Berliner Theatertreffen Wo bleibt die Liebe?

  • 柏林戲劇盛會 © 蔡柏璋
  • 愛情在哪裡? © 蔡柏璋
Während der zweieinhalb Wochen des Berliner Theatertreffens habe ich insgesamt wohl so um die 15 Stücke ganz unterschiedlicher Art gesehen. Doch eine Eigenart, die nicht schwer auszumachen ist, ist diese: keines der Stücke hat die Liebe zum Thema.

Worum geht es dann in den Stücken? Meist geht es um politische und gesellschaftliche Themen, samt und sonders die Probleme, mit denen Europa derzeit konfrontiert ist, wie beispielsweise die Flüchtlingsproblematik, Terrorismus, Rassismus, Geschlechtergleichheit usw. Die Homosexualität, die im taiwanesischen Theater häufig diskutiert wird, scheint in Berlin als Thema schon „out“ zu sein. Etwas positiver ausgedrückt, es ist schon lange „nichts Ungewöhnliches“ mehr oder es ist inzwischen als Thema schon „belanglos“ geworden.
 
Was mich etwas überrascht, ist Folgendes: ich denke nämlich oft, dass die Liebe doch ein Stoff ist, an dem das Theater nicht vorbeikommt? Wo Menschen sind, gibt es auch Liebe, oder nicht? Tatsächlich ist es allerdings so, dass im deutschsprachigen Theater die Welt der Gefühle und der Liebe, ob im städtischen Milieu oder auf dem Land, einfach nicht populär ist. Der Schwerpunkt wird dagegen lieber auf das große Ganze gelegt, in einen größeren Rahmen eingebettet.
 
Während dieser beiden Wochen wunderte ich mich schon mal, ob ich selbst in einem von der Welt abgekoppelten Land lebe. Im taiwanesischen Theater sind die Themen, über die wir diskutieren, die Fragen, die wir im Theater stellen, anscheinend völlig anders als die vom anderen Ende des eurasischen Kontinents in Berlin - als ob es sich um zwei völlig unterschiedliche Welten handele.
 
Natürlich bedeutet das nicht, dass im Ausland alles besser sei. Wenn man genau darüber nachdenkt, hat dies alles mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen und der Medienlandschaft des jeweiligen Landes zu tun. Außerdem spielt die Mentalität in einem Land eine Rolle, das Interesse, das politischen und gesellschaftlichen Themen entgegengebracht wird sowie die Art, in der man sich gewöhnlich solchen Themen nähert. Wenn es heißt, dass das Theater der klarste Spiegel ist, in dem die gegenwärtige Gesellschaft sich widerspiegelt, dann frage ich mich, ob die Themen, um die es in im taiwanesischen Theater geht, wirklich dieser Rolle gerecht werden?
 
Da muss ich daran denken, was mir der griechische Regisseur Theodoros Terzopoulos einmal gesagt hat. Er meinte, dass aus seiner Sicht im chinesischsprachigen Theater und den Medien Komödien und leichte Stücke wie Farcen vorherrschen. Dagegen werden tiefer gehende Tragödien oder historische Wunden eher selten auf die Bühne gebracht. Ganz anders im griechischen Theater, das unablässig verkrustete Wunden der Vergangenheit aufbricht, um sie zu reinigen - in der Hoffnung, durch das Theater die tiefliegenden Eiterbläschen hervorzupulen, um alles sauber zurückzulassen.
 
In Taiwan gibt es keinen Mangel an politischen Diskussionssendungen im Fernsehen, im ganzen Land wird jederzeit über Politik diskutiert. Allerdings übersteigt der Unterhaltungswert dieser Politsendungen schon den der reinen Unterhaltungsprogramme und die Haltung der Menschen zu den wirklichen Themen wird verzerrt oder missverstanden. Wenn die Zuschauer in den Sendungen die Politiker oder Journalisten sehen, die sie mögen und wenn die ihre Meinungen dort ausführlich ausbreiten, dann sind sie zu einem großen Teil schon zufriedengestellt und haben das Gefühl, Dampf abgelassen zu haben zu den Themen, wo ihnen selbst Ungerechtigkeiten bewusst geworden waren. Bei Facebook ist es genauso. Wenn man gesehen hat, wie jemand etwas postet und darin schimpft, dann hat man das Gefühl, dass das Thema damit schon „ausdiskutiert“ und „gelöst“ ist. Und keiner kommt auf die Idee, dass in der Welt, in der Gesellschaft sich nicht das Geringste geändert hat.
 
Und gerade deshalb frage ich mich unwillkürlich, kann man im Theater wirklich auf die wichtige Aufgabe verzichten, „politische und gesellschaftliche Themen in Frage zu stellen und darüber nachzudenken“? Das ist eine Frage, die mich nach dem Berliner Theatertreffen dauernd beschäftigt.
 
In Taiwan diskutiere ich in meinen Werken Geschlechterfragen, wobei ich auf einen leichten Sprachduktus achte. Ich hoffe, dadurch für die Zuschauer einen fantastischen Freiraum zu schaffen, in dem es ihnen gelingt, dem realen Leben zu „entfliehen“. Vielleicht werden Werke dieser Art im deutschsprachigen Raum auf absolut keine Resonanz stoßen. Wahrscheinlich ist Flucht nicht das, worauf sie aus sind. Ihnen geht es wohl vielmehr um eine Diskussion, in der ein logischer Schritt auf den anderen folgt, um auf diese Weise Möglichkeiten zur Lösung konkreter Probleme zu finden. Damit sollen die Theaterzuschauer in die Lage versetzt werden, ihrer eigenen Rechte bewusst zu werden und der Probleme, die ihre Gesellschaft gerade beschäftigen. Ein Theaterbesuch dient also nicht dazu, der Realität zu entfliehen, sondern dient ganz im Gegenteil als öffentlicher Raum, wo die Zuschauer noch einmal tief in diese Fragen eintauchen und sie wieder durchkauen, damit sie, wenn sie den Theaterraum verlassen, hoffentlich in der Lage sind, ihr Leben bewusst zu leben und zu verändern.
 
Ach, ist das denn nicht Brecht?
 
Was macht denn nun die Tradition des taiwanesischen Theaters aus und worin besteht seine Aufgabe? Das sind Fragen, über die ich, der ich schon seit 10 Jahren Theater mache, noch nie wirklich nachgedacht hatte. Und während ich diesen Artikel tippe, fühle ich mich selbst überrascht und frage mich, ob ich in meinem bisherigen Schaffen solchen Dingen tatsächlich keine Bedeutung beigemessen habe. Kurz nach meiner Ankunft und während der ersten Woche beim Berliner Theatertreffen fühlte ich mich irgendwie fehl am Platz. Vor dem Hintergrund der europäischen Kultur und Geschichte schien es den Theaterleuten, die aus aller Herren Länder kamen, völlig selbstverständlich, dass Kritik, Dekonstruktivismus, Politik, Geschichte, Postkolonialismus und Geschlechterfragen usw. zu den „Untersuchungswerkzeugen“ gehörten. Im Prozess dieser „Untersuchung“ habe ich mich schon einmal gefragt, ob ich überhaupt über die Fähigkeit zum Nachdenken und zur Kritik verfüge. Schließlich habe ich nur selten, wenn überhaupt, die Erfahrung gemacht, auf diese Weise über solche Themen zu diskutieren.
 
Ob es um die Mentalität und nationale Gebräuche ging oder um das kulturelle Erbe: während des internationalen Forums beim Berliner Theatertreffen bin ich ganz schön ins Grübeln gekommen, worin die politische und gesellschaftliche Verantwortung eines Theaterschaffenden besteht. Ist Liebe überhaupt wichtig? Natürlich macht jeder Mensch Erfahrungen in der Liebe. Doch außer den persönlichen inneren Konflikten gibt es noch viele andere Themen, die es wert sind, das man ihnen nachgeht. Wenn wir alle die Idee unterstützen, dass wir Weltbürger sind, vielleicht wird es dann möglich sein, dass das, was anderswo auf der Welt passiert, auch für die Taiwanesen nicht mehr nur Angelegenheiten sind, die mit ihnen persönlich nichts zu tun haben.
 
Ich hoffe, dass die Begrenztheit der Themen, mit denen ich mich früher im Theater beschäftigte, nicht darauf zurückzuführen ist, dass mich die Welt kalt gelassen hat. Das macht mir Sorgen, das will ich in Zukunft ändern.