Leben

„Es wird die Zeit kommen nach Hause zurückzukehren“

Foto: © Roman Baluk | ZIK
Das Leben von hunderttausenden Ukrainern hat nach den jüngsten Ereignissen im Land eine gewaltige Kehrtwende erfahren und ist seitdem in die Zeit „davor“ und „danach“ aufgeteilt.

Was haben diese Menschen empfunden, als feststand, dass sie ihre Häuser, ihre Nächsten verlassen müssen? Wie geht es ihnen in der neuen Heimat, was erwarten sie von der Zukunft? Aus den Gesprächen entstanden Geschichten über Menschen, die aus ihrer Heimat in Donezk und auf der Krim flüchten mussten.

Vertriebenes Volk

Foto: © Roman Baluk | ZIK
Ernest Abkjeljamow, Foto: © Roman Baluk | ZIK

Ernest Abkjeljamow ist in Usbekistan geboren. Damals konnten die Krimtataren noch nicht in ihre Heimat zurückkehren. Erst 1989 konnte er auf die Krim übersiedeln, fing dort sein Studium an und hat nie daran gedacht, die Halbinsel zu verlassen.

„Mein Volk war schon immer das vertriebene Volk. Sogar in der postsowjetischen Zeit war es für uns Krimtataren nicht leicht, unser Leben auf der Halbinsel zu organisieren, da die Vorurteile immer noch sehr stark waren. Wir haben uns bemüht, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammenleben konnten, in der verschiedene Religionen und Traditionen akzeptiert wurden, insbesondere mit Rücksicht auf unsere historischen Erfahrungen. Unser Weg zu so einer Gemeinschaft war sehr mühsam.“

Als es auf der Krim zu ersten Opfern kam, hat er verstanden, dass er für eine bestimmte Zeit die Krim verlassen muss – bis sich die Situation auf der Halbinsel ändert.

„Ich wollte nichts machen, was man mir aufzwingt, ich wollte nicht so denken, wie man mir es befiehlt. Und ich wollte auch nicht, dass meine Kinder in einer solchen Situation aufwachsen.“

Seine Bekannten erzählten ihm, dass in Lwiw die Einstellung zu den Umsiedlern gut ist. Dann hat er bei einer Hotline angerufen, und man hat ihm geholfen, eine Bleibe für die erste Zeit zu finden.

„Während der anderthalb Jahre in Lwiw habe ich bemerkt, wie sehr sich die Menschen hier für ihre Geschichte, ihre Kultur und Traditionen interessieren. Wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, müssen wir uns besser kennenlernen.“

Die Kinder von Ernest sagen ihm, es wäre Zeit, endlich zu Hause anzukommen. „Sie sind müde, ständig umherzuziehen – von einer Wohnung in die andere. Das traumatisiert sie.“

Die meisten Krimtataren wissen ganz genau, dass sie auf die Krim zurückkehren. „Den Menschen ist es klar, dass unsere Moscheen und unsere Häuser auf der Halbinsel geblieben sind“.

Wisdom Chess

Foto: © Oleksandr Tschekmenjow
Wolodymyr Chepytko, Foto: © Oleksandr Tschekmenjow

„Ich hatte nie daran gedacht, Donezk zu verlassen. Ich war dort an einem Gymnasium tätig, brachte den Kindern das Schachspielen bei, engagierte mich auch am Bibelzentrum“, erzählt Wolodymyr Chepytko.

Im Winter 2015 fuhren er und seine Freunde von Kiew nach Hause. Die Grenzen waren damals noch nicht dicht, und sie hatten Weihnachten in der Hauptstadt verbracht. Unterwegs geschah etwas, das alles verändert hat: bei der Kleinstadt Wolnowakha beschoss man ihren Linienkleinbus, Wolodymyr wurde am Kopf und am Arm verwundet.

„Mir wurde schnell klar, dass ich nach Kiew zurück muss, um mich behandeln zu lassen und irgendwie weiterzuleben.“

Als Wolodymyr aus dem Krankenhaus entlassen wurde, konnte er nicht einfach irgendwo auf dem Bau arbeiten, wo die meisten Umsiedler mit einem Job rechnen können. Er war im Krankenhaus zwar behandelt worden, aber richtig gesund war er noch nicht. Selbst jetzt, nach mehreren Monaten, leidet der junge Mann an Folgen der Verletzung. „Dieses Pfeifen in den Ohren ist mein ständiger Begleiter.“

Es war nicht einfach, eine Unterkunft in Kiew zu finden. Er und seine Freundin übernachteten, wo es gerade ging – bei Freunden und Bekannten, in Hostels, sogar in Kirchen. Nach mehreren Monaten haben sie endlich eine Wohnung.

Schach spielen war schon in Donezk mehr als nur ein Hobby für Wolodymyr. In Kiew hat er sich entschlossen, seine Lieblingsbeschäftigung auf eine neue Art einzusetzen und gründete den Schachverein Wisdom Chess. „Das Ganze hat irgendwie angefangen und nach acht Monaten brachte mir diese Tätigkeit sogar ein kleines Einkommen ein.“

Dabei hegte Wolodymyr keine Illusionen, von einem Schachverein leben zu können. Am Anfang kamen nur sehr wenige Menschen. Manchmal kam wochenlang keiner, wie sehr er auch gehofft hatte.

Heute zählt der Verein etwa 20 Mitglieder, die immer wieder in ein Café kommen, das sie beherbergt. Dabei träumt Wolodymyr von einem eigenen Raum. Er gibt außerdem Privatstunden im Schach – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Vor kurzem kam ein Angebot aus einer Privatschule, um dort Schachspielen zu unterrichten.

„Das ist für mich eben einer der schwierigsten Momente am neuen Ort – dieser Übergang von dem Zustand, wenn du niemanden kennst zum Zustand, wenn du langsam Freunde gewinnst, dich vernetzest, Gleichdenkende findest.“

Kiew sieht er als Stadt der Möglichkeiten und versucht, die Zeit hier zu nutzen, um daraus zu schöpfen – studieren, arbeiten, Erfahrungen sammeln.

„Sobald Donezk wieder unter ukrainischer Kontrolle ist, gehe ich zurück. Schließlich sind dort meine Verwandte und Freunde. Kiew gefällt mir, aber es wird die Zeit kommen nach Hause zurückzukehren.“

Journalistin aus der Krim

Foto: © Anastassija Magasowa
Anastassija Magasowa, Foto: © privat

Anastassija Magasowa hat in Simferopol ukrainische Philologie studiert. Nach dem Studium ist sie an der Fakultät für Journalistik geblieben, weil dort gerade ein Post-Educated-Zweig gestartet wurde. Ihre Hospitation absolvierte Anastassija bei einer deutschen Zeitung und fing an, für deutsche Medien zu schreiben.

„Es war noch zu der Zeit, als nicht jeder so richtig wusste, wo die Krim eigentlich liegt. Deutsche Redaktionen interessierten sich damals für kulturelle Themen von der Halbinsel. Später, als die Ukraine sehr deutlich die Richtung der europäischen Integration eingeschlagen hat, interessierte sie auch die Einstellung der Krim-Bewohner zu diesem Prozess.“

Die Journalistin hat keinen Gedanken darauf verschwendet, die Krim zu verlassen. Sie sah für sich schon Perspektiven auf der Halbinsel und dachte, dass ihre Erfahrung und ihre Kenntnisse dort von Nutzen sein können.

Aber dann kamen die „grünen Männchen“ und alles geschah sehr schnell. Für sie war es schon vor dem Referendum klar, wie alles endet.

„Ich wurde damals als Journalistin nicht verfolgt, aber meine Kollegen und Bekannten sammelten schon unangenehme Erfahrungen. Es gab Verhaftungen, Büroüberfälle und Durchsuchungen… Also war es für mich schon ganz klar – meine Entscheidung, die Krim zu verlassen, ist nur eine Frage der Zeit.“

Lwiw hatte Anastassija schon immer sehr gemocht: „Nach all dem Stress in meiner Heimatstadt war es mein dringender Wunsch, in eine komfortable europäische Atmosphäre einzutauchen.“

Schon am 1. April 2014 saß die junge Frau im Zug mit ihrem kleinen Koffer. Zunächst wohnte Anastassija in einem Lwiwer Hostel, lernte aber später über ihre Freundin eine Frau kennen, deren großer Wunsch es war, jemandem von der Krim zu helfen.

„Sie hat mir die Wohnbedingungen angeboten, von denen ich nur träumen konnte – ein großes Haus aus österreichischer Zeit, mit filigraner Holztreppe, hohen Decken im Zimmer, Parkettboden… Wir sind uns sehr nah gekommen, sie ist fast wie eine Mutter für mich, und sie betrachtet mich fast wie ihr Kind.“

Obwohl Anastassija ukrainische Philologie studiert hat, stellte sie fest, dass sie eigentlich keine Ahnung davon hatte, wie die Galizier sind und welche Traditionen sie pflegen. Es war aber für sie sehr einfach, ihren Lebensstil zu mögen und dadurch einiges im eigenen Leben zu ändern. „Es ist sehr enttäuschend, dass wir erst nach den traurigen Ereignissen angefangen haben, uns gegenseitig zu entdecken.“

Ihre Heimat, die Krim, besucht sie weiterhin regelmäßig, aber fühlt sich dort als Touristin oder sogar als ein unerwünschter Gast. „Mehr als drei Tage kann ich es dort schlecht aushalten. Kaum etwas blieb auf der Halbinsel, das mich dort halten könnte. Es gibt nicht einmal mehr die Fakultät an der Uni, an der ich studiert habe.“

Sie hatte schon mehrere Möglichkeiten, in Deutschland zu leben, aber sie kommt jedes Mal in die Ukraine zurück. „Ich fühle mich nirgendwo so glücklich und frei, wie in meinem Land. Ja, es kann sein, dass ich mal irgendwohin gehe, um zu arbeiten oder weiter zu studieren, aber ich kehre auf jeden Fall wieder in die Ukraine zurück.“

Maria Pedorenko
Im Rahmen des Projektes Zeitgeist UA mit dem Magazin Platfor.ma und dem Goethe-Institut Kiew.

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Larisa Pullmann

Copyright: Goethe-Institut Ukraine
September 2015

    Zeitgeist UA

    Die Ukraine durchlebt derzeit einen sehr dynamischen Wandlungsprozess – mit einem Krieg im Rücken. Man sagt, wer früher viel gelacht hat, lacht jetzt noch mehr. Und wer früher viel geweint hat, weint noch mehr. Das Projekt Zeitgeist UA gibt uns die Gelegenheit, die Transformation der Ukraine zumindest aus der Ferne zu begleiten.

    Zeitgeist UA ist ein gemeinsames Projekt des Goethe-Instituts Kiew, der ukrainischen Zeitschrift Platforma und jádu, dem deutsch-tschechischen Online Magazin des Goethe-Instituts Prag.

    #1 Unter freiem Himmel in Lwiw
    Die Obdachlosenzeitschrift „Prosto Neba“ im westukrainischen Lwiw ist dank der Texte bekannter ukrainischer Autoren gleichzeitig ein hochwertiges Kulturmagazin mit einer Stammleserschaft.

    #2 Flüchtlinge in der Ukraine
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    #3 „Wenn der Wille da ist, gelingt alles“
    Arsenij Finberg ist ein erfolgreicher Kiewer Geschäftsmann. Dank ihm und seinen Mitstreitern ist in Kiew ein wichtiges Hilfszentrum für Geflüchtete aus der Ostukraine entstanden.

    #4 Leben ändern – Polizist werden
    Gestern noch Markanalytiker oder Fotografen, sind sie heute Polizisten. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer haben ihr Leben komplett umgekrempelt und einen neuen Berufsweg eingeschlagen.

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