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Tanıl Bora
„Das, was sie suchen, ist das mögliche Leben...“

„Die Ordnung der kostbaren Dinge“ von Sezen Ünlüönen halte ich für das beeindruckendste Erstlingswerk der letzten Jahre.
Am Anfang dieser Geschichte träumt die kleine Nazlı von der Zukunft. „Wenn ich mal groß bin...“[1], so beginnen jedes Mal diese Zukunftsvorstellungen. Denn ganz gleich, was sie möchte oder worauf sich ihre Neugierde bezieht, die Antwort, die ihr gegeben wird, lautet: „Erst wenn du groß bist...“. Auch nur die gewöhnlichsten, die kleinsten Dinge werden aufgeschoben und in die Zukunft verlegt, bis man erwachsen ist. Die Dinge, die man ihr zwar zu tun auferlegt, die sie aber nicht versteht, selbst diese soll sie erst in der Zukunft verstehen können.

Von Tanıl Bora

Ihren Schmuckgegenstand in Fischform würde sie gerne in die Hände nehmen und ihm einen Kuss geben, doch nachdem ihr suggeriert wird, dass sie stets die Distanz wahren soll, schreibt sie in ihr Tagebuch: „Ich möchte nur aus nächster Nähe lieben, weil ich noch klein bin, aber wenn ich groß bin, werde ich hoffentlich lernen können, auch aus der Entfernung zu lieben.“ Normalerweise würde sie jeden Abend vor dem Schlafengehen tagträumen, aber eines Tages notiert sie sich, „Weil ich jetzt groß bin, muss ich mich auf die Schule konzentrieren“. Sie lebt in einem Heute, in dem alles auf die Zukunft verlegt wird, jedoch die Vorstellung einer Zukunft ausgeschlossen ist.

Weitere Figuren in diesem Roman sind Mert und Gülendam, frisch verliebte Jugendliche, die ebenfalls auf die Zukunft warten. Das Leben in der Gegenwart ist eine Vorbereitung auf die Zukunft: „Gülendam hat ihr Leben bis zu diesem Tag – ohne es zu bemerken – immer nur als Vorbereitung für kommende Dinge gelebt. Es scheint so, als wäre alles, was sie bis zu diesem Tag getan hat, eine Art Warmwerden oder eine Gewöhnungsphase bis plötzlich das richtige echte Leben beginnt. Das heute Gelebte würde nicht einmal als Erinnerung zurückbleiben, würde nicht einmal Spuren hinterlassen.“
Als Mert und Gülendam von der „Möglichkeit einer Liebe“ träumen, suchen sie Zuflucht in dem „Reiz des Warten- und Geduldenmüssens“. Allerdings dehnt sich das Warten immer weiter aus. Während Gülendam „will und darauf wartet, dass bestimmte Dinge geschehen“, hat sie gleichzeitig auch „eine Todesangst davor, dass irgendetwas geschehen könnte“. Mert „möchte sich weiterentwickeln und vorwärts gehen, aber mit einer Einsicht, die keiner von ihm erwarten würde, findet er es verlockender, anstatt sich in etwas hineinzustürzen, das er kennt, langsamen Schrittes zu etwas bisher Unbekanntem vorzudringen. Er wartet geduldig.“ Wenn man die Zukunft aufschiebt, wird sie auf sich warten lassen.
 
Ein anderer Romancharakter ist die Hausfrau Sevim, die die Leere einer Zukunft repräsentiert, die schon begonnen hat. Während man wartet und wartet und aufschiebt und aufschiebt, fängt die Zukunft auf einmal an. Das ist beinahe schon ein unendliches Warten auf diese Leere: „Wenn der wartende Mensch die Ankunft des Erwarteten nicht beschleunigen kann, beginnt er seine Zeit zu vergeuden. Er versucht, die Zeit totzuschlagen und freut sich dann, wenn er glaubt, dass sich der Abstand zum Erwarteten verkürzt hat. Ich warte auf nichts, aber ich verschwende meine Zeit. (...) Ich verschwende sie auf sehr schöne Art und Weise, aber ich weiß nicht, was dieses etwas ist, auf dessen Ankunft ich warte. Ich warte auf nichts, denn ich gehe nirgendwohin. Schlage ich etwa die Zeit tot bis ich selbst sterbe?“

Zusätzlich behandelt der Roman auch die Perspektive von vielversprechenden jungen Menschen, die auf erstklassige Schulen gingen und den Westen bereist haben. Junge Menschen, die hinter der Zukunft her sind, es jedoch nicht fertig bringen, eine „Karriere“ zu starten und herauszufinden, was dieses „etwas Anderes machen“ ist, obwohl sie dem versessen nachjagen. Mit der Ruhelosigkeit ihrer Generation und der Schnelligkeit des Internets lassen sie ihre Träume altern noch während sie dabei sind zu träumen. „Das mögliche Leben“, das sie suchen, läuft ihnen davon. Gleichzeitig schwebt die naive Erwartung im Raum, dass „die Zeit für das, was gut und schön und richtig ist, irgendwann schon kommen wird“. Dabei verblasst diese Erwartung angesichts der von standardisierten Lebensmodellen ausgehenden Leere, die in der Zukunft auf sie wartet.
 
An neun Stellen in diesem Buch, die wie eine Überleitung anmuten, werden wir über die Ausdehnung der Risse im größten Eisschelf im antarktischen Ward Hunt aufgeklärt. Muss man diese Stellen als ökologische Metapher begreifen, mit der die Hoffnungslosigkeit verallgemeinert wird, die auf die Hauptcharaktere in Bezug auf die Zukunft einbricht?
In Sezen Ünlüönens eindrucksvollem Roman wird das Aufschieben des Lebens, das das Heute bedeutungslos macht und somit auch die Zukunft vernichtet, hinterfragt. Trotz alledem gibt sie dem Leser meiner Meinung nach Hoffnung mit auf den Weg. Diese Hoffnung liegt in der Lebendigkeit, in der Freude und im Mitgefühl ihrer Erzählkunst, die nicht versiegt, auch wenn sie von den bittersten menschlichen Zuständen erzählt.

DIE ORDNUNG DER KOSTBAREN DINGE
Sezen Ünlüönen
Verlag: İletişim, 2017
Seitenanzahl: 248


[1] Alle in Anführungszeichen gesetzten Zitate sind dem Original entnommen.

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