Interview des Taipei Filmfestivals Interview mit dem Regisseur Sebastian Winkels des Films „Talking Money“

Interview mit dem Regisseur Sebastian Winkels des Films „Talking Money“
Terry Lin © Goethe-Institut Taipei

TALKING MONEY wurde an Bankberatungstischen auf der ganzen Welt gedreht. Fünfzehn aus dem Stehgreif beobachtete Begegnungen zwischen Kunde und Banker verknüpfen sich zu einer grossen Erzählung über Geld, Macht und das Leben. Pures Dokumentarfilmkino aus der Druckkammer des Geldgesprächs: von Benin bis Pakistan, von Bolivien bis in die Schweiz treffen sich Menschen zum finanziellen Stelldichein. An diesem Tisch sitzt kaum jemand freiwillig, denn aus persönlichen Lebensumständen wird hier schnell ein Geschäft. Es wird gerungen, verteidigt, behauptet und gespielt. Eng erscheinen die Grenzen, phantasievoll die Strategien. Ob die verhandelten Summen ein- oder sechsstellig sind, macht wenig Unterschied, denn das individuelle Verhandlungsziel bleibt gefühlt existenziell. Von der Beraterseite des Tisches aus wirft Sebastian Winkels einen ebenso spannenden wie unterhaltsamen Blick auf die unsichtbare Macht des Kapitals, die uns alle verbindet. Ohne Basel III oder internationale Finanzkrisen zu erklären, beteiligt er den Zuschauer ganz direkt an einem teilweise tragikomischen Machtspiel, bei dem Bluff und Pokerface zum guten Ton gehören. Beide Seiten ringen um Glaubwürdigkeit. Ein Rendezvous bei der Bank kann manchmal auch ein Western sein. In einem Showdown auf Augenhöhe erforscht TALKING MONEY unsere komplizierte Beziehung zu Geld – und stellt die einfache Frage nach dessen sozialer Bedeutung. Die Währung heißt Vertrauen.

Sie sagen, die ursprüngliche Idee für diesen Dokumentarfilm entspringt Ihrer eigenen Erfahrung?
 
Ja, zur Idee von TALKING MONEY kam es vor circa fünf Jahren, als ich zum ersten Mal einen Banktermin hatte, um einen Kredit zu beantragen. Ich saß dort einer Bankangestellten gegenüber und erläuterte nicht nur meine finanzielle Situation, sondern auch meine übrigen Lebensumstände. Die Situation war psychologisch sehr aufgeladen und ziemlich merkwürdig . Ich fühlte mich wie nackt, denn es ist schon eine sehr intime Situation, in der man angehalten wird, sich selbst zu präsentieren. Das persönliche, familiäre und soziale Bild, das ich dabei von mir entwarf, kam mir anschließend ganz fremd vor, so als hätte ich gerade jemand anderen beschrieben. Ich hatte das Gefühl, mich gar nicht darin wiederzuerkennen, da ich mich einerseits adrett verpacken und gleichzeitig eine kritische Haltung gegenüber der Beraterin einnehmen wollte. Das ist ein gehöriger Spagat. Ich spürte vor allem diese Macht, die an diesem Tisch herrscht. Jeder Bankangestellte vertritt ja seine Institution und die Institution vertritt wiederum das System, in dem wir uns alle bewegen - und das verfügt über die Entscheidungsgewalt, dir letzten Endes den Kredit zu gewähren oder eben nicht.
 
Ihre Filme „7 Brüder“ oder „Mein schönes Leben (Nicht alles schlucken)“ sind ebenfalls von Menschen bevölkert, die in einem filmisch recht minimalistischen Setting miteinander sprechen. Was reizt Sie am Dokumentarfilm?
 
Ja, das stimmt. Ich brauche das dunkle Kino als Erzählraum und sonst eigentlich eher wenig. Meistens konzentrieren sich meine Filme auf unterschiedliche Kommunikationssituationen und eine spezielle Funktion von Sprache, die diese Situation prägt. Den Dreh richte ich danach aus, diese besonderen Aspekte der Sprache und des Miteinanders genau beobachten zu können. Da geht es um sehr flüchtige Dinge. Für Protagonisten ist es ja nicht leicht, vor einer Kamera ganz frei und bei sich zu sein. Wenn es ihnen gelingt, wird es sofort spannend, weil es authentisch ist – und das ist immer etwas Besonderes, das jeder Zuschauer spürt und das man nicht erklären kann. Für mich liegt der Reiz des Dokumentarischen genau darin, dass die Erzählung fragil und unvorhersehbar bleibt und echtem, gelebtem Leben entspringt. Niemand hat sich das ausgedacht, etwas aufgeschrieben und dann inszeniert. Es ist reine Präsenz. Warum meine Themen oft mit Kommunikation und Sprache zu tun haben, kann ich nicht sagen, vielleicht hat es etwas mit meiner vielköpfigen Familie zu tun. Jedenfalls fange ich an, ein Projekt zu verfolgen, wenn ich eine bestimmte Kommunikationssituation entdecke, die mich nachhaltig beschäftigt. Dann möchte ich sie gerne filmisch so übersetzen, dass daraus - mit etwas Glück, im Kinosaal eine originäre Wucht entstehen kann. Falls das schlussendlich gelingt, hat es für mich wesentlich mit der Herangehensweise bei der Aufnahme, die ich als ‚social recording’ oder ‚soziale Kamera’ bezeichne und mit der angesprochenen Authentizität zu tun. Genau darüber mache ich mir im Vorfeld die meisten Gedanken. Denn falls etwas in der filmischen Vorgehensweise nicht stimmt, verfälscht das eigentlich alles. Jemand, dessen Arbeit ich in dieser Hinsicht sehr schätze, ist Raymond Depardon - ich glaube, er hat überhaupt erst dieses spezielle Interesse in mir geweckt.

Interview mit dem Regisseur Sebastian Winkels des Films „Talking Money“ Terry Lin © Goethe-Institut Taipei
 
Wie viel wissen Sie denn vorher? Wie bereiten Sie sich vor?
 
Bei TALKING MONEY war die anfängliche Frage, ob wir eventuell zu jemand anderem werden, sobald wir über Geld reden und wenn ja, wie und warum das passiert. Ist das überall gleich oder von dem Kulturkreis abhängig, der uns geprägt hat? Wie gehen wir mit der Machtsituation an diesem speziellen Tisch um? Gibt es da im zehnten Jahr nach der Finanzkrise überhaupt noch Vertrauen oder versuchen wir nur, uns gegenseitig möglichst trickreich etwas vorzumachen? Früher waren der Pfarrer, der Arzt und der Bankdirektor ja moralische Bezugspersonen. Wie machen wir das heute, Besitz zu teilen bzw. Grenzen zu ziehen? Was ist deins und was ist meins und wie verhandeln wir das? Das ist eine sehr alte Frage.
 
Während des Schreibens zeigt sich meist früh die zentrale Fragestellung eines Projektes, wie z.B.: ‚Was ist Familie?’ bei dem Film „7 Brüder“, in dem es um das Weitergeben von erzähltem Leben geht. Ich versuche nicht, im Film direkt eine Antwort zu geben, was ja im Falle von ‚Was ist Familie?’ gar nicht geht, sondern möchte den Zuschauer animieren, die Erzählung ganz individuell auf sich selbst anzuwenden, sie quasi persönlich zu nehmen und innerlich zu reflektieren. Sie sollen den Film aus Ihrer Perspektive als Einzelkind, als Großvater oder als zweitjüngster von Fünfen erleben. Für 86 Minuten darf man Teil der Familie Hufschmidt aus Mülheim a. d. Ruhr sein. Das filmische Arrangement soll so wirken, dass Sie sich unweigerlich einbringen, z.B. indem Sie sich vergleichen. Das klingt jetzt irgendwie nach Arbeit und in der Tat ist das ein aktiver Zustand. Wenn man als Zuschauer allerdings ganz in eine Erzählung eintaucht, spürt man keine Anstrengung, sondern eher Leichtigkeit, weil es Spaß macht, wenn die eigenen Erlebnisse und Gedanken zum Film dazugehören dürfen. Daher geht es in meinen Filmen eher langsam zu. Es braucht diesen Raum und eine Art zuhörende Konzentration, die für mich so nur im Kinosaal existiert. Die will nicht offensiv streng daher kommen, sondern installiert sich bestenfalls eher beiläufig. Das ist jedenfalls das Ziel. Ich hoffe, dass man es mühelos genießen kann, obwohl die Filme sehr persönlich gemeint sind und einem, wie im Falle von „Mein schönes Leben“, in dem es um das Dosierungsdilemma von Psychopharmaka geht, manchmal ganz schön an die Gurgel gehen können. Ich möchte dazu beitragen, genau das zuzulassen. Ich jedenfalls suche das, wenn ich ins Kino gehe. Ich möchte mich in etwas verlieren dürfen. Ich bitte quasi darum, dass mir jemand gekonnt an die Gurgel geht und mich zutiefst überrascht, denn ich möchte verändert aus dem Film herauskommen. Er soll etwas mit mir gemacht haben. Wir sind es ja leider überwiegend gewohnt, mit ‚Wahrheiten’ beballert zu werden und sollen – gerade im Dokumentarfilm – ständig etwas lernen. Stichwort: verfilmtes Sachbuch, zu diesem oder jenem Thema. Wir kriegen gesagt, was wichtig, richtig und falsch ist und vor allem, was wir davon zu halten haben. Ist was traurig gemeint, gibt’s gleich die entsprechende Musik dazu, usw.. Mich ermüdet diese dramaturgische Gängelei zunehmend, denn so wird jede noch so spannende Erzählung distanziert und vordergründig. Da gibt es wenig inneren Dialog, sondern reines Konsumieren. Irgendjemand weiß alles und ich soll dem folgen. Die Erzählrichtung ist ziemlich einseitig.
 
Ich behaupte daher, dass es gut tut, sich in einer stimmigen Entschleunigung wiederzufinden, die es jedem Zuschauer erlaubt, Teil einer persönlichen Erzählung zu werden. Natürlich gibt es eine Berechtigung für themenzentrierte Filme, die aufklären sollen, usw., aber es ist eigentlich nur ein winziger Teil von dem, was Dokumentarfilm im Kino vermag. Leider scheint dieser Teil seit Jahren alles um sich herum aufzufressen, als gäbe es nicht diese besondere Kraft des Kinos, uns zu überraschen und dabei etwas über die ‚condition humaine’ herauszufinden. Das macht mich schon wütend und in gewisser Weise bin ich umso mehr davon besessen, meine Geschichten mit all ihren offenen Enden auf den Kinosaal und in die Köpfe der Zuschauer zu übertragen.
 
Diese Idee, die ich jetzt mal partizipatives Erzählen nenne, bedeutet für mich, den Kinosaal in einem ganz wörtlichen Sinn als Ort der Filmhandlung anzusehen, ihn im Sinne der Geschichte und durch eine sparsame Wahl der gestalterischen Mittel so zu inszenieren, dass er sich, wie im Fall von TALKING MONEY in eine Bank verwandelt. Das funktioniert nur in einem ungestörten Zeitkontinuum, ohne perspektivische Brüche oder Musik, etc.. Dort begegnen wir, fast wie im Traum, ganz realen Menschen und nichts sonst. Das wird nicht überlagert, sondern darf einfach mal so sein. Ich glaube, genau deshalb können wir uns als Zuschauer an der Erzählung beteiligen – und werden aktiv. Diese leibhaftigen Beziehungen zwischen Zuschauern und Protagonisten ist nur im Dokumentarfilm möglich, denn sogar im Theater wird jeden Abend alles gespielt. Wie verrückt ist das eigentlich? Das begeistert mich an meiner Arbeit, aber oft wird genau das erzählerisch hintenangestellt, vielleicht auch, weil es zu filigran und flüchtig erscheint – und weil es dem didaktischen Erklärbärkino, dieser Seuche, diametral entgegengesetzt ist. Meiner Ansicht nach nehmen wir die Wirkungen des Faktischen für zu selbstverständlich, dabei ist es genaugenommen, pure Magie. Aber jetzt habe ich vielleicht Ihre Frage gar nicht beantwortet.
 
Interview mit dem Regisseur Sebastian Winkels des Films „Talking Money“ Terry Lin © Goethe-Institut Taipei
 
Macht nichts. So ein Projekt klingt nach einem waghalsigen Abenteuer. Ich würde gerne wissen, was Sie vor so einem Dreh eigentlich wissen?
 
Ich weiß nur, wie ich vorgehen möchte. Wo die Kamera steht zum Beispiel. Wie die Regeln beim Dreh sind, also was ich darf und was nicht. Bei „7 Brüder“ wollte ich z.B. auf keinen Fall irgendeine Frage stellen, obwohl man ja denken könnte, es sei ein Interviewfilm. Ich habe mich dann darauf beschränkt, von mir zu erzählen und tatsächlich nichts gefragt. Dabei ist viel Stille entstanden, die man erst mal aushalten muss. Aber im Endeffekt besteht der Film eben nicht aus ‚höflichen Antworten’, sondern aus freien Erinnerungen und Erzählungen, was glaube ich seine Qualität ausmacht.
 
In der Vorbereitungsphase von „Talking Money“ war mir am wichtigsten, dass wir echte, d.h. nicht vorher gecastete Protagonisten oder Fälle porträtieren würden. Ich wollte mit Leuten drehen, die an dem jeweiligen Tag aus freien Stücken in die Bank kommen und ein unmittelbares Anliegen haben. Wir mussten also genug Zeit mitbringen, um genügend Geschichten zu sammeln. Schlussendlich haben wir pro Bank eine Woche drehen können. Ansonsten wollte ich diesen einen Blick: aus der Position des Beraters auf den Kunden, also auf uns selbst zu schauen. Im Vertrauen darauf, dass dieses Dispositiv zum Motor des Films wird. Diesen Perspektivwechsel, also über verschiedene Sprachen, Gesellschaftssysteme und Kulturkreise hinweg, in eine Art kollektiven Spiegel zu schauen, fand ich spannend, und auch ziemlich komisch: der Film spielt ja quasi auf dem Schoß des Bankers. Was für eine Pole Position, um in die Welt zu schauen und eine soziale Aufzeichnung zu machen! Ich wünsche mir, dass man sich als Zuschauer in den Verhaltensweisen der Kunden wiedererkennt. Wahrscheinlich weiß so ziemlich jeder im Saal, wie es sich anfühlt, an diesem Tisch zu sitzen. Obwohl die Beziehungen in jedem Gespräch anders verlaufen, haftet der Situation etwas Universelles an. Die Reaktionsweisen und Strategien auf beiden Seiten des Tisches entspringen den lokalen Umständen und den beteiligten Persönlichkeiten. Als Zuschauer erkennen wir uns unterschiedlich in diesen fünfzehn Begegnungen wieder, haben z.B. Lieblinge oder finden es passagenweise auch mal nicht so spannend. Mein Punkt ist aber, dass wir ‚dabei sind’, verstehen Sie?
 
Dann gab es noch die Idee, dass die Stimmen aller Bankberater zu einer eigenen Figur verschmelzen würden. Diese übergeordnete Figur haben wir im Schnittprozess ‚Mutter aller Banken’ genannt und sie konnte nur entstehen, weil wir die Bankangestellten im Off lassen. Überhaupt: das Off ist ein wahrer Freund und Helfer! Das Nichtgesagte oder Nichtgezeigte bringt einen Film oft erst richtig auf Trab. Wir stellen uns ja zwangsläufig die Dinge vor, die wir nicht sehen, wie z.B. den US Schlitten, den sich Herr Gocha unvernünftiger Weise zugelegt hat oder Marianellas wütenden Bruder. Das ist viel spannender, als wenn wir das zeigen würden. Solche Dinge wusste ich bei „Talking Money“. Vieles andere wussten wir leider nicht: welche Banken würden wir finden, in welchen Ländern würden wir drehen, welche Kunden und welche Geschichten würden wir antreffen? Alles unbekannt, was für einen Finanzierungsprozess nicht gerade einfach ist. Die Leute in den Sendern und Förderanstalten möchten ja gerne vorher ziemlich viel wissen. Wenn man mit guten Gründen erklärt, warum das hier nicht möglich ist, sind sie manchmal ein bisschen beleidigt oder nennen dich sogar einen Wirrkopf. „Es soll aber bitte kein Farocki werden, oder?“, hörte ich einmal, da lebte der Großmeister gerade noch.
 
Wie kam es eigentlich, dass Sie in so einer intimen Situation überhaupt drehen durften? Wie konnten sie die Kunden dazu überreden?
 
Die Kunden waren nicht das Problem. Die fanden unser Projekt meistens interessant. Aber im Vorfeld Banken davon zu überzeugen, reale Kundengespräche ungeplant und aus dem Stehgreif aufzunehmen, war regelrecht die Hölle. Dass es schwierig werden würde, war uns von Anfang an bewusst, aber dann wurde es geradezu grauenhaft und ich bekam irgendwann schon Angst, ob wir es überhaupt noch schaffen würden. Soweit ich es überblicke, hat noch niemand Bankberatungsgespräche dokumentarisch gedreht und jetzt weiß ich auch warum. Wir haben jedenfalls weltweit ca. hundertachtzig Banken kontaktiert, die entweder gar nicht geantwortet oder gleich abgelehnt haben. Gesprächsangebot gleich null. Die haben uns wohl für total bescheuert gehalten. Es hat dann mitunter Jahre gedauert, irgendwo eine Dreherlaubnis zu bekommen. Die meisten Banken, die sich am Ende dazu bereit erklärt haben, sind über ziemlich verrückte Zufälle und persönliche Kontakte, die oft über zig Ecken liefen, aufgetaucht. Sobald wir einmal die Chance zum Gespräch hatten, wurde die Sache etwas leichter. Unsere Argumentationslinie lautete verkürzt etwa so: „Wie wäre es, wenn Ihre Bank sich zur Abwechslung mal nicht hinter einer Spiegelfassade versteckt und bloß weiter werbemäßige Wohlstandsversprechen verbreitet, sondern etwas Neues wagt? Lassen Sie doch mal ein wenig Transparenz zu, nach allem, was passiert ist. Machen Sie bei unserem spannenden Kunstfilmprojekt mit („Wie reden wir weltweit über Geld?“) und lassen uns teilhaben an etwas, das Sie eh am Besten können, nämlich mit Menschen über ihr Geld zu sprechen.“ Trotzdem haben viele Bankdirektoren natürlich kalte Füße bekommen, weil sie dachten, wir wollten in journalistischer Manier irgendwelche Finanzskandale aufdecken. Aber neun von hundertachtzig haben dann doch ‚Ja’ gesagt – und denen bin ich wirklich für ihren Mut dankbar, denn dass es nicht bloß Friede, Freude, Eierkuchen geben würde, war schon allen klar.
 
Interview mit dem Regisseur Sebastian Winkels des Films „Talking Money“ Terry Lin © Goethe-Institut Taipei
 
Und wie liefen dann die Dreharbeiten in den Banken ab? Ich kann immer noch nicht glauben, dass sich die Kunden einfach so filmen ließen.
 
Von den je fünf Werktagen, die wir in einer Bank gedreht haben, war der erste Tag zum Kennenlernen des Hauses und der Mitarbeiter da. Auch um die Berater ausfindig zu machen, die wirklich dazu bereit sind bei uns mitzumachen und nicht bloß von ihrem Chef dazu abgestellt wurden. Manchmal haben wir in einigen Büros erste Aufnahmen gemacht. Man merkt sofort, ob jemand das grundsätzlich kann, sich trotz Kamera ganz auf ein Kundengespräch einzulassen. Ab dem zweiten Tag haben wir in der Lobby der Bank auf Kunden gewartet und alle Menschen angesprochen, die hereinkamen. Wir haben ihnen einen Flyer in Landessprache zu lesen gegeben, der das Projekt vorstellt und uns danach unterhalten. Im Durchschnitt haben zwischen 60-80%, mancherorts sogar fast alle Kunden positiv reagiert. Unsere Verabredung sah vor, zunächst das Treffen mit dem Berater aufzunehmen und im Anschluss zu sehen, ob die Portraitierten ihre Unterschrift unter die ‚release form’ setzen oder nicht. Ohne eine solche Unterschrift kann ich das Material nicht veröffentlichen. Es hat nicht einen Fall gegeben, wo uns nach dem Dreh die Unterschrift nicht gegeben wurde. Die Leute haben sich scheinbar vor der Kamera respektiert und wohl gefühlt. Auf diese Art haben wir in acht Ländern bzw. Banken ca. 150 Geschichten gesammelt.
 
Warum glauben Sie denn, dass so viele Kunden mitgemacht haben?
 
Wir waren davon auch überrascht. Ich glaube, viele Leute fanden die Idee des Projektes cool und wohl auch relevant. An diesem Tisch sitzt ja niemand gerne und wie wir da behandelt werden, sollte vielleicht einfach mal gesehen werden. Jedenfalls kam in vielen Gesprächen der Eindruck auf, dass sich viele Kunden missverstanden, abgelehnt oder ins Unrecht gesetzt fühlen. Mein Eindruck war, dass viele aus dieser Position heraus durchaus ‚etwas sagen wollten’. Also haben sie es einfach mal probiert. Einige von ihnen dachten aber bestimmt auch, dass sie heute einen besseren Deal bekommen, da die Bank freundlicher gestimmt sein würde, wenn eine Kamera daneben steht.
 
Nach welchen Gesichtspunkten wurden Sie die Länder ausgewählt, in denen Sie gedreht haben?
 
Wir wollten auf möglichst vielen Kontinenten drehen, die einflussreichsten Weltsprachen abbilden und in unterschiedlichen religiös, sozial oder politisch geprägten Gesellschaften unterwegs sein. Da darf eine islamische Republik, ein durch Kolonialismus oder ausgeprägten Katholizismus geprägtes Land ebenso wenig fehlen, wie eines, das sich als Ursprungsland des Kapitalismus versteht - oder aber eine ehemalige Sowjetrepublik. Aktuell noch kommunistisch regierte Länder wie Russland und China haben nicht geklappt, Dubai übrigens auch nicht. Dass wir nur ein asiatisches Land und kein arabisch im Film haben, ist schade. Aber dafür ist die reiche Schweiz doch großartig oder die antike Welthandelsstadt Neapel, Europas schöne Hauptstadt des Südens. Im Angesicht der Tatsache, dass es ultraschwierig war, überhaupt irgendwelche Geldinstitute zum Mitmachen zu bewegen, mussten wir kompromissbereit sein. Wir sind ja nicht Hollywood und haben ewig Zeit. Im Film tauchen jetzt acht Länder auf, aber am liebsten hätte ich zwei mehr gehabt, damit es noch unübersichtlicher wird. Wo exakt man sich gerade aufhält, ist nicht von Belang: der Planet ‚Geld’ ist gemeint. Gegen Ende der Drehzeit, hatten wir z.B. dann  ganz unerwartet eine Dreherlaubnis in Japan, aber war uns da schon die Kohle ausgegangen (lacht).
 
Wie würden Sie die Arbeitsphase des Schnitts beschreiben?
 
Kurz gesagt, als nahezu endlos. Wir haben sieben Monate gebraucht, um die Geschichten herauszufiltern und so miteinander in Beziehung zu setzen, dass 85 spannende Minuten daraus entstehen. Ich finde übrigens Bankgespräche tendenziell auch eher langweilig. Wir mussten schon ganz genau hinsehen, um etwas Großes in den oft banalen Unterhaltungen zu entdecken. Aber diese Dimension, dass etwas sehr Wichtiges, Menschliches und Universales auftaucht, gibt es natürlich. Die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Hinzu kam, dass wir so viel übersetzen und untertiteln mussten. Die Übersetzer haben über einen langen Zeitraum mit uns gearbeitet und Großartiges geleistet, denn um detailliert in solche Unterhaltungen einsteigen zu können, muss jedes Wort stimmen. Der Schnitt, den Frederik Bösing verantwortet, war auch deshalb schwierig, da ja keine Geschichte im herkömmlichen Sinne erzählt wird, die aus drei Akten, also Anfang, Mitte und Ende besteht und einem festen Ensemble von Figuren folgt. TALKING MONEY ist als Erzählung eher ein schwebendes, durchaus stures, mysteriöses Objekt, das seine Spannung unmerklich immer neu generiert und sich aus teils winzigen Elementen, Assoziationen und Gefühlsflächen zusammensetzt. Die Menschen, die im Film auftauchen sind toll und man gewinnt sie, glaube ich, schnell sehr lieb, aber dann muss man sich auch schon wieder von ihnen verabschieden. Ganz schön frustrierend! Auch das musste im Schnitt aufgefangen werden. Nach vielen Vorführungen auf der ganzen Welt habe ich aber den Eindruck, dass der Film etwas für mich ganz Wesentliches schafft: dieses unsichtbare, unglaublich mächtige Netz, das wir Geld nennen und das uns alle miteinander verbindet - egal, ob wir gerade in der Bank sitzen oder nicht, sicht- und spürbar zu machen.
 
Interview mit dem Regisseur Sebastian Winkels des Films „Talking Money“ Terry Lin © Goethe-Institut Taipei
 
Ich habe es im Kino auch so wahrgenommen, dass da eine unglaublich konzentrierte Spannung herrschte. Das hat mich überrascht, denn ehrlich gesagt, hatte ich mir einen Film über Banken und Geld im Vorfeld nicht sehr unterhaltsam vorgestellt...
 
Das höre ich in Publikumsgesprächen immer wieder. Die meisten Zuschauer erwarten einen Film, der ihnen etwas Schlaues über das Finanzdienstleistungswesen erklärt. Das passiert hier natürlich nicht. Genauso wenig, wie es ein Film gegen ‚die bösen Banken’ ist. Das fände ich auch langweilig, denn das ist doch mittlerweile ‚common sense’ und tolle Filme gibt es auch dazu. Die Frage ist eher: warum machen wir da überhaupt noch mit? Eine Zuschauerin in Bad Aibling meinte nach dem Film: „Zum Glück war der Film ganz anders, als ich gedacht hatte. Das Menschliche darin hat mir so gut getan!“ So soll es sein. Es geht um uns selbst. Ich will niemanden belehren – und ehrlich gesagt verstehe ich auch nach fünf Jahren nicht viel von Finanzprodukten. Mein Wunsch war von Anfang an, dass uns die Erzählung in eine Räumlichkeit versetzt, sich der Kinosaal in eine Bank verwandelt und wir uns miteinander und ganz direkt in dieser verrückten, ziemlich intimen Situation erleben. Kino, als eine Art minimalistische Achterbahnfahrt, die sich alleine und vor einem Laptop leider nicht vermittelt. Dazu braucht es eben diesen großen, dunklen Saal und all die Gespenster, die darin wohnen.