Taiwan Film Festival Berlin 2019 Mein Land durch den Film kennenlernen

Taiwan Film Festival Berlin
© Impression x Taiwan

Sie sind Neuankömmlinge aus dem Ausland - eine ist seit zwei Jahren hier, die andere ist erst vor einem Jahr nach Berlin gekommen. Wang Ching-Ying und Yu Ting-Wei fühlen sich in dieser Umgebung noch etwas fremd, sie haben noch nicht viele Freunde und haben dennoch in einem fremden Land ein Filmfestival auf die Beine gestellt, ausgehend von ihrem großen Wunsch, die Kultur ihres Landes vorzustellen.

„Mr. Brown“-Kaffee in Dosen, Kavalan-Whisky, Frühlingszwiebelbrot und traditionelles Gebäck waren auch Bestandteil dieses Taiwan-Filmfestivals in Berlin, das etwas versteckt in dem besonderen Flair der Hackeschen Höfe stattfand. Zwischen dem 5. Mai und 16. Juni wurden sechs zeitgenössische taiwanesische Filme aufgeführt. Die gezeigten Filme erzählen Geschichten aus Taiwan, deren Themen von traditioneller Kunst über die Kolonialgeschichte und die Rolle der Geschlechter bis zur Bewahrung der natürlichen Umwelt reichen - rund 700 Zuschauer kamen.
 
Liegt es etwa daran, dass die Taiwanesen in Deutschland eine eher kleine Gruppe sind? In diesem Land, das eines der drei großen künstlerischen Filmfestivals weltweit ausrichtet und wo es ein großes Interesse für die Kultur anderer Länder gibt, kommen taiwanesische Filme jedenfalls nur wenig zur Geltung. In Frankfurt und Hamburg finden schon seit vielen Jahren Filmfestivals zu Japan, Korea und Südostasien in ansehnlichem Umfang statt, taiwanesische Filme werden aber immer noch nur vereinzelt von den örtlichen Taiwan-Vereinen gezeigt.
 
2018 stellte eine Gruppe von taiwanesischen Studenten in Ost-Berlin das erste Filmfestival unter dem Titel „Taiwan Film Series“ auf die Beine, was eigentlich schon ein guter Anfang gewesen sein sollte. Leider mussten die wichtigsten Beteiligten wieder nach Taiwan zurückkehren oder waren mit ihrem Studium beschäftigt, so dass das für 2019 geplante Filmfestival vor dem Problem stand, dass eine Fortsetzung unmöglich sein könnte.
 
Wang Ching-Ying und Yu Ting-Wei hatten als Freiwillige schon beim ersten Taiwan Film Festival mitgemacht. Die beiden hätten es sich nicht vorstellen können, dass sie später die große Aufgabe übernehmen würden, ein Filmfestival auf die Beine zu stellen.
Die Organisatoren des Taiwan Film Festivals Berlin 2019, Wang Ching-Ying (rechts) und Yu Ting-Wei. Foto: © Hui-An Ho

Deutsche lernen Taiwan kennen

Der Hintergrund für diese Entscheidung war, der deutschen Gesellschaft die Möglichkeit zu geben, Taiwan kennenzulernen. „Erst als wir im Ausland waren, ist uns wirklich bewusst geworden, wie klein Taiwan doch ist. Niemand weiß, wer wir eigentlich sind.“ sagt Yu Ting-Wei.
 
Sie meint, dass im Vergleich zur Kunst und Musik Filme von den Menschen leichter angenommen und verstanden werden. „Wir hoffen, dass wir dieses Filmfestival fortsetzen können, damit die Filme zu einem Ansatzpunkt werden, durch den die Deutschen Taiwans Kultur verstehen können.“
 
Ausgehend von diesem Anliegen wählten sie die folgenden sechs Filme für das Taiwan Film Festival Berlin aus: den Film „Father“, der die Kunst des taiwanesischen Handpuppentheaters und seine Überlieferung dokumentiert; den Baseball-Film „KANO“, der die Zeit der japanischen Kolonialherrschaft zum Thema hat; den Film „Lokah Laqi (Hang in There, Kids!)“, der die Probleme bei der Bildung und Erziehung der Ureinwohnerkinder thematisiert; den Film „Alifu, The Prince/ss“, der ausgehend von dem sehnsüchtigen Wunsch eines Prinzen des Paiwan-Volkes, sein Geschlecht zu ändern, der Frage der Geschlechteridentität nachgeht; den Film „Black Bear Forest“, der die Schönheit der Natur Taiwans und den Lebensraum des Taiwanesischen Schwarzbärs präsentiert; und schließlich den Film „The Great Buddha+“, der mit den Mitteln des schwarzen Humors die Nöte im Leben der taiwanesischen Mittel- und Unterschicht darstellt.
„Father“, „KANO“, „Lokah Laqi (Hang in There, Kids!)“, „Alifu, The Prince/ss“, „Black Bear Forest“ und „The Great Buddha+“ © Impression x Taiwan Damit das Publikum, insbesondere das deutsche Publikum, die mit der Kultur Taiwans nicht vertraut sind, die Inhalte der Filme und ihre Bedeutung besser verstehen können, gab es am Ende jeder Filmvorführung Gelegenheit zum Gespräch mit dem Regisseur, um einen direkten Austausch mit den Filmschaffenden zu ermöglichen. Da die finanziellen Mittel begrenzt waren, fanden die Gespräche in erster Linie online statt und der Regisseur von „Father“ - Yang, Li-Chou - war der einzige, der nach Berlin anreiste, um sich dem direkten Gespräch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern zu stellen.
 
Der für dieses Filmfestival ausgewählte Eröffnungsfilm „Father“ wurde über einen Zeitraum von zehn Jahren produziert. Er thematisiert in erster Linie die Schönheit der Kunst des taiwanesischen Handpuppentheaters und dessen Niedergang sowie das damit zusammenhängende Problem der Sprache: in den frühen Jahren der Kuomintang-Herrschaft in Taiwan hatte die Regierung im Zuge der „Mandarin-Bewegung“ den Gebrauch des Taiwanesischen und anderer lokaler Sprachen unterdrückt. Dies gilt als einer der Faktoren, der dem traditionellen Handpuppentheater, das auf Taiwanesisch aufgeführt wird, einen schweren Schlag versetzte. Wang Ching-Ying kennt dies aus eigener Erfahrung, da sie mit dem Handpuppentheater groß geworden ist. Daher wollte sie den deutschen Zuschauerinnen und Zuschauern die Gelegenheit geben, den Film „Father“ zu sehen.
 
Das Zeigen des Films „Alifu, The Prince/ss“ fiel dagegen zeitlich damit zusammen, dass Taiwan im Mai als erstes asiatisches Land ein Gesetz verabschiedet hat, dass die gleichgeschlechtliche Ehe ermöglicht. Yu Ting-Wei verweist darauf hin, dass Berlin einen Ruf als sehr tolerante und weltoffene Stadt genießt, daher wollten sie beide mit dem Film „Alifu, The Prince/ss“ dem deutschen Publikum zeigen, welche Anstrengungen Taiwan in dieser Hinsicht unternommen hat und welche Entwicklungen dazu geführt haben.

Bei Null angefangen

Obwohl das Filmfestival zum zweiten Mal stattgefunden hat, mussten die beiden von freiwilligen Helfern zu den Organisatoren des Festivals avancierten Wang Ching-Ying und Yu Ting-Wei quasi bei Null anfangen, da die ursprünglichen Initiatoren nicht mehr dabei waren. Die beiden brachten keine Erfahrungen aus dem Filmbereich mit und konnten sich daher nur auf ihre Arbeitserfahrungen bei der Organisation von Veranstaltungen in Taiwan, im PR-Bereich und der Markenpositionierung stützen. Hinzu kam die Hilfe von ebenso engagierten Freiwilligen, so dass das Filmfestival schließlich realisiert werden konnte.
 
Das drängendste Problem war, zunächst die Kosten zu decken. Die finanzielle Unterstützung vom taiwanesischen Kulturministerium reichte bei weitem nicht. Die beiden hofften zunächst auf Sponsoring durch Unternehmen und dachten dabei vor allem an große und kleine taiwanesische Firmen, die auf dem deutschen Markt aktiv sind. Leider führte das zu überhaupt keinem Ergebnis. Schließlich wandten sie sich einer Crowdfunding-Plattform zu und zum Glück kamen innerhalb von eineinhalb Monaten 270.000 Taiwan-Dollar zusammen (ca. 7.700 EUR), womit sie die erste Stufe geschafft hatten, um das Filmfestival voranzubringen.
 
Filmfestivals dieser Art finden üblicherweise am ehesten die Unterstützung der im Ausland lebenden Landsleute, doch das war Wang Ching-Ying und ihrem Team nicht genug. Ihr Ziel war eindeutig: sie wollten so viele deutsche Zuschauerinnen und Zuschauer wie möglich für das Festival interessieren, um Aufmerksamkeit für Taiwan zu schaffen.
 
Wie konnte man es hinbekommen, dass das Taiwan Film Festival in Berlin, wo es laufend kleine und große Filmfestivals gibt, auch wahrgenommen wird? Außer einem Werbevorspann in Kinos, mit denen eine Zusammenarbeit vereinbart war und Werbung auf Facebook klebte das Team an vielen Orten Plakate und legte Werbematerial in Cafés aus. Hervorzuheben ist dabei, dass sie ausgehend von den Themen der Filme Organisationen zu dem Festival einluden, bei denen man von einer Nähe zu diesen Themen ausgehen konnte. Bei dem vom taiwanesischen Handpuppentheater handelnden Film „Father“ kontaktierten sie Berliner Theater und Ensembles. Im Falle der Geschichte über Baseball während der japanischen Kolonialherrschaft in dem Film „KANO“ suchten sie dagegen den Kontakt zu Baseballvereinen vor Ort. Baseball gehört mit Sicherheit nicht zu den beliebtesten Sportarten in Deutschland, aber sie waren auch da erfolgreich.

《紅盒子》一片的主人翁、90歲的布袋戲大師陳錫煌也在駐德國台北代表處的邀請下前往柏林,參與影展。 © Impression x Taiwan  
Mehrere Taiwan Filmfestivals haben in den letzten zwei Jahren in Europa stattgefunden. Das erste war das „Taiwan Film Festival UK“ , das zweite das „Filmosa Festival“ in Paris, die nacheinander im April stattfanden. Das Taiwan Film Festival Berlin folgte im Mai. Doch im Gegensatz zum Taiwan Film Festival Berlin, das zur Finanzierung auf Crowd Funding zurückgreifen musste, erhielt das „Taiwan Film Festival UK“ viel stärkere Unterstützung von der taiwanesischen Regierung. Yang Li-Chou, der an beiden Festivals teilgenommen hat, hat das sehr genau mitbekommen:
 
„Es war offensichtlich, beim Taiwan Film Festival UK war der Regisseur von jedem Film anwesend, wogegen hier (in Berlin) nur ich da war.“ Yang Li-Chou beobachtete, dass bei beiden Festivals Filme von hoher Qualität gezeigt wurden, die Kinosäle waren in etwa gleich groß, aber beim Taiwan Film Festival Berlin waren viel mehr einheimische Zuschauerinnen und Zuschauer dabei, was ihm viel bedeutet.
 
„Drei Runden, wir erhielten vom deutschen Publikum drei Runden Applaus! Eine Runde mehr als in London!“ freut sich Yang Li-Chou.
 
„Es ist für uns nicht schwierig, Filmkopien mitzubringen und an einem Filmfestival teilzunehmen, aber wenn nur Taiwanesen diese Filme sehen, dann ist das wirklich sehr schade.“ Yang Li-Chou betont, dass der Film das beste Mittel ist, um Kultur bekanntzumachen, „ich hoffe, dass die Regierung uns tatkräftig unterstützt, damit der taiwanesische Film im Ausland noch bekannter wird.“

Hindernisse bei der internationalen Verbreitung taiwanesischer Filme

Bei der Vorbereitung des Festivals sind Yu Ting-Wei und ihrem Team die Herausforderungen bewusst geworden, mit denen sie es zu tun haben, wenn sie den taiwanesischen Film international bekannt machen wollen. Für andere Sprachen als Englisch fehlt es an Untertiteln für die Filme. Es gibt auch keine umfassende Datenbank taiwanesischer Filme. Selbst wenn es Filme mit englischen Untertiteln gibt, dann erscheinen sie meistens zusätzlich zu den chinesischen Untertiteln. Die Bildwechsel folgen allerdings der chinesischen Version, so dass Zuschauer, die auf die englischen Untertitel angewiesen sind, dem Filmrhythmus nicht folgen können.
 
Zwar hat das taiwanesische Kulturministerium ein „Taiwan Cinema Toolkit“ geschaffen und Rechte zur öffentlichen Aufführung gekauft, um das nichtkommerzielle Zeigen von Filmen im Ausland zu unterstützen. Die Filmauswahl ist jedoch leicht überholt, daher ist der Nutzen begrenzt.
 
Im Rückblick auf die 225 Tage der Vorbereitung des Filmfestivals konstatiert Wang Ching-Ying einen „Riesenerfolg“: im Vergleich zum ersten Filmfestival mit rund 200 Besuchern verzeichnete dieses zweite Festival einen steilen Anstieg auf 663. Das deutsche Publikum hatte daran einen Anteil von 40 Prozent, mehr als die Taiwanesen mit 33 Prozent. Beim Schlussfilm des Festivals „The Great Buddha+“ lief der Kartenverkauf so gut, dass sich die Veranstalter veranlasst sahen, einen zweiten Saal dazuzumieten. Es gab sogar Zuschauer, die in Kauf nahmen, am Rand auf dem Boden zu sitzen, um den Film nicht zu verpassen.

Der Eröffnungsfilm des Taiwan Film Festivals Berlin: „Father“. © Impression x Taiwan „Wir bereiten gerade die Gründung eines Vereins vor“, antwortet Wang Ching-Ying auf die Frage, was die nächsten Schritte des Teams sein werden. Sie hat sich auch schon eine langfristige Perspektive zurechtgelegt: wenn die Gründung des Vereins erfolgt ist, soll es außer einem jährlichen Filmfestival auch vierteljährliche Vorführungen in kleinerem Maßstab geben. Dann wollen sie auch über Berlin hinausgehen und sich mit allen Städten in Europa vernetzen, die die Filme zeigen wollen, damit noch mehr Menschen taiwanesische Filme sehen können.
 
„Taiwanesen haben manchmal einen starken Minderwertigkeitskomplex und denken, dass ihre Filme nicht gut sind“, sagt Wang Ching-Ying, „Wir dagegen wollen taiwanesische Filme nach Deutschland bringen und den Menschen sagen: taiwanesische Filme haben wirklich etwas zu bieten.“