500 Jahre Reformation Ein besonderer Tag an einem deutschen Kleinstadt-Gymnasium

Gymnasium Bremervörde
© Klaus Bardenhagen

An deutschen Schulen geht es nicht immer um das Lernen für die nächste Prüfung. Was ich neulich an meinem alten Gymnasium erlebte, erinnerte an einen Mittelalter-Markt, gehörte aber zum Luther-Jahr in Deutschland. Was haben 500 Jahre alte Ereignisse Schülern heute noch zu sagen?

Heute ist kein Schultag wie jeder andere. Obwohl eigentlich Unterrichtszeit ist, wuseln Schüler durch die Pausenhalle. Einige verteilen hinter Tischen Infozettel oder selbstgemachte Leckereien, andere spazieren von einem Stand zum anderen, fotografieren sich in mittelalterlicher Aufmachung, studieren Aushänge oder stehen einfach nur in Grüppchen zusammen. Auch Lehrer sind unterwegs. Einige von ihnen kenne ich noch gut, denn dies war einmal auch meine Schule. Das ist schon ein paar Jahre her. Als ich hier, am Gymnasium Bremervörde, mein Abitur abgelegt habe, war kein einziger dieser Schüler auch nur geboren.

fotografieren sich in mittelalterlicher Aufmachung
© Klaus Bardenhagen

Es ist wohl für jeden ein seltsames Gefühl, an die alte Schule zurückzukehren. Vieles hat sich nicht verändert. Der gleiche dunkelgrüne Teppichboden, die gleichen gelben Türen, und sogar die Tische in den Klassenräumen kommen mir bekannt vor. Die Lehrer von damals, die noch nicht pensioniert sind, sind älter geworden – so wie ich selbst natürlich auch. Die aktuellen Schüler ahnen noch nichts davon, dass sie irgendwann genauso auf diese Zeit zurückblicken werden. Für sie ist heute vor allem wichtig: Es gibt an diesem Dienstag Ende Oktober keinen Unterricht – denn es ist Luther-Projekttag.

2017 war ja das große Luther-Jahr in Deutschland. Vor 500 Jahren hatte Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlicht, die Autorität der katholischen Kirche in Frage gestellt und damit einen Prozess ausgelöst, der die Welt veränderte. Die Reformation hat die christliche Kirche gespalten, Machtkämpfe ausgelöst und in vielen Ländern zu Kriegen geführt – der Dreißigjährige Krieg verwüstete weite Teile Europas, und bis weit ins 20. Jahrhundert brachten sich wegen Nordirland noch Katholiken und Protestanten gegenseitig um. Sie hat aber auch die Neuzeit eingeläutet und mit dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen ihr Leben nicht mehr durch Überlieferungen und kirchliche Vorgaben lenken ließen, sondern sich eigene Regeln gaben. Sich kritisch seines eigenen Verstandes zu bedienen, das war revolutionär und mündete schließlich in den Idealen der Aufklärung, die unser Denken bis heute prägen.
Lutherbibel
© Klaus Bardenhagen

Auch Deutschland ist heute noch gespalten in den eher protestantischen Norden und den katholischen Süden, aber zum Glück ist das kein Grund mehr für Konflikte. Meine Heimat liegt im protestantisch geprägten Niedersachsen, die meisten Menschen sind in der evangelisch-lutherischen (schon wieder Luther!) Amtskirche. Das ist eine der großen, vom Staat anerkannten und besonders geförderten Glaubensgemeinschaften. Die Trennung zwischen Kirche und Staat ist in Deutschland schwächer als in vielen anderen Ländern. Das Finanzamt treibt für die Kirchen sogar ihre Mitgliedbeiträge als Steuer ein – jedenfalls, solange man nicht austritt. Die Religionsstunden sind Teil des normalen Unterrichts und werden auch benotet. Allerdings sind die meisten ja Lehrer, die an Universitäten ausgebildet wurden und nicht wie Pastoren oder Pfarrer von den Kirchen abhängig sind. Und niemand wird zur Teilnahme gezwungen. Als nicht religiöses Alternativangebot gibt es ein Fach, das je nach Bundesland Philosphie, Ethik oder Werte und Normen heißen kann. Wir konnten uns damals ab 14 Jahren selbst für oder gegen den Religionsunterricht entscheiden, davor war es Sache der Eltern.

Zurück zu diesem Projekttag an meinem alten Gymnasium. Damit es rund um Luther und seine Zeit so viele Stände, Aushänge und Aktionen gibt, hatten die Religionslehrer der Schule zusätzlich zur normalen Arbeitszeit viel Freizeit in die Vorbereitung gesteckt – und viele Schüler natürlich auch. Für sie war die Teilnahme freiwillig.

Lehrerin Fischer © Klaus Bardenhagen „Am Anfang interessierten die Schüler sich nicht für Luther“, erzählt mit Petra Fischer. Sie hatte als Religionslehrerin den Projekttag geplant. „Wir mussten es ihnen also spielerisch nahebringen.“ Dazu gehörten zum Beispiel Videos mit Playmobil-Figuren oder Bastelarbeiten: Unscheinbare Schuhkartons enthalten, wenn man durch einen Sehschlitz hineinschaut, liebevoll ausgeschnittene und angemalte Dioramen mit Szenen aus dem Leben zu Luthers Zeiten. Andere Schüler haben sich Brettspiele mit passenden historischen Inhalten ausgedacht.

Diorama Schuhkarton © Klaus Bardenhagen „Es geht nicht nur um Religion“, erkläutert Fischer als Beispiel, warum Schüler sich heute noch für Luther interessieren. „Er hat durch seine deutsche Bibelübersetzung ja auch überhaupt erst eine einheitliche Sprache geschaffen. Und er war aufklärerisch, denn er hat gesagt: Ich denke und lese nach, übersetze die Bibel, damit auch andere sich selbst ein Bild machen können.“ Dass er seinem Gewissen folgte und den Missständern in der Kirche Widerstand leistete, erinnere an die Geschichte von David und Goliath. „Es geht darum, zu vermitteln: Was ist unsere Kultur, wo kommen wir her, welche revolutionären Gedanken waren dafür nötig.“

Egal, ob mit Religion oder nicht – dass wir auch in Zukunft revolutionäre Gedanken und den Mut, uns des Verstandes zu bedienen, gut gebrauchen können, zeigen bei dem Projekttag Jan-Bennet, Mick und Paul aus der Oberstufe. Sie haben „95 Thesen für 2017“ formuliert und – vielleicht so ähnlich wie einst Martin Luther – auf ein großes Blatt Papier geschrieben. Dabei spielen Glaube und Kirche keine Hauptrollen mehr. „Umwelt“ haben sie den ersten Block überschrieben. Einige der Thesen dort lauten:

1. Der Lebensraum Erde wird immer kleiner.
2. Ob die Erde der weiter ansteigenden Bevölkerungszahl standhalten kann, hängt vom Umweltbewusstsein der Menschen ab.
12. Man sollte nicht nur Menschen Toleranz und Respekt entgegenbringen, sondern auch der Erde und den Tieren, die eine Überlebens- oder Lebensgrundlage für uns darstellen.
„Gerechtigkeit“, „Internet“ und „Toleranz“ sind die weiteren Überschriften – darunter Probleme, die heute Menschen auf der ganzen Welt bewegen.
33. Großkonzerne haben einen zu großen Einfluss.
65. Auch im Internet muss das Gegenüber respektiert werden.
92. Toleranz hört bei den Intoleranten auf. Niemand muss Intolerante tolerieren
„95 Thesen für 2017“
© Klaus Bardenhagen
Das alles kann nicht oft genug gesagt werden, finde ich. Noch immer denken zu viele, wir könnten im Großen und Ganzen immer weiter wirtschaften wie bisher, Rohstoffe verschwenden und Lebensräume vernichten, Hauptsache „Wachstum“, nach uns die Sintflut (damit sind wir doch wieder bei der Bibel angekommen). Wir fahren diese Welt gerade gewaltig gegen die Wand, nicht nur wegen des Klimawandels, sondern weil wir sie auf vielerlei Weise irreparabel schädigen und damit unsere eigenen Lebensgrundlagen vernichten. Wer jetzt darüber lacht, wird in 20 Jahren sehen, wohin das führt. Wenn also junge Menschen in der Schule ermutigt werden, sich diese Gedanken zu machen, sie in eigenen Worten auf den Punkt und zu Papier zu bringen, finde ich das großartig. Das sage ich auch der zuständigen Lehrerin, Tanja Bladauski.

Lehrerin Bladauski © Klaus Bardenhagen Wir sind uns einig, dass genau das der Sinn solcher Projekttage an deutschen Schulen ist: Über den Unterricht und die nächste Prüfung hinaus denken, sich selbstständig ein Thema aneignen und etwas zustandebringen. Da kann der reguläre Unterricht ruhig mal ausfallen. Ich erinnere mich noch gut an eine Projektwoche, die zu meiner Zeit hier stattfand: Die ganze Schule wurde in mehrere Staaten aufgeteilt, jeder mit eigener Regierung, Währung und Betrieben.  Die Schüler hatten sich zu organisieren und ihren jeweiligen Laden am Laufen zu halten. Es gab Umstürze, Bankraube und Trauungen im Standesamt – fast wie im echten Leben also. Ich „arbeitete“ damals in einer Zeitungsredaktion. Unser Blatt haben wir, lange vor dem Internet, jeden Tag fotokopiert herausgebracht. Vielleicht war dies das erste Anzeichen dafür, dass ich wirklich mal im Journalismus landen würde.
Luther Gruppe
© Klaus Bardenhagen
Als Höhepunkt des Projekttages werden die Schüler, deren Beiträge besonders herausstachen, ausgezeichnet. Auch die drei Autoren der „95 Thesen für 2017“ sind dabei. Aufgemacht wie Martin Luther, im schwarzen Talar und mit Kappe auf dem Kopf, überreicht mein alter Lateinlehrer jedem eine Urkunde. Auch für ihn, seit Jahren pensioniert, ist es eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte. Der Reporter der Lokalzeitung macht Fotos (hier sein Bericht). Die jüngeren Schüler sind aufgeregt, die älteren mit den Gedanken schon woanders. Ich lerne den Schulleiter kennen, der nur ein paar Jahre vor mir hier sein Abitur abgelegt hat. Eine halbe Stunde später hat die Pausenhalle sich geleert. Morgen ist wieder normaler Unterricht.