P Festival 2016 Wie Praxis und Aktion sich in Musik niederschlagen

Das diesjährige P Festival firmiert unter einem Titel, der übersetzt etwa „Welt in Scherben“ bedeutet, und befasst sich mit den Veränderungen im zwischenmenschlichen Kontakt und der neuen Beziehung des Menschen zur Welt, die die Digitalisierung mit sich bringt. Bei Interviews im Vorfeld der Aufführungen haben wir Leute aus diversen Fachbereichen eingeladen, sich mit den Performern auszutauschen und sie mit Mitteln der eigenen Wahl zu präsentieren. Dabei erhofften wir uns auch ein paar Einblicke in deren persönliche Philosophien und Herangehensweisen an die Realitäten, mit denen die Welt uns konfrontiert. Wir empfinden die Welt gerade als in kleine Bruchstücke zersplittert. Bei einem guten Konzert findet die Zeitwahrnehmung allerdings wieder zur ursprünglichen Kohärenz zurück, während man sich der Musik ganz widmet und konzentriert zuhört.

Shang-yun Wus Interview mit Thomas Lehn:

Welche Bedeutung hat das Klavier für Sie?

In vielerlei Hinsicht eine ganz Außergewöhnliche. Es eröffnet mir beispielsweise die Erfahrung verschiedener Musiken und musikalischer Praktiken, und lässt mich diese auch in ihrer Tiefe begreifen; die Möglichkeit, Klänge sowie Verhältnisse und Strukturen der Musik innerhalb des Klangraumes und ihre Entfaltung im Zeitfluss zu ergründen. Das gilt sowohl für mich als Interpreten als auch als Improvisierenden, nicht nur bei der Darbietung, sondern vor allem beim Proben, denn ein besonderer Aspekt von Tasteninstrumenten liegt in der Erforschung harmonischer Abläufe und Verhältnisse.
 
Erinnern Sie sich noch, was Sie bewogen hat, Ihr künstlerisches Leben auf dem Klavier zu beginnen?

Ich denke ich habe mich als Kind nie bewusst dazu „entschieden“; Das geschah einfach so auf die Initiative meiner Eltern hin. In unserem Haus war ein Klavier bereits vorhanden und meine Mutter hatte gelernt, es hobbymäßig zu spielen.
 
Hat der Umstand heute noch Einfluss auf Ihre Werke?

Ja. Fortwährend.
 
Verlieren Sie sich je während der Auftritte in einer Stimmung, Atmosphäre oder Situation?

In den meisten Fällen werde ich von unangemeldet eingehenden oder vorüberziehenden Gedanken überrumpelt und abgelenkt. Aber natürlich haben auch „Stimmung, Atmosphäre und Situation“ einen Einfluss bei Konzerten. Raum, Akustik, Publikum, klimatische Bedingungen wie Temperatur usw., aber auch Klang und Qualität der verwendeten Technik — All dies mischt sich ein, sei es unterstützend oder als Beeinträchtigung.

Was für ein Jahr ist 2016 für Sie?

Siehe dazu meine Antwort Frage 6, die sich auf all das Schlechte bezieht, was aktuell global und geopolitisch vor sich geht.
 

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Was ist Ihrer Meinung nach der wertvollste Charakterzug des Menschen?

Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Schlichtheit, Offensein für die Welt und für andere, wahre Neugier, Verständnis und Mitgefühl anderen gegenüber; besonders wichtig: Zuhören —  seinem eigenen Innern wie auch den Mitmenschen, und dies auch als eine Art Sensibilisierungskur für alle Sinne; tiefster Respekt und demütiges Staunen im Angesicht der Natur, ihrer Fauna und Flora, des Planeten, des Kosmos mitsamt seiner unbekannten — möglicherweise sogar unergründlichen — Entstehungsursache, und zwar ganz ohne den Wunsch, diese zu kennen oder an irgendetwas zu glauben; die Fähigkeit, sich von seinen eigenen Sichtweisen zu lösen und die Dinge auch einmal aus anderen Perspektiven zu betrachten.
 
Am schlimmsten ist die Gier nach Geld und Macht: Dieses Grundproblem der Menschheit entzweit als dominanteste Eigenschaft unserer Spezies die Menschen. In unserer Zeit erleben wir gerade vermutlich einen Gipfelpunkt dieses unsäglich schwachen — und angesichts seines weltweiten Verbreitungs- und Schweregrades fast abstoßend hässlichen — Charakters des Menschen, oder nähern uns ihm zumindest an.
 
Der zweitschlimmste Aspekt menschlicher Schwäche ist die Neigung oder das Bedürfnis, sich mit glaubensbasierten Ideologien wie Religionen, Weltbildern und politischen Systemen zu identifizieren, und somit allzu sehr einem Gruppenbewusstsein zu unterwerfen.
 
Stellt Musik Ihrer Ansicht nach Praxis und Aktion dar? Und welcher Art ist diese?


Das werde ich sicherlich in meinem Vortrag kurz vor dem Auftritt thematisieren; aber kurz zusammengefasst: Auf jeden Fall! Musik ist diejenige Praxis und Aktion, bei der man sich selbst in der Welt der Klänge begegnet, in all ihren denkbaren, spielbaren oder vorstellbaren raumzeitlichen Konstellationen.

Was erwarten Sie von Ihrer eigenen Musik?

Das zu formulieren steht mir nicht zu! Ich kann dahingehend ja nicht einfach etwas Spezifisches erwarten! Individuelle Erfahrungen können bei ein und derselben Musik so mannigfaltig sein! Nun ja, bestenfalls — so hoffe ich — ergibt sich für uns ein Wundern und Wandern in den Wogen unseres Geistes, indem wir der Musik lauschen, in sie hineinhören wie in eine Klanglandschaft.