Kulturarbeit von Flüchtlingen
Türen öffnen in der Fremde

Das Münchner Projekt „Kino Asyl“
Das Münchner Projekt „Kino Asyl“ | Foto: © Max Kratzer

Sie gründen Zeitschriften, drehen Filme, veranstalten Festivals: Viele Flüchtlinge bereichern mit ihrem Engagement den deutschen Kulturbetrieb.


Sieben Türen hat Ramy Al-Asheq geöffnet: Eine davon ist „Die Tür zur Welt“. Hinter ihr verbergen sich internationale Nachrichten. Eine andere heißt „Die offene Tür“ und führt zu praktischen Tipps über das Leben in Deutschland. „Ihre Tür“ bringt Neuigkeiten aus feministischer Perspektive. Und die „Tür des Herzens“ sammelt das, woran es Flüchtlingen Al-Asheq zufolge allzu oft mangelt: Geschichten von Hoffnung, Liebe und Erfolgen. 

Die „Türen“, das sind Rubriken der Zeitschrift Abwab, die der 26 Jahre alte Syrer Al-Asheq seit Dezember 2015 als Chefredakteur leitet. Seitdem erscheint das Magazin einmal monatlich – als erste arabischsprachige Zeitung in Deutschland überhaupt. „Weil sich mir bereits eine Tür in die deutsche Kultur geöffnet hat, will ich sie jetzt anderen Geflüchteten aufhalten“, sagt der in Köln lebende Al-Asheq, dem ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung 2014 den Weg nach Deutschland ermöglichte. 

Das macht er mit seinem Team auf inzwischen knapp 25 Seiten, größtenteils in arabischer Sprache. „Die meisten Flüchtlinge sprechen noch kein Deutsch“, sagt Al-Asheq. Gleichzeitig seien die sozialen Netzwerke voller falscher Nachrichten. Deswegen biete Abwab neben Nachrichten aus den Heimatländern auch viele Themen aus Deutschland. In der Januar-Ausgabe 2016 etwa schrieb eine syrische Autorin nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln über sexuelle Übergriffe. Abwab liegt inzwischen in mehr als 100 Flüchtlingsunterkünften, arabischen Kulturvereinen und in Volkshochschulen gratis aus. Der Druck wird durch Werbung finanziert. Die mehr als 30 beteiligten Autoren und Journalisten schreiben bislang ehrenamtlich.

Miteinander sprechen, voneinander lernen

Doch Al-Asheq, der als Dichter und Autor bereits mehrere Bücher veröffentlicht hat, will auch an anderen Fronten helfen – einen Internetauftritt für Flüchtlinge und alle Interessierten in deutscher, arabischer und englischer Sprache aufbauen, Workshops und Diskussionsveranstaltungen organisieren, kurzum: Plattformen zum Informieren und Vernetzen schaffen. Gerade habe er sich mit Vertretern mehrerer deutscher Ministerien getroffen, erzählt er. Und auch aus Ländern wie Schweden, Griechenland, den Niederlanden und Frankreich kämen regelmäßig Anfragen. 

Al-Asheq macht das Hoffnung. Denn, so sagt er, gerade Flüchtlinge aus außereuropäischen Ländern bräuchten anfangs mehr Unterstützung, um sich einzuleben. „Man kann jemandem aus Italien oder Griechenland nicht auf die gleiche Art helfen wie einem Geflüchteten aus Syrien oder Eritrea“, meint er. Sein Wunsch ist darum: „Sprecht nicht über uns, sondern mit uns.“ Sein Bruder sei vor wenigen Wochen in Deutschland angekommen. Al-Asheqs erster Rat an ihn: „Triff Deutsche und rede mit ihnen – auch mit schlechtem Deutsch oder Englisch.“ Denn wer sich gegenseitig die Türen offenhält, könne voneinander lernen, so Al-Asheq. 

Dass das auch mit einem Augenzwinkern geht, zeigt die Idee von Firas Al-Shater, der vor knapp drei Jahren vor dem Bürgerkrieg in Syrien floh und nun in Berlin lebt. Al-Shater war in seiner Heimat Filmemacher und hat diese Berufung auch jetzt nicht aufgegeben. Auf seiner Internetseite Zukar.org hat er eine Webserie gestartet – von Flüchtlingen für Flüchtlinge, auf Deutsch und mit leicht komödiantischem Einschlag. Mit seinem ersten Video, in dem sich der Filmemacher auf dem Berliner Alexanderplatz von Passanten umarmen lässt, avancierte er zum Youtube-Star. Der Titel: Zukar 01 – Wer sind diese Deutschen?.

Fenster in eine andere Welt

Wie umgekehrt auch Flüchtlinge ein Fenster in ihre Heimat öffnen und damit zum Austausch beitragen können, zeigt das Projekt „Kino Asyl“ aus München. Ein Festival mit Filmen aus den Fluchtländern, in denen Geflüchtete zeigen, woher sie kommen und was sie geprägt hat – diese Idee hatte der Medienpädagoge Thomas Kupser vom Medienzentrum München im Jahr 2015. Schnell fand er Befürworter und finanzielle Unterstützung. Flüchtlingsinstitutionen meldeten sich und schlugen junge Teilnehmer vor. 

So stieß auch Ansumane Famah als einer der zehn Kuratoren zum Projekt. „Aminata, der Film, für den ich mich entschieden habe, spiegelt ein Stück meiner Heimat Sierra Leone wider“, sagt Famah, der seit November 2014 in Deutschland lebt. Ein leichtfüßiges Thema wählte er nicht. Aminata erzählt die Geschichte der Tochter armer Eltern, die eine gute Ausbildung machen will, mit 14 Jahren aber zur Heirat gezwungen wird. Dennoch verfolgt sie weiter ihr Ziel für eine bessere Zukunft. 

Doch die Filme aus Afghanistan, Syrien, Sierra Leone, Palästina, Mali und dem Senegal mussten nicht nur ausgewählt werden. Unterstützt von Fachleuten, entwarfen die Kuratoren auch Flyer, Programmhefte, schnitten Trailer und übersetzten Untertitel. Im Dezember 2015, ein halbes Jahr nach dem ersten Treffen, wurden die Filme schließlich in mehreren Münchner Kinos vorgeführt – „mit großem Erfolg“, sagt Thomas Kupser. Er hofft auf genug Fördergelder, um 2016 das nächste Festival auf die Beine zu stellen. Auch Ansumane Famah möchte dann wieder dabei sein – „um den Menschen zu zeigen, was wir verloren haben“, sagt er, „und um mit anderen Flüchtlingen Wissen und Erfahrungen zu teilen.“

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