Soh Yeong Roh zum Kultursymposium Weimar 2016 „Teilen und Tauschen muss einfach verwirklicht werden“

Festivalgelände des Kultursymposiums Weimar 2016
Festivalgelände des Kultursymposiums Weimar 2016 | Foto: Goethe-Institut/Jörg Gläscher

Teilen und Tauschen sind Grundlagen menschlicher Kulturpraktiken. Sie spielen in armen Ländern eine ebenso große Rolle wie in Wohlstandsgesellschaften. Wann aber teile ich überhaupt – und mit wem? Welche gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen ergeben sich aus den verschiedenen Erscheinungsformen des Teilens und Tauschens? Auf dem Kultursymposium Weimar Anfang Juni 2016 suchte das Goethe-Institut gemeinsam mit ExpertInnen aus dem In- und Ausland, aus Kultur, Wirtschaft und Politik Antworten auf diese Fragen. Soh Yeong Roh, Direktorin des Art Center Nabi in Seoul, war aus Südkorea mit dabei und hat uns nach ihrer Rückkehr berichtet.

Frau Roh, wie kam es zu Ihrer Teilnahme beim Kultursymposium Weimar?

Beim Kultursymposium Weimar sollten sich Experten aus verschiedenen Bereichen bei Symposien, Vorträgen, Seminaren und anderen Formaten zum Thema „Teilen und Tauschen“ austauschen. Ich wurde vom Goethe-Institut eingeladen. Mich hat die vielfältige Annäherung an das Thema, aus der Blickweise der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, der Gesellschaft und der Kunst, gereizt, und die äußert vielfältige Teilnehmerliste. Außerdem war unter den Teilnehmern auch Jeremy Rifkin, den ich sehr bewundere. Aber ausschlaggebend für meine Entscheidung zur Teilnahme war letztlich das Thema an sich. Im 21. Jahrhundert gibt es nichts Wichtigeres als Teilen und Tauschen, ohne sie kann die Menschheit nicht überleben. Insofern fand ich das Thema sehr passend.

Jeremy Rifkin bei seiner Keynote Speech in Weimar Jeremy Rifkin bei seiner Keynote Speech in Weimar | Foto: Goethe-Institut/Jörg Gläscher Sie haben an einem Workshop zum Thema „Urban Commons“ teilgenommen. Was haben Sie dort aus Korea berichtet?

Ich habe unsere Aktivitäten im Art Center Nabi vorgestellt, zum Beispiel unsere künstlerischen Interventionen, mit denen wir sogenannte „Urban Commons“ zu erschaffen versuchen. Das Besondere an Medienkunst ist, dass sie Einfluss auf die gesamte städtische Umgebung ausübt, selbst wenn sie in einem Innenraum installiert wird. Bei unserem letzten Projekt, einem Hackathon unter dem Namen „Urban Blackout“, haben wir uns zum Beispiel gemeinsam mit Künstlern und Programmierern die Frage gestellt, wie wir bei einem plötzlichen Stromausfall überleben könnten. Wir haben kreative Lösungen gesucht zu Fragen der Ressourcenbeschaffung: wie könnten wir Wasser beschaffen, oder Energie? Ich beschäftige mich schon recht lange mit dem Thema Stadt. Für mich ist eine Stadt vor allem ein Raum, in dem ich mit Menschen, die anders sind als ich, auf sehr engem Raum zusammenlebe. Letztlich geht es um die Frage, wie man mit Menschen, die sehr unterschiedliche Vorstellungen, Interessen und Geschmäcker haben, als ein Körper zusammenleben kann. Viele meiner Aktivitäten beschäftigen sich mit dieser Thematik. 

Wie haben die Teilnehmer aus anderen Ländern auf Ihre Erzählungen reagiert?

Sie haben interessiert zugehört, vor allem bei meinen Geschichten von der Fußballweltmeisterschaft 2002. Damals strömten in Südkorea Millionen von Menschen zum Public Viewing auf die Straßen, und dennoch herrschte eine sehr friedliche und liebevolle, warmherzige Atmosphäre. Alle wurden eins und erfreuten sich am Fußball – und sammelten danach ihren Müll wieder ein. Das war eine ganz besondere Erfahrung, ich glaube, wir haben uns damals darüber gefreut, dass alle Menschen eins geworden waren. Die Menschen, die sonst so gespalten sind und sich mit Ablehnung begegnen, merkten bei dieser internationalen Sportveranstaltung namens Fußball, dass sie doch eigentlich auf der gleichen Seite stehen. Wenn Korea gewann, haben alle gemeinsam gejubelt, und diese Tatsache an sich fanden viele so schön. Die Menschen haben diese Zeit bis heute nicht vergessen.
 
Ich versuche daher, das Gemeinschaftsgefühl von damals durch die Kunst wieder aufleben zu lassen. Wenn man zum Beispiel ans Theater denkt, dann gibt es im Westen traditionell ja viele Unterscheidungen: zwischen der Bühne und dem Publikum, zwischen Gesellschaftsschichten, die ins Theater gehen, und solchen, denen das vorbehalten bleibt. In dem koreanischen Freilufttheater Madanggeuk (마당극) gibt es keine Grenzen, alle vermischen sich. Die Koreaner haben das in ihrer DNA. Ich habe in Weimar viel von unseren Versuchen erzählt, dies auf kreative Art und Weise wiederzubeleben, und die anderen Teilnehmer schienen sehr interessiert. In dem Workshop waren nicht so viele Theoretiker, sondern eher Menschen aus der Praxis. Man konnte daher viel von den Aktivitäten in verschiedenen Ländern hören, was eine gute Erfahrung war.
 
Rokokosaal in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar Rokokosaal in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar | © Klassik Stiftung Weimar, Foto: Maik Schuck Ich habe in Korea stets den Eindruck gewonnen, dass die Nutzung der Urban Commons eher auf politischer Ebene durch die Regierung und die Kommunen bestimmt wird, und nicht so sehr durch Grassroots-Bewegungen der Bürger. War ein solcher Unterschied in Ihrem Austausch mit den internationalen Teilnehmern in Weimar zu spüren?

Vieles sieht in Korea auf den ersten Blick zwar wie von der Regierung gesteuert aus, in Wirklichkeit sind die meisten Regierungen und Kommunen aber eng mit Bürgergruppen vernetzt. Die Regierung schafft die Möglichkeiten und arbeitet dann mit Bürgergruppen zusammen. Die Renaturalisierung des Wasserlaufes Cheonggyecheon in Seoul unter dem Bürgermeister und späteren Präsidenten Lee Myung Bak war natürlich ein Beispiel, wo die Bürger eher außen vor blieben. Aber der jetzige Bürgermeister von Seoul und viele andere Regierungsinstitutionen achten darauf, eng mit den Bürgern zusammenzuarbeiten. Und auch Grassroots-Bewegungen gibt es in Korea viele. Dabei fällt mir zum Beispiel das spanische Künstlerkollektiv Todo por la Praxis ein, das aus Industrie- und anderem Müll Großmonumente erschafft und damit bei den Menschen ein Bewusstsein für das weckt, was sie wegwerfen. Ihre Arbeit hatte mich in Weimar sehr beeindruckt. Hier habe ich dann festgestellt, dass es auch in Korea schon eine Gruppe mit ähnlichen Aktivitäten gibt.
 
Gab es außer diesem Workshop Veranstaltungen oder Erfahrungen, die Sie interessant fanden?

Ich habe dort „Being Faust – Enter Mephisto“ gespielt, was mir sehr viel Spaß gemacht hat! Wenn ich ehrlich bin, fand ich bei diesem Thema die Beiträge aus der Praxis wesentlich interessanter als die der Theoretiker. Teilen und Tauschen, das ist etwas, was einfach verwirklicht werden muss. Es gibt im Verborgenen agierende Philanthropen, die ihren Besitz mit anderen teilen. Solche Menschen leben das Teilen, es wäre schön gewesen, wenn man ihre Geschichten hätte hören können. Und eine größere Präsenz der Art Community hätte mich gefreut.

Eine letzte Frage: Wie hat Ihnen Weimar gefallen?

Sehr gut! Am meisten hat mich die Herzogin Anna Amalia Bibliothek beeindruckt. Diese Bibliothek wurde von einer Herzogin namens Anna Amalia gegründet und war eine der größten ihrer Zeit in Europa – und der Grund, warum es Intellektuelle wie Goethe und Schiller nach Weimar zog. Die Bibliothek ist wunderschön, man spürt, dass sie von jemandem erbaut wurde, der Bücher wirklich liebte. Im Vergleich zu anderen Bibliotheken ist sie sehr gemütlich und friedlich und strahlt eine sanfte Würde aus. Dieser Ort ist mir aus Weimar am meisten im Gedächtnis geblieben.
 

Soh Yeong Roh Soh Yeong Roh | Foto: Nabi Art Center Als Leiterin des Art Center Nabi (아트센터 나비) arbeitet Soh Yeong Roh (노소영) seit 2000 an der Schnittstelle von Kunst und Technologie. Mit dem Art Center Nabi ist sie in der Lage, verschiedene Formen digitaler Kunst zu produzieren, zu zeigen und kritisch zu hinterfragen. In jüngster Zeit gilt ihr Interesse der Verbindung von Robotik und menschlichen Emotionen. Darüber hinaus interessiert sie sich für das Thema „Stadt” als einer Gemeinschaft von Menschen, die sich gemeinsam für das Gemeinwohl engagieren. Derzeit unterrichtet Roh an der Seoul National University und ist Gremiumsmitglied der Advanced Institutes of Convergence Technology sowie des Nam Jun Paik Art Center. Zu ihren diversen Buchveröffentlichungen zählen This Is Media Art! und Digital Art.