Stadtgeschichten: Berlin Was Berlin mich gelehrt hat

Bahnhof Schöneberg
Tsai Paochang

Ich schätze mich glücklich, dass ich eine Zeitlang in London, Paris und Berlin verbringen konnte. Gegenüber diesen Städten, in denen ich gelebt, gelernt und sogar gearbeitet habe, hege ich stets eine Zuneigung, die sich nur schwer unterbrechen lässt. Besonders fasziniert mich, dass man nicht klar zwischen Einheimischen und von überallher in der Welt Zugezogenen unterscheiden kann, die gemeinsam in dieser Stadt, wo man nicht weiß, wer von hier stammt und wer Ausländer ist, auf eigene Weise die Mühsal des Lebens bewältigen.

Sich zu beklagen ist immer ein leichtes — jedes Mal, wenn die U-Bahn mal wieder Verspätung hat, schließt man sich dem Unmut der Einheimischen an und empört sich, als ob man der Stadt dadurch noch ein Stückchen näher käme. Die Sehnsucht kam immer zu spät und setzte ein, wenn man am Flughafen Taoyuan in Taiwan eingetroffen war.
 
Wie denke ich an Berlin zurück? Wenn ich die Augen schließe, sehe ich deutlich vor mir, wie ich die Unterkunft in meiner Gastfamilie verlasse, rechts abbiege und nach 150 Metern den Schöneberger Bahnhof erreiche, wo ich die S-Bahn nehme und bis zum Nordbahnhof fahre. Ich weiß noch, wie ich mich rechts in den hintersten Waggon setzte, weil man dann dem Südausgang am nächsten kommt, von wo aus es wiederum zur Oslo Kaffebar am nächsten ist. Auf dem Straßenniveau komme ich an Blumen-Verkaufsständen vorbei, überquere eine Straße und gehe in einem L-förmigen Bogen eine Straße mit Kopfsteinpflaster entlang. Anschließend betrete ich das Café, bestelle mir eine Tasse Filterkaffee und ein Croissant.
 
So begann ein Tag von mir. Es überrascht mich, wie lebhaft mir diese Einzelheiten vor Augen stehen, als ob die Erinnerung schon ein Teil des Körpers geworden wäre.
 

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Der deutsche Geist erwacht

Was mich allerdings am meisten erstaunte, war eine Begebenheit, die ich selbst in Berlin erlebt habe und die mir tief im Gedächtnis geblieben ist, nämlich nachdem ich einmal nach Hause kam und das Badezimmer betrat.
 
„Meine Güte, wieso ist das so schmutzig?“ Den Anblick des Schmutzes an der Zimmerdecke und der Staubflocken im Entlüftungsventilator fand ich außerordentlich abstoßend.
 
„Kann das sein? War das schon so, als ich nach Berlin gefahren bin? Ist doch nur zwei Monate her... Ich... Wieso ist mir das nie aufgefallen?“ (Eigentlich denke ich bei mir, ich bin ja auch verflucht nochmal zu schlampig.)
 
Obwohl ich im Hinblick auf meine Unterbringung in Berlin Gutes wie auch Schlechtes erlebt habe, muss ich doch sagen, dass in den Gastfamilien, bei denen ich gewohnt habe, besonders die Badezimmer in den Wohnungen deutscher Freunde wirklich alle SEHR SAUBER waren. Einmal trafen wir uns im Haus der Familie eines deutschen Freundes K., und er sagte, man könne gleich gehen, er müsse nur mal kurz unter die Dusche, und als er nach fünf Minuten mit dem Duschen fertig war, brachte er zwanzig Minuten mit der Aufgabe zu, „sauberzumachen“.
 
„Was machst du da eigentlich? Der Film fängt gleich an!“ Beim Warten war ich ein wenig ungeduldig.
„Ich mache das Badezimmer sauber!“ rief K. aus dem Badezimmer.
„Was gibt es denn direkt nach dem Duschen im Badezimmer zu putzen?“ wunderte ich mich.
 
In unserem unordentlichen Gehirn ist das ein sehr simpler Gedanke: Das Badezimmer ist gerade mit Wasser gespült worden, ist dann doch am saubersten, wozu da noch putzen?
 
K. öffnete die Badezimmertür, Bürste und Spachtel in der Hand, womit er gerade die Flecken und den Schmutz auf den Fliesen und auf dem Fußboden reinigte. Erst recht extrem war, dass er noch mit einem trockenen Handtuch die bereits fertig geputzten Wände und den Boden abwischte! Ich glotzte sprachlos und empfand tiefe Bewunderung.
 
„Das kannst du dir echt nicht vorstellen, als ich gerade eingezogen war, war dieses Badezimmer einfach grauenhaft“, sagte K. stolz und wischte sich den Schweiß von der Stirn. (Na, dass du gerade geduscht hast, war das also für die Katz?) Dann sagte er: „Wenn man mit dem Duschen fertig ist, muss man das Bad sofort säubern, nur so kann man eine langfristige Nutzungsdauer aufrechterhalten.“
 
Wenn ich daran zurückdenke, finde ich eines besonders interessant. Ich hatte meinen deutschen Freunden von den Vorwürfen erzählt, die mir mein deutscher Vermieter Norbert gemacht hatte, und obwohl alle ihr Bedauern darüber ausdrückten und sie mir alle großspurig zum Trost sagten, „keine Sorge, bei mir zu Hause kannst du pinkeln, wie es dir passt“, finde ich doch in Wirklichkeit, dass die Sauberkeit in den Badezimmern dieser Freunde zwar nicht gerade ehrfurchtgebietend war, aber wenn ich wirklich dort danebenpinkeln würde, dann würden sie mir wahrscheinlich doch die Hölle heiß machen.
 
Intuitive Reaktion


Ich beschloss, gleich hinauszugehen, und im PXMart-Laden an der Straßenecke kaufte ich Putzmittel, Handschuhe, Lappen und eine Atemschutzmaske. Zurück im stickigen Badezimmer schraubte ich schwitzend den Entlüfter und Ventilator komplett ab und schrubbte das Ding mit einer Bürste sauber. Alle Fliesen im Bad waren gründlich verschmutzt, nach dem Putzen sahen sie wie neu aus. Ich drehte mich um, und mein Blick fiel auf die Ausstattung auf dem Waschbecken, die Zahnputzbecher passten überhaupt nicht zum Stil des Badezimmers, und aus dem Klo drang ein merkwürdiger Geruch. Ich ging sofort zu MUJI, kaufte Becher und Duftstoffe.
 
Als endlich ein zufriedenstellender Zustand erreicht war, stand ich außer Atem in der Badezimmertür, und dachte, gerade sei bestimmt irgendein deutscher Geist in mich gefahren. Immerhin war das letzte Mal, dass ich mit einem Schraubenzieher hantiert hatte, vor zehn Jahren in der Werkstatt der NTU-Theaterabteilung gewesen.
 
Das ist nun wirklich ein Badezimmer, wie es aussehen sollte. Das ist die richtige Methode, wie man es sauber hält. Das ist es, worauf man im Leben wirklich achten muss, das sind die Einzelheiten, an denen man festhalten muss. In den beiden Monaten, die ich in Berlin gelebt habe, war eine solche Lebenseinstellung stark genug, um mein schlampiges Leben der vergangenen 34 Jahre auf den Kopf zu stellen.
 
Ich könnte sagen, in London habe ich es mir angewöhnt zu kochen und die einfachen Freuden zu genießen; Paris führte mich der Welt des Rotweins zu und lehrte mich, dass man nur anständig gekleidet das Haus verlässt. Berlin wiederum hat mir ein gewisses „Gefühl für Sauberkeit“ im alltäglichen Leben beigebracht, was nicht negativ ist — hinter dem subtilen Einfluss des deutschen Geistes, der mir mit gutem Beispiel und diszipliniert voranging, wurde ich unmerklich von meiner Umgebung beeinflusst. Konnte das mich mit meinem an sich eigensinnigen Wesen so einfach verändern?
 
Vielleicht sind die kleinen Begebenheiten, die ich gerade beschrieben habe, gar nicht das, was die Menschen in diesen Städten intuitiv als besonders wunderbar empfinden, sondern vielmehr eine immerwährende geheimnisvolle Verbindung, die in meinem Leben zu ihnen entstanden ist.
 
Zurück im feuchten und schwülheißen Taipeh wusste ich, dass ich heimgekehrt war. An dieser Stelle möchte ich dem Goethe-Institut Taipei meinen besonderen Dank aussprechen, dass es mir diese Gelegenheit gegeben hat, zwei wunderschöne Monate in Berlin zu verbringen, und noch wichtiger ist ———
 
Danke dir, Berlin, und warte auf mich, wir werden uns wieder begegnen.