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Leben ändern – Polizist werden

Mychajlo Kindrakewytsch, Foto: © Jewhenija LulkoFoto: Yury Bulka, CC0 1.0
Zwei neue Polizistinnen im ukrainischen Lwiw (Lemberg) am Rande ihrer Vereidigung im August 2015, Foto: Yury Bulka, CC0 1.0

Eine tiefgreifende Reform soll in der Ukraine die alte Strafverfolgungsbehörde „Miliz“, die mit Korruption, Gewalt und schweren Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht wurde, durch die neue Polizei ersetzen. In der Hauptstadt und mehreren weiteren großen Städten wurden aus mehreren Tausend Bewerbern Polizistinnen und Polizisten ausgewählt. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer haben ihr Leben komplett umgekrempelt und einen neuen Berufsweg eingeschlagen.

E-Commerce, betrunkener Kriminalkommissar und Kamera auf der Brust

Mychajlo Kindrakewytsch, Foto: © Jewhenija Lulko
Mychajlo Kindrakewytsch, Foto: © Jewhenija Lulko

„Eigentlich bin ich Marktanalytiker und noch vor einem halben Jahr war ich als Produktmanager im E-Commerce-Bereich tätig“, erzählt Mychajlo Kindrakewytsch. Auf der Arbeit hat er mit seinen Kollegen immer die neuesten Nachrichten kritisch besprochen, als sich plötzlich die Gelegenheit bot, selbst etwas zu verändern: in Kiew wurden Leute für die neue Schutzpolizei gesucht.


„Ich habe einen Fragebogen ausgefüllt und wurde in die erste Runde eingeladen, wo meine Grundfertigkeiten getestet wurden. Danach folgten ein Sporttest, psychologische Tests, eine medizinische Kommission und schließlich das Gespräch mit einer Expertengruppe“, erinnert sich Mychajlo. „Nach der Ausbildung versammelten sich alle am Übungsplatz. Das war einfach unglaublich. Fast 2.000 motivierte Leute, die etwas verändern wollten.“

Heute arbeitet Mykhajlo in der Monitoring- und Analyseabteilung, geht aber auch auf Streife. Die einprägsamsten Einsätze beschreibt er in seinem Blog. Einmal musste er seinen Kollegen zu Hilfe kommen. Sie verfolgten einen alkoholisierten Verdächtigen, der sich in der Polizeidienststelle versteckte. Wie es sich später herausstellte, war das der ehemalige Leiter des Kriminalamtes.

„Wenn man uns ein solches Gehalt und solche Autos geben würde, würden wir auch arbeiten“, hat Mychajlo mehrmals von Milizionären gehört. Er kann sie verstehen, aber andererseits hatte jeder die Möglichkeit, sich zu bewerben. Tatsächlich sind jetzt unter den fast 2.000 Polizisten 68 Milizionäre.

„Wenn wir am Tag draußen sind, hupen alle, winken, halten den Daumen hoch, manchmal stellen sich Leute sogar für ein Foto an.“

Bei der Ausbildung wurde ihnen geraten, den Film End of Watch anzuschauen, der in einem Problemviertel in Los Angeles spielt. Alle haben zuerst gedacht, was das für Hirngespinste sein sollten, dass die Polizeiarbeit doch in echt viel langweiliger wäre. In Wirklichkeit passieren aber jeden Tag solche Dinge, dass Mychajlo sich wundert, wie er früher in Kiew gewohnt hat, ohne das alles zu bemerken.

„Wenn wir am Tag draußen sind, hupen alle, winken, halten den Daumen hoch, manchmal stellen sich Leute sogar für ein Foto an“, sagt Mychajlo. Eine Kollegin von ihm hat einen Fahrer angehalten, der bei Rot über die Ampel fuhr, und fand heraus, dass er schon zwei Jahre ohne die nötigen Papiere unterwegs war. Sie hat alles zu Protokoll genommen und er hat währenddessen gesagt: „Ich finde das gut, was Sie da machen, halten sie mich an, ich bin bereit, die Geldstrafe zu zahlen.“

Mychajlo erklärt, dass jeder Polizist auf der Brust eine Kamera fixiert hat, die er einschaltet, sobald er mit Leuten zu sprechen beginnt. „Wenn jemand sagt, er hätte gesehen, wie ein Polizist Geld genommen hat, anstatt eine Strafe auszustellen – bitte, nehmen wir uns die Aufnahme und schauen wir uns das ganze Gespräch von Anfang bis Ende an.“

Jeder trägt die Verantwortung für seine Handlungen – das zu zeigen ist die Aufgabe der Polizei, meint Mychajlo. „Ich bin vielleicht ein bisschen zu romantisch, aber um es mit klassischen Worten zu sagen - wir schreiben Geschichte.“

Idealistin mit drei Kindern

Wiktoria Nikitina, Foto: © Jewhenija Lulko
Wiktoria Nikitina, Foto: © Jewhenija Lulko

„Ich träumte davon schon seit ich ein Kind bin. Mein Vater war Polizeiinspektor, ich bin in der Dienststelle aufgewachsen, deshalb kenne ich mich da aus. Aber meine Mutter hat gesagt: zur Miliz gehst du nur über meine Leiche.“

Deshalb hat Wiktoria Nikitina zehn Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet. „In den Staatsstrukturen „ist einer der Chef und du der Depp“, auch wenn du hundertmal recht hat“, erinnert sie sich. Sie konnte nicht mehr dort arbeiten, kochte immer wieder hoch.

So bewarb sie sich direkt am nächsten Tag, nachdem sie über die neue Polizei gehört hatte. Das Gespräch war sehr angespannt, Wiktoria war sicher, dass man sie nicht nehmen wird. „Sie haben drei Kinder. Was glauben Sie eigentlich, wer bei den Kindern sein wird?“, fragte man. Daraufhin antwortete sie: „Wenn ich schon hierher gekommen bin, wenn ich das wirklich will, kann man mir dann nicht die Chance geben?“ Wiktoria glaubt, dass sie die Auswahlkommission mit ihrer Aufrichtigkeit überzeugt hat.

„Nach getaner Arbeit fühle ich mich gut. Man tut zumindest eine Kleinigkeit und hilft den Menschen.“

„Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Ich wusste, dass es schwierig wird, Nachtschichten, unregelmäßige Arbeitszeiten, zwölf Stunden lang und so weiter. Es kommt vor, dass man wegen eines schweren Verkehrsunfalls erst um Mitternacht zu Hause ist. Aber unter meinen Kollegen heißt es nie: „Euer Stadtteil, euer Problem“. Wenn wir in der Nähe sind, nur eine Straße weiter, und Hilfe nötig ist, dann fahren wir natürlich hin.“

Die Polizei hat mit unterschiedlichen Vorfällen zu tun, hauptsächlich Alltägliches: Jungs, die Bier trinken und sich laut benehmen, Familienskandale, sozial schwache Familien, die sich prügeln. „Einmal hat einer die Pistole auf uns gerichtet. Später hat der Trainer uns gefragt, warum wir keine härteren Maßnahmen ergriffen haben. Aber das passierte am Ende eines Arbeitstages, es waren viele Leute um uns herum. Gott bewahre, die Kugel trifft einen friedlichen Einwohner! Das wollte keiner.“

Wiktoria ist fast 35 Jahre alt und bezeichnet sich selbst als Idealistin, weil sie denkt, dass am Ende alles gut wird und das Land die schwere Zeit durchsteht, auch wenn es Jahrzehnte dauern wird. „Nach getaner Arbeit fühle ich mich gut. Man tut zumindest eine Kleinigkeit und hilft den Menschen.“

Vom Revolutionär zum Ordnungshüter

Olexandr Sarjuhin, Foto: © Jewhenija Lulko
Olexandr Sarjuhin, Foto: © Jewhenija Lulko

„Ich arbeitete als Fotograf in der Werbung, in Fashion- und Designerprojekten. Aber irgendwann kam mir das alles nicht mehr so ernsthaft vor, ich wollte etwas Nützliches tun.“

„Wir standen für Veränderungen am Majdan, also ändern wir auch etwas, nehmen wir es selbst in die Hand!“

Also hat Olexandr Sarjuhin gekündigt, als vor zwei Jahren die Revolution anbrach, um die ganze Zeit auf dem Majdan zu verbringen. Er wollte in der Ostukraine kämpfen und hatte verschiedene Übungen mitgemacht, aber als er von der neuen Polizei hörte, war er davon sehr angetan. „Ich wollte Ordnung in meine Heimatstadt bringen. Aber wie? Wir standen für Veränderungen am Majdan, also ändern wir auch etwas, nehmen wir es selbst in die Hand!“

Zuerst hat Olexandr erwartet, dass alles viel härter und schwieriger wird. Inspiriert wird er von der Unterstützung und dem Respekt der Bevölkerung. Obwohl das Gehalt für viele Bewerber wichtig war, sind die meisten Kollegen von ihm aus ideologischen oder patriotischen Gründen zur Polizei gegangen. Im alten System hätte man einen mit so einer selbstlosen Motivation nicht verstanden, erklärt Olexandr.

„Bei uns herrscht Straflosigkeit. Fahrer parken so katastrophal, dass sie andere am Fahren hindern und Gefahrensituationen verursachen. Vieles hängt mit Alkohol zusammen. Wo Kioske sind, wo Alkohol verkauft wird, vor allem nachts, beginnt alles.“

Olexandr hat vor, bei der Polizei zu bleiben. „Diese ganze Reform wird mindestens noch fünf Jahre dauern“, schätzt er. Bis dahin gibt es auf der Straße genug zu tun.

Kateryna Igolkina
Im Rahmen des Projektes Zeitgeist UA mit dem Magazin Platfor.ma und dem Goethe-Institut Kiew.

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Nina Hawrylow

Copyright: Goethe-Institut Ukraine
Februar 2016

    Zeitgeist UA

    Die Ukraine durchlebt derzeit einen sehr dynamischen Wandlungsprozess – mit einem Krieg im Rücken. Man sagt, wer früher viel gelacht hat, lacht jetzt noch mehr. Und wer früher viel geweint hat, weint noch mehr. Das Projekt Zeitgeist UA gibt uns die Gelegenheit, die Transformation der Ukraine zumindest aus der Ferne zu begleiten.

    Zeitgeist UA ist ein gemeinsames Projekt des Goethe-Instituts Kiew, der ukrainischen Zeitschrift Platforma und jádu, dem deutsch-tschechischen Online Magazin des Goethe-Instituts Prag.

    #1 Unter freiem Himmel in Lwiw
    Die Obdachlosenzeitschrift „Prosto Neba“ im westukrainischen Lwiw ist dank der Texte bekannter ukrainischer Autoren gleichzeitig ein hochwertiges Kulturmagazin mit einer Stammleserschaft.

    #2 Flüchtlinge in der Ukraine
    Das Leben von hunderttausenden Ukrainern hat nach den jüngsten Ereignissen eine gewaltige Kehrtwende erfahren und ist seitdem in die Zeit „davor“ und „danach“ aufgeteilt.

    #3 „Wenn der Wille da ist, gelingt alles“
    Arsenij Finberg ist ein erfolgreicher Kiewer Geschäftsmann. Dank ihm und seinen Mitstreitern ist in Kiew ein wichtiges Hilfszentrum für Geflüchtete aus der Ostukraine entstanden.

    #4 Leben ändern – Polizist werden
    Gestern noch Markanalytiker oder Fotografen, sind sie heute Polizisten. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer haben ihr Leben komplett umgekrempelt und einen neuen Berufsweg eingeschlagen.

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