Tatort Riga Noch viele Fragen offen

Riga um 1890

Lettland ist eher selten Ort des Geschehens in deutschsprachigen Krimis. Vor 170 Jahren allerdings war Riga Thema in einer der ersten Kriminalerzählungen überhaupt. Nach 1990 entdecken aktuelle Krimis Lettland langsam wieder neu.
 

Carl von Holtei war ein sehr umtriebiger Mensch. Schon in seiner Jugend war er als Schauspieler, Dramaturg, Regisseur und Bühnendichter tätig, und allein 61 Bände erzählender Schriften sind von ihm erschienen. 1837-41 war er Direktor des Deutschen Theaters in Riga und engagierte Richard Wagner als Kapellmeister. Als er 1849 Ein Mord in Riga fertigstellte, konnte er seinen Stoff auch aus eigenem Erleben und der Kenntnis Rigaer Verhältnisse aufbauen.


Krimi als Rätselaufgabe

Buchcover: Karl von Holtei „Ein Mord in Riga“ © Neuthor Verlag, 1992 Zu dieser Zeit gab es bei der Polizei, nicht nur in Riga, normalerweise wenige Möglichkeiten einer beweissicheren Aufklärung von Verbrechen. In den ersten Krimierzählungen bekamen daher oft privat ermittelnde Detektive die Hauptrollen. Für einen Teil der Leserschaft war damals ein zum logischen Denken erziehender Krimi fast wie das Lösen von Kreuzworträtseln. Aber Krimischriftsteller mussten sich rechtfertigen, nicht nur schön zu schreiben, sondern den Leserinnen und Lesern auch ein Rätsel mitzugeben.

Carl von Holtei setzt in seiner Geschichte den Eifer eines Polizeibeamten, der einen Schuldigen finden will, in Gegensatz zur Leidenschaft von Liebenden und Geldgierigen. Er bietet auch Einblicke in Strukturen des gesellschaftlichen Lebens. Ein Mann wird des Mordes verdächtigt, er ist kein Deutscher, sondern Sohn eines Leibeigenen. Sein Vater wurde als vermeintlicher Gegner der orthodoxen Glaubensreform, die der Zar durchsetzen will, von der Polizei verhaftet. Dazu kommen interkulturelle Missverständnisse: wer kann zum Beispiel ahnen, dass für einige Menschen Tauben etwas Heiliges sind, die selbst dann nicht getötet werden dürfen, wenn es Hilfe für einen Todkranken bedeutet?

Es gibt auch Hinweise auf das damalige Riga: beschrieben wird eine alte Kettenbrücke über die Düna, Waschbärpelz ist gerade Mode, im deutschen Kulturclub wird Whist gespielt, in Bolderāja gibt es viele Matrosenkneipen, und die Kaufleute träumen vom Bau einer Eisenbahnlinie. Andererseits herrschen raue Sitten: wer als Dieb oder Schmuggler erwischt wird, muss damit rechnen, als Leibeigener verkauft zu werden.

Rückkehr nach Lettland?

Lange nach Carl von Holtei wagte sich kein deutschsprachiger Krimiautor oder -autorin wieder nach Lettland. Erst Henning Mankell hat 1992 mit Hunde von Riga die Krimileser wieder nach Riga geführt. Die durchschlagende Wirkung bezeugt die zweifache Verfilmung des Romans, die beide im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden.

Auch das Ehepaar Astrid und Bernt Schumacher nimmt die unsicheren Zeiten des Umbruchs Anfang der 1990iger Jahre in den Fokus. Unter dem Kürzel A.B.S. schrieben beide gemeinsam Kriminalromane, Kalaschnikow war einer der letzten dieser Reihe. Riga im Oktober 1992. Den Gästen, einem Fotograf und einer Journalistin aus Deutschland kommt so manches merkwürdig vor: ständige Demonstrationen wechselnder Gruppen am Freiheitsdenkmal, dubiose Mitreisende auf den Fähren zwischen Kiel und Riga, das Zettelsystem lettischer Garderoben und Letten, die von reicher Pilzernte begeistert sind. Manches spielt sich hier zwischen den drei Hotels Riga, de Rome und Latvija ab. Als Zahlungsmittel sind Euroschecks in Gebrauch, Telefone haben noch Kurzwahlspeicher und in Riga fallen dänische Touristen auf, die ihre frisch errungene Fußball-Europameisterschaft feiern. Wer Riga kennt, wird im Buch vieles exakt beschrieben wiederfinden: unter anderem eine Buchhandlung an der Barona iela, das Jever Bistro in der Altstadt und eine Kunstgalerie in Jūrmala.

Krisen, Reisen, Vorurteile

Auch einigen anderen Krimis zufolge gelten Reisen nach Lettland als eher abenteuerlich, die Wirtschaft kriselt, und es gibt vorerst keine genaue Vorstellung davon, was eigentlich eine Lettin oder ein Lette ist.
Der Krimi Echte Freunde aus der Serie Stan Becker von Martin Kluge aus dem Jahr 1999 hat offenbar vor allem das Ziel, ein Fernsehdrehbuch zu liefern, das viel Action enthält. Hintergrund des Geschehens ist die Großbaustelle zum Hauptbahnhof Berlin, wo eine Tote lettischer Herkunft gefunden wird. Die lettischen Bezüge wirken hier austauschbar und beliebig. Zwar waren die Polizeiwagen damals wirklich noch grün (grüne Minnas), aber in Berlin gab es nicht nur ein lettisches Konsulat. Wer nach Riga fliegt, findet am Flughafen angeblich keine Taxis und läuft kurzerhand zu Fuß ins Stadtzentrum. Mit der Verstrickung von Geheimdiensten aus aller Welt, angeblich russischer Beutekunst, Kulturschätzen aus jüdischem Besitz und Drogendealern wirkt die Geschichte reichlich überladen.
  • Henning Mankell „Hunde von Riga” © Zsolnay
    Henning Mankell „Hunde von Riga”
  • A.B.S. „Kalaschnikow“ © Heyne, 1994
    A.B.S. „Kalaschnikow“
  • Peter Zeindler „Salon mit Seerosen” © Arche, 1999
    Peter Zeindler „Salon mit Seerosen”
  • Frank Goyke „Mörder im Zug” © Hinstorff
    Frank Goyke „Mörder im Zug”
  • Claudio Cantele „Im Visier der Heuschrecken” © Styria Krimi, 2014
    Claudio Cantele „Im Visier der Heuschrecken”

Um Rohöllieferungen von Ventspils nach Hamburg geht es in Salon mit Seerosen des Schweizers Peter Zeindler. Auch wenn hier die Handlung völlig auf Zürich und Hamburg beschränkt bleibt, werden lettische Bezüge doch klar und deutlich beschrieben: von der Legende der Rose von Turaida bis zur Faulbaumblüte im lettischen Frühjahr.

In Mörder im Zug lässt Frank Goyke seine Geburtsstadt Rostock vor den Augen der Leserinnen und Leser durch sehr akribisch zusammengestellte Details entstehen: Straßennamen, Parks, Denkmäler, Schulen, Bars, bis hin zu Mülldeponie und Psychiatrie. An der zwei Restaurants betreibenden lettischen Familie dagegen wirkt fast nichts wirklich echt: weder der Nachname Medanauskas, die italienischen Vornamen, noch die absichtlich holprig geschilderte Sprechweise. Seine Rostocker sehen alles kulturell Unterschiedliche als fremd und bedrohlich an, und Goyke liefert keine Gegenargumente.

Schließlich noch Claudio Cantele. Bei Im Visier der Heuschrecken sind wir in der Banken- und Finanzkrise angekommen. Erstaunlicherweise haben sich hier internationale Finanzjongleure versammelt um einen Staat wie Lettland zu vernichten. Selbst wenn wir das glauben müssten - denn Cantele, der in Wien lebt, hat jahrelang selbst in der Finanzbranche gearbeitet – die Verhältnisse in Lettland hätte er besser recherchieren können. Der Text liest sich allerdings sehr amüsant. Ihm genügt kein Schwarzhäupterhaus oder Schloss: „Auf beiden Seiten des Eingangs zum Regierungspalast stand eine Abordnung der berittenen Nationalgarde in prächtigen Uniformen.“ Lettische Politiker fahren hier nur in gepanzerten Wagen, und wenn der Wechselkurs schwankt, legen alle im Parlament kugelsichere Westen an, während draußen eine wütende Menge mit Eiern und Tomaten schmeißt. Da hat Lettland in der Realität wirtschaftliche Schwierigkeiten bisher ruhiger überstanden.

Auch die Zeiten der Kriminalmiliz sind längst vorbei, die noch bei Andris Kolbergs, dem bekanntesten lettischen Krimiautor, eine Rolle spielten. Wer in den Straßen von Riga ein kriminalistisches Rätsel lösen möchte, muss nicht mehr, wie bei Carl von Holtei, auf einen einzigen Polizeipräfekten hoffen, und auch die digitalen Hilfsmittel haben sicher längst Einzug gehalten. Wer das Lettland von heute kennt, wünscht sich Lettinnen und Letten auch in aktiven Rollen, nicht nur als Opfer schlimmer Verhältnisse. Also, wo sind die lettischen Kommissarinnen oder Detektive? Diesen Stoff hat sich der deutschsprachige Krimi noch für die Zukunft vorbehalten.