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Berlinale 2019
Keine Angst vor Empfindlichkeiten - der Hauptwettbewerb der Berlinale im Zeichen der Vielfalt

Berlinale 2019
Foto: © Pony Ma

Das Berliner Filmfestival richtet sein Augenmerk seit vielen Jahren auf aktuelle Themen und ist daher auch ein politisches Filmfestival. Das Wort „Empfindlich-keiten“ wird schon lange mit der Berlinale identifiziert. Die Filme drehen sich allesamt um Themen wie Nation, Grenzen, Frauen und Flüchtlinge, wofür die Berlinale einen kreativen Freiraum ohne Tabus bietet. Vom roten Teppich, den Pressekonferenzen bis zu den Welturaufführungen und der damit einhergehenden Aufmerksamkeit der Medien wird sie damit zu einem Vehikel und Sprachrohr für diese Themen.

Von Pony Ma

Politische Themen zu verarbeiten, war schon immer ein Schwerpunkt der Berlinale. Das war schon 2015 so, als die größte Ehre in Form des Goldenen Bären dem Regisseur Jafar Panahi zuteil wurde, dessen Film „Taxi“ die iranischen Behörden verboten hatten. Am roten Teppich und in der Umgebung des Veranstaltungsorts waren viele „#FreeSentsov“-Slogans zu sehen.

Politik: mutig die Stimme erheben, konservative Horizonte einreißen

François Ozon Foto: © Pony Ma Auch in diesem Jahr waren im Hauptwettbewerb nicht wenige Geschichten zu sehen, die im weitesten Sinne politisch sind. Der französische Regisseur François Ozon zeigte seinen neuesten Film „By the Grace of God“, in dem er den sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester thematisiert, der die Menschen dazu aufrufen soll, den Mut zu finden, ihre Stimme zu erheben. Diesmal hat Ozon nicht wie früher derbe Erotik gewählt, sondern in der soliden Erzählweise großer Meister sehr präzise gefilmte Szenen miteinander kombiniert. Mit Themen, wie sie in „Spotlight“ vorkommen, geht er präzise sezierend vor, um wie in der Aktivisten-bewegung in „BPM“ die Widersprüche und das herrschende Misstrauen aufzudecken. Der eine Satz „Glaubst du noch an Gott?“ stellt nicht nur den Glauben als eine Wesenseigenschaft des Menschen in Frage, sondern nimmt auch Bezug auf den in diesem Fall noch laufenden Prozess. Ozon gibt selbst an, dass der in Frankreich jetzt anlaufende Film derzeit mit dem organisierten Widerstand der Kirche konfrontiert ist.
 
Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland, deren letzter Film „Spoor“ ebenfalls für den Hauptwettbewerb nominiert worden war, nahm diesmal mit dem englisch-sprachigen Film „Mr. Jones“ teil, der 1933 in der Sowjetunion spielt. Der ehrgeizige Mr. Jones macht eine Reise durch die Sowjetunion, während der er entdeckt, wie die Tatsache der im Volk grassierenden Hungersnot von der Regierung verschleiert wird. Er versucht daraufhin, durch die Veröffentlichung von Artikeln den Staatsapparat herauszufordern. Auch wenn der 141 Minuten lange Film so detailliert wie in dem Film „The Post“ die dunkle Geschichte des „Postfaktischen“ beschreibt, so bleibt er doch in der Konventionalität des Klassischen stecken und schafft es nicht, eine wirklich künstlerische Aura zu verbreiten und zu überraschen. Der kanadische Regisseur Denis Côté, der 2014 beim Taipeier Filmfestival als „Filmmaker in Focus“ ausgewählt worden war, hat in seinem neuen Film „Ghost Town Anthology“, den gleichnamigen Roman adaptiert, der mit dem Tod des jungen Simon beginnt und ein Dorf mit seinen nur 215 Einwohnern in Angst zurücklässt. Das Wichtigste daran sind nicht einmal ihre Trauer und Bedrücktheit, die Kränkungen und emotionale Kälte, sondern die Entfremdung, die aus der gemeinsam empfundenen Bestürzung und Ratlosigkeit erwächst, die dieses Dorf in Québec mit einer Aura des Todes umgibt. Eines Tages erleben die Dorfbewohner, wie einst verstorbene Menschen zurückkehren und es kommt zu der bisherigen Abgeschiedenheit des Dorfes noch das Element des Mysteriösen und Unheimlichen hinzu. Denis Côté greift auf die Grobkörnigkeit des 16-mm-Films zurück, um die in den Herzen der Dorfbewohner versiegelten Wunden deutlich werden zu lassen. Im Kreuzverhör zwischen Leben und Tod suchen sie Trost darin, ihre Seele zu öffnen. Diese Darstellung des eintönigen und deprimierenden Lebens wirft auch ein Schlaglicht auf die reale schlechte wirtschaft-liche Lage in Québec und weist schließlich den Weg zu einem Hoffnung versprechenden Ausweg.
 
Zhang Yimous neuer Film „One Second“ wurde leider nur wenige Tage vor Beginn der Berlinale aus „technischen Gründen“ aus dem Wettbewerb zurückgezogen. Dadurch wurde der Film „So Long, My Son“ des chinesischen Regisseurs Wang Xiaoshuai zum letzten Film, der im Hauptwettbewerb gezeigt wurde. Der dreistündige „So Long, My Son“ spiegelt erneut Wang Xiaoshuais Ehrgeiz wider, über einen Fall, in dem eine Familie ihren Sohn verliert, einen historischen Wendepunkt in der langen chinesischen Geschichte zu thematisieren. Er spricht vielfältige gesellschaftliche Entwicklungen an wie die Rückkehr junger Intellektueller von der Landverschickung in die Stadt am Ende der Kulturrevolution, der Ein-Kind-Politik, der Massen-entlassung von Arbeitern bis hin zur Umgestaltung der Städte. Das Verfließen der „Zeit“ wird durch den Zusammenbruch des „Raums“ abgelöst. Er erzählt damit eine Geschichte über Freundschaft und Familie, über hoffnungsvolle menschliche Begegnungen und Gefühle der Scham zwischen den Generationen. Der Film hat in etwa die Länge eines Fernsehfilms, doch Wang Xiaoshuai spricht ausgiebig über den Film „Roma“, der für die Generation seines Vaters sei und er spricht vom schönsten Film seiner eigenen Generation, „Youth“. In seinen eigenen Worten: „ ‚So Long, My Son‘ ist kein Film, sondern das Leben“ und die Schauspieler Wang Jingchun und Yong Mei, die die Rolle des Ehepaars im Film spielen, erhielten für ihre virtuose Schauspielkunst, mit der sie die verschiedenen Zeitebenen überbrückten, jeweils einen silbernen Bären für den besten Schauspieler und die beste Schauspielerin.
 
Nadav Lapid Foto: © Pony Ma Für den dritten Film des israelischen Regisseurs Nadav Lapid, „Synonymes“, wurde der Goldene Bär für den besten Film verliehen. Er verarbeitet darin eigene Erlebnisse und erzählt von einem israelischen Soldaten, der auf der Suche nach seiner eigenen nationalen Identität nach Frankreich geht. Anfangs völlig mittellos, erfährt er Hilfe von den Menschen vor Ort in Frankreich. Er spricht Französisch fließend und weigert sich hartnäckig, Hebräisch zu sprechen. Das Erlernen einer Sprache und das bewusste Nichtsprechen einer anderen Sprache spiegelt den Druck wider, sich in die Gesells-chaft eines anderen Landes zu integrieren. Die unruhige Kameraführung und der impulsive Stil, mit der die Personen genau gemustert werden, übertragen dieses Dilemma der nationalen Identität, den Zusammenprall der Kulturen und das daraus resultierende Gefühl der Unsicherheit auf den gesamten Film, ebenso wie das Ver-langen danach, das Gefühl der Zugehörigkeit deckungsgleich oder „synonym“ werden zu lassen. Indem der Protagonist zwischen den beiden Ländern nirgends wirklich ankommt und weiter orientierungslos auf den Straßen umherirrt, ist die Geschichte nicht mehr allein auf die einzelnen Personen oder die beiden Länder beschränkt, sondern durchbricht vielmehr ihre inneren Konflikte und erweitert sich zum globalen Thema der Migration.

Traumata: zwischen Leben und Tod spielen die Hormone verrückt

The Golden Glove Foto: © Pony Ma Im Hauptwettbewerb gab es eine ganze Reihe von Filmen, die das Thema „Trauma“ in verschiedener Weise behandelten, blutrünstige und verstörende Geschichten zwischen Leben und Tod sowie einer nach Orientierung suchenden Jugend, in der die Hormone verrückt spielen. Der sehr produktive deutsche Regisseur Fatih Akin bedient sich in „The Golden Glove“ (Der Goldene Handschuh) des Stoffes der Geschichte eines Serienkillers aus den 70er Jahren, der nach der Erstaufführung bei Filmkritikern und Zuschauern gleichermaßen auf ein stark geteiltes Echo stieß. Zu Beginn des Films wird das Geschehen der Verbrechen nachgestellt und die Zuschauer folgen dem Protagonisten, dem Serienmörder mit seinem hässlichen und abstoßenden Äußeren, aus dessen Mund nur Verachtung und Verunglimpfung von Frauen zu hören ist. Auch wenn die Geschlechterstereotype hier ins Extreme geführt werden, so schafft es Fatih Akin doch, ähnlich wie in dem schockierenden Hongkonger Film „Untold Story“, eine Diskussion auszulösen. Während der Vorführung waren laufend Schreie aus dem Publikum zu hören und der erst 21-jährige Jonas Dassler stellte eine erfolg-reiche Interpretation dieses abstoßenden, psychopathischen Mörders mittleren Alters unter Beweis.
 
I was at home, but © Ein weiterer Film, der ebenfalls sehr unterschiedliche Kritiken erhielt, ist von Angela Schanelec von der Berliner Schule. Ihr Film „Ich war zuhause, aber“ handelt von einem Jugendlichen, der, nachdem er eine Woche verschwunden war, wieder nach Hause zurückkehrt. Der Tod des Vaters, die Sorgen der Mutter, die kindlichen Gespräche zwischen Bruder und Schwester - aber niemand spricht über den Vater. Was sind Leben und Tod? Über die erzählte Geschichte hinaus findet ein unablässiger Wortwechsel statt wie in einer hamletartigen Theaterprobe. Die minimalistische Vorgehensweise lässt die Geschichte durchweg rätselhaft erscheinen, doch durch die außergewöhnliche Komposition der Bilder zieht sie die Zuschauer in ihren Bann wie ein visionärer Traum. Durch das vermittelte Gefühl des Mystischen wurde dem Film die Bewunderung der Jury zuteil und er wurde mit dem silbernen Bären für die beste Regie honoriert.
 
Andererseits verursacht das Verrücktspielen der Hormone auch in den Filmszenen einen besonderen Funkenflug, der schließlich in der Preisverleihung seine Anerkennung fand. Der deutsche Film „Systemsprenger“ ist das erste Werk der Regisseurin Nora Fingscheidt. Ein aggressives und unberechenbares Mädchen wird zum Dauerproblem der Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe. Doch das Einzige, was dieses Mädchen im noch unverständigen Alter, das von seiner eigenen Familie verstoßen wurde, wirklich möchte, ist menschliche Wärme und Vertrauen. Dem Film „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (Les Quatre Cents Coups) durchaus ähnlich hat „Systemsprenger“ mit seinem präzisen Rhythmus, der inspirierenden Filmmusik und Schnitttechnik durch seine Frische belebend auf das Festival gewirkt. Ein weiterer Film, der den silbernen Bären für das beste Drehbuch erhielt, ist der italienische Film „Piranhas“, der sein Augenmerk auf die Vergangenheit von Banden junger Mafia-mitglieder richtet. Er zeigt ein blutrünstiges Morden wie in „Rebels of the Neon God“ mit einem Schuss verrückter Ideen im Verhältnis der Geschlechter zueinander wie in „El Angel" und auch wenn er relativ konventionell ist, so ist er insgesamt doch gut gemacht.
 
Zudem stand beim diesjährigen „European Film Market“ der Berlinale Norwegen unter dem Titel „Norway in Focus“ im Mittelpunkt. Im Hauptwettbewerb war der einzige Beitrag aus Norwegen der Film von Hans Petter Moland, eine Adaption des Romans „Pferde stehlen“. Zufällig begegnen sich Nachbarn, während sie ihre Hunde ausführen und daraus entspinnt sich eine Geschichte über die Kindheitserlebnisse zweier Familien. Hinter ihren Erlebnissen stecken die von Hormonwallungen ausgelösten Ängste der Jugend, die das Geheimnis über den unbekannten Vater enthüllen. Ein in Peinlichkeit endender Bruch unter Brüdern? Oder die erleichternde Auflösung eines Missverständnisses zwischen den Familien? „Pferde stehlen“ wird zu einer Chiffre - unter Menschen und Tieren, und im Wechsel mit der natürlichen Umgebung auf den Weiden wird eine ungestüme Wildheit spürbar, so dass es nicht von ungefähr kommt, wenn der Film für seine Kameraarbeit den Preis „Outstanding Artistic Contribution“ erhielt.

Zukunftsaussichten: die Berlinale unter einem neuen Direktor

Bruno Ganz Bruno Ganz | Foto: Wikimedia Commons. Loui der Colli [CC BY-SA 3.0] Gerade zur Zeit der Berlinale verstarb der in Deutschland hochgeschätzte Schweizer Schauspieler Bruno Ganz. Auf dem Boulevard der Stars am Festivalgelände erwiesen ihm viele Filmfans durch das Niederlegen von Blumen ihren Respekt und die Moderatorin der Abschlussgala lud alle Zuschauerinnen und Zuschauer dazu ein, der Leistung dieses großen Schauspielers ihre Ehre zu erweisen. Die Jury-Präsidentin Juliette Binoche verabschiedete den scheidenden Festival-Direktor Dieter Kosslick und bedauerte außerdem, dass Zhang Yimous Film „One Second“ aus dem Wett-bewerb der Berlinale zurückgezogen wurde. Sie betonte, dass der Film schon immer über der Politik stehe und Träger der Freiheit der Kunst sei. Wieder einmal stellte die Berlinale unter Beweis, dass sie den Mut hat, sich nicht durch „Empfindlich-keiten“ Grenzen setzen zu lassen.
 
2020 wird das 70-jährige Jubiläum der Berliner Filmfestspiele gefeiert werden und die Leitung der Berlinale werden der frühere Leiter des Locarno Festivals, Carlo Chatrian, und Mariette Rissenbeek übernehmen. Die Berlinale folgt der Vorverlegung der Oscarverleihung und wird vom 20. Februar bis 1. März stattfinden. Welche Verän-derungen wird es künftig bei den Berliner Filmfestspielen geben? Darauf sind in der Tat alle sehr gespannt.

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