Gespräch Arnon Grunberg, Ingvild Richardsen und Martin Hielscher: Grete Weil – "Der Weg zur Grenze"

Grete Weil: Der Weg zur Grenze © Monacensia München (links + rechts) | C.H. Beck Verlag (Mitte)

Mi, 09.11.2022

20:00

Goethe-Institut Amsterdam

Grete Weil (links) und Edgar Weil (rechts)

Arnon Grunberg, Ingvild Richardsen und Martin Hielscher im Gespräch über Verfolgung, Flucht, Exil und Trauma

Die deutsch-jüdische Autorin Grete Weil floh 1935, 29 Jahre alt, mit ihrem Mann Edgar vor den Nazis ins niederländische Exil. In Amsterdam schrieb sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, ständig von der Entdeckung durch die deutschen Besatzer bedroht, unter Todesgefahr den autobiografischen Roman Der Weg zur Grenze, der fast 80 Jahre lang verschollen blieb und dieses Jahr im C.H. Beck Verlag erschienen ist.
Grete Weil schildert in Der Weg zur Grenze ihre eigene Geschichte und die ihres 1941 im KZ Mauthausen ermordeten Mannes – ein Schlüsselroman, der fast 80 Jahre unentdeckt und unveröffentlicht blieb. Ingvild Richardsen hat den Roman in einem Literaturarchiv in München entdeckt.
Im Kern erzählt der Roman, fiktionalisiert und aus dem Autobiographischen ins Exemplarische gehoben, die Liebesgeschichte von Grete Weil und ihrem Mann Edgar Weil. Es ist außerdem die Geschichte der Politisierung eines gebildeten, kultivierten Bürgertums und eine einzigartige Beschreibung der Veränderungen im Alltag, in den Familien und Institutionen seit der Machtergreifung der Nazis 1933.
Der Weg zur Grenze wird im Frühjahr 2023 in niederländischer Übersetzung bei Uitgeverij Meulenhoff erscheinen.

Grete Weil (1906-1999) machte nach ihrem Studium der Germanistik in München eine Lehre als Fotografin. 1935 folgte sie ihrem Mann Edgar Weil ins Exil nach Amsterdam, wo sie ein Fotostudio übernahm, nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen einerseits für den Judenrat arbeitete, andererseits seit Herbst 1943 im Widerstand und Versteck die antifaschistische Hollandgruppe Freies Deutschland mit aufbaute. Für die am Weihnachtsabend 1943 von ihr im Untergrund eröffnete Marionettenbühne Das gefesselte Theater, schrieb sie einen Großteil der Theaterstücke. Nach dem Ende der NS-Herrschaft lebte sie in der Bundesrepublik und widmete ihr literarisches Werk vor allem der Erinnerung an die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden und ihrer Vorgeschichte. Sie veröffentlichte u.a. Tramhalte Beethovenstraat (1963/2021), Meine Schwester Antigone (1980) und Leb denn ich, wenn andere leben (1998). Sie wurde u.a. mit dem Tukan-Preis der Stadt München, dem Geschwister-Scholl-Preis, der Carl-Zuckmayer-Medaille und dem Bayerischen Verdienstordnen ausgezeichnet.

Arnon Grunberg (* 1971, Amsterdam), in Deutschland besser bekannt als Arnon Grünberg, ist ein niederländischer Schriftsteller, der einen Teil seiner Bücher unter dem Pseudonym Marek van der Jagt publizierte. Seine Werke wurden in zwanzig Sprachen übersetzt. Seit 1995 lebt er in New York. Grunberg schrieb von 2010 bis 2018 die tägliche Kolumne Voetnoot (Fußnote) auf der Titelseite der Volkskrant.


Ingvild Richardsen Ingvild Richardsen | © Daniel Biskup Ingvild Richardsen ist eine deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Ausstellungskuratorin. Sie forscht über Frauenbewegungen, vergessene Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, jüdisches Erbe und NS-Zeit, sowie über moderne  Kunstbewegungen wie den Jugendstil. Sie lebt in München und lehrt und forscht an der Universität Augsburg. Zuletzt veröffentlichte sie Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen – Wie Frauen die Welt die Welt veränderten (2019) und Die modernen Frauen des Atelier Elvira in München und Augsburg – 1887-1908 (2022).

Martin Hielscher (* 1957, Hamburg) ist ein deutscher Verlagslektor, Autor, Kritiker, Übersetzer und Honorarprofessor an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er studierte neuere deutsche Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Hamburg.1987 wurde er bei Karl Robert Mandelkow mit seiner Dissertation über Zitierte Moderne – Poetische Erfahrung und Reflexion in Wolfgang Koeppens Nachkriegsromanen und in Jugend promoviert.
Seit 2001 arbeitet er in München beim C.H. Beck Verlag als Programmleiter für Belletristik.
 

Am Donnerstag, den 10. November 2022, um 11:00 Uhr werden zwei Stolpersteine vor dem Haus in der Beethovenstraat 48 in Amsterdam verlegt. In diesem Haus lebte das Ehepaar Grete Weil-Dispeker und Edgar Weil.
Die Stolpersteinverlegung ist öffentlich:
Mehr Informationen zu dieser Veranstaltung.

Genootschap Nederland Duitsland in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Niederlande.
 

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