Interview des Taipei Filmfestivals Interview mit der Regisseurin Susan Gordanshekan des Films „Die defekte Katze“

Interview mit der Regisseurin Susan Gordanshekan des Films  „Die defekte Katze“
Terry Lin © Goethe-Institut Taipei

Mina kommt aus dem fernen Iran nach Deutschland, um eine arrangierte Ehe mit dem in Deutschland lebenden Assistenzarzt iranischer Herkunft Kian einzugehen. Ohne jegliche Familie oder Freunde an ihrer Seite, startet sie begleitet von großer Neugierde ihr neues Leben in Deutschland. Doch das Eheleben gestaltet sich durch die kulturellen Unterschiede schwieriger als gedacht und die Beziehung erweist sich zunehmend als defekt, wie die Katze, die Mina in den gemeinsamen Haushalt mitbringt.

Oft fließen im ersten Film eines jungen Regisseurs meist auch autobiografische Elemente bzw. eigene Lebenserfahrungen mit ein. War das bei Ihnen ebenfalls so?

Ja, definitiv. Ich bin die Tochter iranischer Einwanderer. Mein Vater ist Arzt und wanderte in den 60er Jahren nach Deutschland aus. Er ging dann wieder in den Iran, um meine Mutter zu heiraten und anschließend sind sie wieder nach Deutschland zurück. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Aber wir haben noch sehr viele Verwandte im Iran, die wir in regelmäßigen Abständen besuchen. Der Iran ist das Heimatland meiner Eltern und somit ist auch die iranische Kultur ein Teil von mir und die Quelle meiner Inspirationen. Ich spreche Persisch, aber es ist im Vergleich zum Deutsch nicht ganz so gut, da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin.

Die im Film gezeigte Ausgangsituation der Hauptdarsteller gleicht der meiner Eltern. Auch sie haben sich gemäß iranischer Tradition durch arrangierte Gespräche kennengelernt und haben sich dazu entschlossen einander zu heiraten, ohne sich lange zu kennen. In meiner Familie gibt es viele Verwandte, die auf diese Art und Weise geheiratet haben. Solche arrangierten Ehen gibt es in Deutschland bzw. in den westlichen Ländern kaum. Außer der Ausgangssituation sind aber alle anderen Elemente des Films von mir frei erfunden und haben mit meiner Familie nichts gemeinsam.
 
In dem Film geht die Protagonistin Mina nicht nur eine arrangierte Ehe ein, sondern verlässt zudem auch noch den Iran und wandert nach Deutschland aus, um dort mit ihrem Ehemann zu leben. Keine typische Ausgangssituation im Vergleich zu den üblichen Filmen über iranische Frauen, oder?
 
Diese Eheschließung ermöglicht es Mina in Deutschland zu leben und gibt ihr Freiheiten, die sie zuvor nicht hatte. Da Mina und ihr Mann einander völlig fremd sind und sie somit nicht sofort eine sehr enge Beziehung miteinander haben können, habe ich mir diesen Charakter als jemanden ausgemalt, der eine gewisse Zeit braucht, um seinen Partner kennenzulernen und eine intime Beziehung aufzubauen. Eine weitere Facette des Charakters ist natürliche auch die Faszination für das Unbekannte, die Mina mit allen Einwanderern teilt. Zum Beispiel geht sie in eine Diskothek, da es so etwas im Iran nicht gibt und sie das ausprobieren möchte.
 
Betrachtet man den Protagonisten Kian so sieht man, dass er nicht genau weiß, wie er sich seiner Frau gegenüber verhalten soll, er wirkt recht unbeholfen. Wie haben Sie sich diesen Charakter erdacht?

Mein Protagonist Kian ist sehr konservativ, eher traditionell eingestellt und hatte vor der Ehe noch keine intimen Beziehungen geführt. Ich wollte Kian eher als einen Charakter zeichnen, der sich an traditionellen Werten festhält, während Mina daraus auszubrechen versucht. Ich habe beobachtet, dass viele Einwanderer ihren kulturellen und sonstigen Gewohnheiten treubleiben. Sie brauchen das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl, die Bestätigung durch eigene Landsleute, das Gefühl im eigenen Kreis anerkannt und akzeptiert zu werden. Das ist eine sehr schwierige und komplexe Lebenssituation, in der sich auch mein Protagonist wiederfindet.

Interview mit der Regisseurin Susan Gordanshekan des Films  „Die defekte Katze“ Terry Lin © Goethe-Institut Taipei Warum haben Sie dem Eheleben noch eine Katze hinzugefügt? Warum nicht einen Hund oder ein anderes Haustier?
 
Katzen sind sehr eigensinnige und geheimnisvolle Tiere. Ich selbst habe keine Erfahrungen mit der Haltung von Katzen oder anderen Haustieren, aber ich habe Verhaltensweisen von Katzen, die Freunde hielten, beobachtet. Ich hatte die Idee, dass wenn zusätzlich eine sehr schwierig zu haltende Katze in diese arrangierte Ehe, mit all ihren bereits vorabsehbaren Herausforderungen, hineingebracht wird, die Probleme und Schwierigkeiten zwischen den Protagonisten noch deutlicher zu Tage treten.

Normalerweise haben Katzen ihren ganz eigenen Lebensrhythmus. Aber in diesem Film verhält sie sich sehr destruktiv. Sie zerstört Dinge, pinkelt und zerbeißt Kleidung. Der Zuschauer könnte zurecht das Verhalten der Katze als eine Folge der spannungsgeladenen Atmosphäre zwischen den Protagonisten, die das Tier spürt, interpretieren.

Das Chaos, das die Katze in das Zusammenleben der beiden Protagonisten hineinbringt, führt zu zusätzlichen Problemen und Missverständnissen. Die Katze mit ihrem Verhalten stellt also ebenfalls metaphorisch die Ehe dar.

Andererseits ist es sie, die am Ende des Films plötzliche weg ist und die Protagonisten dazu bringt, sich kurz nach dem Scheitern ihrer Ehe zusammenzuraufen, um gemeinsam nach ihr zu suchen. Sie ist also auch das zusammenführende Element zwischen Mina und Kian.

Es sind einige sehr interessante Filmaufnahmen zu sehen, in denen Mina zum Schwimmbad geht. Die Darstellungsweise ist sehr stilisiert. Was hat Sie veranlasst, die Szenen so zu drehen?
 
Mina geht zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Schwimmbad, in dem sowohl Männer als auch Frauen gemeinsam schwimmen. Im Iran gibt es solche Schwimmbäder nicht. Für sie ist das also eine völlig neue Erfahrung und sie muss all ihren Mut aufbringen, sich nur im Badeanzug zu zeigen. Die Szenen im Schwimmbad sind also eine Zurschaustellung der Gefühlswelt von Mina im Hinblick darauf, wie sie ihre Umwelt wahrnimmt.

Bedeutet das Ende des Filmes, dass Sie dem Ehepaar eine glückliche Zukunft einräumen?
 
Ich habe dem Film ein offenes Ende mit positiver Ausrichtung gegeben, in dem das Ehepaar sich. von Neuem kennenlernt. Das Ende des Films ist also als eine Art Anfang oder Neubeginn ihrer Beziehung zu begreifen. Es kann funktionieren oder auch nicht - alles ist möglich.
 
Ihrem Lebenslauf kann man entnehmen, dass Sie Schritt für Schritt, nachdem Abschluss an der Hochschule für Fernsehen und Film und über die Berlinale Talents erst zu der Chance, Ihren eigenen ersten Film zu drehen, gekommen sind. Wie haben Sie es geschafft, das Team für die Dreharbeiten zusammenzustellen?
 
Für einen jungen Regisseur ist es zunächst besonders schwer, die finanziellen Mittel aufzutreiben. Zuerst habe ich drei Jahre an dem Drehbuch geschrieben. Die letzte Drehbuchfassung habe ich mit Teresa Pak, einer koreanischen Autorin, zusammen verfasst, die aus ihrer Kultur die Eheschließung durch arrangierte Gespräche gut kennt und daher einen sehr guten Zugang zum Stoff hatte. Während der gesamten Drehbuchentwicklung haben mir aber auch immer wieder professionelle Scriptadvisor und Freunde Feedback gegeben. Für das Schreiben eines Manuskripts ist es sehr wichtig, es anderen Menschen zum Lesen zu geben, da man die Distanz zum eigenen Drehbuch verliert. Im Alleingang ist das nicht zu schaffen. Ich hatte auch einen sehr erfahrenen Produzenten zur Seite, das ist ebenfalls sehr wichtig. Das Budget für diesen Film war natürlich nicht hoch, so dass mein unser Team sich aus einer Kombination aus erfahrenen, aber auch noch jungen, talentierten Teammitgliedern und Schauspielern zusammensetzte.

Interview mit der Regisseurin Susan Gordanshekan des Films  „Die defekte Katze“ Terry Lin © Goethe-Institut Taipei Was glauben Sie? Welchen Einfluss hat ihr kultureller Ursprung auf Ihr Werk?
 
Natürlich inspiriert mich die iranische Kultur, da sie ein Teil von mir ist. Auch wenn ich Persisch spreche und über meine Eltern, Verwandtschaft und Freunde viel über die iranische Kultur gelernt und verinnerlicht habe, bin ich doch in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich verstehe mich als deutsche Regisseurin. Ich bin eine deutsche Regisseurin, ich drehe deutsche Filme.

Um realitätsnah zu bleiben, wie für gerade erst angekommene Einwanderer ganz normal, sprechen die Protagonisten etwa die Hälfte der Zeit Persisch, den jeweiligen Situationen angepasst. Das deutsche Publikum kann also nur mit Hilfe der Untertitel verstehen, worüber die Protagonisten sich unterhalten. Das ist sicherlich für die Kinokassen nicht von Vorteil, aber um die Geschichte von iranischen Einwanderern in Deutschland möglichst authentisch zu erzählen, blieb mir keine andere Wahl.

Bisher waren meine Filme immer zweisprachig. Aber wer weiß? Vielleicht wird mein nächster Film vollkommen in Deutsch sein!