Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Ausgesprochen ... posthuman
Affen im Kopf

Affen in Kopf
Ständige Ablenkung von der Arbeit? Da ist sicher der Affe in Eurem Kopf schuld! | Foto (Detail): Unsplash © Jamie Haughton

Was macht das Smartphone mit uns, wenn wir es immer häufiger nutzen? Mit unserem Kopf, mit unserem Körper? Liwen Qin begibt sich auf Spurensuche. 

Einer der lustigsten TED-Talks, die ich je gesehen habe, stammt von dem Blogger Tim Urban. Er spricht darin davon, wie er ständig mit der „Aufschieberitis“ kämpft und vergleicht seinen Drang, sich von der Arbeit ablenken zu lassen, mit einem Affen, der ständig belohnt werden will. Das Einzige, was ihn vor der Prokrastination bewahre, sei ein „Panikmonster“, eine nervöse Kreatur, die immer im allerletzten Moment vor der Deadline in seinem Kopf „AAAAHHHHHHHH!” schreit.

Ich jedenfalls kenne meine eigenen Affen nur zu gut: Das Internet und vor allem die sozialen Medien haben mein Hirn ordentlich durcheinandergebracht. Während ich arbeite, bin ich zwar nicht ständig auf der Suche danach, kurzfristig Bedürfnisse zu befriedigen (beispielsweise durch Snacks), aber ich merke, wie ich unentwegt mein Smartphone zur Hand nehme und wie eine Drogenabhängige kontrolliere, was in den sozialen Netzwerken so los ist.

Algorithmen untergraben Selbstkontrolle

Es gibt noch nicht viele wissenschaftliche Studien darüber, wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) und die Internetnutzung zusammenhängen. Einem Bericht kalifornischer Wissenschaftler aus dem Jahr 2018 zufolge gibt es zumindest einen leichten Zusammenhang zwischen erhöhtem Medienkonsum und Symptomen von ADHS bei Teenagern.

Die Forscher halten sich noch sehr bedeckt, vermuten aber, dass moderne Medien „die Aufmerksamkeit von anderen zentralen Aufgaben weglenken. Ständige Ablenkungen könnten die normale Entwicklung eines Aufmerksamkeits- und Organisationsverhaltens beeinträchtigen.“ Weiterhin nehmen sie an, dass diejenigen, die „moderne digitale Medien überdurchschnittlich viel nutzen, sich an schnelles Feedback gewöhnen, was der Entwicklung von Impulskontrolle und Geduld im Wege stehen könnte“.

Soziale Medien wollen nur eins: unsere Aufmerksamkeit erhaschen, damit sie damit Geld verdienen können. Historisch gesehen verschafften die Suche nach Neuem und ein erhöhtes Spannungslevel dem Menschen evolutionäre Vorteile, aber heute werden wir nur noch von Computeralgorithmen ausgebeutet und in die Falle gelockt. Es fällt uns zunehmend schwerer, die Selbstkontrolle zu bewahren, denn die Maschinen, die unsere Vorlieben ausfindig machen, werden immer besser und saugen uns direkt in ein schwarzes Loch hinein.

Schließlich fühlen sich alle ständig attackiert und bedroht

Niedliche Tierchen, tolle Klamotten, lustige Videos, sensationelle Nachrichten … all das ist nicht gerade förderlich für unsere Aufmerksamkeitsspanne. Vor zehn Jahren fanden chinesische Internetfirmen heraus, dass der durchschnittliche User kein Video länger als sieben Minuten ansieht. Heute zählt ein Video auf Douyin, einer beliebten chinesischen Videoplattform, bereits mit 60 Sekunden als „langes Video“.

Und noch schlimmer: Wenn YouTube merkt, dass jemand häufig Videos mit bestimmtem politischen Inhalt abspielt, schlägt es weitere Videos mit noch radikalerem Inhalt vor. Menschen sind von der Natur darauf programmiert, in einer Verteidigungssituation heftig zu reagieren: Sie schütten mehr Adrenalin aus, ihr Herzschlag steigt. Als Folge bleiben sie länger online, um diese Erfahrung zu wiederholen. Dieser Mechanismus bewirkt, dass sich die Gesellschaft immer weiter polarisiert. Schließlich fühlen sich alle ständig attackiert und bedroht.

Jede Sekunde elf neue Nutzer bei sozialen Medien

Wer heute zusammenrechnet, wie lange die Menschheit bisher online war, kommt schon auf eine Milliarde Jahre. Jede Sekunde melden sich elf Internetnutzer neu bei sozialen Medien an. Wir haben erheblich mehr Nachrichten gelesen und angesehen und mit mehr Leuten gesprochen als die Menschen ein paar Jahrhunderte vor uns, aber die Affen in unserem Kopf gewinnen immer mehr die Kontrolle.

Wenn wir uns das bewusster machen, können wir verschiedene Methoden entwickeln, um sie zu erziehen. Außerdem sollten Online-Unternehmen, die sich Fake-News zunutze machen und damit sozial polarisieren, Verantwortung übernehmen müssen. Gleichzeitig sind wir verpflichtet, die Meinungsfreiheit zu verteidigen – eine heikle Gratwanderung. Kurz, wir haben insgesamt unser Bewusstsein zu schärfen und bestimmte Dinge zu regulieren, dürfen dabei aber auch den Spaß nicht verlieren.
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Liwen Qin, Maximilian Buddenbohm, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Liwen Qin beobachtet in „Ausgesprochen … posthuman“ den technischen Fortschritt und wie er unser Leben und unsere Gesellschaft beeinflusst: im Auto, im Büro und an der Supermarktkasse.

 

Top