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Fotografie
Walter Zapp und seine Minox - Spielzeug für Spione

Walter Zapp 1942.
© MINOX GmbH

Walter Zapp erfand mit der in Riga produzierten Minox die Kamera von Agenten und Spionen. Doch behagt hat dem deutschbaltischen Tüftler der vom Geheimdienst umwitterte Mythos seiner Erfindung nie.

Von Alexander Welscher

Sie gilt als analoges Wunderwerk der Technik: Walter Zapp (1905-2003) fertigte eine kompakten Kleinstbildkamera, die kleiner als eine Zigarre und leichter als ein Feuerzeug war. Bis heute ist die winzige, aber leistungsstarke Minox mit ihrem zukunftsweisenden Design ein Kultobjekt für Fotografen. Doch passt sie auch bequem in Agentenhände. Im Kalten Krieg benutzen viele Spione den anfangs in Riga und später in Hessen produzierten Präzisionsapparat, um unbemerkt geheime Dokumente abzufotografieren.

Mit seiner Erfindung wurde Zapp zu einem Pionier der Fotografie. Doch absehbar war das nicht. Denn Fotograf wollte der 1905 in Riga geborene Sohn einer deutschbaltischen Familie nie werden. Nur widerwillig begann Zapp 1922 im benachbarten Estland, wohin die Familie nach seiner Schulzeit übersiedelte, eine Ausbildung beim Kunstfotografen Walter Lemberg. Später arbeitete er in einem Fotogeschäft in Tallinn.

Die großen Kameras im Fotostudio waren dem schmächtigen Lehrling zu schwer, und auch vor der Dunkelkammer graute ihm zunächst. Seinerzeit waren noch schwere Plattenkameras verbreitet, die auf hölzerne Stative gewuchtet werden mussten. Deshalb kam Zapp die Idee einer Kleinstbildkamera, die formvollendet „in der geschlossenen Hand verschwindet.“

Doch die Verwirklichung des Vorhabens war schwierig. Durch finanzielle Engpässe immer wieder gebremst, sollte es noch mehrere Jahre dauern, bis die Minox zum Patent angemeldet werden konnte. 1936 gelang dem jungen Konstrukteur der Bau eines funktionsfähigen Prototyps. Trotz geringster Abmessungen lieferte der winzige Apparat gestochen scharfe Aufnahmen – die fingernagelgroßen Negative erlaubten Dutzendfache Vergrößerungen.

Auch das staatliche Elektrogerätewerk VEF (Valsts Elektrotechniskā Fabrika) in Riga überzeugten die Probeaufnahmen. In einer überarbeiteten Version ging die Kamera dort mit dem Filmformat 8 x 11 Millimeter am 12. April 1938 in Serienfertigung. Wenig später kam die Minox zusammen mit dem passenden Zubehör in den Handel – und wurde trotz eines stolzen Preises prompt zum Kassenschlager.

Die erste Kamera wurde an einen Diplomaten verkauft. „Ich verstand leider sofort, was das im Klartext heißt: Spionage!“, erinnerte sich Zapp Jahrzehnte später in einem Interview. Davon angetan war der Konstrukteur nicht. Doch seine „Spionagekamera“ avancierte rasch zum unverzichtbaren Handwerkszeug der Zunft. Internationale Geheimdienste wie CIA und KGB nutzten den Miniapparat für operative Zwecke. Auch der DDR-Kanzleramtsspion Günter Guillaume, dessen Enttarnung im Mai 1974 zum Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt führte, soll geheime Dokumente mit der Minox fotografiert haben.

In der Filmwelt wurde die Kamera zum perfekten Requisit – die Minox tauchte in gut 40 Filmen auf: dem James-Bond-Klassiker „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“, der Kriegssatire „Mash“, den Abenteuern vom „Rosaroten Panther“ und zahlreichen anderen Streifen.

Bis Mitte des Zweiten Weltkrieges wurden in der VEF-Fabrik etwa 17 000 Exemplare gefertigt und weltweit vertrieben. Etwa 2 000 davon waren nach dem sowjetischen Einmarsch in Lettland mit „Made in the USSR“ gekennzeichnet. Zapp war zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Ur-Minox, dem Holzentwurf und einem in Riga produzierten Serienmodell in der Jackentasche nach Deutschland geflüchtet. Dort arbeitete er von 1941 bis 1945 bei der AEG in Berlin.

Nach dem Ende der Kriegswirren wagte der Autodidakt einen Neuanfang. Mit einem Geschäftspartner gründete Zapp im September 1945 die Minox GmbH im mittelhessischen Wetzlar. Als finanzielle Teilhaber kamen kurze Zeit später zwei Zigarrenfabrikanten hinzu, Ende 1948 erfolgte der Umzug in die neue Fertigungsstätte in Heuchelheim bei Gießen. Doch bereits zwei Jahre später kam es zum Bruch mit den Neugesellschaftern.

Zapp wurde ausgebootet und verließ die Firma – ohne Patent. Am weltweiten Erfolg seiner über eine Million Mal verkauften Minox und anderer Modelle hatte der zwar viel technisches Talent, aber nur wenig Geschäftssinn besitzende Erfinder deshalb keinen wesentlichen Anteil mehr. Mit seiner Familie zog er in die Schweiz, wo er sich mit kleineren Aufträgen über Wasser hielt und 2003 verstarb.

Wenige Jahre vor seinem Tod kehrte Zapp in den 1990er Jahren noch einmal als Berater und Konstrukteur zu Minox zurück. Zur Jahrtausendwende bereiste er nach 60 Jahren erstmals auch wieder seine alte Heimat. Bei Besuchen in Riga und Tallinn wurde der damals 95-Jährige für sein Lebenswerk ausgezeichnet. In Lettland erhielt er die Ehrendoktorwürde der Akademie der Wissenschaften, in Estland erwarteten ihn ein Staatsempfang und eine Ehrenmedaille.

Einige Jahre zuvor hatte die estnische Post 1994 bereits eine Briefmarke mit der Patentzeichnung der Minox herausgegeben. Die Pläne für die Serienfertigung bei VEF können heute im Fotomuseum in der Altstadt von Riga besichtigt werden, wo sich ein Teil der Ausstellung Zapp und seiner Kleinstbildkamera widmet.
 

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