Berlinale Talents Erstmals in Berlin

Berlinale Talents 2019
Foto: © Lien, Chien-Hung

Im Dezember vergangenen Jahres erhielt ich eines Morgens die Mitteilung von „Berlinale Talents“, dass man mich als Teilnehmer ausgewählt hatte. Natürlich freute ich mich riesig darüber, aber zugleich fühlte ich mich auch verunsichert. Ich war noch nie in Berlin gewesen, wie sollte ich meine erste Reise nach Berlin planen? Für mich war der Name „Berlin“ einerseits weit weg, andererseits lag er mir auch nah. Vor Jahren hatte ich einmal den Film „Good bye, Lenin!“ gesehen. Vor mehreren Jahren hatte ich auch den Film „Oh BOY“ gesehen und interessierte mich seitdem sehr für Berlin. In meiner Vorstellung war Berlin eine riesige Stadt, aber auch eine Stadt voller feiner Details. Ich musste daher diese Gelegenheit dazu nutzen, dort eine Weile zu bleiben und in die Stadt einzutauchen.

„Berlinale Talents“

Alljährlich im Februar geht es in der ganzen Stadt nur um das Thema Film. In den Straßen, an den Bussen, in den Bars und Restaurants, überall sind Plakate von den Internationalen Filmfestspielen Berlin angebracht. Wenn man in der Stadt unterwegs ist, sieht man viele Leute mit Berlinale-Rucksäcken oder mit dem Programmheft in der Hand. Die Berlinale zählt gemeinsam mit den Filmfestivals von Cannes und Venedig zu den drei großen Filmfestivals weltweit. Jedes Jahr um diese Zeit kommen Filmfans aus der ganzen Welt in Berlin zusammen, um an dieser großen und stilvollen Party teilzunehmen. Neben den Hauptveranstaltungen des Festivals führt die Berlinale auch die Initiative „Berlinale Talents“ durch, die speziell für neue Filmschaffende eingerichtet wurde. Die Teilnehmer an Berlinale Talents kommen aus aller Welt. Darunter befinden sich Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler, Produzenten, Filmeditoren, Kameraleute und Verantwortliche für die Filmmusik und das künstlerische Design. Während der einwöchigen Veranstaltungen von Berlinale Talents haben sie Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen und ihr professionelles Wissen zu erweitern. Dazu gehören auch vier besondere Workshops. Aus der Mitte der Teilnehmer von Berlinale Talents werden 40 in der Entwicklung befindliche Filmprojekte ausgewählt, die in verschiedene Workshops Eingang finden. Diese vier Workshops sind der „Talent Project Market“ für Produzenten, die „Short Film Station“, die „Doc Station“ für Dokumentarfilmer und die „Script Station“ für Drehbuchautoren, an der ich selbst teilnahm.

„Script Station“

Script Station Foto: © Lien, Chien-Hung Für die Script Station der Berlinale Talents werden jedes Jahr zehn noch in Arbeit befindliche Filmdrehbücher ausgewählt. In intensiven Kursen können diese Filmprojekte vertieft und verfeinert werden. Die diesmaligen zehn Kreativen, die mit ihren Drehbüchern teilnahmen, kamen außer aus Taiwan von den Färöer-Inseln, aus Deutschland, Griechenland, Spanien, Mexiko, Palästina, Israel und aus Italien. Die eine ganze Woche währenden Kurse sind sehr dicht gepackt. Der Tag beginnt jeden Morgen mit einem Frühstück am runden Tisch mit allen anderen Teilnehmern von Berlinale Talents. Anschließend beginnt das Programm des Workshops mit Vorträgen im großen Kreis und weiteren vielfältigen kreativen Kursangeboten.
 
Das diesjährige Thema von Berlinale Talents lautete „Mistake“, daher musste jeder Teilnehmer am ersten Tag eine kleine Geschichte zum Besten geben, in der er oder sie im Leben einen Fehler begangen haben. Am zweiten Tag erzählten sich die Teilnehmer gegenseitig von ihren Projekten und diskutierten darüber. Die aus verschiedenen Ländern stammenden Teilnehmer brachten Geschichten mit, die jeweils in einem besonderen kulturellen Kontext standen. Es war wie eine Phase, in der wir uns gegenseitig die Augen öffneten, in der uns bewusst wurde, wie klein und unbedeutend wir als Einzelne sind und wie glücklich wir uns schätzen durften, hier dabei zu sein. Darauf folgten zwei Tage Unterricht in intensiven Einzelgesprächen, in dessen Verlauf das Projekt mit einem Tutor für das Schreiben von Drehbüchern durchgesprochen wurde, der den Teilnehmern dabei half, ihre Stärken und Schwächen herauszuarbeiten. Am letzten Tag schließlich stellten wir unsere Ergebnisse in der großen Runde vor, so dass wir die Gelegenheit hatten, unser noch in Arbeit befindliches Projekt vor einem Fachpublikum bekanntzumachen.
 
Abends beschlossen die Teilnehmer den arbeitsreichen Tag meistens, indem sie sich einen Film ansahen. Die Vorstellungen bei der Berlinale waren jedes Mal bis auf den letzten Platz besetzt. Bevor die Kinosäle geöffnet wurden, drängelten sich die Filmfans vor der Tür und konnten es kaum erwarten, reinzugehen. Als ob es ein Rockkonzert wäre, wo jeder versucht, einen guten Platz zu ergattern und sie hier aber einen guten Film sehen wollen. Ja, und natürlich gehörte in jede Hand auch eine Flasche Bier!
 
Während dieser sehr intensiven Woche antwortete ich immer auf die Frage „Wie geht‘s?“ mit „Ich bin erschöpft“, aber auch „zufrieden“. Für mich als jungen Drehbuchautor und Regisseur war diese Woche eine äußerst wertvolle Erfahrung. Mein Tutor führte mit mir intensive Diskussionen über den Kern meines Drehbuchs und förderte daraus immer wieder etwas Neues zu Tage, um es mit mir gemeinsam weiterzuentwickeln. Er war fast wie eine Art Seelendoktor zu mir, der mich dazu anleitete, die Struktur meiner Geschichte noch einmal selbst mit einem neuen Blick zu betrachten. Jeden Tag gingen mir tausend Dinge durch den Kopf und ich kam kaum dazu, von den im Seminarraum vorbereiteten Keksen, Häppchen und Pizzen zu essen. Dafür nahm ich von diesem Workshop, der mich bis an die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit führte, Massen an Anregungen und Impulsen mit und kehrte sehr zufrieden von dort zurück.

Eindrücke von der Stadt

Eindrücke von der Stadt Foto: © Lien, Chien-Hung Die Bedeutung, die die Deutschen der Kunst beimessen, ist an vielen kleinen Details erkennbar. Es gibt vielfältige Museen und Kulturveranstaltungen und die ganze Stadt ist geprägt von der Kunst, Kultur und Geschichte. Nach dem Ende von Berlinale Talents blieb ich daher noch eine Weile in Berlin. Die Berliner Gebäude und Straßen sind sehr, sehr schön. Überall sind Überbleibsel der Geschichte zu sehen und die Spuren des Krieges. Ich machte eine Führung bei den „Berliner Unterwelten“ mit und bekam beim Begehen der düsteren Gänge eine Ahnung vom Schrecken des Krieges. Deutschland hat zwei Weltkriege erlebt und auch in den Jahren der Teilung in Ost- und West-Deutschland viel mitgemacht. Doch die Unerschütterlichkeit der Deutschen und ihre Fähigkeit, aus der Geschichte zu lernen, haben Berlin zu einer noch vitaleren und kreativeren Stadt gemacht.
 
In Berlin unterwegs traf ich manchmal auf Nieselregen, aber auch auf strahlende Frühlingssonne. Für den Nieselregen war es nicht einmal notwendig, den Schirm aufzuspannen, aber es kam ein kalter Wind hinzu, der eine gewisse melancholische Stimmung aufkommen ließ. Zum Glück war es meistens heiter, so lange ich dort war. Bei schönem Wetter strahlte der Sonnenschein aus allen Richtungen derart über die ganze Stadt, dass ich kaum die Augen aufmachen konnte. Es war so schön, dass es mir bis heute unvergesslich ist. Ich bestieg die Kuppel des Berliner Doms und schaute von dort über die Stadt, wo mir die schlichte Schönheit Berlins auffiel, eine Schönheit, die man von dort in einem Blick erfassen kann. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Berlin früher die Hauptstadt eines sozialistischen Landes war. Die Gebäude sind schlicht und in einem puristischen Stil, aber doch voller bemerkenswerter Details.
 
Darüber hinaus betrachtet, gewinnt man von der U- und S-Bahn, den Zügen, Bussen und Straßenbahnen den Eindruck, dass das Historische und die Moderne perfekt ausbalanciert sind. Statt eine Stadtrundfahrt im Bus zu machen, kann man auch einfach an irgendeiner Station einsteigen, die nächste Bahn nehmen, die gerade kommt oder mit einem der Doppeldeckerbusse des ÖPNV fahren. Man kann sich ganz gemächlich durch die Seitenstraßen und Gassen der Stadt treiben lassen, zwischen den Gebäuden umherwandeln und Berlin aus allen Blickwinkeln ganz aus der Nähe betrachten.

Bahnhof in Deutschland Foto: © Lien, Chien-Hung An meinem zweiten Sonntag in Berlin besuchte ich den Flohmarkt am Mauerpark. Am Rande eines matschigen Baugeländes, kostete ich inmitten vieler anderer Touristen heiße Milch mit Zimt und probierte Jeansjacken mit Patches im Stil der 80er und 90er Jahre an. Menschen aus aller Welt kommen hierher, haben Spaß in Berlin, kommen, um die Stadt zu entdecken und um Berlin zu erleben oder um auf Dauer hier zu leben. Berlin ist wie ein tolerantes und aufnahmefähiges großes Haus, in dem alle Menschen einen passenden Platz für sich finden können, um sich niederzulassen und den Sonnenschein zu genießen.

Bis zum nächsten Mal in Berlin Foto: © Lien, Chien-Hung

BIS ZUM NÄCHSTEN MAL IN BERLIN

Ich war zwanzig Tage in Berlin, aber die Zeit verging wie im Flug. Die beeindruckende Schönheit Berlin kommt von seiner Geschichte und Kultur, von dem unbeirrbaren Geist, der den Krieg hinter sich gelassen hat. Wenn Deutschland erwähnt wird, denkt man unwillkürlich auch an die Nazi-Zeit. Bei meinem Besuch im Jüdischen Museum konnte ich die geschichtliche Wunde begreifen, die alle Europäer schmerzt. Doch neben dieser schmerzlichen Wunde waren auch die Musik und Gegenstände der heute lebenden Juden Teil der Ausstellungen in diesem modernen Museumsgebäude. Durch eine neue aktive und positive Ausstellungsmethodik, die Impulse aussendet, schaffen es die Deutschen, die nachkommenden Generationen nicht nur zu mahnen, sondern sie auch dazu zu ermutigen, nach vorne zu schauen.
  • Berlin Foto: © Lien, Chien-Hung
  • Berlin Foto: © Lien, Chien-Hung
  • Berlin Foto: © Lien, Chien-Hung
  • Berlin Foto: © Lien, Chien-Hung
An meinem letzten Abend stand ich an einem Stand, bestellte mir eine Currywurst mit Pommes und viel Mayonnaise und trank eine Cola dazu. Der Inhaber fragte mich, ob es mir gefiel und ich antwortete, dass es mir sehr gut gefiel. Ich war mir nicht sicher, ob er den günstigen und schmackhaften Imbiss oder die Stadt Berlin meinte. Aber meine Antwort bezog sich auf beides. Bis zum nächsten Mal in Berlin! Ich freue mich schon auf nächsten Februar, wenn ich wieder nach Berlin reisen werde.