Die Berlinale Sieben Filme aus den Wettbewerbs-
sektionen der 67. Berlinale, die man nicht verpassen darf.

  • Internationale Filmfestspiele Berlin 2017 © Allen Hung
  • Internationale Filmfestspiele Berlin 2017 © Allen Hung
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  • Internationale Filmfestspiele Berlin 2017 © Allen Hung
Die Berlinale, eines der drei größten europäischen Filmfestivals, zieht Anfang jedes Jahres als Publikumsmagnet die Berliner in den Bann der Lichtspielkunst. In diesem Jahr jedoch feiert die Stadt Cannes das 70-jährige Bestehen ihres eigenen Filmfestivals, welches das wohl renommierteste in Europa ist. Daher gibt es quer durch alle Filmgenres wohl kaum einen Meister, der nicht darauf hofft, mit eigenen Werken an den historischen Festspielen dort teilnehmen zu dürfen. Die Provencestadt wird Berlin als Bühne für eine mögliche Weltpremiere im Mai klar vorgezogen. (Dass die eingereichten Filme zumindest außerhalb des Ursprungslandes noch keine Premiere hatten, ist Teilnahmebedingung bei den Wettbewerben dieser Liga) Vor diesem Hintergrund kaum verwunderlich, hinterlässt das Berliner Programm vom Februar einen größtenteils weniger spektakulären Eindruck, stellt man den Filmen einmal ehemalige Preisträger wie „Eine Trennung“, „Cäsar muss sterben“, „Blind Massage“, „Seefeuer“, „Taxi“ oder „The Club“ gegenüber, die dank ihrer erzählerisch oder ästhetisch pulsierenden Kraft in der Vergangenheit hier geehrt wurden.
 
Dank einer diesjährigen Förderung durch das Goethe Institut in Taipei hatte ich die Gelegenheit, den Berliner Festspielen beizuwohnen. Sieben der 18 nominierten Filme haben bei mir einen besonders tiefen Eindruck hinterlassen und ich wage vorherzusagen, dass die Taiwaner Filmfans sie in Kürze auf einem der dortigen Festivals ebenfalls zu sehen bekommen werden. Hier nun einige meiner Gedanken dazu:

„On Body and Soul“
Mit präzise kalibriertem Fokus zum Detailblick auf die Liebe

 
Als erste Empfehlung sei dieses Werk der Ungarin Ildikó Enyedi genannt, nicht nur weil „On Body and Soul“ den diesjährigen Goldenen Bären verliehen bekommen hat, sondern auch weil die Schönheit des Films es schafft, dass der Zuschauer sich in einem Zustand wahrhaftiger Obsession darüber wiederfindet. Ein gestalterischer Geniestreich erlaubt es der Regisseurin den Keim zu sezieren, aus dem Liebe erwächst, und die psychischen Vorgänge, die ihn ausmachen, zum Vorschein zu bringen. Technisch mit einer präzisen Feinfühligkeit, dabei ein gesundes Maß an Ratio einbringend, webt sie einen Handlungsstrang, der das Konzept der Bettgenossen, die zwei grundverschiedene Träume träumen, komplett umzukrempeln scheint: Hier erleben die weibliche und die männliche Hauptfigur separat in ihrem jeweiligen Schlafzimmer durch geheimnisvolle Umstände ein und dieselbe Traumwelt, was der Geschichte atmosphärisch zugleich ein Mehr an Romantik und Mysterium verleiht und trotz enger struktureller Grenzen beim Zuschauer für einen bleibenden Eindruck sorgt. „Wir wollten einen möglichst simplen Film machen. Einfach wie ein Glas Wasser.“ Als Enyedi dies in ihrer Dankesrede bei der Preisverleihung anmerkt, erkennt man als Zuschauer gleich, wie repräsentativ der Film für die zierliche Frau steht, die uns mit ihrer umsichtig klaren Sprechweise ihre starken Ideale in Hinblick auf die Gesellschaft und schlichtere Ansätze beim Kunstschaffen übermittelt. Trotz achtzehn Jahren ohne Produktionen in Spielfilmlänge hat Enyedi dafür gesorgt, dass „On Body and Soul“ nicht die kleinste Unebenheit aufweist, sondern stattdessen zu einem beachtlichen, ja Respekt gebietenden Werk geworden ist. Auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Preisverleihung kommt sie auf eine langjährige kreative Blockade zu sprechen: „For a very long time I wasn't able to make an own film and it was painful. But in this long long period a whole generation grew up and I have much respect for them. They are strong, original, and it is a club that I am very happy to be a part [of] — Now [that I made a film I finally can].“
 
„Félicité“
Lichtblick der Menschlichkeit, gegenseitige Hilfe in auswegloser Not

 
Der Große Preis der Jury ging dieses Mal an den afro-französischen Alain Gomis für seinen vierten Spielfilm „Félicité“. In Frankreich aufgewachsen, mit Wurzeln in Guinea-Bissau und dem Senegal, beschäftigt sich Gomis im Film auch mit den Realitäten afrikanischer Gesellschaften. Die Geschichte spielt in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa und handelt vom Alltag der Barsängerin Félicité und von ihren Versuchen, Geld für eine Operation aufzutreiben, die ihr Sohn nötig hat. Man gewinnt dabei nicht nur Einblicke in die Gesellschaft der Hauptstadt, sondern auch ins Leben der sozial schwächergestellten Großstadtbewohner der Republik Kongo, die sich in der Not auf bewegende Weise unterstützen. Der Umstand, dass Gomis' kreativer Werdegang mit Experimentalfilmen begann, kommt in der Ausprägung seiner Spielfilme zum Tragen — „Félicité“ ist da keine Ausnahme. Insgesamt baut er auf Realismus, den er stilistisch durch lange Handkameraeinstellungen in Nahaufnahme erzeugt. Unter dem entschleunigten Fortschreiten der Handlung berührt er sein Publikum zudem mit der emotional sehr lebensnahen Ausstrahlung der Figuren, indem er sie mit ihren Frustrationen und Konfrontationen im Angesicht der gegebenen Schwierigkeiten von der Linse einfangen und die zwischenmenschlichen Situationen, in denen sie Trost und Geborgenheit finden, erfassen lässt. Darüber hinaus kontrastiert der zauberhafte Einsatz der Musik Oberfläche und Innenleben der Gesellschaft Kinshasas. Die landestypischen Klänge, die die Protagonistin Félicité als Sängerin in einem Lokal bringt, zeigen die Lebenskraft afrikanischer Kulturen, aber auch die im Film von dem lokalen Orchestre Symphonique Kimbanguiste eingespielte Arvo-Pärt-Komposition „My Heart's in the Highlands“ bringt eine prekäre Seite des dortigen Unterschichtendaseins heraus. Es ist ein Film, der für den Zuschauer eine Menge Faszinierendes bereithält.
 
„A Fantastic Woman“
Leicht zugängliche, atemberaubende Queer-Story

 
Dass die chilenische Produktion „A Fantastic Woman“ bei den Teddy Awards, dem Queer-Filmwettbewerb der Berlinale, den ersten Preis erhalten hat, beim Hauptwettbewerb allerdings nur fürs beste Drehbuch geehrt worden ist, schreit fürwahr danach, für das Filmteam gegen diese Ungerechtigkeit auf die Barrikaden zu gehen. Die Geschichte, die dieser Film erzählt, kann fast als eine in Chile spielende Adaption der Geschichte des NTU-Professors Jacques Picoux (Bi An-sheng), dem im Vorfeld seines vermuteten Selbstmordes in Zusammenhang mit seinem an Krebs verstorbenen langjährigen Lebenspartner diverse Ungerechtigkeiten widerfuhren, aufgefasst werden. Die von Daniela Vega gespielte Transgenderfrau Marina verliert plötzlich ihren 20 Jahre älteren Lebensgefährten Orlando, wird von dessen Sippe aus der gemeinsamen Wohnung gezwungen und seine Exfrau leitet rechtliche Schritte ein um den Wagen zurückzufordern, was sie über sich ergehen lässt. Vorurteile und Diskriminierung von Seiten der mit dem Todesfall beschäftigten Ermittler und Ärzte aber demütigen sie zutiefst, zumal Orlandos Familie in jeder Hinsicht geschlossen auf sie herabblickt und ihr Erscheinen auf dem Begräbnis zu unterbinden versucht. Doch am Ende kann niemand verhindern, dass sie ihre wahre Liebe auf seinem letzten Weg begleitet. Unter ästhetischen Aspekten betrachtet besteht ein feiner Unterschied zwischen diesem Film und den beiden oben genannten „On Body and Soul“ und „Félicité“, da Erzählform, Kameraeinstellungen und Gesamtstilistik bei „A Fantastic Woman“ insgesamt einen sehr leichten — man kann fast sagen: nach Art einer Telenovela zur Prime Time ‚kommerzialisierten‘ — Zugang bieten, was der Konflikt zwischen der Hauptfigur und der Exfrau ihres Freundes sehr plakativ demonstriert. Zudem findet die Handlung oft in einer nachtclubartigen Atmosphäre statt, einem seit einigen Jahren in der populären Fernsehunterhaltung Lateinamerikas vorherrschenden Setting. Ich glaube, dass das Produktionsteam diese Form gewählt hat, um der Geschichte das ihr zustehende Maß an Würde zu geben. Die populäre Erzählweise soll die Seiten der Protagonistin hervorheben, die Mitgefühl und Bewunderung hervorrufen, und dadurch, dass sie aus dem vom Kino mit künstlerischem Anspruch her gewohnten Rahmen fällt, erzeugt sie Verständnis für Gendervarietäten bei einem breiteren Publikum als es sonst möglich wäre. Trans- und homosexuelle Plots sind nicht unbedingt allein auf eine Rezeption durch Adressaten des Kunstfilms zu beschränken, sondern bekommen erst dann Gelegenheit, sich im Bewusstsein möglichst vieler Menschen zu verankern, wenn sie stärker noch mit populären Mitteln und in einer der Mehrheit vertrauten Form herübergebracht werden.
 
„The Other Side of Hope“
Eine Flüchtlingsstory, erzählt vom Meister des Humors Kaurismäki

 
Es ist nicht schwer, sich auszumalen, welchen Anstrich die Flüchtlingsthematik unter der Federführung des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki erhält. Der Plot seines neuen Werks „The Other Side of Hope“ wird in einem Helsinkier Restaurant zwischen dem Chef, den Bediensteten und einem syrischen Flüchtling aufgespannt. Kaurismäki lässt Sherwan Haji in der Rolle des Aleppoers Khaled wie einen Augenzeugen von den Sorgen und Nöten syrischer Flüchtlinge auf der Suche nach europäischem Asyl berichten, und einen Restaurantbesitzer in einem Nebenstrang der Handlung auf die Auswirkungen der Eurokrise in Finnland reagieren. Je mehr sich dabei Alltagsfrust bei den Figuren anstaut, desto humoristischer werden die Methoden, derer sich der Regisseur bei der Darstellung bedient. Allerdings darf fairerweise nicht unerwähnt bleiben, dass der Regisseur hier zwei schwerwiegende Kolosse von Themenkomplexen zu eher leichter Kost verarbeitet und möglicherweise aufgeworfene Fragen unberührt lässt, anstatt sie zu vertiefen. Zumindest eine Sache im Zusammenhang mit der behandelten Flüchtlingsfrage scheint ihm jedoch wichtig zu sein: So gibt er durch die Figur des Khaled eine Art graphischen Augenzeugenbericht zu den Erfahrungen auf der Flucht ab. Gleichzeitig kommen bei Kaurismäkis extrem individuellem Bildkompositionsstil noch traditionelle Negativplattenmethoden zum Einsatz, die im Hinblick auf Farbe und Kontrast einen Effekt erzeugen, der an Vervielfältigungsschablonen erinnert und jeden Filmkritiker sogleich für sich vereinnahmt. Der von Medienkritikern unter den diesjährigen Finalisten am höchsten bewertete Film verpasste bei der Bewertung durch die Fachzeitschrift „Screen International“ mit 3,7 von vier Sternen nur knapp die volle Punktzahl.
 
„Ana, Mon Amour“
„Child's Pose“ mit Wechsel des Blickwinkels

 
Mit seinem Debütspielfilm „Child's Pose“ gewann der Rumäne Călin Peter Netzer bei der Berlinale 2013 aus dem Stand den Goldenen Bären und stach damit aus der Gruppe der angereisten Meister hervor. Mit „Ana, Mon Amour“ hat er in Berlin nun noch einmal aufgetrumpft. Im damaligen Werk beschrieb Netzer eine Familiensituation, in der die Mutter ihrem abhängigen Sohn gegenüber eine dominante Position einnimmt. Im neuen Film dreht sich immer noch alles um emotionale Bande sowie das Verlangen, in Beziehungen voneinander Besitz zu ergreifen, den Partner unter dem Vorwand der Liebe auszuforschen. Die Geschichte springt zwischen den Erinnerungen der männlichen Hauptperson an Studienzeit, Berufstätigkeit und Ehe hin und her, durch die er minutiös zu ergründen versucht, weshalb seine unter einer Angststörung leidende Frau ihn verlässt. Die Frage, die der Regisseur aufwirft ist, ob die Hingabe von jemandem, der wie ein Heiliger ohne Unterlass in eine Beziehung investiert, wirklich ein ideales Merkmal ist, oder ob dieser ‚Helferkomplex‘ nicht vielleicht für Selbstverherrlichung steht. Auf der Suche nach Erklärungen in der gedanklichen Retrospektive springt der Protagonist zu verschiedenen biografischen Zeitmarken und versucht, verschiedene Erinnerungen miteinander zu verbinden. Jeder fehlgeschlagene Versuch, dabei klare Anker zu setzen, würde vom Zuschauer wahrscheinlich als heilloses Durcheinander wahrgenommen — ein Grund, weshalb der unverzichtbare Beitrag des Schnitts zum Fortgang der Erzählung keinesfalls unerwähnt bleiben darf. Obwohl der Film in der Medienkritik von „Screen International“ die volle Punktzahl von vier Sternen erreicht hat, steht er noch nicht in der Gunst anderer Filmkritiker und wenn er in diesen Kreisen auch noch kaum Bestätigung erhalten hat, so zieht die Berliner Ehrung für den besten Schnitt sicher noch weiteren Ruhm nach sich.
 
„Einen schönen Tag noch“
Menschen, die für Reichtum in den Tod gehen, in fein verästelten Handlungssträngen erzählt

 
Das Talent von Liu Jian, einem unabhängigen Animationsfilmemacher aus China, kann getrost als große Entdeckung des Berlinale-Wettbewerbs 2017 bezeichnet werden, nachdem sein Werk „Einen schönen Tag noch“ bereits in der Vorrunde ein sehr positives Medienecho und in „Screen International“ 3,3 von vier Sternen verliehen bekam, und damit lediglich von Aki Kaurismäkis „The Other Side of Hope“ übertroffen wurde. Ursprünglich ein kreativer Vertreter zeitgenössischer chinesischer Kunst, der sich schon auf diverse Art als Maler, Videokünstler und Fotograf versucht hat und darüber hinaus als Schriftsteller arbeitet, hat sich Liu später für den Animationsfilm als Hauptmedium für sein Schaffen entschieden und 2010 als ersten längeren Film dieser Art „Piercing Ⅰ“ herausgebracht. Mit der Produktion hat er drei Jahre verbracht und das Endergebnis nahezu vollständig in Eigenarbeit Schritt für Schritt herausgearbeitet. Der diesjährige Berlinale-Kandidat „Einen schönen Tag noch“ ist nun sein zweiter Streifen und geht sowohl im Hinblick auf den Zeichenstil, als auch auf die Thematik nicht nur in die gleiche Richtung wie „Piercing Ⅰ“, sondern hebt alles in seiner Gänze noch auf ein höheres Niveau. Die Handlungsstränge und Charaktere des neuen Films sind komplexer, decken ein breiteres Spektrum an Gesellschaftsschichten ab und kommen mit noch beißenderem Sarkasmus daher als der vorherige Film. Die Bilder selbst haben nicht nur vom Vorgängerfilm den Geist der gleichgültigen Wirklichkeitsnähe übernommen, sondern weil der Film so viel stärker in seinem sarkastischen Unterton ist, bietet sich dem Regisseur zusätzlich die Möglichkeit, zeitgenössisch surreal anmutende Ideen an einigen Stellen einzufügen. Sie reflektieren die trotz rapider wirtschaftlicher Entwicklung weit auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich, und stehen gleichzeitig für eine Mentalität der kleinen Bürger, sich in ihrer sie pausenlos und auf allen Kanälen mit Reizen bombardierenden Gesellschaft vom Geld zu den aberwitzigsten Dingen treiben zu lassen.
 
„Spoor“
Agnieszka Holland hinterfragt die Tradition der Festivalfilme

 
Der letzte Film, den ich vorstellen möchte, kommt aus Polen und hat in diesem Jahr den Alfred-Bauer-Preis verliehen bekommen. „Spoor“ ist das neueste Werk der Regisseurin Agnieszka Holland. Sie ist eine der Hauptvertreterinnen des polnischen Films der Gegenwart und war schon Drehbuchschreiberin für Krzysztof Kieślowskis „Drei Farben: Blau“. Sie führte bei „Bittere Ernte“ („Angry Harvest“, 1985), „Hitlerjunge Salomon“ („Europa, Europa“, 1990) sowie „In der Finsternis“ („In Darkness“, 2011) Regie. Die drei Filme erzählen Geschichten von Juden im zweiten Weltkrieg und waren alle als bester fremdsprachiger Film für den Oskar nominiert, während zweiterer einen Golden Globe in dieser Kategorie erhielt. Der neue Film nun erzählt eine ganz besondere Geschichte: Als in einem Bergdorf Polens die Jagdsaison beginnt, geschieht in kurzer Abfolge eine Reihe von Morden, die allesamt an Jägern verübt werden und bei denen das einzige Indiz für die Todesursache Verletzungen sind, die den Opfern mit einem stumpfen Gegenstand zugefügt worden sein müssen. Als eine pensionierte Bauingenieurin, die wilde Tiere liebt und fest an Astrologie glaubt, dem Dorfpolizisten und den Ermittlungsbehörden nahelegt, dass es sich um einen Gegenschlag der Tiere handelt, die auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer von einer geheimnisvollen, dem Sternenzyklus folgenden Kraft getrieben werden, erntet sie nur Spott und Verachtung. Die Zahl der aufgefundenen Leichen jedoch steigt weiter an und im Dorf fragt man sich, wie dem Einhalt zu gebieten ist. Der Film vermengt Elemente aus Kriminalthriller, Liebesgeschichte sowie Komödie miteinander, stößt dabei die traditionell mit einem Mann besetzte Heldenrolle um, indem er der weiblichen Hauptrolle das Steuer in die Hand gibt, und er bricht hier mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen des Mainstreams. Obgleich schauspielerische Darbietung und Handlungsaufbau gelegentlich überhastet und grob wirken, und ein polarisiertes Fachpublikum deshalb nach der Vorpremiere teils in tosenden Applaus, teils in Buhrufe verfiel (der einzige Film, der bei dieser Berlinale derlei Missfallensbekundungen erntete), bekam er im Kritikerteil von „Screen International“ keine so schlechte Bewertung. Auf der Pressekonferenz nach der Entgegennahme des Preises erklärte Agnieszka Holland, dass sie in der Vergangenheit als Vertreterin einer klassischen Riege von Filmemachern wahrgenommen worden sei, aber dass sie auch auf Gelegenheiten hoffe, auf kreativer Ebene über sich hinauszuwachsen. Bei der Frage angelangt, wie sich ihr filmisches Schaffen herausgebildet habe, fügte sie hinzu, dass für sie die Grenzen zwischen den Genres mit den Jahren immer klarer würden. Einige Werke seien klar auf die Teilnahme an Filmfestivals ausgerichtet, doch hoffe sie auch, andere Arten von Filmen machen zu können.
 
Die Teilnehmer der Wettbewerbseinheit mögen im Vergleich zu denen der letzten Jahre in der Gesamtausprägung enger gefasst, bzw. in kreativer Hinsicht etwas weniger unkoventionell gemacht erscheinen, die Originelleren unter ihnen lassen jedoch in all ihrer Eingeschränktheit einen Feinschliff erkennen, der mehr als alles andere nach innen gerichtet ist — Man muss sich bloß einmal auf diesen Perspektivwechsel einlassen. Als einzigartig wäre abgesehen davon noch die Tatsache zu nennen, dass es ein besonders herausragendes Event für die kunst- und filmschaffenden Frauen war, die dieses Jahr ins Rennen um den Goldenen Bären gegangen sind: Für die Regisseurin Ildokó Enyedi mit „On Body and Soul“ als bisher fünfte Frau, der der Golden Globe für Regie zuteil wurde; dazu Agnieszka Holland, die den Alfred-Bauer-Preis verliehen bekam; und schließlich noch Filmeditorin Dana Bunescu, die für den besten Schnitt („Ana, Mon Amour“) geehrt wurde. Die Goldenen und Silbernen Bären, die in den sechs Sektionen der Berlinale nicht für schauspielerische Leistungen vergeben wurden, gingen zur Hälfte an Frauen — Ein Zeichen, das für die von männlichen Golden-Globe-Gewinnern dominierte Filmindustrie zu setzen kein leichtes Unterfangen gewesen sein dürfte.
 
Mit den nahenden Eröffnungen der Veranstaltungen zur Filmkunst, die in diesem Jahr peu à peu in Taiwan stattfinden werden — konkret sind das das für Ende Juni angesetzte Taipei Film Festival, das von September bis November seinen Lauf nehmende Kaohsiung Film Festival, das Taiwan International Queer Film Festival und das Golden Horse Film Festival — wird klar, dass wir den Berliner Gewinnern dort mit Sicherheit erneut begegnen (In Kaohsiung ist der mit Investitionen der Stadt finanzierte japanische Film „Mr. Long“ bereits fest eingeplant). Wer sie sehen möchte, sollte beim Studieren der Festivalprogramme die Augen offenhalten.