Die Frankfurter Buchmesse Bücher und Menschen

Bücher und Menschen
© Yang Meng-Ru

Im November vergangenen Jahres fiel der Startschuss für das „Merck Social Translating Projekt“ am Goethe-Institut in Seoul, dessen Ergebnisse 2018 bei der Frankfurter Buchmesse präsentiert wurden. Und bei der Ausreise sollte ich aus heiterem Himmel für jemandem vom Zoll etwas aufschreiben, was für ein ungewöhnliches Zusammentreffen von Menschen der schreibenden Zunft mit anderen Menschen!

Von Seoul nach Frankfurt
Im vergangenen November stellte das Goethe-Institut Seoul die Planungen für das „Merck Social Translating Projekt“ an und wählte dafür den Roman „Die Welt im Rücken“ aus, der in insgesamt zehn Ländern Ostasiens, Südasiens und Südostasiens übersetzt werden sollte. Das war ein so noch nie dagewesenes Experiment und die Organisatoren richteten auch noch eine Internetplattform für die Übersetzer und den Autor ein, um sich direkt auszutauschen. So waren wir bei Problemen nicht mehr alleine auf uns gestellt, sondern konnten untereinander darüber diskutieren und dem Autor direkt Fragen stellen.

Schon als wir zehn Übersetzerinnen und Übersetzer im vergangenen Jahr zu einem Workshop in Seoul zusammenkamen, erhielten wir alle für 2018 die Einladung zur Internationalen Buchmesse in Frankfurt. Kurz vor Eröffnung der Buchmesse am 10. Oktober erhielten wir ein immer umfangreicher werdendes Besuchsprogramm. Im Verlaufe diesen einen Jahres ist durch den Roman „Die Welt im Rücken“ unter uns das Gefühl einer Art Schicksalsgemeinschaft entstanden, so dass wir uns alle kurz vor unserer weiten Reise nach Frankfurt auf das erneute Zusammentreffen freuten, auch wenn wir in unserer Arbeit unterschiedlich weit fortgeschritten waren.
 
Voller Zweifel auf die Reise
Dieses Jahr ist das 70-Jährige Jubiläum der Frankfurter Buchmesse und dass wir zu diesem Zeitpunkt an der weltweit größten Buchmesse, die im  internationalen Verlagswesen die Trends vorgibt, vor Ort sein konnten, war für uns eine einmalige Gelegenheit! Doch wir hatten dort eine Aufgabe zu erfüllen, wozu die Podiumsdiskussion am Nachmittag des 11. Oktober gehörte. Bevor wir uns auf die Reise begaben, waren wir alle gespannt darauf, wie diese Schwerpunktveranstaltung mit dem Autor, Thomas Melle, den Übersetzerinnen und Übersetzern für Mongolisch, Japanisch und die indische Sprache Marathi sowie der Leiterin des Goethe-Instituts Seoul, Frau Dr. Stukenberg, ablaufen würde.

Abgesehen davon lagen uns noch einige Fragen am Herzen: beispielsweise wie es dazu kam, dass ein großer Pharmahersteller wie Merck mit einer dreihundertjährigen Geschichte und einer Niederlassung in Seoul großzügig seine Schatulle für dieses Projekt öffnete. Oder weshalb wir uns an einem Buch, dem die Ehre zuteil wurde, gleichzeitig in zehn Sprachen übersetzt zu werden, so die Zähne ausbissen, statt es einfach genießen zu können und frisch und frei mit den Worten spielen zu können?

Thomas Melle, der Autor des Romans „Die Welt im Rücken“ leidet an einer schweren Form bipolarer Störung, die zweimal bei ihm über einen Zeitraum von sechs Jahren ausbrach. Dieses Buch war für ihn eine Selbstanalyse, die nichts ausließ, die „das ganze Spektrum abdeckt“. Dieses Spektrum ist nicht zu sehen und nicht zu erfassen, es sei denn, Experten würden spezielle Messgeräte zur Hand nehmen. Kein Wunder, das Buch ist voller magischer Beschreibungen, verschwommener Gefühlswelten sowie uneinheitlicher Analysen. Klar macht das das Übersetzen umso schwerer.

Daher war es absolut notwendig, dem Stand des Rowohlt-Verlags, bei dem das Buch erschienen war, einen Besuch abzustatten. Die Gewinnerin des diesjährigen Deutschen Buchpreises „Archipel“ wurde auch von ihnen verlegt. „Die Welt im Rücken“ kam 2016 auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. An diesen beiden Erfolgen kann man sehen, über welch außergewöhnlichen Weitblick die Lektoren dort verfügen.
 
Die Buchmesse ist auch ein Geschäft
Die Frankfurter Buchmesse belegt eine Fläche von 592.127 Quadratmetern in zehn Hallen, weltweit nur übertroffen von den Messen in Hannover und Shanghai, daher kann man sich leicht darin verirren. Neben den sorgfältig geplanten Buchständen fanden sich auch Stände von Miele oder ein Kochstand von Fissler, um mehr Leute anzuziehen. Und außer dem Schwerpunkt bei Kinderbüchern durch das diesjährige Gastland Georgien wurde auch Wein zum Verkosten angeboten. Sobald man durch das freundliche Lächeln des Standpersonals und ihr Gestikulieren zum Verweilen angehalten wird, so ist man unwillkürlich wieder abgelenkt.

Wenn ich jedoch in der Zeit, die ich zur freien Verfügung habe, durch die Hallen an den Ständen vorbeischlendere, muss ich unweigerlich auch seufzen. Denn auch bei Büchern gilt, dass die Leser sie erst einmal kaufen müssen, nur so können die Bücher existieren. Daher ist die Frankfurter Buchmesse ein Ort, an dem Bücher und Menschen aufeinandertreffen, aber auch der Ort, wo das Geschäft darüber stattfindet.

Vor diesem Hintergrund hatte das Goethe-Institut Seoul mit den Messeveranstaltern eine besondere Vereinbarung getroffen, wonach wir einen Blick hinter die Kulissen werfen durften, was nur so und nach entsprechender Registrierung möglich ist, da die Verleger und Agenten sonst niemanden in diese streng abgeschirmten Orte hereinlassen. Ein Raum mit einem Tisch neben dem anderen, durch mobile Wände abgeteilt, das ist der Ort, an dem die Verleger aus aller Welt ihre Bücher anbieten und über die Bedingungen der Zusammenarbeit verhandeln. Es heißt, dass die Autoren nur selten hier auftauchen, um zu vermeiden, dass mit einem Blick ihre Identität verraten wird, die Wände und die Tische sind daher völlig kahl und leer. Man fragt sich, wie viele Geschäftsgeheimnisse hier an diesem eintönig erscheinenden Raum, in dem es um Gewinne und die Einschätzung von Marktchancen geht, im Verborgenen über die Tische wandern?
 
Bücher und Menschen
Eine sehr aufschlussreiche Podiumsdiskussion
Wir waren sehr gespannt, als die Podiumsdiskussion begann und der Vertreter von Merck den Schleier lüftete: Der alte Merck, Johann Heinrich Merck, war nicht nur ein enger Freund des Dichterfürsten Goethe gewesen, sondern sogar der Teufel in Goethes „Faust“, das Original, das Mephisto rief! Der junge Goethe hatte sich von seiner Heimatstadt Frankfurt zu Fuß auf den Weg in das nahe gelegene Darmstadt gemacht, eine Entfernung, die man heutzutage mit einem schnellen Zug in einer Viertelstunde, mit einem langsamen in einer halben Stunde zurücklegt. Das ist also die Geschichte von dem alten Merck, der zugleich Verleger, Lektor und Naturforscher war und den eine enge Freundschaft mit Goethe verband. Dass der Stammsitz des Pharmaunternehmens Merck auch in Darmstadt liegt, bedarf nun keiner weiteren Erklärung mehr.

Frage an den Autoren Melle: Was empfinden Sie, wenn mehrere Übersetzer dieselben Fragen stellen zu einer bestimmten Beschreibung oder zu einem bestimmten Wort?

Frage an die Übersetzer: Im Unterschied zum herkömmlichen Übersetzungsprozess, bei dem man sich selbst darum kümmern muss, von irgendwoher die Antworten auf Fragen zusammenzusuchen, hat in diesem Fall die netzbasierte Plattform zum gegenseitigen Austausch eure Haltung zum Übersetzen und eure Art des Übersetzens verändert?

Plötzlich waren nicht mehr Melle und sein Buch „Die Welt im Rücken“ das Hauptthema auf dem Podium, sondern das „Merck Social Translating Projekt“. Was uns insgeheim auch freute, war Melles Eingeständnis, dass die immer wiederkehrenden Fragen der Übersetzer bei ihm Unruhe auslösten: Habe ich mich etwa nicht klar genug ausgedrückt? Und was die Übersetzerinnen und Übersetzer angeht, so sind sie in der widersprüchlichen Situation, dass sie einerseits die persönliche Unterstützung des Autors haben, andererseits der Autorität des Autors und seinen Antworten auch nicht vollständig trauen.

In dieser Podiumsdiskussion kam sehr deutlich zum Ausdruck, was die Übersetzerinnen und Übersetzer in der Auseinandersetzung mit diesem sehr experimentellen Roman empfinden. Dafür gilt der Veranstaltung unsere Anerkennung und sie verdient unseren starken Applaus. Die Globalisierung und Digitalisierung sind nicht aufzuhalten. Dieses vom Goethe-Institut Seoul initiierte Projekt hat die Art des Übersetzens in der Tat verändert. Natürlich wünschen sich die Autoren, dass ihre Werke weltweit Beachtung finden, doch ist es wirklich notwendig, dass der Prozess des Schreibens in allen Einzelheiten über Grenzen und Kulturen hinweg ausgebreitet wird?
Bücher und Menschen
 
Neandertaler
Nach Ende der Buchmesse erledigte ich vor der Ausreise die Formalitäten für die Mehrwertsteuererstattung am Frankfurter Flughafen, als eine Zollbeamtin mich verschmitzt lächelnd fragte: Wie schreibt man eigentlich „Neandertaler“ auf Chinesisch? Diese Frage erwischte mich auf kaltem Fuße, aber zum Glück war ich einmal auf einer Fahrradtour am Rhein entlang auf das Museum gestoßen. Wenn ich an die Zeit meines Studiums in Deutschland zurückdenke, hatte ich wirklich mit Menschen und Situationen jeglicher Art zu tun. Diese Episode rundete meine Reise zur Frankfurter Buchmesse im Rahmen des „Merck Social Translating Projekts“ in passender Weise ab. Ein Detail, das die Begegnung zwischen Büchern und Menschen auf dieser Reise noch einmal verdeutlicht.