die Welt der Romanautorin Petra Morsbach Ein duftender Garten

Petra Morsbach
Petra Morsbach © Mengru Yang

Die Silhouette der Radelnden entfernt sich langsam, es weht eine leichte nachmittägliche Brise, die den unruhigen Geist beruhigt. Die intensiv im Literaturbetrieb eingebundene Petra Morsbach hat dabei die Verträge für zwei Romane in der Tasche und als Leserin freue ich mich sehr darüber.

Barbara

Bevor ich begann, mich mit der Romanwelt von Petra Morsbach zu beschäftigen, machte ich zuerst die Bekanntschaft von Barbara. Bei einer Wanderung entlang der Mosel verstand ich mich auf Anhieb mit dieser netten Zahnärztin. Ab und zu beugte sie sich nach vorne, um vom Feldrand hübsch aussehende Blüten zu pflücken und sie erklärte mir bereitwillig die Merkmale verschiedener Beerenarten. Unter uns toste der nach heftigem Regen angeschwollene Fluss und die Umgebung der Weinberge hatte mich wohl etwas beschwipst gemacht, so dass ich ihr auf einmal meinen Traum offenbarte, selbst Schriftstellerin zu werden.

„Eine Freundin von mir ist Schriftstellerin, sie war viele Jahre Regisseurin an einem Theater, wechselte dann die Branche und hat mehrere erfolgreiche Romane geschrieben, ich schicke dir mal zwei davon, ok?“

Acht Tage nach dieser Wanderung waren Barbara und ich gute Freundinnen geworden und kurz nach meiner Rückkehr nach Taiwan war tatsächlich ein Luftpostpäckchen in meinem Briefkasten. Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit las ich in der U-Bahn den „Gottesdiener“. Während der Fahrt las ich davon, wie die männliche Hauptfigur in einer lieblosen Familie aufwuchs, zu einem schweren Stotterer wurde und als Erwachsener sich dazu entschied, Priester zu werden. Angetrieben von dem großen Rad des Schicksals entfaltete sich eine bewegende Geschichte.
 

Neue Räume aufzeigen

Leise seufzend klappe ich den „Gottesdiener“ zu und wende ich mich von der ländlichen und von Dialekt und Slang wimmelnden Szenerie einem Leben voller Drama zu, das von Modernität, künstlerischem Talent und einer den Lebensgenüssen zugewandten tiefen Beziehung geprägt ist. Als Außenstehende dem Treiben zusehend drehte sich mir bald alles vor den Augen, wenn ich anfing, im „Opernroman“ zu lesen und mir die Geschichten auf der Bühne und von hinter der Bühne zu Gemüte führte. Es heißt ja, dass Leute aus derselben Branche sich aus Konkurrenzgründen misstrauisch beäugen - dies ist besonders augenfällig und kompliziert in dieser Branche, in der der Applaus nur vorübergehend, die Bezahlung sehr ungleich ist und die meisten Menschen unterdurchschnittlich verdienen. Einerseits bewundere ich diese Idealisten, die sich für die Kunst abmühen, bei denen Erfolg und Misserfolg nahe beieinander liegen, deren Lebensgewohnheiten sich so sehr von „normalen“ Berufen unterscheiden und wie sie Tag für Tag für die Kunst leben, andererseits muss ich auch seufzen, wenn ich daran denke, wie diese so talentierten Leute von der realen Welt unfair behandelt werden.

Obwohl ich erst zwei Bücher von Petra Morsbach gelesen habe, stehe ich voller Bewunderung und Staunen vor der Vielfalt an Charakteren, die ihrer Feder entsprungen sind und dem Ausmaß der von ihr beschriebenen Sphären. Nicht alle Romanautoren sind bereit, sich auf ganz neue Stoffe einzulassen und sie nach gründlicher Vorbereitung zu Papier zu bringen. Wenn sich nach harter Arbeit ein Werk gut verkauft und trotz sowohl trivialer als auch kultivierter Inhalte allgemein geschätzt wird, dann ist dies angesichts der Anforderungen des heutigen auf Schnelligkeit und Leichtigkeit ausgerichteten Verlagswesens ein schwer erarbeiteter Erfolg.

Von ihrem 1995 veröffentlichten ersten Roman „Plötzlich ist es Abend“ bis zu ihrem 2017 erschienenen neuesten Werk, „Justizpalast“ hat Petra Morsbach im Laufe von zweiundzwanzig Jahren acht Romane geschrieben und elf Literaturpreise gewonnen. Sie ist keine viel produzierende Autorin, ihre Stärke liegt vielmehr in ihrer präzisen Beschreibung. Sie ist eine gute Beobachterin, bringt viel Einfühlungsvermögen mit, als ob sie sich die Schuhe der von ihr geschaffenen Charaktere anzieht und mit ihnen ihren Weg geht. Als Erzählerin lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen und verbindet ihre realistische Handlung mit einer Fülle ihr zur Verfügung stehender Materialien, so dass sich in jedem ihrer Romane eine neue und weite Welt entfaltet.

„Justizpalast“ und ein Gespräch mit Bundestagspräsident Schäuble

Ein Jahr später war ich bei Barbara zu Gast und auf dem Esstisch lag das Buch „Justizpalast“. Vor zehn Monaten wurde ich aus der Ferne angesteckt von dem, was dieses Buch ausgelöst hatte. Morsbach hatte wieder einen Literaturpreis gewonnen und das Preisgeld dazu verwendet, um als Regisseurin tätig zu werden und den Kurzfilm „Der Schneesturm“ zu drehen. „Justizpalast“ erregte auch die Aufmerksamkeit von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der öffentlich seine Wertschätzung für das Buch zum Ausdruck brachte. Er suchte das Gespräch mit der Autorin und diskutierte mit ihr über das Thema der Gerechtigkeit, die das deutsche Recht und der Rechtsweg in Deutschland zu erreichen in der Lage sind.

Barbara sagte, „wenn du das nächste Mal kommst, dann mache ich dich mit ihr bekannt.“

Es war noch ein Jahr hin bis zu diesem Treffen, doch Morsbachs neuestes Werk ließ mich wieder einmal Freud und Leid ihrer Protagonistin nachempfinden. Natürlich kann ich das in dem Gespräch geäußerte Anliegen des Bundestagspräsidenten verstehen und bin auch nicht blind gegenüber dem in dem Buch zum Ausdruck kommenden Auftreten der Juristen und der von ihnen verwendeten Sprache. Tatsächlich konnte ich mir angesichts der stringenten Logik selbst in Alltagsgesprächen und der strukturierten Auseinandersetzungen einerseits das Lachen nicht verkneifen, anderseits hat es mich auch erschüttert. Bevor sie den Roman zu Papier brachte, hatte sie schon neun Jahre daran gearbeitet und mit vielen Juristen gesprochen, um sich ein tieferes Verständnis der Materie anzueignen. Was für eine fleißige Autorin!

Antworten auf Fragen des Gastes

Nach Ende der Frankfurter Buchmesse schloss ich früh morgens um sechs leise die Tür der Wohnung meiner Freunde und machte mich auf zum Bahnhof. Der frühmorgendliche Zug nach München würde sich voraussichtlich um 80 Minuten verspäten, wie die Durchsage mitteilte und verdarb mir die Laune. Nach langem zermürbendem Warten konnte ich endlich einsteigen und mich hinsetzen, zwischendurch musste ich nur zweimal bei Barbara anrufen, um ihr die Änderung der Ankunftszeit mitzuteilen.

Es klingelte an der Tür und ich öffnete sie. Petra Morsbach nahm gerade ihren Helm ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Im sonnigen goldenen Oktoberwetter war sie eineinhalb Stunden mit dem E-Bike zu unserer Verabredung gefahren. Wir fragten sie, ob sie eine gute Fahrt gehabt habe. Die schlanke Petra Morsbach mit Brille und ihren akkuraten kurzen Haaren sagte, es sei überhaupt kein Problem.

Die von ihr beschriebenen Lebensgeschichten sind voller erlittener Blessuren, doch alle dieser Figuren bemühen sich nach Kräften, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Da sind die gewissenhaft jeden Fall untersuchenden Richter und Anwälte, dazu gehören auch die Prozessparteien, die unter allen Umständen Recht bekommen wollen, so dass oft das Absurde im Menschen zum Vorschein kommt. Frage: „Tun Ihnen diese Leute leid? Oder sind Sie nur Zuschauerin?“

Die Liebesgeschichte der Richterin in „Justizpalast“ zeigt eine unerwartete romantische Seite und als sie gezwungen ist, die Beziehung zu beenden, macht dies einen traurig und man möchte innehalten und sie fragen, ob sie ihrem Mann verzeihen kann, der sie so herzlos verlassen hat.
Der Priester vom Land hört schweigend der Beichte seiner Gläubigen zu und von den immer wiederkehrenden kleinen Sünden seiner Dorfbewohner wird ihm seine eigene Isoliertheit und Einsamkeit bewusst. Er hat auch ein Problem mit dem Alkohol, auch er zweifelt oft an Gott und dem Glauben, aber er kann sich niemandem mitteilen. Dadurch, dass er immer wieder anderen Trost zusprechen muss, überwindet er allmählich sein Stottern. „Sie haben sich vom Theater dem Schreiben zugewandt, war das nicht auch eine Qual der Wahl?“

Die Autorin antwortet, dass das Schreiben von Romanen ihre erste Wahl sei. Sie ist der Überzeugung, dass auch wenn das Leben unerträglich sein kann, ob das Gute oder das Schlechte überwiegt, so bleibt doch immer noch mindestens ein bisschen Positives und Bewahrenswertes zurück. Ihre Karriere am Theater gab ihr die Gelegenheit, einen großen Reichtum an Stoffen und Themen zu sammeln. Sie ist eine Erzählerin, die die dritte Person verwendet und es ist ihr Ziel, gute Geschichten zu schreiben, doch gibt es keine direkte Beziehung zwischen den Menschen in ihren Büchern und ihr. Und schließlich die Richterin: es verbinden sie sechzehn Jahre glücklicher Erinnerung mit ihrem Ehemann und sie wird ihm am Ende verzeihen.
Petra Morsbach und Mengru Yang Foto: Petra Morsbach und Mengru Yang © Mengru Yang

Viel Glück!

Barbara bereitete ein schmackhaftes Mittagessen zu, der Apfelkuchen duftete und war sehr lecker und wir sprachen über viele interessante Themen. Mir rutschte die Kritik an einem merkwürdigen Buch heraus, das ich gerade fertig übersetzt hatte, Petra Morsbach wusste auch einigermaßen über den Autor und das Werk Bescheid. „Wenn Sie nächstes Mal wieder auf einen Satz stößen und ihn beim siebten Mal immer noch nicht verstehen, helfe ich Ihnen gerne!“, sagte sie zum Abschied.

Die Silhouette der Radelnden entfernt sich langsam, es weht eine leichte nachmittägliche Brise, die den unruhigen Geist beruhigt. Die intensiv im Literaturbetrieb eingebundene Petra Morsbach hat dabei die Verträge für zwei Romane in der Tasche und als Leserin freue ich mich sehr darüber.