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Übersetzungen
Kulturreise – deutsche Literaturübersetzungen in Lettland heute

Tautas grāmatu plaukts
Tautas grāmatu plaukts | © Latvijas Nacionālā bibliotēka. Foto: Kristians Luahers

Nach der Erneuerung der lettischen Unabhängigkeit 1990 konnte der Deutschunterricht in Schulen keine ausreichend guten Sprachkenntnisse sicherstellen, es fand gewissermaßen eine Anpassung an die allgemeinen Globalisierungsprozesse mit Englisch als dominierender Sprache für die interkulturelle Kommunikation statt. Zudem war in den ersten Jahren der Unabhängigkeit die Rolle des Russischen unter anderem als Mittlersprache auch in Übersetzungen noch wesentlich. Doch es gab zu Beginn der erneuerten Unabhängigkeit Übersetzer sowohl der älteren als auch der jüngeren Generation, die sehr engagiert mit der Übersetzung eines breiten Spektrums an deutscher Literatur begannen. Diese Titel waren während der Okkupation verschwiegen worden, und auch die Verlagsleitungen sahen ein ausreichend hohes wirtschaftliches Potenzial darin, diese zu verlegen.

Von Sigita Kušnere

Die Werke Freuds und anderer Klassiker im Lettischen

Seit 1937 war kein einziges Buch Sigmund Freuds auf Lettisch herausgegeben worden, doch in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts folgte eines nach dem anderen: „Psihoanalīzes nozīme un vēsture“ („Bedeutung und Geschichte der Psychoanalyse“, Übers. Igors Šuvajevs, 1994, Neuaufl. 1997), „Totem und Tabu“ (Übers. Silvija Brice, 1995), „Die Zukunft einer Illusion“ (Übers. Igors Šuvajevs, 1996). Neben Übersetzungen bedeutender Klassiker der Philosophie und Belletristik erlangten besonders Bücher für Kinder und Jugendliche Beliebtheit bei der lettischen Leserschaft, etwa Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ (lett. 1993, 2010) oder deutsche Jugendromane, darunter 15 ins Lettische übersetzte Romane für Mädchen von Brigitte Blobel – „Einen Lehrer liebt man nicht“, „Einfach Liebe!“, „Herzsprung“ u.a.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts wurden häufig religiöse Werke aus dem Deutschen übersetzt, darunter beispielsweise auch Bibelgeschichten für Kinder. Vergleichsweise breit ist das Angebot an praktischer Literatur – besonders geschätzt werden Übersetzungen deutscher Kochbücher. Bedeutend sind auch Ausgaben in den Feldern Pädagogik, Psychologie und Medizin sowie Nachschlagewerke.

Statistik zur Verlagstätigkeit

Bei genauerer Betrachtung der Bibliotheks- und Publikationsstatistik der letzten fünf bis zehn Jahre wird deutlich, dass in Lettland etwa 450 Verlage tätig sind, von denen der größte Teil nur ein bis zwei Bücher pro Jahr herausgibt. Zu den mittleren (einige Dutzend Titel im Jahr) und großen (einige hundert Titel im Jahr) Herausgebern in Lettland zählen etwa 30 Verlage. Insgesamt werden jedes Jahr ungefähr 2.200 neue Werke publiziert, darunter etwa 1.800 auf Lettisch – 65 % davon Originalliteratur und 35 % Übersetzungen.

Übersetzungen ins Lettische 2016 aus den folgenden Sprachen 2017 wurden 75 aus dem Deutschen übersetzte Werke herausgegeben, darunter drei Neuauflagen: Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ (1927; lett. „Stepes vilks“, Übers. Ģirts Bļodnieks und Alīda Bļodniece, 1991, 2005, 2017) sowie „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm und „Die drei kleinen Schweinchen“, von dem es mehrere Dutzend Neuauflagen gibt, allerdings in verschiedenen Übersetzungen und Nacherzählungen.

2018 wurden 74 Übersetzungen aus dem Deutschen publiziert, darunter zwei Neuauflagen. Aus dem Deutschen übersetzt und herausgegeben wurden 2018:
 
Bücher für Kinder und Jugendliche   26
Belletristik und Memoiren       18
Populärwissenschaftliche Literatur    9
Religiöse Literatur    7
Nachschlagewerke und praktische Literatur   12
Wissenschaftliche Publikationen    2

Die Übersicht der LNB über die Verlagstätigkeit in Lettland seit 1995 enthüllt ein sehr interessantes Bild, so wurden in diesem Zeitraum insgesamt 2.047 aus dem Deutschen übersetzte Werke auf Lettisch herausgegeben. Zum Vergleich: nur 379 Übersetzungen aus dem Schwedischen wurden verlegt, dagegen 9.004 aus dem Englischen.

Belletristik für Kinder und Jugendliche dominiert

Unter den aus dem Deutschen übersetzten Texten dominiert insgesamt Belletristik für Kinder und Jugendliche sowie populärwissenschaftliche und religiöse Literatur – insgesamt sind 471 Bücher erschienen. In der Belletristik für Erwachsene sind es 511 Bücher, davon innerhalb von 24 Jahren nur 14 Gedichtbücher. Drei von diesen sind Ausgaben von Rainer Maria Rilkes Werken, während von seinen Zeitgenossen – dem deutschen Stefan George und dem österreichischen Hugo von Hofmannsthal – nicht ein Buch auf Lettisch publiziert wurde; es sind lediglich seltene, in Zeitschriften veröffentlichte Nachdichtungen vorhanden.
 
Die Übersetzer und Übersetzerinnen der jüngsten Generation widmeten der Nachdichtung deutscher Lyrik sehr wenig Aufmerksamkeit; als Ausnahme ist hier Jana Vērdiņa zu nennen, die das schier Unmögliche vollbrachte und 1997 die dadaistische Gedichtsammlung „An Anna Blume“ nachdichtete. Besondere Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient unbestreitbar das Lebenswerk von Valdis Bisenieks, der Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ nachdichtete (lett. 1999) sowie andere Werke, die sowohl in Büchern als auch in Zeitschriften veröffentlicht wurden.

Größter Dank den Übersetzerinnen und Übersetzern

Der größte Dank dafür, dass die lettische Leserschaft die Möglichkeit hat, deutschsprachige Literatur verschiedener Länder kennenzulernen, gilt den Übersetzern und Übersetzerinnen. Unter Betrachtung hauptsächlich der beiden letzten Jahrzehnte müssen fraglos Amanda Aizpuriete, Austra Aumale, Aija Jakoviča, Helma Lapiņa, Inga Karlsberga, Ingus Liniņš, Irēna Gransberga, Iveta Galēja, Sinda Krastiņa, Silvija Ģībiete, Valdis Bisenieks und viele andere genannt werden.
 
Die Leistung Silvija Brices hingegen ist schon als echtes Kulturphänomen zu bezeichnen – der Datensatz der LNB über die Verlagstätigkeit von 1995 bis 2018 listet 62 Übersetzungen von Silvija Brice aus dem Deutschen auf (dazu kommen noch 104 Übersetzungen aus dem Englischen). Größtenteils sind dies sehr umfangreiche und höchst komplizierte Übersetzungen von Werken herausragender deutschsprachiger Autoren wie Hermann Hesse, Franz Kafka und natürlich Günter Grass, welche die lettische Leserschaft mit Silvija Brices sprachlichem Glanz erfreuen. Interessanterweise werden Grass‘ Werke auch im Bereich lettischer Popkultur genannt – eine konkrete Anspielung auf das Buch „Die Blechtrommel“ (1959, lett. „Skārda bungas“, Übers. Silvija Brice, „Atēna“, 2001 und 2003) von Günter Grass findet sich im Titel des neuesten Albums „Über den Jungen, der die Blechtrommel schlug“ der lettischen Gruppe „Prāta vētra“, die schon als Kultgruppe gilt.

Ein Werk, das es in anderen Sprachen nicht gibt

Die Verlage Lettlands stehen in engem Kontakt mit denen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und nehmen jedes Jahr an den internationalen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt teil, wo die Redakteure und Redakteurinnen unserer Verlage Bücher suchen, die eine Übersetzung ins Lettische wert wären. Ein wesentlicher Faktor für die Auswahl eines Buchs zur Übersetzung aus dem Deutschen ist, dass dieses Werk auf keiner anderen Sprache verfügbar ist, d.h. es handelt sich um hochwertige deutsche Belletristik und Kinderliteratur, Nachschlagewerke und praktische Literatur; so treffen beispielsweise die Tipps deutscher Kochkünstler und Gartenspezialisten ausgezeichnet die Mentalität und den Geschmack der lettischen Leserschaft.
 
Die finanzielle und informative Unterstützung des Goethe-Instituts Riga ist bei der Übersetzung und Veröffentlichung mehrerer Dutzend wertvoller Bücher von Bedeutung, darunter der grundlegenden wissenschaftlichen Arbeit „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention“ von Aleida Assmann (Übers. Igors Šuvajevs, 2018) und Walter Benjamins „Illuminationen“ (Übers. Ivars Ijabs, 2005) – diese Werke wären ohne eine solche Unterstützung möglicherweise gar nicht publiziert worden.
           
Beim Gedanken an deutschsprachige Literatur, die noch nicht auf Lettisch erschienen ist, fällt mir zuallererst Nobelpreisträger Peter Handke ein, dessen Werke nicht übersetzt sind, wie sich herausstellt. Außerdem würde ich mich sehr über eine neue lettische Ausgabe deutscher Volksmärchen freuen, die ich in der Kindheit gelesen habe.
 
In den letzten Jahren wird die Aktivität auch in der anderen Richtung größer – bei der Übersetzung lettischer Literatur ins Deutsche. Gedichte von Knuts Skujenieks und Arvis Vigulis, der Roman „Fünf Finger“ von Māra Zālīte, Nora Ikstenas Werk „Muttermilch“ und weitere Bücher sind nun auch auf Deutsch erhältlich. Eine Übersetzung im Bereich Kinderliteratur – der Kinderroman „Die wilden Piroggenpiraten“ von Māris Putniņš, übersetzt von Matthias Knoll – wurde gar unter den vielen in Deutschland verlegten Kinderbüchern beachtet und verdiente sich eine Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013. Schon bald wird in Deutschland außerdem eines der kanonischen Werke lettischer Literatur erscheinen: „Straumēni“ von Edvarts Virza in der Übersetzung von Berthold Forssman.

 

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