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Stadtbild
Zentralmarkt: Der Bauch von Riga

Der Zentralmarkt in Riga von außen.
© Katrin Wolschke

Er ist der größte Markt im Baltikum. Täglich lädt der Rigaer Zentralmarkt Tausende Besucher zum Schlemmen und Schlendern ein. In seinen Hallen steckt ein Stück deutsche Militärgeschichte.

Von Alexander Welscher

Die fünf imposanten Markthallen prägen das Stadtbild der lettischen Hauptstadt wie kaum eine andere Sehenswürdigkeit. Zur Zeit seiner Erbauung war der Rigaer Zentralmarkt der größte und modernste Markt Europas. Auch heute ist er noch gut besucht: 80 000 Menschen kaufen hier täglich ein. Aber nicht immer wurden unter den Dächern der Pavillons Lebensmittel feilgeboten: Während des Ersten Weltkrieges dienten die Hallen der Preußischen Armee als Hangars für ihre Luftschiffe.

Knapp 200 Kilometer südwestlich von Riga, nahe der kleinen kurländischen Ortschaft Vaiņode, errichtete die Deutsche Kaiserliche Marine 1916 ihren Luftschiffhafen Wainoden. Von hier aus flogen die deutschen Besatzer mit ihren Zeppelinen zahlreiche Aufklärungs- und Angriffsflüge in der Rigaer Bucht und in zum Russischen Zarenreich gehörenden Lettland. Untergebracht wurden diese Pioniere der Luftschifffahrt in zwei riesigen Hangars. Benannt waren die beiden je 240 Meter langen, 47 Meter breiten und 38 Meter hohen Hallen nach germanischen Heldensagen: „Walhalla“ und „Walther“.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 und der Niederlage des Deutschen Kaiserreiches hatte das unabhängig gewordene Lettland für den Luftschiffhafen keine Verwendung mehr. Der Stadt Riga kamen die Zeppelinhallen jedoch gerade recht: Der alte, zwischen Altstadt und Daugava-Ufer gelegene Zentralmarkt entsprach bereits vor dem Krieg in keinster Weise mehr den Anforderungen der wachsenden Großstadt. Endlich konnte die Vergrößerung des Marktes und seine Verlegung neben den Hauptbahnhof beschlossen werden. Die neuen Markpavillons sollten aus den Dachkonstruktionen der beiden Luftschiffhangars entstehen. „Walhalla“ und „Walther“ wurden aus Vaiņode abtransportiert und zu fünf kleineren Hallen umkonstruiert – mit einer Höhe von 20 Metern fielen sie aber immer noch ziemlich großzügig aus.

Nach sechs Jahren Bauzeit öffneten sich am 2. November 1930 die Tore des neuen Rigaer Zentralmarktes. Heute lässt sich kaum ein Tourist den Besuch des bunten Markttreibens entgehen und stößt auf ungewöhnliche kulinarische Leckerbissen und Spezialitäten wie gebratene Neunaugen in Aspik, Schweinebacken und Birkensaft. Da die Preise oft niedriger sind als im Supermarkt, tätigen aber vor allem die Einheimischen hier ihre täglichen Einkäufe. So bescheiden die Ausstattung des Marktes auch wirken mag, desto größer ist das Angebot. Auf einer Gesamtfläche von zehn Fußballfeldern türmen sich sieben Tage die Woche die frischen Waren. In jedem der Pavillons verleiht ein anderes Produkt dem Ort eine besondere Atmosphäre, seien es zappelnde Fische, Berge von Fleisch oder Gemüse und Kühltheken voll Milchprodukte. Wer hier nicht fündig wird, kann sich unter freiem Himmel weiter ins Getümmel stürzen. Zwischen saisonalem Obst und Gemüse, Billigklamotten und Unterhaltungselektronik fraglicher Herkunft, Kunsthandwerk und Sowjetdevotionalien findet gewiss jeder ein passendes Souvenir oder Mitbringsel.

Auf dem Zentralmarkt ticken die Uhren anders als im Rest der Stadt. An den 3 000 Ständen wird bisweilen recht temperamentvoll gehandelt und gefeilscht, gedrängelt und gewühlt. Lange Schlangen bieten die Gelegenheit für Überraschungen, so ist die Ware hier oft besonders gut, oder einfach nur unschlagbar günstig. Und nicht selten bekommt die Kundschaft von den meist russisch sprechenden Marktfrauen ein liebevolles „mein Töchterchen“, „Söhnchen“ oder „Häschen“ zu hören – in Riga ein sicherlich einzigartiges Erlebnis.

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