschwindigkeitsnetzwerk, das die ganze Welt miteinander verbinden sollte – seiner sogenannten „Electronic Superhighway“. Und nachdem ein von ihm entwickelter Roboter 1982 während einer Ausstellung in New York in einen Verkehrsunfall verwickelt war, bemerkte er: „Im 21. Jahrhundert wird die Zeit kommen, in der Roboter Verkehrsunfälle haben werden.“
Paik war also jemand, der viele Entwicklungen, die heute unseren Alltag prägen, erstaunlich präzise vorausgesehen hat. Doch wie konnte ihm das gelingen? Ich glaube, die Antwort liegt in seiner grundlegenden Haltung. Er war überzeugt, dass Wissenschaft und Technologie sich ständig weiterentwickeln und dass Menschen diese Fortschritte letztlich nutzen werden, um ihr Leben und die Gesellschaft zu verbessern. Heute begegnen wir neuen Technologien, ob künstlicher Intelligenz oder anderen Innovationen, oft mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. Häufig sehen wir zuerst die Risiken und erst danach die Chancen.
Wenn ich an Nam June Paik denke, vermittelt mir das deshalb auch ein Stück Vertrauen in die Zukunft. Sein Optimismus, dass technologische Entwicklungen dem Menschen letztlich zugutekommen können, wirkt bis heute überraschend aktuell.
Gleichzeitig gibt es einen Brief von Nam June Paik, den ich besonders schätze. Ein Freund hatte ihn damals um einen Beitrag für ein Buch über Yoko Ono gebeten. Paik lieferte seinen Text jedoch verspätet ab und legte dem Manuskript ein Entschuldigungsschreiben bei. Darin heißt es:
Es tut mir wirklich leid, dass ich diesen Text so spät schicke. Es ist völlig in Ordnung, wenn ihr ihn nicht mehr in das Buch aufnehmt. Falls ihr ihn aber verwendet, dann korrigiert bitte meine fehlerhaften englischen Formulierungen nicht zu korrektem Englisch.
Für mich steckt in diesem kurzen Satz eine der wichtigsten Botschaften Nam June Paiks. Fehler gehören zum Menschsein. Und sie haben viel mit dem Humor zu tun, über den wir zuvor gesprochen haben. Wenn etwas anders verläuft als erwartet, sprechen wir oft von einem Fehler. Doch genau in solchen Momenten entstehen manchmal neue Ideen, unerwartete Perspektiven oder besonders kreative Lösungen.
Vielleicht möchte Nam June Paik uns genau dazu ermutigen: Fehler nicht zu fürchten. Sie mit etwas mehr Gelassenheit zu betrachten, offen für Überraschungen zu bleiben und Unerwartetes nicht nur als Scheitern zu sehen, sondern auch als Anfang von etwas Neuem. Gerade deshalb, so denke ich, hat seine Kunst auch heute noch viel zu sagen.
Interview & Konzept: Sohee Shin
Deutsche Übersetzung Leslie Klatte
Englische Übersetzung: Star Korea AG