Taipei Film Festival „Schau mich nicht so an“ erhält bei Taipei Film Festival ersten Preis für internationale Regie-Newcomer

Interview mit Uisenma Borchus
Goethe-Institut Taipei

Mutig und schön, sanft und doch eigensinnig — Ein wunderschöner Film, der den kulturellen Funken zwischen Orient und Okzident überspringen lässt.

Am Abend des 5. Juli etwa um acht Uhr taiwanischer Zeit erhielt Uisenma Borchus Werk „Schau mich nicht so an“ im Rahmen der Taipei Film Awards den Grand Prize der Jury als „überwältigender Film, für seine Vitalität, seine Verwegenheit, und seine geheimnisvolle Schönheit.“ Uisenma Borchu, die das Skript zum Film verfasst, in ihm selbst eine Rolle gespielt und gleichzeitig Regie geführt hat, nahm mit Kameramann Sven Zellner gemeinsam nicht nur an der Verleihung teil und den Preis auf der Bühne entgegen, sondern absolvierte auf der darauf folgenden Zusammenkunft internationaler Filmemacher noch publikumswirksam eine Art von weltkulturellem Gipfeltreffen.

Ihr Film erzählt, wie die so unabhängige wie rätselhafte Hedi in das Leben der allein erziehenden Iva und deren Tochter Sofia tritt und dort elementare Veränderungen herbeiführt. Jedoch ergänzt die Chemie, die die Figur mitbringt, nicht nur eine Formel innerhalb des Handlungsstrangs, sondern durchbricht auf magische Weise auch die Leinwand und verschafft Publikum und Filmfans ein ganz neues Rezeptionserlebnis, indem sie Einblicke in geheimnisumwitterte Zonen weiblicher Liebe und sexueller Selbstbestimmung gewährt. Das Goethe-Institut hat in Zusammenarbeit mit dem Taipei Film Festival Regisseurin und Kameramann zur direkten Begegnung mit Filmbegeisterten nun nach Taiwan eingeladen, um von den angenehmen und weniger angenehmen Seiten des Produktionsprozesses aus dem Nähkästchen zu plaudern.

  • Don't Look at me that way ©2016 TFF
  • Don't Look at me that way 2 ©2016 TFF
  • Interview mit Uisenma Borchus Goethe-Institut Taipei
  • Interview mit Uisenma Borchus Goethe-Institut Taipei


Sowohl Hedi, die Hauptfigur in „Schau mich nicht so an“, als auch Sie selbst im richtigen Leben, sind ungemein facettenreich. Als Zuschauer kommt man bei der Interpretation des Films kaum umhin, sich pausenlos in Fantasien zu ergehen, die durch Vergleiche und erkennbare Parallelen zwischen Hedi und der Regisseurin heraufbeschworen werden. Als Sie den Charakter der Hedi erdacht haben, hatten Sie da eine Entwicklungsgeschichte im Sinn, die Ihrer eigenen ähnelt?

Uisenma Borchu:
Als ich vier Jahre alt war, haben meine Eltern mit mir die Mongolei verlassen, um nach Deutschland zu ziehen. In unserem Viertel gab es keine anderen Ausländer und deshalb wurde ich immer als Fremde angesehen. Seit meiner Kindheit stelle ich mir Fragen wie „wer bin ich?“ oder „wo gehöre ich hin?“ und von meinen Eltern höre ich dazu immer: „Du führst ein einzigartiges Dasein, dem nur mit unkonventioneller Weisheit zu begegnen ist.“ Später habe ich angefangen nachzudenken und die Kulturen des Deutschlands, in dem ich aufgewachsen bin, und der Mongolei, aus der ich stamme, zu erforschen. So habe ich mich zu der Person entwickelt, die ich heute bin. Indem ich meine eigene Lebenserfahrung in die Figur der Hedi einfließen lasse, kann ich sie charakterlich anreichern, deshalb habe ich das auch getan. Allerdings gibt es auch Verbindungen zwischen mir und den anderen Filmfiguren. In der allein erziehenden Mutter Iva erkenne ich mich zum Beispiel sehr deutlich wieder. Es ist so, dass sich Menschen mit multikulturellem Hintergrund ziemlich schnell zu jemandem entwickeln, der nach außen hin stark wirkt, in Wahrheit aber innen drin immer noch hochsensibel ist und sich danach sehnt, geliebt zu werden.

Das Erscheinen von Hedis Großmutter im Film will irgendwie nicht mit dem äußeren Erscheinungsbild der Hauptfigur und ihrer Lebensweise zusammenpassen. Trotzdem steht sie für Hedis Wurzeln und kulturelle Herkunft. Könnten Sie diesen gefühlten Konflikt etwas erläutern? Die Handlung in der Jurte, in der die alte Frau lebt, erweckt stark den Anschein eines Traumbildes. Wo befinden sich einerseits der Ort, der im Film dargestellt werden soll, und andererseits der tatsächliche Drehort? War die Jurte authentisch oder bloße Kulisse?

Uisenma Borchu:
Die Jurte stand in Ulaanbaatar, was zugleich Drehort und fiktiver Handlungsort war. Ein Freund, bei dem ich in der Mongolei gewohnt habe, hat sich für mich nach geeigneten Örtlichkeiten umgehört und das Casting für die Rolle durchgeführt. Am Ende hatten wir eine alte Dame in ihrer Jurte, in der ich dann auch ein paar Nächte verbracht habe. Sie übernahm also die Rolle der Großmutter aus dem Drehbuch. Zehn Kinder hat sie im richtigen Leben zur Welt gebracht, lebt aber jetzt allein und die Jurteneinrichtung entspricht ganz dem, was man sich unter dem Eigenheim einer Oma vorstellt. Die Figur lebt in der Mongolei, wo das Leben gemächlich vonstatten geht. Ihrer Meinung nach sind die jungen Leute allzu sehr auf schnelle Erfolge erpicht. Ihre Lebenseinstellung, die auf Geduld und Gemütsruhe basiert, orientiert sich so ganz und gar nicht am Leben in der Moderne, und trotz dieses Unterschieds zwischen ihr und Hedi, der von außen betrachtet wie Tag und Nacht scheint, besteht durchweg eine familiäre Intimität ohne jegliche Einbußen zwischen den beiden.

Zahlreiche Beschreibungen im Film erscheinen wie Traumpassagen. Die Handkameraästhetik hat nicht nur etwas Voyeuristisches, sondern kreiert auch den Blickwinkel eines geisterhaften Verfolgers, was unheimlich poetisch, dabei aber auch ein bisschen abnormal herüberkommt. Würden Sie uns verraten, ob und wie Kamera und Regie sich im Vorfeld zu dieser Methodik abgesprochen haben?

Sven Zellner:
Eine Asiatin mit einem blonden Europäerkind in einer Jurte erscheinen zu lassen ist ja an sich schon ein fantasiereiches Szenenkonzept. Das war auch einer der anfänglichen Gründe, aus denen wir diesen Film machen wollten. Beim Dreh haben wir uns sehr häufig auf unsere Intuition verlassen. Da darstellerisch eine ganze Menge Improvisation im Spiel war, war das Filmen besonders schwierig: In welchen Grenzen durften sich die Schauspieler bewegen? Wie weit durften sie gehen, was den Radius ihrer Gestik betrifft? Bis zu welchem Grad durften sie die Rolle ausreizen? Das waren alles Dinge, die ich in einem improvisierten Szenario wie unserem nicht vorhersehen konnte. Gleichzeitig musste ich das Augenmerk noch auf Belichtung und Objektivwahl richten, und dabei die Details im Blick behalten, die ich einfangen wollte. So war jedes Segment eine Herausforderung für sich. Mit der Regisseurin verbindet mich absolutes gegenseitiges Vertrauen und sie lässt mir auch bei gewagten Aktionen Narrenfreiheit. Die Ergebnisse übertreffen immer die kühnsten Erwartungen, wenn man freie Hand hat.

Die Regisseurin hat in einem kürzlichen Interview den Auftritt des alten Mannes im Film als Symbol dafür bezeichnet, wie man damit zurecht kommt, „dass man zurück auf das Leben blickt und […] viele Fehler sieht, aber […] sie einfach nicht mehr einholen [kann]“. Anders als bei dem intensiven Moment, das dem Sex mit dem jüngeren Mann sowie dem eigenverantwortlichen Leben mit der allein erziehenden Mutter innewohnt, tritt in der weniger intensiven Beziehung zu dem Alten eine Art Elektrakomplex bei einer gezähmten Hedi zu Tage, wobei ihre Bereitschaft zur Gefügigkeit stark betont wird. Schließlich wird Hedi ja dann von Iva und ihrem Vater in einer Gemeinschaftsaktion ertränkt und entpuppt sich als gar nicht so stark wie angenommen, sondern im Gegenteil eher zerbrechlich — ein Kontrast, dessen Ausführung den Zuschauer enorm verdutzt. Welche Absicht haben Sie damit verfolgt?

Uisenma Borchu:
Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, männliche Kraft in einer besonders starken Ausformung zu vermitteln. Nur deswegen kommt die Hand des Vaters ins Spiel, die Hedi dann ertränkt. Ich bin keineswegs feministisch eingestellt, aber als Regie führende Frau Beobachtungen dazu in Szene zu setzen und in Bildern auszudrücken, wie die Frau sich jahrhundertelang lakaienhaft dem Mann unterzuordnen hatte, das ist für mich etwas ganz Selbstverständliches. Egal ob nun Hedi oder Iva, und egal ob in dominanter oder in devoter Position — die beiden Frauen unterscheiden sich im Grunde gar nicht so sehr voneinander, da sie sich unterbewusst scheinbar immer nach der Liebe und dem Beistand eines Mannes sehnen, woraus sie dann ein Zugehörigkeitsgefühl schöpfen können.

Sven Zellner:
Nochmal zu der Ertränkszene: In gewissem Maße wollten wir damit auch herausstellen, wie es in dieser hochreglementierten Gesellschaft Frauen ergeht, die so frei leben wie Hedi und sich keinerlei Zwängen unterwerfen. Möglicherweise möchte Ivas Vater sein schlechtes Gewissen Tochter Iva gegenüber dadurch kompensieren, indem er ihr dabei hilft, Hedi zu ertränken. Die Hoffnung war allerdings, dass der unbändigen Fantasie des Publikums möglichst keine Grenzen gesetzt werden, indem der Film alles sich wie in einem Traum vollziehen lässt.

Sie sagen, Sie hätten sich ihr Werk eine ganze Weile nicht mehr angesehen. Wenn Sie nun gemeinsam mit so vielen anderen wieder davor sitzen und den Blick auf die eigene Person richten, bekommen Sie da das Gefühl, mit sich selbst vertraut, oder sich eher fremd zu sein? Mit Distanz zu der ursprünglichen Laune, aus der heraus Sie sich entschlossen hatten, diesen Film zu drehen, auf welche andere Weise nehmen Sie sich nun selbst wahr?

Uisenma Borchu:
Ich habe das aufwühlende Gefühl, meiner Heimat immer näher zu kommen. Wenn ich mir meine Filme, die ganz zu Anfang mit viel Herzblut und unter größten Mühen entstanden sind, heute betrachte, bin ich immer noch mit sehr vielem nicht zufrieden. Da gibt es zwar einige Sequenzen, die mir sehr gefallen,aber verglichen mit meinem Wunschtraum von filmischer Umsetzung ist das alles noch unbefriedigend. Wenn ich noch weitere Gelegenheiten erhalte, Neues zu produzieren, daran zu wachsen und mich weiter zu entwickeln, bin ich schon sehr froh. Aber insgesamt muss ich sagen, dass die anderen drei Darsteller mir unsere Zusammenarbeit sowohl am Set als auch außerhalb zu einem erfrischenden Erlebnis mit völlig neuen Impulsen gemacht haben. Von dieser Warte aus gesehen hat sich der Film für mich sehr gelohnt.