Theatertreffen Das Berliner Theatertreffen

Volksbühne
Tsai Paochang

Jedes Jahr im Mai wird in Berlin das Theatertreffen veranstaltet, und jedes Mal übertrifft es an Großartigkeit die Events der vorhergehenden Jahre, dank einer immer neuen konkreten Auswahl von 10 repräsentativen Werken aus dem deutschsprachigen Raum, die hier aufgeführt werden. Dieses Jahr hatte ich das Glück — vom Goethe-Institut Taipei gefördert — in den Genuss vieler dieser Inszenierungen zu kommen. Angesichts des hochgradig ausgefeilten Bühnenaufbaus und der ausgeklügelten Lichttechnik deutscher Theater bleibt qualitativ gesehen auch der geringste Vorbehalt fern, zumal man hier auf starke ästhetisch-künstlerische Kompetenz zählen sowie aus einem reichhaltigen Fördertopf schöpfen kann. Die diesjährige Stückeauswahl beschäftigte sich mit den derzeit meistdiskutierten Punkten auf Europas Tagesordnung: Flüchtlingswelle, Integration, ethnische Konflikte — all das zeigt eine Reihe wichtiger Fragen und Aspekte auf. Hier sind die drei Inszenierungen, die mir persönlich am besten gefallen haben:
 
„Der Die Mann“
„Der Die Mann“ wird vom in Augsburg geborenen und in München zum Theaterregisseur ausgebildeten Herbert Fritsch als Adaption von Texten des österreichischen Dichters Konrad Bayer inszeniert. Das Stück bringt eine dadaistische Ästhetik ins Spiel und entwickelt diese mit außerordentlicher Liebe fürs Detail: Die Sprache ist dabei lediglich Geräusch, und auch die Textinhalte sind bloßes Accessoire, was den Szenen zu einer Art spontan-intuitiver und ungeplanter Natürlichkeit verhilft. Zu Beginn trägt die riesenhafte Drehbühne ein paar überproportionale Steinstufen und ein so kolossales wie leuchtend gelbes Grammophon zur Schau, bevor sieben perfekt eingespielte Darsteller darauf den Raum in gekonnter Manier und voller Witz bis in den hintersten Winkel durchdringen.

Aus meinem Blickwinkel:
Die Exposition dieses Stückes habe ich mit heruntergeklappter Kinnlade verfolgt! Jedesmal, wenn die Bühne sich weiterdrehte, verharrten die Sieben mit einer Präzision und tänzerisch anmutender Körperbeherrschung in ihrer Haltung, mit Kraft und Anmut im genau richtigen Verhältnis, zerschlugen so endgültig die Sprachbarriere und allein die Kombination aus Visuellem und Musik sorgte dafür, dass man als Zuschauer ein zufriedenes Dauergrinsen nicht unterdrücken konnte. Als Huldigung an das Geschenk des Dadaismus gehörte „der die mann“ in diesem Jahr zu den rar gesäten Werken die mit sprachlichem Signifikat befasst sind und für sich nicht beanspruchen, tonangebend zu sein. Möglicherweise konnte ich gerade aus diesem Grund als durchs Deutschlernen am Rande einer Erschöpfungsattacke Stehender die potente audiovisuelle Ästhetik des Stücks viel intuitiver genießen.

„The Situation“
Nachdem das Maxim Gorki Theater das Stück „Common Ground“ aus dem letzten Jahr weiteraufgeführt hat, erhielt man dort in diesem Jahr die Offerte, erneut mit seinem israelischen Regietalent Yael Ronen ins Programm des Theatertreffens aufgenommen zu werden, um den israelisch-palestinensischen Dauerkonflikt im Nahen Osten in eine Berliner Deutschstunde zu verlagern. In der Exposition versammeln sich ein palestinensischer Parkourläufer mit israelischem Pass, eine israelische Schauspielerin, ein syrischer Filmschaffender und eine schwarze Palestinenserin um den schwulen Deutschlehrer Stefan, um mit grundlegenden deutschen Fragesätzen wie „Wer bist du?“ auf humoristische Art und Weise ein Leitmotiv halbautobiographischer, blutgetränkter Erfahrungsberichte auf der Bühne einzuführen, die dann als Mosaik ein aktuelles Abbild der deutschen Gesellschaft im Kleinen ergeben. Leser, die sich für die Arbeit dieser Regisseurin interessieren, sollten diesen September auf keinen Fall ihre Inszenierung „Common Ground“ versäumen, zu der sie nach Taipei (Taiwan) eingeladen wurde.
 
Aus meinem Blickwinkel:
Bei diesem Stück kam ich von Anfang bis Ende kaum aus dem Lachen heraus, da die Misere, in der sich die dargestellten Migranten wiederfinden, und der stilistische Kniff Yael Ronens, sich bei den Szenenbenennungen an ihrem Lernfortschritt im Deutschunterricht zu orientieren, haargenau die Stimmung wiedergaben, der Berlin mich zu exakt jenem Zeitpunkt hatte anheimfallen lassen. Jener Wunsch, sich in die lokale Gemeinschaft zu integrieren, und gleichzeitig mit allerhand Schikanen kämpfen müssen — Das begreift man wirklich bloß als zugereister Außenstehender. Auch wenn das Stück beim Sinnieren über das Thema Integration mit seinen Sondierungen an der Oberfläche bleibt, so hat die aus der Türkei stammende Intendantin des Maxim Gorki Theaters doch seit Antritt ihres Postens die momentane Migrationsthematik mittels entsprechender Bühnenwerke dezidiert durchleuchtet und durch die Kunst
eine enorme Kraftquelle gebündelt, die der Gesellschaft zum Vorteil ausgeschöpft wird. Ein derartiger Wandel gibt Anlass zum Optimismus.
 
„Effi Briest“
Die Regisseure Clemens Sienknecht und Barbara Bürk verfrachten Theodor Fontanes Tragödie des Realismus vom Ende des 19. Jahrhunderts vor die Kulisse eines 70er-Jahre-Radiostudios. Das Programm des Senders „Radio Briest“ setzt die Geschichte, die ursprünglich voller Tragik daherkommt, auf extrem stilisierte und höhnische Art und mit einer für die 70er kennzeichnenden, ungerührten Lässigkeit in Szene und findet dabei ein lustvoll strotzendes Äquilibrium. Trotz seiner sehr munteren Interpretation kommt dem Stück kein bisschen der Reflexionskraft einer eigentlich unglücklichen Handlung abhanden.
 
Aus meinem Blickwinkel:
Die erste Reaktion vieler meiner deutschen Freunde, als sie hörten, dass ich mir „Effi Briest“ angesehen habe, war „Ach du grüne Neune! Wie hast du das bloß durchgestanden? Das Buch mussten wir in der Schule durchnehmen und es ist stinklangweilig“. Ich allerdings empfand es gerade nach dieser Inszenierung alles andere als bedrückend! Und das ist den hervorragenden Regisseuren anzurechnen, denen die Synthese geglückt ist, die Originalgeschichte über die mit der konservativen Feierlichkeit des 19. Jahrhunderts scheinbar unvereinbare Entspanntheit der 70er herüberzubringen. Mit der Liveuntermalung durch die Band und dem Radiostudio als Raummotiv wird die darbieterische Bühnenleistung besonders auf stimmlicher Ebene gleich um ein Vielfaches unterhaltsamer und es wird ein Kontrast hergestellt, vor dem die absurde Verlorenheit der Hauptrolle noch besser zu Tage tritt.
 

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