2016 Europameisterschaft Mein Deutscher Fussballtrip

2016 EM Deutschland gegen Slowakai 4
2016 EM Deutschland gegen Slowakai4 ©Meichun Wan

Im Sommer 2006 wurden meine beste Freundin und ihre Schwester gleichzeitig vom Fußballfieber gepackt. Zum Auftakt der Weltmeisterschaft in Deutschland sammelte sie wie verrückt Zeitungsartikel und wohin sie auch ging — ihr Panini-Sammelalbum trug sie stets bei sich. Seinerzeit sah ich mir, Fußball betreffend vollkommen unbedarft, die Spiele mit an und nur so zum Spaß bolzte ich sogar in der einen oder anderen gemischten Mannschaft bei Begegnungen zwischen den Klassenverbänden meiner Senior High School mit. Obgleich ich mit den Regeln kein bisschen vertraut war, verfiel ich bei den Spielübertragungen doch nach und nach dem leidenschaftlichen Rausch der Fankurve, in dem der Pulk, sich Schulter an Schulter verausgabend, mitkämpfte.

Bei der Weltmeisterschaft 2010 machten einige Kommilitonen, die seit der High School schon miteinander gekickt hatten, dann über die gesamten vier Wochen hinweg die Nächte durch, um die Liveübertragungen verfolgen zu können, und ich fand mich stets mittendrin wieder — und: Ganz nebenbei sollte dies auch der Moment sein, in dem ich beschloss, die deutsche Mannschaft zu unterstützen. Ihre umsichtige und organisierte Spielweise fand ich schlicht genial! Oft machen zwei Nationalmannschaften bei einer Begegnung einen Eindruck, als trügen sie in einer Schlacht eine Fehde aus, die zwischen den beiden Ländern besteht. Jede Landeself zeigt auf dem Platz ihren ganz eigenen Charakter, und bloß weil man den einen Gegner besiegt hat, bedeutet das nicht gleich, dass man auch jede ihm vormals unterlegene Mannschaft bezwingt. Begegnen sich zwei Teams, deren Eigenschaften das exakte Gegenteil des jeweils anderen darstellen, bleiben Spielverlauf und -ausgang ungewiss und genau dadurch erhält das Ganze seinen großen Reiz. Das alles führte nun also dazu, dass ich zum Premier-League- und Bundesligafan wurde, mir dadurch allerdings auch die große Bürde auferlegte, mich trotz der nach dem Uniabschluss mittlerweile regulären Arbeitszeiten nachts um drei zu den Spielen zu schleppen. Der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Brasilien dabei zuzusehen, wie sie sich Runde für Runde nach oben arbeitet, löste in mir ein Wechselbad der Emotionen aus! Als ich am Tag des Endspiels mit Freunden und anderen Fans bei der Liveübertragung in einer Kneipe wieder eine Nachtschicht eingelegt hatte und der Moment kam, in dem mein Lieblingsteam dann den Pokal gewann, fasste ich insgeheim den festen Vorsatz, mir einmal in diesem Leben eines seiner Spiele im Stadion anzuschauen.

  • 2016 EM Deutschland gegen Slowakai2 2016 EM Deutschland gegen Slowakai2 ©Meichun Wan
  • 2016 EM Deutschland gegen Slowakai3 2016 EM Deutschland gegen Slowakai3 ©Meichun Wan
  • 2016 EM Deutschland gegen Slowakai1 2016 EM Deutschland gegen Slowakai1 ©Meichun Wan
Seit ich einen festen Job habe, wird es immer schwieriger, mir Zeit fürs Fußballschauen zu nehmen. Aber als ich die Nachricht hörte, dass die diesjährige EM in Frankreich stattfinden sollte, schlug mein Herz unwillkürlich höher und so nahm ich mir Anfang des Jahres schließlich vor, dass ich auf eigene Faust nach Europa reisen wollte um in Lille bei einem Spiel dabei zu sein. Durch den Fußball war auch mein Wunsch entstanden, Deutsch zu lernen und ein Verständnis von der deutschen Kultur zu bekommen.

Diesen Sommer machte ich nun schließlich meinen Wunsch wahr, die deutsche Mannschaft in Aktion zu sehen, dabei in die Fangesänge miteinzustimmen und mich von jeder Welle, die die Zuschauer starten, mitreißen zu lassen. Die Atmosphäre, in der die deutschen Fans mit verrückten Perücken und anderen selbstgemachten Kopfbedeckungen am Spielfeldrand ihre Deutschlandflaggen in alle Richtungen schwenkten, war von freundschaftlichen Grüßen geprägt, die sie sich einander zuwarfen. Als unentbehrliche Fanutensilien sah man Blumenketten und aufs Gesicht aufgemalte Landesfarben. Jeder Fan hatte sich individuell und mit akribischer Sorgfalt zurechtgemacht. Als die Mannschaft ihr drittes Tor erzielte, ertönte es aus unseren Rängen immer wieder unisono: „Vier!“ — Darauf hoffend, dass das nächste Tor bald fallen möge. Obwohl ich den Text der Nationalhymne mit meinem Grundstufendeutsch immer noch nur bruchstückhaft verstehe, erfüllte mich doch jedes Mal, wenn sie von der mich umgebenden Menge angestimmt wurde, ein Gefühl der Zufriedenheit! Einfach toll, dabei zuzusehen, wie die Deutschen auf dem Spielfeld alles geben, dann mit der Masse ein Pfeifkonzert für den Schiri zu veranstalten, und die aberwitzigen Gebräuche und Marotten der deutschen Fangemeinde mitzuerleben. Wie sie nach Spielende einander den Arm um die Schulter legten und gemeinsam mit dem Bier in der Hand den Sieg feierten — Bei diesem Anblick wusste ich: Diesen Sport muss ich mit der Zeit einfach lieben!