Aldona Gustas Das Herz schlägt litauisch – der Kopf denkt deutsch

Aldona Gustas. Mundfrauen. Ausstellungsansicht, M. Mažvydas-Nationalbibliothek, 2017
Aldona Gustas. Mundfrauen. Ausstellungsansicht, M. Mažvydas-Nationalbibliothek, 2017 | Foto: Goethe-Institut/Arcana Femina

Die berühmte deutsche Malerin und Dichterin Aldona Gustas betont, dass sie Litauerin ist, auch wenn sie kein Litauisch mehr spricht. Für 85-Jährige ist die Reise von Berlin nach Vilnius anlässlich ihrer Ausstellung „Mundfrauen“ wie eine Reise zurück in die Kindheit. Ihre Kindheitserinnerungen – die guten wie auch die schrecklichen – haben ihre Kunst immer maßgeblich beeinflusst. Ihre kindlichen Erfahrungen haben ihren späteren Lebensweg geebnet.

Aldona Gustas traf sich am Eröffnungstag der Ausstellung in der Nationalbibliothek „Martynas Mažvydas“ mit „VŽ Savaitgalis“ (Freitagsausgabe „Wochenende“ der Wirtschaftszeitung Verslo žinios). Auch wenn sie sich sehr über die Ausstellungsräume freute, bekommt der Zuhörer doch den Eindruck, dass sie ihre Bilder am allerliebsten in der Gediminas Burg hängen würden, zu der sie seit ihrer Kindheit einen fast romantischen Bezug hat. Ähnliche nostalgische Gefühle hat sie auch zu Kaunas und Šilutė.
 
Während des etwa eine Stunde langen Gesprächs wird deutlich, wie ihre schönen Erinnerungen immer wieder durch schreckliche Erfahrungen getrübt werden: der Krieg, die Flucht aus Litauen, die Begegnungen mit sowjetischen Soldaten und mit den Frauen, die von diesen „Befreiern“ vergewaltigt wurden.

Die Familie – ein Mix verschiedener Identitäten

Aldona Gustas ist 1932 in Kreceviškiai, einem Dorf im Bezirk Šilutė, als Tochter eines Litauers und einer Deutschen geboren. Während des zweiten Weltkrieges als die deutsche Okkupation durch die Rückkehr der Sowjets dem Ende entgegenging, trat die Familie die Flucht nach Deutschland an. 
 
Obwohl Gustas in einer geschmischten Familie aufgewachsen ist, sprachen sie in erster Linie Litauisch. Das im damaligen Memelland gesprochene Deutsch unterschied sich auch von dem im deutschen Reich gesprochenen.
 
„Ab und zu hörte man auch Deutsch. Meine Oma hieß Seewald, aber fühlte sich sehr litauisch. Und ihr Mann war Litauer, fühlte sich aber total als Preuße. Er hat in dem Ersten Weltkrieg am Rhein gekämpft. Im Memelland herrschte ein ziemliches Durcheinander“, erinnert sich Gustas.
 
Ihrem Vater – ein Polizist – ist es aufgrund der deutschen Herkunft seiner Frau gelungen, eine Genehmigung zur Umsiedelung nach Deutschland zu organisieren. Auch wenn ihm die Flucht vor den Sowjets also zunächst gelang, hat ihn sein Schicksal etwas später eingeholt. Die Sowjets haben ihn in Deutschland von der Familie getrennt und nach Sibirien vertrieben.
 
In dieser Zeit ereilte ihren geliebten Onkel aus Kaunas, Johannes, ein ebenso harter Schicksalschlag. Er bezahlte seine offene Opposition zu Hitler mit dem Tod im KZ Sachsenhausen.

Rückkehr in die Straße der Freude

Die kleine Aldona, ihre Familie, die litauischen Landschaften – all das hat einen Platz in ihren Gedichten und Bildern gefunden. Als Litauen vor einigen Jahren das Interesse bekundete, ihre Werke in der Čiurlionis Gallerie in Kaunas auszustellen, wurde ihr klar, dass ihr die Straße, in der die Gallerie ansässig ist, aus der Kindheit sehr vertraut ist.
 
„Mein Onkel Johannes, den ich sehr geliebt habe, wohnte ganz in der Nähe. Durch diese Straße bin ich immer zu ihm gegangen. Für mich war das die Strasse der Freude. Dass meine Mundfrauen dorthin gekommen sind, ist wie ein Wunder für mich“, – erzählte Gustas. Sie hat sich entschieden, ihre gesamte Bibliothek an der deutschen Bibliothek in Kaunas zu vermachen.
 
„Ich habe so viele Bücher und die Leute, die ich noch habe, haben nun nicht mal den Platz dafür. Wenn ich nun sterbe, weiss ich: sie kommen nach Kaunas!”, freut sie sich.
 
In Vilnius liegt der Künstlerin die Gediminas Burg besonders am Herzen:
 
 „In meiner Kindheit habe ich mich in sie verliebt. Bis heute ist die Gediminas Burg für mich die allerschönste. Ich schäme mich sogar etwas (lacht), aber so ist es. Ich bin da geklettert, habe meine ganzen Fantasien erlebt.  Das war für mich das Glück auf Erden. In dem kleinen Fluß haben die Frauen Wäsche gewaschen – das war eine echte Poesie, wenn man ihre Hände betrachtete. Das war immer ein sehr schöner Übergang für mich zur Fantasie, wie die Ritter sie und die Burg beschützen.“
 
An Kreceviškiai, ihren Geburtsort, hat sie ebenfalls sehr schöne Erinnerungen: „Šilutė hat mich sehr geprägt. In der Nähe des Zuhauses meiner Großeltern waren ein protestantischer Friedhof und eine Kleinbahn. Ich war sehr gerne auf den Gleisen und auf den Friedhof. Ich las die Namen und Geburtsdaten der Toten und habe sie mir vorgestellt. Für mich waren das meine Freunde, weil ich keine Geschwister und keine Spielgefährten hatte. In der Erinnerung ist mir auch das Essen bei der Oma geblieben, weil man da immer gebetet hat, nicht gleich losgefressen“, erzählt sie.
 
Und was für ein Gefühl ist es, wieder in Litauen zu sein?
 
„Das kleine Mädchen ist erwacht. Ein außergewühnliches Gefühl, aber auch das Verstehen, dass ich hier nicht mehr leben könnte. Nur in Berlin. Aber ich bin litauisch auch jetzt, auch wenn ich die deutsche Staatsangehörigkeit habe. Das kann mir keiner aus der Seele reißen. Meine Seele ist litauisch, aber mein Verstand ist deutsch. Das liegt an der Sprache, da kommt auch die gewisse deutsche Disziplin, wenn ich Lyrik schreibe“, antwortete Gustas.

Aldona Gustas Aldona Gustas | Foto: Goethe-Institut/Arcana Femina

Aldona – der Vorname bleibt

Bis zu ihrem neuten Lebensjahr sprach Gustas Litauisch. Danach wurde – auch zuhause – nur noch Deutsch gesprochen. Heute hat sie Litauisch fast vollständig vergessen, nur ein paar Wörter sind ihr geblieben. Und dieses kurze Gedicht, welches sie wohl auch im Schlaf auf Litauisch rezitieren könnte:
 
„Aš esu maža mergytė
Kaip graži rūtytė
Šen suku, ten suku
Ir daugiau nieko negaliu“
 
„Ich bin ein kleines Mädchen,
wie die schönen Rauten,
ich drehe mich hin, ich drehe mich her
und kann sonst nicht mehr“

 
Als die Familie in Rostock angekommen ist, schlug man ihr vor, ihren litauischen Vornamen in einen deutschen zu ändern:
 
 „Bis dahin war mir mein Name Aldona nicht so angenehm, ich habe ihn nicht geliebt. Aber nun lernte ich den Ernst des Lebens kennen – ich musste eine Entscheidung treffen. Willst du deinen Vornamen aufgeben? Und dann habe ich Nein gesagt. Ich wollte Aldona bleiben.”
 
Jetzt musste sie Deutsch ganz neu lernen. Trotz ihrer Begabung für Sprachen trieb sie dies ab und zu auch zur Weißglut. Gustas erinnert sich, wie sie auf dem Schulhof von den Jungs oft gehänselt wurde. Sie meinten es vermutlich nicht böse, Gustas reagiert trotzdem erbost – zur Not auch mit Gewalt.
 
„Die Wut habe ich noch heute in den Knochen. Ich hab auf die eingeschlagen! Die waren total überrascht, hatten wirklich Angst, was das für eine Hexe ist! Aber sie haben mich dann in Ruhe gelassen. Ich habe mir mit Gewalt Respekt erschafft, auch wenn das wohl nicht der richtige Weg war (lacht)“, erinnert sie sich.
 
Prügeleien gab es in ihrem Leben mehrfach: „Ich wurde auch einige Male auf der Trage nach Hause gebracht. In der Hitler-Zeit kam man auch in Konflikte mit deutschen Kindern. Da habe ich für Litauen gekämpft, später kam die Zeit, wo ich für die Deutschen kämpfen musste, weil man denen die ganze verdiente und unverdiente Schuld in die Schuhe schob.“

Spuren der Vergewaltigungen

Gustas erinnert daran, dass auch die Deutschen – besonders die Frauen – sehr viel leiden mussten.
 
„Ich war 9 Jahre alt. In der Nähe von Rostock auf der Strasse lagen die toten deutschen Soldaten. Meine Mutter sagte: ‘Schau nicht hin’. Aber ich schaute und beneidete die Toten. Ich schwöre es. Mit neun Jahren war is soweit - ich hatte genug von diesem Leben. Ich hatte meinen lieben Onkel verloren, habe die Vergewaltigungen gesehen“, sagt sie, nicht ohne jedoch hinzuzufügen, dass sie selbst großes Glück gehabt hat, weil ihr die schlimmsten Gräueltaten erspart geblieben sind.
 
Mindestens zweimal ist sie den verrohten Sowjetsoldaten entkommen. Dafür ist sie ihrem Vater dankbar. Ihre Eltern konnten ein bisschen Russisch. Als sie einmal auf eine Gruppe Soldaten trafen, die die Frauen schon als sichere Beute auserkoren hatten, fing ihr Vater an laut auf Russisch zu schimpfen. Die Soldaten ließen überrascht von ihnen ab.
 
Ein zweites Mal hat er ihr das Leben gerettet, als sie schon im Mädchen-Heim war. Durch seine hartnäckigen Briefe konnte erreichen, dass seine Tochter das Heim für einen Arztbesuch verlassen durfte.
 
„Mein Zahnfleisch blutete. Mein Vater hat geschrieben: ‚Das deutsche Mädchen darf ihre Zähne nicht wegen des kranken, unbehandelten Zahnfleisches verlieren.‘ Das war meine Rettung in Hitler-Deutschland, erinnerte sie sich. Ich durfte also das Heim verlassen und als ich zurückkam, war keines von meinen Mädchen, mit denen ich gespielt und im Teich gebadet habe, mehr da. Mir wurde erzählt, dass die Russen gekommen sind, gesoffen und die ganzen Mädchen vergewaltigt haben. Dann haben sie sie alle in einen Zug nach Sibirien geworfen. Über diesen Verlust komme ich nie hinweg. Das ist das, womit ich leben muss.“
 
Gegen Kriegsende – als der Vater bereits in Sibirien war – bekam ihre Mutter ein Baby. Die Teenagerin Aldona musste ab sofort für die Familie sorgen und fing an in der Frauenklinik in Rostock zu arbeiten.
 
„Im Jahr 1945 kamen dorthin immer noch frisch vergewaltigte Frauen. Keiner redete über diese Frauen, es kam in keine Zeitung, aber ich habe das jeden Tag erlebt. Zwischen einer vergewaltigten und einer nicht vergewaltigten Frau liegen Welten. Wenn man diesen Frauen in die Augen sah und auf den Mund, war es für mich schwer, aber ich merkte auch, dass diese Frauen auch Stärke in sich hatten, sie wollten leben. Ich habe das alles erlebt. Deshalb wollte ich niemals Kinder bekommen“, erklärt sie diese wichtige Entscheidung für ein kinderloses Leben.
 
Ihr Mann Georg Holmsten – ebenfalls ein Schriftsteller – verstarb im Jahre 2010. Sie waren sich einig, keine Kinder bekommen zu wollen. 
 
„Wir lebten in einer Zeit, in der man jederzeit mit Krieg rechnete. Wir haben unsere Entscheidung auch nie bedauert. Wir wollten frei im Beruf bleiben. Wir  waren das einzige Schriftstellerpaar in Westberlin – das sagt viel. Wir waren 52 Jahre verheiratet und als mein Mann schon im Sterben lag, war mein letzter Satz zu ihm: ‘Georg, wir haben unsere Freiheit gerettet.‘ Danach hat er mich dankend angestrahlt. Wir wussten, was wir nicht wollten. Meine Oma hat immer gesagt: ‘Kind, du must wissen, was du nicht willst, das ist viel wichtiger für dein Leben.’ Und sie hatte Recht.“

Von der Politk zur Poesie

Das Eheleben des Künstlerpaares war nicht leicht. Es fehlte an Geld, aber sie waren sehr glücklich.
 
„Wenn wir mal auf den Ku‘damm gingen, schwärmten wir, dass wir auch mal Geld für Kaffee haben werden und draußen sitzen können. Und eines Tages konnten wir es uns leisten. Aber dann haben wir uns zu Tode gelangweilt. So ist das Leben – es ist brutal!“ lacht die Künstlerin.
 
Ihr Kennenlernen war ein Zufall: „Da war Magie. Schicksalhafte Blicke haben wir uns zugeworfen. Es war mehr als verliebt sein. Aber ich wollte eigentlich nie heiraten, er hat mich aber raffiniert ausgetrickst. Er fragte mich nicht, ob ich heiraten will, sondern stellte die Frage anders: ‘Wann wollen wir denn heiraten?’ Ein paar Wochen später haben wir das auch gemacht. Wir waren richtig für einander. In seiner Mentalität war er mir bekannt, weil er ursprünglich aus Lettland kam. Man sagte immer, dass die Deutschen aus Baltikum eben anders sind als die Reichsdeutschen“, erinnert sich Gustas.
 
Die beiden fühlten sich durch ihre baltische Herkunft verbunden und haben sich immer aus der Ferne für ihre Herkunftsländer interessiert.
 
„Nach dem Krieg, als das Baltikum eigentlich hinter dem eisernen Vorhang vergessen war, war ich wie besessen und habe bei jeder Gelegenheit, in Lesungen an Litauen erinnert und Gedichte auf Deutsch, aber mit litauischen Inhalten geschrieben. Ich habe für Litauen vor und nach der Unabhängigkeit geworben. Es gab zu wenig Interesse, obwohl das Baltikum – Litauen, Lettland und Estland – sehr wichtig sind, weil es wie ein Schild vor Russland steht. Und wir wollen die Ostsee nicht mit Kriegsschiffen beschweren“, – sagte sie.
 
Das Ehepaar hat sich immer für Politik interessiert: „Ich habe ja erlebt, zu was die Politik fähig ist. Wenn du dein Land verlassen musst, wenn Krieg kommt. Das liegt alles in der Macht der Politik. Ich fühle die Verantwortung und gehe immer wählen, auch wenn ich krank bin. Wer nicht wählen geht, dem müsste man eine Ohrfeige verpassen. Ich finde auch die Gewerkschaften sehr wichtig, weil sie der Regierung auf die Finger klopfen können. Ich und mein Mann sprachen oft über Politik, aber danach schrieb ich am liebsten Liebesgedichte. Das ist nicht leicht, glauben sie mir!” betont die Poetin.
 
Beim Dichten sucht Gustas ständig nach neuen Perspektiven. Manchmal kommt die Inspiration in den schwierigsten Lebenssituationen.
 
„Liebe, Leben und Tod gehören zusammen. Als Georg beinah schon im Sterben lag, fiel mir in der Zeitung auf, dass die Todesanzeigen so langweilig sind. Da erwachten in mir die Poesie und der Trotz. Mein Mann hatte schon Demenz, aber immer wieder gab es auch helle Augenblicke. Ich sagte ihm, dass ich nach seinem Tod Trauergedichte ohne Kitsch und ohne Traditionen schreiben will. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine neue Sprache zu finden versuche. Dann sah er mich an mit einem Blick der Dankbarkeit, aber auch Schärfe. Er war stolz und glücklich, dass seine Aldona wieder eine interessante Idee fand. Das Buch ist da und heißt ‚Untoter‘. Als litauischen Titel hat man wegen der komlizierten Übersetzung des Wortes eine Zeile aus einem Gedicht genommen “Schenk mir aus dem Jenseits einen Apfel“.
 
Das erwähnte Buch wurde 2016 in Litauen für einen berühmtem Preis vorgeschlagen (Maironis Premie).

Das Erlernen der Bubensprache

Gustas, die schon 26 Gedichtsbände veröffentlicht hat, glaubt, dass es ihr gut gelungen ist, eine neue Perspektive auch in ihrem Gedichteband „Zeit zeitigt“ zu finden. Dort spricht sie über die Zeit aus der Perspektive der Frau, was ihr sehr wichtig ist:
 
„Die Zeit ist total von Männern geprägt. Die Frau ist irritiert. Ich reiße die Zeit in die weibliche Welt. Ich glaube, dass das für die Frauen gesund sein wird. Die Männer sollen ihre männliche Zeit habe, wir Frauen unsere weibliche. Dadurch wird das Leben zwischen Frau und Mann besser.“
 
Gleichzeitig betont sie, dass sie keine Feministin ist und möchte keinen Krieg zwischen Frau und Mann. Unter Männern fühlt sie sich sehr gut und kann sehr gut mit ihnen umgehen.
 
1972 hat sie in Westberlin die berühmte Künstlergruppe „Berliner Malerpoeten“ gegründet. Zu dieser legendären Gruppe gehörten 14 malende Schriftsteller und schreibende Maler. Unter ihnen: Günter Grass, Robert Wolfgang Schnell, Günter Bruno Fuchs. Gustas war die einzige Frau der Gruppe. Man nannte sie „die Mutter“. Sie leitete und managte die Gruppe.
 
 „Jeder war ein großer Künster, jeder hatte eigenen Charakter, aber alle haben mir vertraut, keiner hat gemeckert, wenn ich was entschieden hatte“, erinnert sie sich.
 
Mit Hilfe des Goethe-Instituts machte sie die Berliner Malerpoeten erfolgreich im Ausland bekannt, initiierte Ausstellungen in westeuropäischen und südamerikanischen Städte wie Brüssel, Caracas, Medellin, Buenos Aires, Rom, Nancy, Straßburg, Bordeaux usw.
 
Die Maler-Poetin wollte auch Frauen in die Gruppe aufnehmen, aber die Männer haben dagegen gestimmt. Sie sahen ihnen zu feministisch aus und würden der Harmonie schaden.
 
Wie ist es Gustas gelungen, die Männer so im Griff zu haben?
 
 „Ich bin keine Feministin, ich liebe Männer zu sehr. Erst vor paar Wochen vor meiner Reise nach Litauen wurde mir der Grund klar, wieso ich mich mit den Männern so gut verstand. Das liegt alles in der Kindheit. Als ich klein war, habe ich mich für die ganzen Mädchenspiele nicht interessiert. Dann bin ich zu den Jungs gegangen und die haben mich gar nicht als Mädchen gesehen und auch nicht geschont. Wir spielten ihre Spiele, kletterten in den Bäumen und ich wurde immer wieder auf einer Trage nach Hause getragen. Aber in der Zeit habe ich die Bubensprache gelernt. Und diese habe bei den Berliner Malerpoeten angewandt, instinktiv, nicht mit Kopf. Das war mein Schlüssel in ihre Welt“, – antwortete die Künstlerin.

Kampf gegen Verkitschung der Frau

Gustas probierte die Weiblichkeit in ihrer Malerei anders darzustellen. Die in der Nationalgallerie hängenden Mundfrauen haben eine erotische Ausstrahlung, ohne kitschig zu wirken. Sie zeigen geheimnisvoll verbogene, kleiderlose Frauenkörper, die in zahllosen, fantasielustigen Variationen und meist runden Linien schwingen, die mal vage, mal ganz klar Brüste und Geschlechter und auch deren Begegnung skizzieren oder überraschend in merkwürdigen Fisch- oder Vogelkörpern ausufern. Meist schwarze Linien auf weißem Papier, seltener auch weiße auf braunem oder farbigem Papier, fast immer akzentuiert durch klein tanzende, leuchtend rote Striche oder Punkte – die Münder. In diesem Zyklus sagt sie dem Kitsch den Kampf an und lässt Platz für die Phantasie – daher haben die Frauen keine Nasen und keine Augen.
 
Impuls für die Serie „Mundfrauen“ waren, so Aldona Gustas, ihre langjährigen Beobachtungen von Frauendarstellungen in den Werken weiblicher Kolleginnen. Aufgefallen war ihr bei den Malerinnen zuweilen eine Tendenz zur „dressierten“ Darstellung von Mündern und Haaren – aus ihrer Sicht eine Falle allgemein herrschender Schönheitsideale, vor der sie sich als weibliche Künstlerin in Acht zu nehmen habe. Ihre Serie „Mundfrauen“ ist als kritischer, und wie sie sagt, „trotziger“ Kommentar zu Klischees gängiger Darstellung von Weiblichkeit zu verstehen. Die „Mundfrauen“ Münder und Haare sind stets in Bewegung, sollen sprechen, befreit von den Fesseln gängiger Schönheitsideale.

Gustas ist genervt von der gängigen Darstellung weiblicher Schönheit

„Alleine schon die Verkitschung der Frauenhaut. Wie man die Brüste darstellt – als ob sie aus Silikon wären! Sogar in den Kirchen sieht man solche Madonnas. In der Wirklichkeit ist aber anders: Wenn eine Frau, die keinen BH trägt, sich bückt, dann kann man da keine fürchterlichen Bälle malen. Die Brüste leben und bewegen sich doch. Da hatte ich die Schnauze voll und mich entschieden: Jetzt kommt die Wahrheit.“ 
 
Bevor die „Mundfrauen“ nach Vilnius gekommen sind, wurden sie bereits in Kaunas, Klaipėda und Šilutė gezeigt. Aldona Gustas Werk und Person erfährt derzeit wachsende Aufmerksamkeit und Anerkennung - innerhalb und außerhalb Deutschlands. Für ihre Arbeit wurde Aldona Gustas darüber hinaus mit folgenden Auszeichnungen gewürdigt: 
Rahel Varnhagen von Ense Medaille (1997); Bundesverdienstkreuz (1999); Medaille des Verdienstordens der Republik Litauen (2006).